Die neu entdeckte Landlust: Bio-Landwirte aus Überzeugung – und das jetzt schon seit 40 Jahren Anja Peper Minden. Cremige Vanille trifft auf knackige Schokolade: Mit dem ersten Stracciatella-Eis des Jahres kann eigentlich nichts konkurrieren. Aber dann ziehen Mona und Lisa, die beiden westafrikanischen Zwergziegen, die Aufmerksamkeit auf sich. Mit ihren wachen Augen, kurzen Beinen und den aufrecht stehenden Ohren sind sie aber auch zu drollig. Die neugierigen und geschickten Zwergziegen turnen auf allem herum, was ihnen in die Quere kommt, gerne auf ihrem eigenen Klettergerüst. Offenbar freuen sie sich über die Aufmerksamkeit der großen und kleinen Besucher. Mona und Lisa sind gerade die Attraktion auf dem Biohof Kinkelbur in Haddenhausen. Der ist seit 1648 in Familienbesitz und stellte schon früh auf ökologische Landwirtschaft um. Das war 1981. „Unsere Kühe chillen gerade“, sagt Landwirt Friedrich Kinkelbur und nickt in Richtung der angrenzenden Weide, wo die schwarzbunten Rinder grasen. „Und die Hühner sind im Homeoffice.“ Ihnen hat ein hoch ansteckendes Virus einen Lockdown beschert. Sie müssen wegen der Geflügelpest vorerst im Stall bleiben (Bericht im MT). „Obwohl unsere Hennen kerngesund sind, dürfen sie zu ihrem eigenen Schutz nicht in die Freiheit.“ Familie Kinkelbur versucht, sie mit Maissilage und Heu bei Laune zu halten. Normalerweise haben sie ständig Auslauf, dürfen scharren, picken und jederzeit ein Staubbad in trockener Erde nehmen, um lästige Parasiten loszuwerden. Das ist ihre Art von Wellness. Biohof statt Zoo: Jetzt im Frühling kommen viele Menschen zu Besuch. In der Pandemie entdecken auch Großstädter die neue Landlust: Wer hier Verwandte besucht hat, macht gerne einen Abstecher zum Hofladen. Dort gibt es auch das Bio-Eis aus der hofeigenen Milch, hergestellt vom Mindener Eiscafé Venezia. Die Besucher können sich – natürlich nur mit dem vorgeschriebenen Corona-Abstand – mit ihrem Eisbecher auf die Terrasse setzen und den Kühen beim Grasen zusehen. Zwischendurch lässt man den Blick über die Lübbecker Straße hinweg Richtung Bergkante bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal schweifen. Dieser „Kaiserblick“ ist sozusagen das Sahnehäubchen. Ulrike und Friedrich Kinkelbur, ihre beiden Söhne Sönke (13) und Hauke (10) sowie die Mitarbeiter freuen sich über den Zuspruch. Denn die Leute sollen sich vor Ort ansehen können, warum Milch, Eier, Kartoffeln und Fleisch eigentlich das grüne Bioland-Siegel tragen. Bioland ist der größte ökologische Anbauverband in Deutschland. Klar, Bio erlebt gerade einen Boom. Die Kinkelburs allerdings waren ihrer Zeit weit voraus: „Meine Eltern hatten sich schon damit beschäftigt, den Betrieb auf ökologischen Landbau umzustellen“, erinnert sich Friedrich Kinkelbur, der mit fünf Geschwistern groß geworden ist. „Es war immer eine große Rune in der Küche – die Oma, die Eltern, sechs Kinder, dazu zwei Auszubildende. Was den Hof anging, wurde dort diskutiert.“ Der entscheidende Impuls kam von außen: Ein Chefarzt aus Bad Oeynhausen, der die Familie gut kannte, hatte damals schon Zweifel: Wie verhält es sich mit dem Abbau der chemischen Substanzen? Und wann ist das Getreide wieder rückstandsfrei? Der Arzt drückte dem Senior irgendwann ein Buch des Gartenarchitekten Alwin Seifert in die Hand: „Gärtnern, Ackern ohne Gift“ (Erstauflage 1971). Dann ging es los: „Es war klar, dass wir den kompletten Betrieb umstellen mussten.“ Seitdem haben die Felder weder Pflanzenschutzmittel noch mineralischen Dünger gesehen. Natürlich waren die Stimmen der Skeptiker noch laut in den achtziger Jahren: „Wenn euch die Disteln erst über den Kopf wachsen, kommt ihr wieder zu Verstand“, war eine der ganz düsteren Prognosen. Doch Kinkelburs starteten mit Überzeugung in die ökologische Landwirtschaft. Schon die ersten Rüben waren frei von Unkraut und zwar „durch den Einsatz von acht bis zehn ,Hackfrauen’ an zehn Nachmittagen“, notierte der Senior damals. Sohn Friedrich Kinkelbur studierte später Agrarwissenschaft in Osnabrück.Nach und nach kamen weitere Flächen dazu. Einige Maschinen teilt er sich heute mit Nachbarn. Ohne Unterstützung von Ehefrau Ulrike (50) und des Teams wäre das nicht machbar. „Unseren Mitarbeitern haben wir es zu verdanken, dass wir auch mal in den Urlaub fahren können.“ Ein relativ neues Standbein der Kinkelburs ist die Eierproduktion. Die Nachfrage war gewachsen und immer mehr Leute wollten wissen: „Wo kann ich guten Gewissens Eier kaufen?“ Das große Plus des Verkaufs vor Ort ist, dass die Kunden sich selbst einen Eindruck von den Tieren verschaffen können. Und Kinkelburs Biohühner wirken tatsächlich rundum zufrieden. Mit einem eigenen Hühnermobil ist der Biohof vor einem Jahr in die Direktvermarktung eingestiegen. Einmal pro Woche wird der Mobilstall mitsamt der Legehennen auf ein neues Stück Wiese umgesetzt. So sollen kahle Stellen in der Fläche vermieden werden. Außerdem sei das Bio-Futter doppelt so teuer wie herkömmliches. Investition und Aufwand sind also nicht unerheblich. Darum kostet ein Bio-Ei stolze 50 Cent. Vielen Menschen ist es das inzwischen wert. „Unsere Hühner verkaufen ihre Eier quasi selber.“ Den Verbrauchern liegen Tierwohl und Regionalität zunehmend am Herzen. Auch die aktuelle Regionalkiste der MT-Aktion „Kauf lokal“ enthält einen Zehner-Karton der Bio-Eier von Kinkelbur. Wer sich über Öko-Landwirtschaft und gesunde Lebensmittel informieren möchte, ist gerne gesehen in Haddenhausen. Allerdings: Besucher müssen sich an ein paar Regeln halten, damit niemand unter die Räder kommt oder Tiere krank werden. Am Gehege der beiden Zwergziegen hängt ein Schild „Bitte Mona und Lisa nicht füttern“. Ulrike Kinkelbur bittet Eltern darum, gut auf ihre Kinder zu achten. „Hier ist ja kein Streichelzoo, sondern ein Wirtschaftsbetrieb.“ Es sind also auch Trecker und andere große Maschinen unterwegs. Anders als bei anderen Direktvermarktern steht der Hofladen nicht an der Straße, sondern nahe der Kuhweide. So gehen oder fahren die Kunden quer über den Hof. Der Laden ist täglich von 6 bis 19 Uhr geöffnet. Auch das Interesse an dem Rindfleisch ist groß. Friedrich Kinkelbur schreibt regelmäßig einen Rundbrief per E-Mail, um über die nächsten Termine zu informieren. Ein Paket kostet 13 Euro je Kilo und wiegt etwa 13 Kilogramm. Jede Kundenkiste enthält, was ein Tier zu bieten hat: darunter Filet und Roastbeef, Bratenstücke, fertig geschnittene Rouladen und Suppenfleisch. Geschlachtet wird in Diepenau. Die Umstellung auf ökologischen Landbau wird immer beliebter. Laut Statistischem Bundesamt haben im vergangenen Jahr rund 26.400 Betriebe nach den Regeln des ökologischen Landbaus gewirtschaftet – das sind 9.900 mehr als noch 2010.

Die neu entdeckte Landlust: Bio-Landwirte aus Überzeugung – und das jetzt schon seit 40 Jahren

Arne Westermann und Kollegen helfen auf dem Biohof, er kümmert sich unter anderem um Ackerbau und Maschinenwartung. © Alex Lehn

Minden. Cremige Vanille trifft auf knackige Schokolade: Mit dem ersten Stracciatella-Eis des Jahres kann eigentlich nichts konkurrieren. Aber dann ziehen Mona und Lisa, die beiden westafrikanischen Zwergziegen, die Aufmerksamkeit auf sich. Mit ihren wachen Augen, kurzen Beinen und den aufrecht stehenden Ohren sind sie aber auch zu drollig. Die neugierigen und geschickten Zwergziegen turnen auf allem herum, was ihnen in die Quere kommt, gerne auf ihrem eigenen Klettergerüst. Offenbar freuen sie sich über die Aufmerksamkeit der großen und kleinen Besucher. Mona und Lisa sind gerade die Attraktion auf dem Biohof Kinkelbur in Haddenhausen. Der ist seit 1648 in Familienbesitz und stellte schon früh auf ökologische Landwirtschaft um. Das war 1981.

„Unsere Kühe chillen gerade“, sagt Landwirt Friedrich Kinkelbur und nickt in Richtung der angrenzenden Weide, wo die schwarzbunten Rinder grasen. „Und die Hühner sind im Homeoffice.“ Ihnen hat ein hoch ansteckendes Virus einen Lockdown beschert. Sie müssen wegen der Geflügelpest vorerst im Stall bleiben (Bericht im MT). „Obwohl unsere Hennen kerngesund sind, dürfen sie zu ihrem eigenen Schutz nicht in die Freiheit.“ Familie Kinkelbur versucht, sie mit Maissilage und Heu bei Laune zu halten. Normalerweise haben sie ständig Auslauf, dürfen scharren, picken und jederzeit ein Staubbad in trockener Erde nehmen, um lästige Parasiten loszuwerden. Das ist ihre Art von Wellness.

Ab ins Grüne: Vom angrenzenden Boxenlaufstall können die Milchkühe direkt auf die Weide laufen. - © Alex Lehn
Ab ins Grüne: Vom angrenzenden Boxenlaufstall können die Milchkühe direkt auf die Weide laufen. - © Alex Lehn

Biohof statt Zoo: Jetzt im Frühling kommen viele Menschen zu Besuch. In der Pandemie entdecken auch Großstädter die neue Landlust: Wer hier Verwandte besucht hat, macht gerne einen Abstecher zum Hofladen. Dort gibt es auch das Bio-Eis aus der hofeigenen Milch, hergestellt vom Mindener Eiscafé Venezia. Die Besucher können sich – natürlich nur mit dem vorgeschriebenen Corona-Abstand – mit ihrem Eisbecher auf die Terrasse setzen und den Kühen beim Grasen zusehen. Zwischendurch lässt man den Blick über die Lübbecker Straße hinweg Richtung Bergkante bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal schweifen. Dieser „Kaiserblick“ ist sozusagen das Sahnehäubchen.

Mit Liebe zum Detail und Liebhaberstücken hat Ulrike Kinkelbur im Frühjahr 2020 den Hofladen eingerichtet. - © Alex Lehn
Mit Liebe zum Detail und Liebhaberstücken hat Ulrike Kinkelbur im Frühjahr 2020 den Hofladen eingerichtet. - © Alex Lehn

Ulrike und Friedrich Kinkelbur, ihre beiden Söhne Sönke (13) und Hauke (10) sowie die Mitarbeiter freuen sich über den Zuspruch. Denn die Leute sollen sich vor Ort ansehen können, warum Milch, Eier, Kartoffeln und Fleisch eigentlich das grüne Bioland-Siegel tragen. Bioland ist der größte ökologische Anbauverband in Deutschland. Klar, Bio erlebt gerade einen Boom. Die Kinkelburs allerdings waren ihrer Zeit weit voraus: „Meine Eltern hatten sich schon damit beschäftigt, den Betrieb auf ökologischen Landbau umzustellen“, erinnert sich Friedrich Kinkelbur, der mit fünf Geschwistern groß geworden ist. „Es war immer eine große Rune in der Küche – die Oma, die Eltern, sechs Kinder, dazu zwei Auszubildende. Was den Hof anging, wurde dort diskutiert.“

Unterhaltsames Duo: Mona und Lisa heißen die beiden westafrikanischen Zwergziegen auf dem Biohof Kinkelbur. Im Gegensatz zu Besuchern von außerhalb dürfen die Brüder Hauke (10) und Sönke (13) auch mal zum Streicheln ins Gehege hinein. MT-Fotos: Alex Lehn - © Alex Lehn
Unterhaltsames Duo: Mona und Lisa heißen die beiden westafrikanischen Zwergziegen auf dem Biohof Kinkelbur. Im Gegensatz zu Besuchern von außerhalb dürfen die Brüder Hauke (10) und Sönke (13) auch mal zum Streicheln ins Gehege hinein. MT-Fotos: Alex Lehn - © Alex Lehn

Der entscheidende Impuls kam von außen: Ein Chefarzt aus Bad Oeynhausen, der die Familie gut kannte, hatte damals schon Zweifel: Wie verhält es sich mit dem Abbau der chemischen Substanzen? Und wann ist das Getreide wieder rückstandsfrei? Der Arzt drückte dem Senior irgendwann ein Buch des Gartenarchitekten Alwin Seifert in die Hand: „Gärtnern, Ackern ohne Gift“ (Erstauflage 1971). Dann ging es los: „Es war klar, dass wir den kompletten Betrieb umstellen mussten.“ Seitdem haben die Felder weder Pflanzenschutzmittel noch mineralischen Dünger gesehen. Natürlich waren die Stimmen der Skeptiker noch laut in den achtziger Jahren: „Wenn euch die Disteln erst über den Kopf wachsen, kommt ihr wieder zu Verstand“, war eine der ganz düsteren Prognosen. Doch Kinkelburs starteten mit Überzeugung in die ökologische Landwirtschaft. Schon die ersten Rüben waren frei von Unkraut und zwar „durch den Einsatz von acht bis zehn ,Hackfrauen’ an zehn Nachmittagen“, notierte der Senior damals. Sohn Friedrich Kinkelbur studierte später Agrarwissenschaft in Osnabrück.Nach und nach kamen weitere Flächen dazu. Einige Maschinen teilt er sich heute mit Nachbarn. Ohne Unterstützung von Ehefrau Ulrike (50) und des Teams wäre das nicht machbar. „Unseren Mitarbeitern haben wir es zu verdanken, dass wir auch mal in den Urlaub fahren können.“

Ein relativ neues Standbein der Kinkelburs ist die Eierproduktion. Die Nachfrage war gewachsen und immer mehr Leute wollten wissen: „Wo kann ich guten Gewissens Eier kaufen?“ Das große Plus des Verkaufs vor Ort ist, dass die Kunden sich selbst einen Eindruck von den Tieren verschaffen können. Und Kinkelburs Biohühner wirken tatsächlich rundum zufrieden. Mit einem eigenen Hühnermobil ist der Biohof vor einem Jahr in die Direktvermarktung eingestiegen. Einmal pro Woche wird der Mobilstall mitsamt der Legehennen auf ein neues Stück Wiese umgesetzt. So sollen kahle Stellen in der Fläche vermieden werden. Außerdem sei das Bio-Futter doppelt so teuer wie herkömmliches. Investition und Aufwand sind also nicht unerheblich. Darum kostet ein Bio-Ei stolze 50 Cent. Vielen Menschen ist es das inzwischen wert. „Unsere Hühner verkaufen ihre Eier quasi selber.“ Den Verbrauchern liegen Tierwohl und Regionalität zunehmend am Herzen. Auch die aktuelle Regionalkiste der MT-Aktion „Kauf lokal“ enthält einen Zehner-Karton der Bio-Eier von Kinkelbur.

Wer sich über Öko-Landwirtschaft und gesunde Lebensmittel informieren möchte, ist gerne gesehen in Haddenhausen. Allerdings: Besucher müssen sich an ein paar Regeln halten, damit niemand unter die Räder kommt oder Tiere krank werden. Am Gehege der beiden Zwergziegen hängt ein Schild „Bitte Mona und Lisa nicht füttern“. Ulrike Kinkelbur bittet Eltern darum, gut auf ihre Kinder zu achten. „Hier ist ja kein Streichelzoo, sondern ein Wirtschaftsbetrieb.“ Es sind also auch Trecker und andere große Maschinen unterwegs. Anders als bei anderen Direktvermarktern steht der Hofladen nicht an der Straße, sondern nahe der Kuhweide. So gehen oder fahren die Kunden quer über den Hof. Der Laden ist täglich von 6 bis 19 Uhr geöffnet.

Auch das Interesse an dem Rindfleisch ist groß. Friedrich Kinkelbur schreibt regelmäßig einen Rundbrief per E-Mail, um über die nächsten Termine zu informieren. Ein Paket kostet 13 Euro je Kilo und wiegt etwa 13 Kilogramm. Jede Kundenkiste enthält, was ein Tier zu bieten hat: darunter Filet und Roastbeef, Bratenstücke, fertig geschnittene Rouladen und Suppenfleisch. Geschlachtet wird in Diepenau.

Die Umstellung auf ökologischen Landbau wird immer beliebter. Laut Statistischem Bundesamt haben im vergangenen Jahr rund 26.400 Betriebe nach den Regeln des ökologischen Landbaus gewirtschaftet – das sind 9.900 mehr als noch 2010.

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