Eduard Schynol: Vom Froschkönig zum Bühnenchef Benjamin Piel Minden (mt). Was wäre das Fort A ohne die Tucholsky-Bühne? Antworten auf derlei Fragen sind spekulativ. Und doch lässt sich auf die Frage eine Antwort geben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zuträfe: eine verwilderte Fläche. Denn bis vor zehn Jahren war das Fort A genau das: eine aufgegebene Immobilie ohne Leben – das wild Wuchernde der Pflanzen einmal ausgenommen. 1849 als wichtiger Schutzbau für den Endbahnhof der Linie Köln-Minden nahe der Grenze des Königreichs Preußen errichtet, rutschte das Gebäude schnell Richtung Bedeutungslosigkeit. Es wurde ein Lazarett, nach dem Zweiten Weltkrieg betrieb ein gewisser Fritze Berg einen Schrotthandel auf dem Gelände, danach lag das Gelände 15 Jahre lang brach. Die Brombeeren wuchsen an der einen Gebäudeseite hinein und auf der anderen wieder heraus. Und es wären sicher noch einige Triebe hinzugekommen, wäre nicht die Laienschauspielgruppe um Eduard Schynol auf den Gedanken gekommen, das Areal nicht nur zu pachten, sondern auch kräftig zu beleben. Nun geht die elfte Saison der Tucholsky-Bühne auf dem Gelände zu Ende. Das hätten vermutlich nur die Wenigsten für möglich gehalten. Der Erfolg ist nicht zuletzt Bühnen-Leiter Eduard Schynol zu verdanken. Wer den 66-Jährigen trifft, der begegnet einem Mann, der sich seiner Bedeutung bewusst ist. Auf die Frage, ob er der Motor sei, antwortet er mit einem überzeugten „Ja“. So gut wie täglich ist er auf dem Gelände, er macht und tut. Was wäre, wenn er plötzlich nicht mehr wäre? Daran will er gar nicht erst denken, wobei: „Das bekomme ich dann ja nicht mehr mit.“ Einen Nachfolger sucht er schon lange, nur: „Wer will das schon so intensiv machen?“ Bis jetzt niemand, wobei es ja oft auch beides ist: Einer müsste zugreifen, Schynol müsste loslassen. Die beste Saison haben er und die rund 50 Aktiven nicht hinter sich. Die Produktion „Unser bestes Stück“ war ein Flop. „Das Stück hat die Leute nicht erreicht“, lautet Schynols Resümee. Nun ja, so ist das mit dem Theater und das findet der pensionierte Lehrer so spannend: Niemand kann vorhersagen, wie das Publikum auf ein Stück reagiert. In diesem Jahr hat die Komödie einfach nicht gezündet. Jetzt heißt es abhaken, an die nächste Saison denken. Längst ist klar, um welches Stück es sich handelt: „Zaun an Zaun“, ein Fernsehstoff, von dem es bisher keine Bühnenfassung gegeben hatte. Die Autorin hat Schynol gestattet, eine zu schreiben und aufzuführen. Doch es gibt bisher ein gravierendes Problem: Es fehlen zwei Männer, die in dem Stück Vater und Sohn spielen sollen. Händeringend sucht der Portaner einen jungen Mann um die 20 und einen zwischen 50 und 60 Jahren. Das Stück sei „sehr emotional, mit tollen Figuren, die sich spannend entwickeln.“ Die Gruppe gibt es schon seit 1996. Damals hatte es zum zehnjährigen Jubiläum der Mindener Kurt-Tucholsky-Gesamtschule eine Tucholsky-Revue gegeben, die eine Lehrergruppe auf die Beine gestellt hatte. Anschließend machte die Gruppe weiter. Neben Schynol sind noch zwei aus der Urbesetzung an Bord. Doch über Nachwuchsmangel können sich die Laien nicht beschweren: „Zuletzt sind drei junge Leute dazugekommen, die mitspielen wollen.“ Das versteht Schynol nur zu gut, schließlich ist seine Schauspielleidenschaft im Alter von vier Jahren erwacht. Damals stand er zum ersten Mal auf der Bühne – als Frosch im Froschkönig. Es dauerte eine ganze Weile bis zum nächsten Auftritt: mit 30 als Lehrer in der Aula. Sich in Figuren hineinzufühlen, das fasziniert ihn bis heute. Als Kopf der Theatergruppe ist es etwas anderes. Dass niemand weiß, ob ein Stück ein Erfolg wird oder floppt: „Es ist immer ein Ritt über den Bodensee.“ #200in365 In seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Mindener Tageblatts will Benjamin Piel an 200 Orten mit 200 Menschen sprechen. Sie möchten ihn einladen? Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@MT.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259.

Eduard Schynol: Vom Froschkönig zum Bühnenchef

Zwei Männer mit Hut: Eduard Schynol, der Leiter der Mindener
Tucholsky-Bühne, neben einem überdimensionierten Bild von deren Namensgeber
Kurt Tucholsky. MT-
© Foto: Benjamin Piel

Minden (mt). Was wäre das Fort A ohne die Tucholsky-Bühne? Antworten auf derlei Fragen sind spekulativ. Und doch lässt sich auf die Frage eine Antwort geben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zuträfe: eine verwilderte Fläche. Denn bis vor zehn Jahren war das Fort A genau das: eine aufgegebene Immobilie ohne Leben – das wild Wuchernde der Pflanzen einmal ausgenommen.

1849 als wichtiger Schutzbau für den Endbahnhof der Linie Köln-Minden nahe der Grenze des Königreichs Preußen errichtet, rutschte das Gebäude schnell Richtung Bedeutungslosigkeit. Es wurde ein Lazarett, nach dem Zweiten Weltkrieg betrieb ein gewisser Fritze Berg einen Schrotthandel auf dem Gelände, danach lag das Gelände 15 Jahre lang brach. Die Brombeeren wuchsen an der einen Gebäudeseite hinein und auf der anderen wieder heraus. Und es wären sicher noch einige Triebe hinzugekommen, wäre nicht die Laienschauspielgruppe um Eduard Schynol auf den Gedanken gekommen, das Areal nicht nur zu pachten, sondern auch kräftig zu beleben. Nun geht die elfte Saison der Tucholsky-Bühne auf dem Gelände zu Ende. Das hätten vermutlich nur die Wenigsten für möglich gehalten.

Der Erfolg ist nicht zuletzt Bühnen-Leiter Eduard Schynol zu verdanken. Wer den 66-Jährigen trifft, der begegnet einem Mann, der sich seiner Bedeutung bewusst ist. Auf die Frage, ob er der Motor sei, antwortet er mit einem überzeugten „Ja“. So gut wie täglich ist er auf dem Gelände, er macht und tut. Was wäre, wenn er plötzlich nicht mehr wäre? Daran will er gar nicht erst denken, wobei: „Das bekomme ich dann ja nicht mehr mit.“ Einen Nachfolger sucht er schon lange, nur: „Wer will das schon so intensiv machen?“ Bis jetzt niemand, wobei es ja oft auch beides ist: Einer müsste zugreifen, Schynol müsste loslassen.

Die beste Saison haben er und die rund 50 Aktiven nicht hinter sich. Die Produktion „Unser bestes Stück“ war ein Flop. „Das Stück hat die Leute nicht erreicht“, lautet Schynols Resümee. Nun ja, so ist das mit dem Theater und das findet der pensionierte Lehrer so spannend: Niemand kann vorhersagen, wie das Publikum auf ein Stück reagiert. In diesem Jahr hat die Komödie einfach nicht gezündet. Jetzt heißt es abhaken, an die nächste Saison denken.

Längst ist klar, um welches Stück es sich handelt: „Zaun an Zaun“, ein Fernsehstoff, von dem es bisher keine Bühnenfassung gegeben hatte. Die Autorin hat Schynol gestattet, eine zu schreiben und aufzuführen. Doch es gibt bisher ein gravierendes Problem: Es fehlen zwei Männer, die in dem Stück Vater und Sohn spielen sollen. Händeringend sucht der Portaner einen jungen Mann um die 20 und einen zwischen 50 und 60 Jahren. Das Stück sei „sehr emotional, mit tollen Figuren, die sich spannend entwickeln.“

Die Gruppe gibt es schon seit 1996. Damals hatte es zum zehnjährigen Jubiläum der Mindener Kurt-Tucholsky-Gesamtschule eine Tucholsky-Revue gegeben, die eine Lehrergruppe auf die Beine gestellt hatte. Anschließend machte die Gruppe weiter. Neben Schynol sind noch zwei aus der Urbesetzung an Bord. Doch über Nachwuchsmangel können sich die Laien nicht beschweren: „Zuletzt sind drei junge Leute dazugekommen, die mitspielen wollen.“ Das versteht Schynol nur zu gut, schließlich ist seine Schauspielleidenschaft im Alter von vier Jahren erwacht. Damals stand er zum ersten Mal auf der Bühne – als Frosch im Froschkönig. Es dauerte eine ganze Weile bis zum nächsten Auftritt: mit 30 als Lehrer in der Aula. Sich in Figuren hineinzufühlen, das fasziniert ihn bis heute. Als Kopf der Theatergruppe ist es etwas anderes. Dass niemand weiß, ob ein Stück ein Erfolg wird oder floppt: „Es ist immer ein Ritt über den Bodensee.“

#200in365

In seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Mindener Tageblatts will Benjamin Piel an 200 Orten mit 200 Menschen sprechen. Sie möchten ihn einladen? Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@MT.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259.

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