Die Wächter des Mindener Domschatzes Nach dem Vorbild der päpstlichen Schweizergarde haben zwei Uniformierte bedeutende Kunstsammlung im Blick Von Anja Peper Minden (mt). Mitglieder der "echten" Schweizergarde könnten kaum mehr auffallen: Wenn Dr. Frank Pauli (43) und Gerrit Wittler (39) in ihren schwarz-roten Uniformen durch Minden gehen, stechen sie ins Auge. Viele Passanten zücken gleich Fotohandy oder Kamera. Als Domgarde sind die beiden ein Hingucker. Sie wachen über den Mindener Domschatz - eine der bedeutendsten Sammlungen kirchlicher Kunstwerke in ganz Deutschland. Und sie betreuen die Besucher: "Sowohl Touristen als auch Einheimische nutzen gerne den Service der Domgarde, auch wenn es nur ein Gruppenfoto bei Domführungen, eine schnelle Information zur Baugeschichte des Domes oder der Verkauf einer Postkarte ist", so Pauli. Vorteil der auffälligen Uniform: "Die Leute sprechen uns eher von sich aus an." Seit Mai sind die beiden Männer in der frühneuzeitlichen Landsknechtstracht im Einsatz.Die beiden Wächter erzählen den Besuchern nicht nur etwas über den Schatz, sondern auch über das Bistum Minden und die Geschichte der Stadt. Darüber hinaus bieten sie spontane Führungen sowie Turmbesteigungen an. Da macht die Uniform natürlich mehr her als Jeans und Pulli. So wurde die Domgarde schnell Teil des Stadtmarketings. Natürlich reicht es nicht aus, sich die Uniform anzuziehen: "Man muss die Figur auch ein Stück weit leben", findet Gerrit Wittler.Wer dermaßen auffällt, erlebt interessante und bisweilen witzige Anekdoten. Auch in der Mittagspause. Kürzlich wollte der 39-Jährige nur gerade zur nächsten Bäckerei. Am Taxistand an der Tiefgarage wurde er eingehend von den Fahrern gemustert. Einer fragte: "Geht der 30-jährige Krieg jetzt weiter?". Das konnte Wittler guten Gewissens verneinen. Kleine Jungen interessieren sich meist brennend für das Schwert, das allerdings höchstens zum Schaukampf dient. In jedem Fall erweisen sich die schwarz-roten Uniformen samt Zubehör als kommunikationsstiftend.Die Idee zur Domgarde kam bei einem Auftritt des "Alten Fritz" in Minden. Ständig war er umringt und wurde fortwährend fotografiert. Tatsächlich gelten solche Auftritte als populäre Form der Geschichtsdarstellung. Ob Karl der Große oder Wittekind, der Große Kurfürst oder Herzog von Braunschweig - mit farbenfrohen Kostümen schaffen sie umgehend Aufmerksamkeit für ihre Person und das historische Umfeld.Weil Dr. Frank Pauli Museumsleiter der Domschatzkammer ist, legt er als Wissenschaftler Wert auf historische Genauigkeit. In der ehemaligen Mindener Domimmunität waren Soldaten über Jahrhunderte hinweg historische Realität: Seit seiner Gründung unterhielt das Bistum Minden Truppen, die von den Vasallen des Bischofs, den Städten und Adelshäusern auf dem Territorium des Bistums gestellt wurden. Diese Truppen unterstützten den Mindener Bischof im 9. und 10. Jahrhundert zunächst im Kampf gegen die Angriffe der räuberischen Heiden. Befehlshaber der bischöflichen Truppen war satzungsgemäß der Dompropst des Mindener Domkapitels, manchmal auch der Bischof selbst.Leichtes Barett ersetzt den HelmAuch die Uniform der neuen Mindener Domgarde orientiert sich an der Zeit um 1550. Typisch sind die gepufften Ärmel sowie die Pluderhosen der damaligen Landsknechtstracht. Beides macht den Look überraschend bequem.Was man allerdings nicht ständig tragen möchte, ist der silberne Helm: Morion heißt das gute Stück, das in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus dem Eisenhut entstand. Deutlich angenehmer ist das Barett samt Feder.Die Farben der Tracht orientieren sich zum einen an der Galauniform der päpstlichen Schweizergarde. Dr. Frank Pauli: "Zum anderen ist es seit jeher katholische Tradition, die sogenannten Kirchenschweizer, Kirchensoldaten oder Domstäbler, die seit dem Mittelalter Ordnungsdienste in Kirchen und Kathedralen verrichteten, in Schwarz und Rot auszustatten."dom-minden.de

Die Wächter des Mindener Domschatzes

Minden (mt). Mitglieder der "echten" Schweizergarde könnten kaum mehr auffallen: Wenn Dr. Frank Pauli (43) und Gerrit Wittler (39) in ihren schwarz-roten Uniformen durch Minden gehen, stechen sie ins Auge. Viele Passanten zücken gleich Fotohandy oder Kamera. Als Domgarde sind die beiden ein Hingucker.

Die Wächter des Mindener Domschatzes - © MINDEN
Die Wächter des Mindener Domschatzes - © MINDEN

Sie wachen über den Mindener Domschatz - eine der bedeutendsten Sammlungen kirchlicher Kunstwerke in ganz Deutschland. Und sie betreuen die Besucher: "Sowohl Touristen als auch Einheimische nutzen gerne den Service der Domgarde, auch wenn es nur ein Gruppenfoto bei Domführungen, eine schnelle Information zur Baugeschichte des Domes oder der Verkauf einer Postkarte ist", so Pauli. Vorteil der auffälligen Uniform: "Die Leute sprechen uns eher von sich aus an." Seit Mai sind die beiden Männer in der frühneuzeitlichen Landsknechtstracht im Einsatz.

Die beiden Wächter erzählen den Besuchern nicht nur etwas über den Schatz, sondern auch über das Bistum Minden und die Geschichte der Stadt. Darüber hinaus bieten sie spontane Führungen sowie Turmbesteigungen an. Da macht die Uniform natürlich mehr her als Jeans und Pulli. So wurde die Domgarde schnell Teil des Stadtmarketings. Natürlich reicht es nicht aus, sich die Uniform anzuziehen: "Man muss die Figur auch ein Stück weit leben", findet Gerrit Wittler.

Die gepufften Ärmel sowie die Pluderhosen sind typisch für die Zeit um 1550, an der sich die Uniform der Mindener Domgarde orientiert: Gerrit Wittler (links) und Dr. Frank Pauli betreuen Besucher des Domes und der Schatzkammer. - © Foto: Alex Lehn
Die gepufften Ärmel sowie die Pluderhosen sind typisch für die Zeit um 1550, an der sich die Uniform der Mindener Domgarde orientiert: Gerrit Wittler (links) und Dr. Frank Pauli betreuen Besucher des Domes und der Schatzkammer. - © Foto: Alex Lehn

Wer dermaßen auffällt, erlebt interessante und bisweilen witzige Anekdoten. Auch in der Mittagspause. Kürzlich wollte der 39-Jährige nur gerade zur nächsten Bäckerei. Am Taxistand an der Tiefgarage wurde er eingehend von den Fahrern gemustert. Einer fragte: "Geht der 30-jährige Krieg jetzt weiter?". Das konnte Wittler guten Gewissens verneinen. Kleine Jungen interessieren sich meist brennend für das Schwert, das allerdings höchstens zum Schaukampf dient. In jedem Fall erweisen sich die schwarz-roten Uniformen samt Zubehör als kommunikationsstiftend.

Die Idee zur Domgarde kam bei einem Auftritt des "Alten Fritz" in Minden. Ständig war er umringt und wurde fortwährend fotografiert. Tatsächlich gelten solche Auftritte als populäre Form der Geschichtsdarstellung. Ob Karl der Große oder Wittekind, der Große Kurfürst oder Herzog von Braunschweig - mit farbenfrohen Kostümen schaffen sie umgehend Aufmerksamkeit für ihre Person und das historische Umfeld.

Weil Dr. Frank Pauli Museumsleiter der Domschatzkammer ist, legt er als Wissenschaftler Wert auf historische Genauigkeit. In der ehemaligen Mindener Domimmunität waren Soldaten über Jahrhunderte hinweg historische Realität: Seit seiner Gründung unterhielt das Bistum Minden Truppen, die von den Vasallen des Bischofs, den Städten und Adelshäusern auf dem Territorium des Bistums gestellt wurden. Diese Truppen unterstützten den Mindener Bischof im 9. und 10. Jahrhundert zunächst im Kampf gegen die Angriffe der räuberischen Heiden. Befehlshaber der bischöflichen Truppen war satzungsgemäß der Dompropst des Mindener Domkapitels, manchmal auch der Bischof selbst.

Leichtes Barett ersetzt den Helm

Auch die Uniform der neuen Mindener Domgarde orientiert sich an der Zeit um 1550. Typisch sind die gepufften Ärmel sowie die Pluderhosen der damaligen Landsknechtstracht. Beides macht den Look überraschend bequem.

Was man allerdings nicht ständig tragen möchte, ist der silberne Helm: Morion heißt das gute Stück, das in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus dem Eisenhut entstand. Deutlich angenehmer ist das Barett samt Feder.

Die Farben der Tracht orientieren sich zum einen an der Galauniform der päpstlichen Schweizergarde. Dr. Frank Pauli: "Zum anderen ist es seit jeher katholische Tradition, die sogenannten Kirchenschweizer, Kirchensoldaten oder Domstäbler, die seit dem Mittelalter Ordnungsdienste in Kirchen und Kathedralen verrichteten, in Schwarz und Rot auszustatten."

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