Dietmar Lehmann verabschiedet sich nach 34 Jahren von der VHS Jürgen Langenkämper Minden (mt). Dr. Niermann hat ihn eingestellt, Dr. Niermann wird ihn verabschieden. Dazwischen liegen fast 34 Jahre, in denen Dietmar Lehmann an der Volkshochschule Minden tätig war – ein gutes Drittel der hundertjährigen Existenz der Bildungseinrichtung. In der Zwischenzeit hat sich eine Menge getan. Nicht nur, dass der Dr. Niermann von der offiziellen Verabschiedung am heutigen Tage nicht dieselbe Person ist, die Lehmann in der Endrunde der letzten Sechs von mehr als 150 Bewerbungen – so ging Casting früher – auf Herz und Nieren prüfte. Der Sohn – Landrat Dr. Ralf Niermann – winkt quasi mit der Zielflagge ab, was sein Vater – Stadtdirektor Dr. Erwin Niermann – im Herbst 1985 auf den Weg gebracht hat. Sein Ziel hatte Dietmar Lehmann eigentlich schon im Januar erreicht, um in Rente gehen zu können. Tat er aber nicht, und er geht auch nicht mit dem heutigen Tage, am Monatsende oder mit seinem 66. Geburtstag im Juni. „Bis Ende August bin ich noch im Büro“, sagt er. „Im September fängt Marco Düsterwald als mein Nachfolger an.“ Im Februar hatte die Zweckverbandsversammlung den 41-Jährigen, der als Referent für politische Bildung, Digitalisierung und Öffentlichkeitsarbeit beim Landesverband der Volkshochschulen in NRW arbeitet, einstimmig gewählt. Über den Einzugsbereich des VHS-Zweckverbandes der Städte Minden, Porta Westfalica und Petershagen sowie der Gemeinde Hille hinaus hatte auch Lehmanns Wirken immer mehr ausgestrahlt. Ursache dafür ist sein Engagement für Kinder und Jugendliche, besonders der Aufbau des Ganztags an Grundschulen. Sein Credo dazu lautet: „VHS ist mehr als die Weiterbildung für Erwachsene.“ Angefangen hat dieser Teil seiner langen Tätigkeit in den 1990ern mit dem Aufbau der Jungen VHS: den Sprach-, Kunst- und EDV-Kursen für Kinder und Jugendliche. Dadurch konnten Dietmar Lehmann und die Dozenten viel Erfahrung im Umgang mit einer ganz neuen Nutzerschicht und den besonderen pädagogischen Anforderungen sammeln. Schließlich trat der Beigeordnete Kai Abruszat aus Porta Westfalica an die VHS heran und fragte, ob die Volkshochschule nicht das Ganztagsschulangebot an den Portaner Grundschulen übernehmen könne. Lehmann, der als Fachbereichsleiter für Kultur nach Minden gekommen war und seit 2001 als Nachfolger Uwe Bauers Stellvertreter von VHS-Direktor Dr. Gerd Voswinkel war, machte sich für die nicht unumstrittene, weil umsatzstarke Erweiterung des Geschäftsfeldes der VHS stark. „2003 fiel der Beschluss“, erinnert er sich. Mit Beginn des Schuljahres 2004/05 startete die VHS mit dem offenen Ganztag in zwei Grundschulen in Minden und an vier in Porta Westfalica. „Jetzt sind es zwölf“, sagt Lehmann. „Damit sind wir einer der großen Anbieter im Kreis.“ Unumstritten war der offene Ganztag anfangs auch bei einigen Eltern nicht. An den wenigen Grundschulen, die zuvor schon Ganztagsangebote gemacht hatten, stieß der Wechsel auf Ablehnung, weil der gebundene Ganztag finanziell besser ausgestattet war. „Aber wir haben ständig Elternbefragungen vorgenommen“, sagt Lehmann. „Dabei haben wir anonym gute Ergebnisse erzielt.“ Denn außer der Grundversorgung mit Mittagessen und Hausaufgabenhilfe sei die VHS in der Lage, viele AGs wie Schach, Forschen, Sport oder naturnahes Gärtnern an mehreren Standorten anzubieten. Was aufgrund des speziellen Erfolges und des Ganztags ganz allgemein auf der Strecke bleiben musste, war die Keimzelle, die Junge VHS. Das bedauert Dietmar Lehmann aber nicht, sondern zeigt immer noch stolz die ganz schön dicken Programmhefte – nicht ohne Grund: Für ein paar Titelblätter setzte er Fotos seiner eigenen fünf Kinder ein. Nicht zuletzt wegen des Ganztags, aber nicht ausschließlich seinetwegen ist das Umsatzvolumen der VHS gewaltig gewachsen. Denn 2012 – Dietmar Lehmann war nach dem Weggang von Dr. Udo Witthaus, Direktor von 2002 bis 2007, seit fünf Jahren an der Spitze der VHS – fusionierte der Zweckverband mit der bis dahin eigenständigen Volkshochschule Bad Oeynhausen. Beide Einrichtungen wahrten so viel Eigenständigkeit wie möglich, nutzen aber viele Synergien. „Im vergangenen Jahr haben wir einen Umsatz von fast 6,8 Millionen Euro erzielt“, bilanziert der Boss. Dazu gab es mehr als 50.000 Unterrichtsstunden, 14.000 Kursanmeldungen, davon 8.700 in Minden und 5.100 in Bad Oeynhausen, 400 Dozenten und rund 200 Beschäftigte. Inzwischen – und dank des Ganztags – ist die heimische VHS die größte in Ostwestfalen-Lippe. Aber die Region ist auch die einzige in NRW geblieben, in der Volkshochschulen dem Vorbild Mindens gefolgt und in den Ganztag eingestiegen sind. „Das machen nur noch die VHS Herford und die VHS Reckenberg-Ems in Rheda-Wiedenbrück“, bedauert Lehmann, der in Fachaufsätzen bundesweit für das Modell geworben hat. Dabei ist die Doppelgleisigkeit im Bildungsbereich für Jung und Alt auch für die Träger rentabel. „Unsere Umlage ist seit 2007 stabil“, sagt er zufrieden, denn dadurch konnte er sich und den Zweckverbandspolitikern manche Diskussionsrunde ersparen. Dass sich manche Perspektiven unerwartet aufgetan haben, dazu haben auch die Flüchtlinge beigetragen. Gab es vor Jahren noch die Klage qualifizierter Sprachlehrer, dass Gelder im Bereich der Kurse „Deutsch als Fremdsprache“ vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ständig gekürzt würden, so ist gerade dieser Bereich seit 2015 aufgrund des Flüchtlingszustroms stark gestiegen und hat die Anbieter von Sprach- und Integrationskursen vor neue Herausforderungen gestellt. Auch hier bezogen Lehmann und seine Mitstreiter die Kinder mit ein oder dockten an den Familien an. „An der Hohenstaufenschule haben wir mit Unterstützung durch Stiftungen und Netzwerkpartner ein Elterncafé eingerichtet und so speziell Frauen den Besuch von Sprachkursen eingerichtet.“ Dort sieht sich VHS als Teil einer Bildungslandschaft, in der Menschen, die sonst bildungsfern blieben, über Schulen und über das Quartier erreicht werden. „VHS muss rausgehen, wenn sie ihr ursprüngliches Ziel von Chancengerechtigkeit und Teilhabe verwirklichen will“, sagt Lehmann. Und wenn er selbst nicht mehr an den Alltagsgeschäften seiner VHS teilhat? Dann zeigt Dr. Jekyll und Mister Hyde, wie ein Journalistenkollege einst schrieb, wieder stärker sein anderes Gesicht, das des Künstlers. „Ich hatte dafür immer eine Nebentätigkeitsgenehmigung“, sagt der gebürtige Bremer, der einige bekannte Kunstwerke schuf und in der Eremitage in St. Petersburg eine Ausstellung deutscher Bildhauerei kuratierte. Aber er will sich auch einmischen – in die Lokalpolitik an seinem Wohnort. Und weil er bislang in keiner Partei war, hat er seinen eigenen politischen Verein gegründet: die Wählergemeinschaft Porta „Wir in Porta“. Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 88 21 68 oder Juergen.Langenkaemper@MT.de Auf den Tag vor genau 100 Jahren Minden (lkp). Heute vor genau 100 Jahren, am 28. Mai 1919, hat die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, eine Volkshochschule zu gründen – die offizielle Geburtsstunde der VHS in Minden. Bereits eines Woche zuvor, am 21. Mai 1919, hatte der jüdische Reisekaufmann Ludwig (Louis) Back in Bad Oeynhausen eine Volkshochschule gegründet. Heute sind beide Häuser Partner. In Minden war drei Monate zuvor die Initiative zur Gründung von dem Vorsitzenden des Sozialdemokratischen Vereins, Wilhelm Bergner, und dem stellvertretenden Bürgermeister, später Oberbürgermeister, Carl Dieckmann, ausgegangen. Der Start war holperig, denn schon bald erlahmte der Bildungseifer der Bürger, und die Hörerzahlen gingen zurück. Neuen Anschub sollte im Oktober 1922 die Gründung des Vereins VHS Minden bringen. Vergeblich. „Gegen die allgemeine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage kommt jedoch auch die Vereinsgründung nicht an, wenig später muss der Betrieb der Volkshochschule eingestellt werden“, wie Gertraud Strohm-Katzer in der Jubiläumsbroschüre zum Hundertjährigen schreibt. In der Weimarer Zeit schrumpfte die Zahl der Abend- und Heimvolkshochschulen reichsweit. Im Juli 1933 wurde der Reichsverband zur Selbstauflösung gezwungen. Ab 1936 hatte das „Deutsche Volksbildungswerk“ das Sagen. Nach Kriegsende wurde im November 1945 auf Initiative des Rehmer Amtsbürgermeisters Carl Jäcker in Bad Oeynhausen die erste VHS in der britischen Besatzungszone eröffnet. „Die Stadt Minden folgt im Februar 1946 mit der Gründung einer VHS“, berichtet Strohm-Katzer. Doch die wirtschaftliche Lage brachte ab 1952 die Bildungsarbeit zum Erliegen. Im Juli 1957 kam es zu einer Neugründung unter Leitung des Berufsschullehrers a. D. Dr. Lucke. Ein Jahr später schloss sich Petershagen an. Von 1971 bis 1976 war Wilhelm Krieger Leiter. Einen Meilenstein in der weiteren Entwicklung markierte 1975 das Weiterbildungsgesetz in Nordrhein-Westfalen. Bereits 1973 war die VHS Bad Oeynhausen in kommunale Trägerschaft übernommen worden. Dieser Schritt wurde in Minden im Oktober 1975 vollzogen. Im Juni 1976 konstituierte sich der Zweckverband VHS Minden. Ab August des Jahres übernahm Dr. Gerd Voswinkel die hauptamtliche Leitung und behielt sie bis 2002 inne. Die VHS Minden residierte ab 1977 im Hansehaus am Papenmarkt. 1984 wurde das Bildungszentrum Weingarten eingeweiht, wo die Volkshochschule wichtige bildungspolitische Akzente setzen konnte, abgerundet durch die Stadtbibliothek, das „Kleine Theater am Weingarten“ und den Jazz Club. Von 2002 bis 2007 war Dr. Udo Witthaus Direktor. Er übernahm im Anschluss die Leitung der VHS Bremen.

Dietmar Lehmann verabschiedet sich nach 34 Jahren von der VHS

Initialzündung: Eine Anfrage aus der Stadt Porta Westfalica gab den Anstoß für den Einstieg der VHS in den Ganztag – hier in Veltheim 2009. Foto (Archiv): Werner Hoppe

Minden (mt). Dr. Niermann hat ihn eingestellt, Dr. Niermann wird ihn verabschieden. Dazwischen liegen fast 34 Jahre, in denen Dietmar Lehmann an der Volkshochschule Minden tätig war – ein gutes Drittel der hundertjährigen Existenz der Bildungseinrichtung.

In der Zwischenzeit hat sich eine Menge getan. Nicht nur, dass der Dr. Niermann von der offiziellen Verabschiedung am heutigen Tage nicht dieselbe Person ist, die Lehmann in der Endrunde der letzten Sechs von mehr als 150 Bewerbungen – so ging Casting früher – auf Herz und Nieren prüfte. Der Sohn – Landrat Dr. Ralf Niermann – winkt quasi mit der Zielflagge ab, was sein Vater – Stadtdirektor Dr. Erwin Niermann – im Herbst 1985 auf den Weg gebracht hat.

Schwerpunkt: Porta Westfalica – hier Holzhausen 2009 – spielt eine wichtige Rolle. Foto (Archiv): Kauffeld
Schwerpunkt: Porta Westfalica – hier Holzhausen 2009 – spielt eine wichtige Rolle. Foto (Archiv): Kauffeld

Sein Ziel hatte Dietmar Lehmann eigentlich schon im Januar erreicht, um in Rente gehen zu können. Tat er aber nicht, und er geht auch nicht mit dem heutigen Tage, am Monatsende oder mit seinem 66. Geburtstag im Juni. „Bis Ende August bin ich noch im Büro“, sagt er. „Im September fängt Marco Düsterwald als mein Nachfolger an.“ Im Februar hatte die Zweckverbandsversammlung den 41-Jährigen, der als Referent für politische Bildung, Digitalisierung und Öffentlichkeitsarbeit beim Landesverband der Volkshochschulen in NRW arbeitet, einstimmig gewählt.

Kreativität: In Minden ist die VHS an der Bierpohlschule (Foto von 2005) dabei. Foto (Archiv): pr
Kreativität: In Minden ist die VHS an der Bierpohlschule (Foto von 2005) dabei. Foto (Archiv): pr

Über den Einzugsbereich des VHS-Zweckverbandes der Städte Minden, Porta Westfalica und Petershagen sowie der Gemeinde Hille hinaus hatte auch Lehmanns Wirken immer mehr ausgestrahlt. Ursache dafür ist sein Engagement für Kinder und Jugendliche, besonders der Aufbau des Ganztags an Grundschulen. Sein Credo dazu lautet: „VHS ist mehr als die Weiterbildung für Erwachsene.“

Angefangen hat dieser Teil seiner langen Tätigkeit in den 1990ern mit dem Aufbau der Jungen VHS: den Sprach-, Kunst- und EDV-Kursen für Kinder und Jugendliche. Dadurch konnten Dietmar Lehmann und die Dozenten viel Erfahrung im Umgang mit einer ganz neuen Nutzerschicht und den besonderen pädagogischen Anforderungen sammeln. Schließlich trat der Beigeordnete Kai Abruszat aus Porta Westfalica an die VHS heran und fragte, ob die Volkshochschule nicht das Ganztagsschulangebot an den Portaner Grundschulen übernehmen könne. Lehmann, der als Fachbereichsleiter für Kultur nach Minden gekommen war und seit 2001 als Nachfolger Uwe Bauers Stellvertreter von VHS-Direktor Dr. Gerd Voswinkel war, machte sich für die nicht unumstrittene, weil umsatzstarke Erweiterung des Geschäftsfeldes der VHS stark. „2003 fiel der Beschluss“, erinnert er sich. Mit Beginn des Schuljahres 2004/05 startete die VHS mit dem offenen Ganztag in zwei Grundschulen in Minden und an vier in Porta Westfalica. „Jetzt sind es zwölf“, sagt Lehmann. „Damit sind wir einer der großen Anbieter im Kreis.“

Unumstritten war der offene Ganztag anfangs auch bei einigen Eltern nicht. An den wenigen Grundschulen, die zuvor schon Ganztagsangebote gemacht hatten, stieß der Wechsel auf Ablehnung, weil der gebundene Ganztag finanziell besser ausgestattet war. „Aber wir haben ständig Elternbefragungen vorgenommen“, sagt Lehmann. „Dabei haben wir anonym gute Ergebnisse erzielt.“ Denn außer der Grundversorgung mit Mittagessen und Hausaufgabenhilfe sei die VHS in der Lage, viele AGs wie Schach, Forschen, Sport oder naturnahes Gärtnern an mehreren Standorten anzubieten.

Was aufgrund des speziellen Erfolges und des Ganztags ganz allgemein auf der Strecke bleiben musste, war die Keimzelle, die Junge VHS. Das bedauert Dietmar Lehmann aber nicht, sondern zeigt immer noch stolz die ganz schön dicken Programmhefte – nicht ohne Grund: Für ein paar Titelblätter setzte er Fotos seiner eigenen fünf Kinder ein.

Nicht zuletzt wegen des Ganztags, aber nicht ausschließlich seinetwegen ist das Umsatzvolumen der VHS gewaltig gewachsen. Denn 2012 – Dietmar Lehmann war nach dem Weggang von Dr. Udo Witthaus, Direktor von 2002 bis 2007, seit fünf Jahren an der Spitze der VHS – fusionierte der Zweckverband mit der bis dahin eigenständigen Volkshochschule Bad Oeynhausen. Beide Einrichtungen wahrten so viel Eigenständigkeit wie möglich, nutzen aber viele Synergien. „Im vergangenen Jahr haben wir einen Umsatz von fast 6,8 Millionen Euro erzielt“, bilanziert der Boss. Dazu gab es mehr als 50.000 Unterrichtsstunden, 14.000 Kursanmeldungen, davon 8.700 in Minden und 5.100 in Bad Oeynhausen, 400 Dozenten und rund 200 Beschäftigte. Inzwischen – und dank des Ganztags – ist die heimische VHS die größte in Ostwestfalen-Lippe. Aber die Region ist auch die einzige in NRW geblieben, in der Volkshochschulen dem Vorbild Mindens gefolgt und in den Ganztag eingestiegen sind. „Das machen nur noch die VHS Herford und die VHS Reckenberg-Ems in Rheda-Wiedenbrück“, bedauert Lehmann, der in Fachaufsätzen bundesweit für das Modell geworben hat.

Dabei ist die Doppelgleisigkeit im Bildungsbereich für Jung und Alt auch für die Träger rentabel. „Unsere Umlage ist seit 2007 stabil“, sagt er zufrieden, denn dadurch konnte er sich und den Zweckverbandspolitikern manche Diskussionsrunde ersparen.

Dass sich manche Perspektiven unerwartet aufgetan haben, dazu haben auch die Flüchtlinge beigetragen. Gab es vor Jahren noch die Klage qualifizierter Sprachlehrer, dass Gelder im Bereich der Kurse „Deutsch als Fremdsprache“ vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ständig gekürzt würden, so ist gerade dieser Bereich seit 2015 aufgrund des Flüchtlingszustroms stark gestiegen und hat die Anbieter von Sprach- und Integrationskursen vor neue Herausforderungen gestellt. Auch hier bezogen Lehmann und seine Mitstreiter die Kinder mit ein oder dockten an den Familien an.

„An der Hohenstaufenschule haben wir mit Unterstützung durch Stiftungen und Netzwerkpartner ein Elterncafé eingerichtet und so speziell Frauen den Besuch von Sprachkursen eingerichtet.“ Dort sieht sich VHS als Teil einer Bildungslandschaft, in der Menschen, die sonst bildungsfern blieben, über Schulen und über das Quartier erreicht werden. „VHS muss rausgehen, wenn sie ihr ursprüngliches Ziel von Chancengerechtigkeit und Teilhabe verwirklichen will“, sagt Lehmann.

Und wenn er selbst nicht mehr an den Alltagsgeschäften seiner VHS teilhat? Dann zeigt Dr. Jekyll und Mister Hyde, wie ein Journalistenkollege einst schrieb, wieder stärker sein anderes Gesicht, das des Künstlers. „Ich hatte dafür immer eine Nebentätigkeitsgenehmigung“, sagt der gebürtige Bremer, der einige bekannte Kunstwerke schuf und in der Eremitage in St. Petersburg eine Ausstellung deutscher Bildhauerei kuratierte. Aber er will sich auch einmischen – in die Lokalpolitik an seinem Wohnort. Und weil er bislang in keiner Partei war, hat er seinen eigenen politischen Verein gegründet: die Wählergemeinschaft Porta „Wir in Porta“.

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 88 21 68 oder Juergen.Langenkaemper@MT.de

Auf den Tag vor genau 100 Jahren

Minden (lkp). Heute vor genau 100 Jahren, am 28. Mai 1919, hat die Stadtverordnetenversammlung beschlossen, eine Volkshochschule zu gründen – die offizielle Geburtsstunde der VHS in Minden. Bereits eines Woche zuvor, am 21. Mai 1919, hatte der jüdische Reisekaufmann Ludwig (Louis) Back in Bad Oeynhausen eine Volkshochschule gegründet. Heute sind beide Häuser Partner. In Minden war drei Monate zuvor die Initiative zur Gründung von dem Vorsitzenden des Sozialdemokratischen Vereins, Wilhelm Bergner, und dem stellvertretenden Bürgermeister, später Oberbürgermeister, Carl Dieckmann, ausgegangen. Der Start war holperig, denn schon bald erlahmte der Bildungseifer der Bürger, und die Hörerzahlen gingen zurück. Neuen Anschub sollte im Oktober 1922 die Gründung des Vereins VHS Minden bringen. Vergeblich. „Gegen die allgemeine Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage kommt jedoch auch die Vereinsgründung nicht an, wenig später muss der Betrieb der Volkshochschule eingestellt werden“, wie Gertraud Strohm-Katzer in der Jubiläumsbroschüre zum Hundertjährigen schreibt. In der Weimarer Zeit schrumpfte die Zahl der Abend- und Heimvolkshochschulen reichsweit. Im Juli 1933 wurde der Reichsverband zur Selbstauflösung gezwungen. Ab 1936 hatte das „Deutsche Volksbildungswerk“ das Sagen.

Nach Kriegsende wurde im November 1945 auf Initiative des Rehmer Amtsbürgermeisters Carl Jäcker in Bad Oeynhausen die erste VHS in der britischen Besatzungszone eröffnet. „Die Stadt Minden folgt im Februar 1946 mit der Gründung einer VHS“, berichtet Strohm-Katzer. Doch die wirtschaftliche Lage brachte ab 1952 die Bildungsarbeit zum Erliegen. Im Juli 1957 kam es zu einer Neugründung unter Leitung des Berufsschullehrers a. D. Dr. Lucke. Ein Jahr später schloss sich Petershagen an. Von 1971 bis 1976 war Wilhelm Krieger Leiter.

Einen Meilenstein in der weiteren Entwicklung markierte 1975 das Weiterbildungsgesetz in Nordrhein-Westfalen. Bereits 1973 war die VHS Bad Oeynhausen in kommunale Trägerschaft übernommen worden. Dieser Schritt wurde in Minden im Oktober 1975 vollzogen. Im Juni 1976 konstituierte sich der Zweckverband VHS Minden. Ab August des Jahres übernahm Dr. Gerd Voswinkel die hauptamtliche Leitung und behielt sie bis 2002 inne. Die VHS Minden residierte ab 1977 im Hansehaus am Papenmarkt. 1984 wurde das Bildungszentrum Weingarten eingeweiht, wo die Volkshochschule wichtige bildungspolitische Akzente setzen konnte, abgerundet durch die Stadtbibliothek, das „Kleine Theater am Weingarten“ und den Jazz Club. Von 2002 bis 2007 war Dr. Udo Witthaus Direktor. Er übernahm im Anschluss die Leitung der VHS Bremen.

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