Drei Fragen an: Historiker Ulf Brunnbauer über die Reparationsforderungen Griechenlands Philipp Nicolay Der Historiker Professor Dr. Ulf Brunnbauer beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Geschichte Südosteuropas. Durch Auslandsaufenthalte unter anderem in Sofia und Moskau ist er ein Experte Südosteuropas. Der Forscher der Universität Regensburg hält die Summe der Reparationsforderungen der griechischen Regierung für utopisch. Halten Sie die Reparationsforderungen, die Griechenland stellt, in dieser Höhe für gerechtfertigt? Nein, Reparationsforderungen und auch egal in welcher Höhe können jetzt nicht mehr verlangt werden. Die Frage deutscher Nachkriegsreparationen wurde spätestens mit dem 2-plus-4-Abkommen von 1990 ad acta gelegt. Ich sehe allerdings moralische Argumente für Opferentschädigungen, das heißt mögliche Zahlungen an Opfer von Verbrechen Nazi-Deutschlands in Griechenland und ihrer Nachkommen. Auch für die Rückzahlung der Zwangsanleihe, die aber nur einen kleinen Teil der von Griechenland genannten Gesamtsumme ausmachen würde. Für die geforderten 278 Milliarden als klassische Reparationszahlung gibt es meiner Meinung nach aber keine Grundlage mehr. Wie können Sie es sich erklären, dass die griechische Regierung gerade jetzt mit dieser Forderung kommt? Dies hat sicherlich gerade mit der aktuellen Schuldenproblematik Griechenlands zu tun. Diese Summe deckt ja einen großen Teil der Auslandsverbindlichkeiten ab und dies ist auch kein Zufall. Auch früher haben sich schon griechische Regierungen mit dem Thema Reparationszahlungen beschäftigt, aber keine so konsequent wie die aktuelle. Sie wollen einen moralischen Druck auf Berlin ausüben, um ein Nachgeben in anderen Fragen zu bewirken. Ich kann mir auch nicht ernsthaft vorstellen, dass die griechische Regierung glaubt, die Bundesregierung würde diesen Forderungen nachkommen. Was könnte ein Lösungsansatz sein? Der erste Punkt wäre, die Sache mit weniger Emotionen und unabhängig der Schuldenfrage zu diskutieren. Ein zweiter Punkt wäre, sich zu fragen, mit welchen Initiativen die Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland wieder verbessert werden können. Bei individuellen Entschädigungen von Opfern und deren Nachkommen hat Deutschland meiner Meinung nach bisher zu wenig getan. Dies wären aber auch ganz andere Summen als 278 Milliarden Euro.

Drei Fragen an: Historiker Ulf Brunnbauer über die Reparationsforderungen Griechenlands

Der Historiker Professor Dr. Ulf Brunnbauer beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Geschichte Südosteuropas. Durch Auslandsaufenthalte unter anderem in Sofia und Moskau ist er ein Experte Südosteuropas. Der Forscher der Universität Regensburg hält die Summe der Reparationsforderungen der griechischen Regierung für utopisch.

Ulf Brunnbauer sieht keine Grundlage für die Reparationszahlungen. Foto: pr
Ulf Brunnbauer sieht keine Grundlage für die Reparationszahlungen. Foto: pr

Halten Sie die Reparationsforderungen, die Griechenland stellt, in dieser Höhe für gerechtfertigt?

Nein, Reparationsforderungen und auch egal in welcher Höhe können jetzt nicht mehr verlangt werden. Die Frage deutscher Nachkriegsreparationen wurde spätestens mit dem 2-plus-4-Abkommen von 1990 ad acta gelegt. Ich sehe allerdings moralische Argumente für Opferentschädigungen, das heißt mögliche Zahlungen an Opfer von Verbrechen Nazi-Deutschlands in Griechenland und ihrer Nachkommen. Auch für die Rückzahlung der Zwangsanleihe, die aber nur einen kleinen Teil der von Griechenland genannten Gesamtsumme ausmachen würde. Für die geforderten 278 Milliarden als klassische Reparationszahlung gibt es meiner Meinung nach aber keine Grundlage mehr.

Wie können Sie es sich erklären, dass die griechische Regierung gerade jetzt mit dieser Forderung kommt?

Dies hat sicherlich gerade mit der aktuellen Schuldenproblematik Griechenlands zu tun. Diese Summe deckt ja einen großen Teil der Auslandsverbindlichkeiten ab und dies ist auch kein Zufall. Auch früher haben sich schon griechische Regierungen mit dem Thema Reparationszahlungen beschäftigt, aber keine so konsequent wie die aktuelle. Sie wollen einen moralischen Druck auf Berlin ausüben, um ein Nachgeben in anderen Fragen zu bewirken. Ich kann mir auch nicht ernsthaft vorstellen, dass die griechische Regierung glaubt, die Bundesregierung würde diesen Forderungen nachkommen.

Was könnte ein Lösungsansatz sein?

Der erste Punkt wäre, die Sache mit weniger Emotionen und unabhängig der Schuldenfrage zu diskutieren. Ein zweiter Punkt wäre, sich zu fragen, mit welchen Initiativen die Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland wieder verbessert werden können. Bei individuellen Entschädigungen von Opfern und deren Nachkommen hat Deutschland meiner Meinung nach bisher zu wenig getan. Dies wären aber auch ganz andere Summen als 278 Milliarden Euro.

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