Düstere Prognosen: Die Stimmung in der Wirtschaft im Mühlenkreis ist so schlecht wie nie Anja Peper Minden. Das Ergebnis ist nicht unerwartet, aber doch ein Tiefschlag: Die Wirtschaft im Kreis Minden-Lübbecke bewertet ihre Geschäftslage in der Corona-Pandemie als „extrem schlecht“. Rund 60 Prozent der Unternehmen werden voraussichtlich Personal abbauen. Investitionen sind gestoppt. „Eine Rückkehr zur Normalität ist kurzfristig nicht zu erwarten und es dürfte bis weit ins Jahr 2021 dauern, bis sich die Wirtschaft annähernd vollständig wieder im Normalmodus befindet.“ So das Fazit der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK). An der Umfrage beteiligten sich von Mitte Mai bis Anfang Juni 269 Minden-Lübbecker Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung mit rund 21.000 Beschäftigten. Nicht berücksichtigt sind daher die zum 15. Juni in Kraft getretenen Lockerungen in Nordrhein-Westfalen. Von starken Umsatzrückgängen von über 25 Prozent betroffen sind Industrie und Handel. Rund zwei Drittel der aktuellen Umfragewerte in den drei Teilbranchen fallen schlechter aus als in der Finanzkrise (2008 und 2009) und nach dem Platzen der so genannten Dotcom-Blase (ab März 2000). Damals waren viele Internetfirmen zu hoch bewertet, die Krise des Neuen Marktes wurde zum Milliardengrab für Kleinanleger. Das sind die beiden massiven Einschnitte der vergangenen Jahre, an denen die Auswirkungen der Corona-Krise gemessen werden. Die von der IHK erstellten Grafiken sprechen da eine deutliche Sprache: Die aktuellen Fieberkurven für Ostwestfalen und den Kreis fallen – zumindest optisch – im Sommer 2020 ins Bodenlose. „Rückblickend bis Frühjahr 1998 war der Konjunkturklima-Indikator für Minden-Lübbecke noch nie so niedrig wie jetzt“, sagt Birgit Gärtner (Porta Möbel). Sie ordnet die Umfrage-Ergebnisse aus Sicht des Handels ein. Die Perspektive der Industrie erläutert Dr. Georg Böcker (Böcker Sauerteig, Minden). Die 1925 gegründete Firma ist spezialisiert auf Sauerteig-Produkte und produziert seit 2012 zusätzlich glutenfreie Backwaren. Etwa 180 Mitarbeiter sind an den vier Standorten beschäftigt. Wie Birgit Gärtner gehört auch Böcker der IHK-Vollversammlung an. Bis Ende 2020 wird die Zahl der Beschäftigen niedriger sein als heute. Das gelte vor allem für die Industrie. Dort wollen nur rund ein Prozent der Unternehmen die Beschäftigtenzahl aufbauen, aber rund 38 Prozent abbauen. Wird dieser Wert mit den Beschäftigten in den Unternehmen gewichtet, rechnen rund 60 Prozent der Unternehmen mit Personalabbau. Auch Dr. Böcker setzt wie viele Firmenchefs Hoffnung auf verstärkte Digitalisierung. Auch das Konjunkturpaket habe wichtige Impulse gesetzt. „Jetzt muss an allen Schrauben gedreht werden“, sagt er. Der Unternehmer geht davon aus, dass ein Großteil der Firmen die Corona-Krise mit einem blauen Auge überstehen wird, sofern sie nicht in der Schockstarre verharren. „Aber das wird mindestens ein Jahr dauern.“ Wenn sich der Situation überhaupt etwas Positives abgewinnen lässt, dann vielleicht das: „Corona ist ein Lernprogramm“, fasst IHK-Zweigstellenleiter Karl-Ernst Hunting zusammen. Schlagartig zeigte sie, wo die Firmen Nachholbedarf haben: Digitalisierung und Home-Office-Regelungen sind oft genannte Beispiele, aber auch fehlendes Eigenkapital kann in einer Pandemie zum Genickbruch führen. Hinzu kommen die vielen Abhängigkeiten in der globalisierten Welt. Tatsächlich schneidet der Kreis Gütersloh im OWL-Vergleich beim Konjunkturklima am schlechtesten ab – und für diesen letzten Platz ist wider Erwarten nicht (!) der Tonnies-Skandal ausschlaggebend. Denn die IHK hat die Daten schon Wochen vor dem dortigen Lockdown (nämlich bis Anfang Juni) erhoben. Warum also trifft es ausgerechnet Gütersloh mit den Global Playern wie Bertelsmann und Miele? Karl-Ernst Hunting vermutet: „Hohe Exportquoten, internationale Verflechtungen und viel Personal.“ Das alles könne in der Pandemie eher schaden als nützen. Der Kreis Minden-Lübbecke belegt in diesem OWL-Vergleich den vorletzten Platz. „Mit welchen zusätzlichen Schwierigkeiten rechnen Sie noch in diesem Jahr?“ – Auch auf diese Frage haben Handelsunternehmen aus OWL geantwortet. Ergebnis: Die Ängste und Befürchtungen der Unternehmen sind vielfältig, umfassen Auftragsausfälle, Insolvenzen und Kaufkraftschwund. Aber die größte Befürchtung ist eine zweite Infektionswelle mit den entsprechenden Beschränkungen, also einem gemäßigten Shutdown. „Das hält die Wirtschaft kein zweites Mal aus“, sagt Birgit Gärtner. Sie plädiert dringend dafür, dass mehr verkaufsoffene Sonntage erlaubt werden, damit die Wirtschaft wieder anspringt. Hintergrund zur Aktion "Save Our Stages - Rettet unsere Bühnen" Das gab es in der Geschichte der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld noch nicht: Statt wie gewohnt mit Schlips und Kragen präsentierte Karl-Ernst Hunting (Zweigstelle Minden) die aktuellen Umfrageergebnis im Motto-T-Shirt mit dem Schriftzug „Save Our Stages“ (Rettet unsere Bühnen). Damit möchte er stellvertretend auf alle Branchen aufmerksam machen, die derzeit noch stark unter der Corona-Krise leiden: Reisebüros, Reiseveranstalter, Schausteller, Hotels, Gastronomie, Veranstalter, Veranstaltungsorganisation und -technik sowie Künstler und Brauereien. Hintergrund: Die Gesamtumsätze aller nicht-kommerziellen Veranstaltungen im Jahr 2015 im Kreis werden auf einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag geschätzt (Quelle: 19. IHK-Lagebericht für den Kreis Minden-Lübbecke „Standortfaktor Veranstaltungen“ vom Januar 2016). Hinzu kommen die Umsätze der kommerziellen Veranstaltungen wie beispielsweise des GOP Bad Oeynhausen, auf Kanzlers Weide, in der Stadthalle Lübbecke und Oktoberfeste, aber auch Feiern zu Firmenjubiläen. Kommerzielle und nicht-kommerzielle Veranstaltungen sind Magnete für auswärtige Tagesbesucher und Übernachtungsbesucher und machen die Region auch für Fachkräfte interessanter. Als Beispiele nennt Hunting die drei großen Festivals im Kreis Minden-Lübbecke: Umsonst und Draußen (Porta Westfalica), Weserlieder (Minden) und das Stemwede Open Air (Stemwede) sowie andere Events zählen. Auch die Freilichtbühnen in Porta Westfalica und Nettelstedt sind ein Faktor: „Sie haben große Bedeutung für die Berichterstattung der Medien und leisten mit ihren Gemeinschaftsmomenten einen wichtigen Beitrag für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Nicht zuletzt bringen sie Umsätze für heimische Unternehmen beispielsweise aus den Bereichen Getränke, Nahrungsmittel, Sicherheit, Elektroinstallation, Zeltverleih und professionelle Standbetreiber“, so Hunting. Das T-Shirt „Save Our Stages“ hat die National Independent Venue Association (NIVA) mit Sitz in New York herausgegeben. Sie wurde im März gegründet und setzt sich für die Verbesserung der coronabedingt schwierigen Lage der Veranstaltungsorte ein.

Düstere Prognosen: Die Stimmung in der Wirtschaft im Mühlenkreis ist so schlecht wie nie

Auch eine Corona-Premiere: Statt wie gewohnt im Anzug präsentierte Karl-Ernst Hunting (IHK) die aktuellen Zahlen im Motto-Shirt „Save Our Stages“. MT-Fotos: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. Das Ergebnis ist nicht unerwartet, aber doch ein Tiefschlag: Die Wirtschaft im Kreis Minden-Lübbecke bewertet ihre Geschäftslage in der Corona-Pandemie als „extrem schlecht“. Rund 60 Prozent der Unternehmen werden voraussichtlich Personal abbauen. Investitionen sind gestoppt. „Eine Rückkehr zur Normalität ist kurzfristig nicht zu erwarten und es dürfte bis weit ins Jahr 2021 dauern, bis sich die Wirtschaft annähernd vollständig wieder im Normalmodus befindet.“ So das Fazit der aktuellen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK).

An der Umfrage beteiligten sich von Mitte Mai bis Anfang Juni 269 Minden-Lübbecker Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung mit rund 21.000 Beschäftigten. Nicht berücksichtigt sind daher die zum 15. Juni in Kraft getretenen Lockerungen in Nordrhein-Westfalen.

Von starken Umsatzrückgängen von über 25 Prozent betroffen sind Industrie und Handel. Rund zwei Drittel der aktuellen Umfragewerte in den drei Teilbranchen fallen schlechter aus als in der Finanzkrise (2008 und 2009) und nach dem Platzen der so genannten Dotcom-Blase (ab März 2000). Damals waren viele Internetfirmen zu hoch bewertet, die Krise des Neuen Marktes wurde zum Milliardengrab für Kleinanleger. Das sind die beiden massiven Einschnitte der vergangenen Jahre, an denen die Auswirkungen der Corona-Krise gemessen werden. Die von der IHK erstellten Grafiken sprechen da eine deutliche Sprache: Die aktuellen Fieberkurven für Ostwestfalen und den Kreis fallen – zumindest optisch – im Sommer 2020 ins Bodenlose. „Rückblickend bis Frühjahr 1998 war der Konjunkturklima-Indikator für Minden-Lübbecke noch nie so niedrig wie jetzt“, sagt Birgit Gärtner (Porta Möbel). Sie ordnet die Umfrage-Ergebnisse aus Sicht des Handels ein. Die Perspektive der Industrie erläutert Dr. Georg Böcker (Böcker Sauerteig, Minden). Die 1925 gegründete Firma ist spezialisiert auf Sauerteig-Produkte und produziert seit 2012 zusätzlich glutenfreie Backwaren. Etwa 180 Mitarbeiter sind an den vier Standorten beschäftigt. Wie Birgit Gärtner gehört auch Böcker der IHK-Vollversammlung an.

„Jetzt muss an allen Schrauben gedreht werden“, sagt Dr. Georg Böcker, Sauerteig-Hersteller.
„Jetzt muss an allen Schrauben gedreht werden“, sagt Dr. Georg Böcker, Sauerteig-Hersteller.

Bis Ende 2020 wird die Zahl der Beschäftigen niedriger sein als heute. Das gelte vor allem für die Industrie. Dort wollen nur rund ein Prozent der Unternehmen die Beschäftigtenzahl aufbauen, aber rund 38 Prozent abbauen. Wird dieser Wert mit den Beschäftigten in den Unternehmen gewichtet, rechnen rund 60 Prozent der Unternehmen mit Personalabbau. Auch Dr. Böcker setzt wie viele Firmenchefs Hoffnung auf verstärkte Digitalisierung. Auch das Konjunkturpaket habe wichtige Impulse gesetzt. „Jetzt muss an allen Schrauben gedreht werden“, sagt er. Der Unternehmer geht davon aus, dass ein Großteil der Firmen die Corona-Krise mit einem blauen Auge überstehen wird, sofern sie nicht in der Schockstarre verharren. „Aber das wird mindestens ein Jahr dauern.“

Wenn sich der Situation überhaupt etwas Positives abgewinnen lässt, dann vielleicht das: „Corona ist ein Lernprogramm“, fasst IHK-Zweigstellenleiter Karl-Ernst Hunting zusammen. Schlagartig zeigte sie, wo die Firmen Nachholbedarf haben: Digitalisierung und Home-Office-Regelungen sind oft genannte Beispiele, aber auch fehlendes Eigenkapital kann in einer Pandemie zum Genickbruch führen. Hinzu kommen die vielen Abhängigkeiten in der globalisierten Welt. Tatsächlich schneidet der Kreis Gütersloh im OWL-Vergleich beim Konjunkturklima am schlechtesten ab – und für diesen letzten Platz ist wider Erwarten nicht (!) der Tonnies-Skandal ausschlaggebend. Denn die IHK hat die Daten schon Wochen vor dem dortigen Lockdown (nämlich bis Anfang Juni) erhoben. Warum also trifft es ausgerechnet Gütersloh mit den Global Playern wie Bertelsmann und Miele? Karl-Ernst Hunting vermutet: „Hohe Exportquoten, internationale Verflechtungen und viel Personal.“ Das alles könne in der Pandemie eher schaden als nützen. Der Kreis Minden-Lübbecke belegt in diesem OWL-Vergleich den vorletzten Platz.

„Mit welchen zusätzlichen Schwierigkeiten rechnen Sie noch in diesem Jahr?“ – Auch auf diese Frage haben Handelsunternehmen aus OWL geantwortet. Ergebnis: Die Ängste und Befürchtungen der Unternehmen sind vielfältig, umfassen Auftragsausfälle, Insolvenzen und Kaufkraftschwund. Aber die größte Befürchtung ist eine zweite Infektionswelle mit den entsprechenden Beschränkungen, also einem gemäßigten Shutdown. „Das hält die Wirtschaft kein zweites Mal aus“, sagt Birgit Gärtner. Sie plädiert dringend dafür, dass mehr verkaufsoffene Sonntage erlaubt werden, damit die Wirtschaft wieder anspringt.

Hintergrund zur Aktion "Save Our Stages - Rettet unsere Bühnen"

Das gab es in der Geschichte der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld noch nicht: Statt wie gewohnt mit Schlips und Kragen präsentierte Karl-Ernst Hunting (Zweigstelle Minden) die aktuellen Umfrageergebnis im Motto-T-Shirt mit dem Schriftzug „Save Our Stages“ (Rettet unsere Bühnen).

Damit möchte er stellvertretend auf alle Branchen aufmerksam machen, die derzeit noch stark unter der Corona-Krise leiden: Reisebüros, Reiseveranstalter, Schausteller, Hotels, Gastronomie, Veranstalter, Veranstaltungsorganisation und -technik sowie Künstler und Brauereien.

Hintergrund: Die Gesamtumsätze aller nicht-kommerziellen Veranstaltungen im Jahr 2015 im Kreis werden auf einen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag geschätzt (Quelle: 19. IHK-Lagebericht für den Kreis Minden-Lübbecke „Standortfaktor Veranstaltungen“ vom Januar 2016). Hinzu kommen die Umsätze der kommerziellen Veranstaltungen wie beispielsweise des GOP Bad Oeynhausen, auf Kanzlers Weide, in der Stadthalle Lübbecke und Oktoberfeste, aber auch Feiern zu Firmenjubiläen.

Kommerzielle und nicht-kommerzielle Veranstaltungen sind Magnete für auswärtige Tagesbesucher und Übernachtungsbesucher und machen die Region auch für Fachkräfte interessanter. Als Beispiele nennt Hunting die drei großen Festivals im Kreis Minden-Lübbecke: Umsonst und Draußen (Porta Westfalica), Weserlieder (Minden) und das Stemwede Open Air (Stemwede) sowie andere Events zählen.

Auch die Freilichtbühnen in Porta Westfalica und Nettelstedt sind ein Faktor: „Sie haben große Bedeutung für die Berichterstattung der Medien und leisten mit ihren Gemeinschaftsmomenten einen wichtigen Beitrag für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Nicht zuletzt bringen sie Umsätze für heimische Unternehmen beispielsweise aus den Bereichen Getränke, Nahrungsmittel, Sicherheit, Elektroinstallation, Zeltverleih und professionelle Standbetreiber“, so Hunting.

Das T-Shirt „Save Our Stages“ hat die National Independent Venue Association (NIVA) mit Sitz in New York herausgegeben. Sie wurde im März gegründet und setzt sich für die Verbesserung der coronabedingt schwierigen Lage der Veranstaltungsorte ein.

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