Drogen, Gewalt, Gefängnis: Jan und Andreas haben viel erlebt und sind am Ende auf der Straße gelandet Minden. Eine Geburt war der Wendepunkt in Jans Leben. Zwei Jahre hatte er auf der Straße gelebt. Mal schlief er auf Parkbänken, mal unter Brücken. Er schlug sich irgendwie durch. Dann bekam seine Schwester ein Kind und drohte, den Kontakt zu ihm abzubrechen. Sein letzter Halt stand auf der Kippe – und er nahm sich vor, sein Leben zu ändern. Landet ein Mensch auf der Straße, hat das oft eine lange Vorgeschichte. In den Familien gibt es keine Strukturen, dafür Gewalt und Alkoholismus. Das sind Themen die dem Team des ambulant betreuten Wohnens „Ausblick" und der Wohngruppe „Neuland" der Diakonie Stiftung Salem immer wieder begegnen. Die Mitarbeiter versuchen jungen Menschen dabei zu helfen, einen festen Wohnsitz und eine neue Perspektive zu finden. Doch das Ende der Wohnungslosigkeit bedeutet nicht das Ende aller Probleme. Jan, der eigentlich anders heißt, wirkt entspannt, eloquent, reflektiert und aufgeschlossen, demnächst will er ein Studium der Sozialen Arbeit aufnehmen. „Ich möchte einmal in der Wohnungslosenhilfe tätig sein", sagt der 31-Jährige. Noch vor vier Jahren sah sein Leben ganz anders aus. Jan kam gerade aus dem Gefängnis, war ohne Bleibe, drogenabhängig und depressiv. Schon ein Antrag auf Hartz IV erschien ihm wie eine unlösbare Aufgabe. Die Schwierigkeiten beginnen bereits in der Kindheit. Jans Eltern sind Alkoholiker und kümmern sich nur wenig um ihn und seine jüngere Schwester. Die Kinder sind meist auf sich gestellt. Zwar geht er morgens aus dem Haus, doch die Schule besucht er kaum: „Ich habe irgendwie immer nur im Hier und Jetzt gelebt." Statt eines Schulabschlusses macht Jan Erfahrungen mit vielen Drogen. Schon früh trinkt er Alkohol, raucht regelmäßig Marihuana, und nimmt bald auch Substanzen wie Amphetamin, Extasy und Kokain. Seine Eltern unternehmen dagegen nicht viel, die Familie spricht kaum miteinander. „Ich hätte mir nicht unbedingt mehr Strenge gewünscht, aber mehr Interesse", resümiert Jan. Als junger Erwachsener lebt er mit seiner Freundin in einer gemeinsamen Wohnung. Die Beziehung scheitert und Jan zieht wieder zu seiner Mutter. Doch das geht nicht lange gut: Jan wird obdachlos und lebt mehr als zwei Jahre lang auf der Straße. Er fängt an Straftaten zu begehen – und landet für acht Monate im Gefängnis. Besser macht es das nicht. Nach seiner Entlassung geht es für ihn direkt zurück auf die Straße. „Ein Hartz IV-Antrag hat mich damals so überfordert, dass ich gedacht habe: da bleibe ich lieber obdachlos", erklärt Jan. Doch dann kommt der Punkt, an dem Jan nicht mehr weiter weiß. Er kommt 2016 in der Wohngruppe Neuland im Rudolf-Winzer-Haus unter, die sich an junge Männer ohne Wohnung im Alter bis 28 Jahren richtet. Dort beginnt für ihn der lange Weg der Besserung. In der betreuten Wohngemeinschaft fällt es Jan zunächst schwer sich einzugewöhnen. Mit seinen Mitbewohnern kommt es zu Konflikten, auch mit den Drogen ist es nicht vorbei. Er selbst hält sich zu diesem Zeitpunkt gar nicht für süchtig: „Ich musste erstmal akzeptieren, dass ich drogenabhängig bin." Mit den Betreuern führt er regelmäßig Perspektiv-Gespräche, in denen sie über die Situation und die Wünsche für die Zukunft sprechen. „Das hat bei mir einiges zu Tage gefördert", erinnert er sich. Jan akzeptiert seine Sucht und begreift, dass er unter Depressionen leidet: „Stress, Selbstzweifel und Unsicherheiten habe ich versucht durch den Konsum zu verdrängen." Der endgültige Wendepunkt ist für Jan erreicht, als sein Neffe geboren wird. Er befindet sich zu diesem Zeitpunkt zwar schon auf dem Weg der Besserung, doch seine Schwester will den Kontakt zu ihm dennoch abbrechen. Jan sieht keine andere Chance: Er begibt sich wegen seiner Depression in ambulante Behandlung, und fängt an Sitzungen der Anonymen Narkotiker zu besuchen. Das ist eine Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, von Drogen loszukommen. Jans neues Ziel ist das Fachabitur: „Ich glaube, den Wunsch nach einem Abschluss habe ich schon länger unterbewusst gehegt." Obwohl er nicht daran zweifelt, dass er in der Lage ist, die Schule abzuschließen, wird auch der Weg zum Fachabi nicht leicht. Einen ganzen Schultag durchzuhalten, fällt ihm schwer. Regelmäßig zur Schule zu gehen, das kannte er bisher nicht. „Es gab auch Phasen, in denen es gar nicht mehr ging", sagt Jan. Doch seine Betreuer zeigen ihm Wege mit der Situation umzugehen. Dinge, die für andere Menschen selbstverständlich sind, muss Jan erst lernen: „Mir wurde zum Beispiel gezeigt, dass ich mir eine Krankmeldung für die Schule holen und ganz offen mit meinem Arzt sprechen kann", sagt Jan. Auch die Lehrer zeigen Verständnis für seine Situation. „Die Schule ist über die Zeit zu meinem Fixpunkt geworden", erzählt Jan. Seinen Abschluss hat er im Sommer 2020 gemacht. Aus der WG im Rudolf-Winzer-Haus war er bereits im Dezember ausgezogen. Die Anonymen Narkotiker besucht er weiterhin, und auch seine Depressionen lässt er weiter behandeln. Angst wieder in alte Muster zurückzufallen, hat der 31-Jährige heute nicht mehr: „Ich weiß, wie ich mich anders beschäftigen kann." Der Kontakt zu seiner Schwester und seinem Neffen ist nie abgerissen, doch zum Rest seiner Familie hat er nur noch eine sporadische Verbindung. „Mein Vater kann nicht akzeptieren, was seine Rolle in meiner Entwicklung war. Meine Mutter versucht es zumindest", erzählt Jan. Auch der 19-jährige Andreas, der seinen Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen will, hat in der Wohngruppe gelebt. Genau wie Jan ist er in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen: „Ich wurde zuhause oft geschlagen." Mit 15 Jahren verlässt er das Elternhaus und lebt bei einem älteren Cousin. „Das sollte eigentlich wie eine richtige WG sein", berichtet Andreas. Im neuen Umfeld läuft es allerdings nicht besser: Andreas wird von seinem Cousin beklaut, bedroht und geschlagen. Über ein Jahr geht das so, bis er sich entschließt auszuziehen – und ohne Zuhause dasteht. Für mehrere Monate kommt er bei Freunden unter, bevor auch er in der Wohngruppe landet. „Damals dachte ich, dass ich hier ganz schnell wieder raus bin", erzählt er. Doch er wird über ein Jahr bleiben. War er zu Hause oft das Opfer seiner Mutter, wird er außerhalb seiner Familie selbst gewalttätig. Er vertickt Drogen, zieht andere ab. „Ich habe mir immer genommen, was ich wollte", erzählt er. Drogendelikte, Körperverletzung und Diebstähle stehen in seinem Strafregister. Schon als Jugendlicher ist er drogenabhängig. Er bezeichnet sich selbst als Mobber, die Mitschüler leiden unter ihm. Seine Sucht gesteht er sich zunächst nicht ein. Erst als er einige Tage ohne Drogen verbringt, und körperliche Entzugserscheinungen durchmacht, beginnt er sein Verhalten zu reflektieren. Mit Hilfe der Betreuer schafft Andreas es langsam von den Drogen loszukommen, und besser mit seinen Gefühlen umzugehen. „Ich habe früher in allen Menschen nur Schlechtes gesehen", erzählt er. Er spürte nur Wut, nichts als Wut. Obwohl es zwischenzeitlich zu Konflikten mit den Betreuern kommt, geben die ihn nicht auf. „Es war eine neue Erfahrung, dass man nicht fallengelassen wurde", sagt er. Heute will er ein ganz normales Leben führen und Verantwortung zu übernehmen. Er lebt gemeinsam mit seiner Freundin in einer eigenen Wohnung, und hat eine Ausbildung angefangen. Das „Ausblick"-Team betreut ihn weiterhin ambulant. „Es hilft mir sehr, dass ich immer jemanden anrufen kann", erzählt er. Jan und Andreas haben den Sprung aus der Wohngruppe in ein eigenes Zuhause geschafft. Vielen anderen gelingt das nicht. Zu tief sitzen oft Sucht und schlechte Erfahrungen. Es sei für sie nicht einfach gewesen, Positiv zu bleiben, sagen Jan und Andreas. Doch beide sind auf einem guten Weg: Die ersten Schritte in eine bessere Zukunft haben sie gemacht. Ausblick und Neuland: Hilfe für obdachlose Menschen Die Wohngemeinschaft „Neuland" richtet sich an Männer bis 27 Jahren, die zum Beispiel durch Missbrauch-, Sucht- oder Gewalterfahrungen in eine schwierige Lebenssituation geraten sind. Die Mitarbeiter helfen dabei, den Tag zu strukturieren, Behördengänge zu erledigen, beraten bei Suchtproblemen und psychischer Belastung und vermitteln weiterführende Hilfen. In der WG stehen sechs Zimmer zur Verfügung. Nicola-Darja von der Ahe-Kruse vom Ambulant betreuten Wohnen (AbW) „Ausblick" der Diakonie Stiftung Salem würde sich für die Wohngemeinschaft einen anderen Standort wünschen: „Optimal wäre ein eher ländlich gelegenes Haus, das trotzdem an öffentliche Verkehrsmittel angeschlossen ist." Das könne besonders bei einer Suchtproblematik dabei helfen, die Hemmschwelle für die Drogenbeschaffung zu erhöhen ohne den Klienten ganz von der Stadt abzuschneiden. Die Arbeit mit jungen wohnungslosen Männern wird häufig durch erlernte, negative Verhaltensmuster erschwert. Häufig drehen sich die jungen Männer im Kreis und schaffen es nicht ihr Verhalten nachhaltig zu verändern. „Das Bewusstsein für dieses Festhalten an den alten Mustern, die keine Entwicklung der Persönlichkeit und Verbesserung der Gesamtsituation zulassen, ist ihnen oftmals nicht bewusst", erklärt von der Ahe-Kruse. Um diese Muster zu durchbrechen, müsse besonders auf die Ursprünge geschaut werden. So verschieden die Gründe der Problemlagen häufig sind, so ähnlich und bewegend sei die Antwort auf die Frage, was sich die jungen Männer für die Zukunft wünschen. „Stets inbrünstig lautet die Antwort der jungen Männer, ein „normales" Leben ohne Drogen und Hartz 4. Ein Leben mit eigenem Wohnraum, einer Arbeit und vor allem Familie", sagt von der Ahe-Kruse. Die Wärmestube: Eine warme Mahlzeit für alle Schwester Annette und ihr Team versorgen jeden Tage Menschen, die sich keine warme Mahlzeit leisten könne. Ehrenamtliche Helfer werden dort dringend benötigt. Wer helfen möchte, kann sich unter (0571) 82 89 99 melden.

Drogen, Gewalt, Gefängnis: Jan und Andreas haben viel erlebt und sind am Ende auf der Straße gelandet

Landet ein Mensch auf der Straße, hat das oft eine lange Vorgeschichte.  © Symbolfoto: Imago

Minden. Eine Geburt war der Wendepunkt in Jans Leben. Zwei Jahre hatte er auf der Straße gelebt. Mal schlief er auf Parkbänken, mal unter Brücken. Er schlug sich irgendwie durch. Dann bekam seine Schwester ein Kind und drohte, den Kontakt zu ihm abzubrechen. Sein letzter Halt stand auf der Kippe – und er nahm sich vor, sein Leben zu ändern.

Landet ein Mensch auf der Straße, hat das oft eine lange Vorgeschichte. In den Familien gibt es keine Strukturen, dafür Gewalt und Alkoholismus. Das sind Themen die dem Team des ambulant betreuten Wohnens „Ausblick" und der Wohngruppe „Neuland" der Diakonie Stiftung Salem immer wieder begegnen. Die Mitarbeiter versuchen jungen Menschen dabei zu helfen, einen festen Wohnsitz und eine neue Perspektive zu finden. Doch das Ende der Wohnungslosigkeit bedeutet nicht das Ende aller Probleme.

Jan, der eigentlich anders heißt, wirkt entspannt, eloquent, reflektiert und aufgeschlossen, demnächst will er ein Studium der Sozialen Arbeit aufnehmen. „Ich möchte einmal in der Wohnungslosenhilfe tätig sein", sagt der 31-Jährige. Noch vor vier Jahren sah sein Leben ganz anders aus. Jan kam gerade aus dem Gefängnis, war ohne Bleibe, drogenabhängig und depressiv. Schon ein Antrag auf Hartz IV erschien ihm wie eine unlösbare Aufgabe.

Die Schwierigkeiten beginnen bereits in der Kindheit. Jans Eltern sind Alkoholiker und kümmern sich nur wenig um ihn und seine jüngere Schwester. Die Kinder sind meist auf sich gestellt. Zwar geht er morgens aus dem Haus, doch die Schule besucht er kaum: „Ich habe irgendwie immer nur im Hier und Jetzt gelebt."

Statt eines Schulabschlusses macht Jan Erfahrungen mit vielen Drogen. Schon früh trinkt er Alkohol, raucht regelmäßig Marihuana, und nimmt bald auch Substanzen wie Amphetamin, Extasy und Kokain. Seine Eltern unternehmen dagegen nicht viel, die Familie spricht kaum miteinander. „Ich hätte mir nicht unbedingt mehr Strenge gewünscht, aber mehr Interesse", resümiert Jan.

Als junger Erwachsener lebt er mit seiner Freundin in einer gemeinsamen Wohnung. Die Beziehung scheitert und Jan zieht wieder zu seiner Mutter. Doch das geht nicht lange gut: Jan wird obdachlos und lebt mehr als zwei Jahre lang auf der Straße. Er fängt an Straftaten zu begehen – und landet für acht Monate im Gefängnis. Besser macht es das nicht.

Nach seiner Entlassung geht es für ihn direkt zurück auf die Straße. „Ein Hartz IV-Antrag hat mich damals so überfordert, dass ich gedacht habe: da bleibe ich lieber obdachlos", erklärt Jan. Doch dann kommt der Punkt, an dem Jan nicht mehr weiter weiß. Er kommt 2016 in der Wohngruppe Neuland im Rudolf-Winzer-Haus unter, die sich an junge Männer ohne Wohnung im Alter bis 28 Jahren richtet. Dort beginnt für ihn der lange Weg der Besserung.

In der betreuten Wohngemeinschaft fällt es Jan zunächst schwer sich einzugewöhnen. Mit seinen Mitbewohnern kommt es zu Konflikten, auch mit den Drogen ist es nicht vorbei. Er selbst hält sich zu diesem Zeitpunkt gar nicht für süchtig: „Ich musste erstmal akzeptieren, dass ich drogenabhängig bin." Mit den Betreuern führt er regelmäßig Perspektiv-Gespräche, in denen sie über die Situation und die Wünsche für die Zukunft sprechen. „Das hat bei mir einiges zu Tage gefördert", erinnert er sich. Jan akzeptiert seine Sucht und begreift, dass er unter Depressionen leidet: „Stress, Selbstzweifel und Unsicherheiten habe ich versucht durch den Konsum zu verdrängen."

Der endgültige Wendepunkt ist für Jan erreicht, als sein Neffe geboren wird. Er befindet sich zu diesem Zeitpunkt zwar schon auf dem Weg der Besserung, doch seine Schwester will den Kontakt zu ihm dennoch abbrechen. Jan sieht keine andere Chance: Er begibt sich wegen seiner Depression in ambulante Behandlung, und fängt an Sitzungen der Anonymen Narkotiker zu besuchen. Das ist eine Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig unterstützen, von Drogen loszukommen. Jans neues Ziel ist das Fachabitur: „Ich glaube, den Wunsch nach einem Abschluss habe ich schon länger unterbewusst gehegt."

Obwohl er nicht daran zweifelt, dass er in der Lage ist, die Schule abzuschließen, wird auch der Weg zum Fachabi nicht leicht. Einen ganzen Schultag durchzuhalten, fällt ihm schwer. Regelmäßig zur Schule zu gehen, das kannte er bisher nicht. „Es gab auch Phasen, in denen es gar nicht mehr ging", sagt Jan. Doch seine Betreuer zeigen ihm Wege mit der Situation umzugehen. Dinge, die für andere Menschen selbstverständlich sind, muss Jan erst lernen: „Mir wurde zum Beispiel gezeigt, dass ich mir eine Krankmeldung für die Schule holen und ganz offen mit meinem Arzt sprechen kann", sagt Jan. Auch die Lehrer zeigen Verständnis für seine Situation.

„Die Schule ist über die Zeit zu meinem Fixpunkt geworden", erzählt Jan. Seinen Abschluss hat er im Sommer 2020 gemacht. Aus der WG im Rudolf-Winzer-Haus war er bereits im Dezember ausgezogen. Die Anonymen Narkotiker besucht er weiterhin, und auch seine Depressionen lässt er weiter behandeln. Angst wieder in alte Muster zurückzufallen, hat der 31-Jährige heute nicht mehr: „Ich weiß, wie ich mich anders beschäftigen kann."

Der Kontakt zu seiner Schwester und seinem Neffen ist nie abgerissen, doch zum Rest seiner Familie hat er nur noch eine sporadische Verbindung. „Mein Vater kann nicht akzeptieren, was seine Rolle in meiner Entwicklung war. Meine Mutter versucht es zumindest", erzählt Jan.

Auch der 19-jährige Andreas, der seinen Namen ebenfalls nicht in der Zeitung lesen will, hat in der Wohngruppe gelebt. Genau wie Jan ist er in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen: „Ich wurde zuhause oft geschlagen." Mit 15 Jahren verlässt er das Elternhaus und lebt bei einem älteren Cousin. „Das sollte eigentlich wie eine richtige WG sein", berichtet Andreas.

Im neuen Umfeld läuft es allerdings nicht besser: Andreas wird von seinem Cousin beklaut, bedroht und geschlagen. Über ein Jahr geht das so, bis er sich entschließt auszuziehen – und ohne Zuhause dasteht. Für mehrere Monate kommt er bei Freunden unter, bevor auch er in der Wohngruppe landet. „Damals dachte ich, dass ich hier ganz schnell wieder raus bin", erzählt er. Doch er wird über ein Jahr bleiben.

War er zu Hause oft das Opfer seiner Mutter, wird er außerhalb seiner Familie selbst gewalttätig. Er vertickt Drogen, zieht andere ab. „Ich habe mir immer genommen, was ich wollte", erzählt er. Drogendelikte, Körperverletzung und Diebstähle stehen in seinem Strafregister. Schon als Jugendlicher ist er drogenabhängig. Er bezeichnet sich selbst als Mobber, die Mitschüler leiden unter ihm.

Seine Sucht gesteht er sich zunächst nicht ein. Erst als er einige Tage ohne Drogen verbringt, und körperliche Entzugserscheinungen durchmacht, beginnt er sein Verhalten zu reflektieren. Mit Hilfe der Betreuer schafft Andreas es langsam von den Drogen loszukommen, und besser mit seinen Gefühlen umzugehen. „Ich habe früher in allen Menschen nur Schlechtes gesehen", erzählt er. Er spürte nur Wut, nichts als Wut.

Obwohl es zwischenzeitlich zu Konflikten mit den Betreuern kommt, geben die ihn nicht auf. „Es war eine neue Erfahrung, dass man nicht fallengelassen wurde", sagt er.

Heute will er ein ganz normales Leben führen und Verantwortung zu übernehmen. Er lebt gemeinsam mit seiner Freundin in einer eigenen Wohnung, und hat eine Ausbildung angefangen. Das „Ausblick"-Team betreut ihn weiterhin ambulant. „Es hilft mir sehr, dass ich immer jemanden anrufen kann", erzählt er.

Jan und Andreas haben den Sprung aus der Wohngruppe in ein eigenes Zuhause geschafft. Vielen anderen gelingt das nicht. Zu tief sitzen oft Sucht und schlechte Erfahrungen. Es sei für sie nicht einfach gewesen, Positiv zu bleiben, sagen Jan und Andreas.

Doch beide sind auf einem guten Weg: Die ersten Schritte in eine bessere Zukunft haben sie gemacht.

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Ausblick und Neuland: Hilfe für obdachlose Menschen

Die Wohngemeinschaft „Neuland" richtet sich an Männer bis 27 Jahren, die zum Beispiel durch Missbrauch-, Sucht- oder Gewalterfahrungen in eine schwierige Lebenssituation geraten sind. Die Mitarbeiter helfen dabei, den Tag zu strukturieren, Behördengänge zu erledigen, beraten bei Suchtproblemen und psychischer Belastung und vermitteln weiterführende Hilfen.

In der WG stehen sechs Zimmer zur Verfügung. Nicola-Darja von der Ahe-Kruse vom Ambulant betreuten Wohnen (AbW) „Ausblick" der Diakonie Stiftung Salem würde sich für die Wohngemeinschaft einen anderen Standort wünschen: „Optimal wäre ein eher ländlich gelegenes Haus, das trotzdem an öffentliche Verkehrsmittel angeschlossen ist." Das könne besonders bei einer Suchtproblematik dabei helfen, die Hemmschwelle für die Drogenbeschaffung zu erhöhen ohne den Klienten ganz von der Stadt abzuschneiden.

Die Arbeit mit jungen wohnungslosen Männern wird häufig durch erlernte, negative Verhaltensmuster erschwert. Häufig drehen sich die jungen Männer im Kreis und schaffen es nicht ihr Verhalten nachhaltig zu verändern. „Das Bewusstsein für dieses Festhalten an den alten Mustern, die keine Entwicklung der Persönlichkeit und Verbesserung der Gesamtsituation zulassen, ist ihnen oftmals nicht bewusst", erklärt von der Ahe-Kruse.

Um diese Muster zu durchbrechen, müsse besonders auf die Ursprünge geschaut werden. So verschieden die Gründe der Problemlagen häufig sind, so ähnlich und bewegend sei die Antwort auf die Frage, was sich die jungen Männer für die Zukunft wünschen. „Stets inbrünstig lautet die Antwort der jungen Männer, ein „normales" Leben ohne Drogen und Hartz 4. Ein Leben mit eigenem Wohnraum, einer Arbeit und vor allem Familie", sagt von der Ahe-Kruse.

Die Wärmestube: Eine warme Mahlzeit für alle

Schwester Annette und ihr Team versorgen jeden Tage Menschen, die sich keine warme Mahlzeit leisten könne. Ehrenamtliche Helfer werden dort dringend benötigt. Wer helfen möchte, kann sich unter (0571) 82 89 99 melden.

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