Die Teilzeitfrauen - Transgender-Stammtisch „En Femme“ triff sich in Minden Anja Peper Mit einem großen Eimer Popcorn bewaffnet machten es sich Linda und Paul im Kino gemütlich. Das Ehepaar, seit 16 Jahren verheiratet, wollte einen Gutschein einlösen. Es lief „Rubbeldiekatz“, eine Travestiekomödie aus dem Jahr 2011. Zurück zuhause flachsten die beiden bei einem Glas Sekt, wen sie sich noch in Frauenkleidern vorstellen könnten. Und welche weiblichen Vornamen passen würden. Das war der Schlüsselmoment. Paul offenbarte seiner Ehefrau, dass er selbst bereits eine Grundausstattung an Damenkleidern besäße. Und dass er sich „Gina“ nennen würde.Tausend Fragen schossen Linda gleichzeitig durch den Kopf. Heute, fünf Jahre später, sind viele davon beantwortet. Ihr Ehemann hat eine feminine Seite, trägt von Zeit zu Zeit Rock, Ohrringe, Perücke und Make-Up. Nein, er ist nicht schwul. An Trennung habe sie keine Sekunde lang gedacht, sagt Linda heute. Im Gegenteil: Die 46-Jährige akzeptiert sein Bedürfnis, kauft ihm Accessoires, pflegt Kontakt im Online-Forum und begleitet ihn zum Transgender-Stammtisch nach Minden. Über die große Wende in ihrem Leben hat sie ein Buch geschrieben (siehe unten).In der Szene gibt es einen Spruch, der für sich spricht: „Du meinst, du kennst keine Transgender. Aber sie kennen dich!“ Der Oberbegriff bezeichnet Menschen, die sich sozial oder sexuell nicht eindeutig einer männlichen oder weiblichen Identität zuordnen können, die also Grenzen der Geschlechter überschreiten. Mit dem Begriff „Transvestit“ möchten die Teilnehmer nicht bezeichnet werden, weil er assoziiert wird mit Bühnenshows und schlüpfrigen Witzen. Hope, so nennt sich die langjährige Organisatorin des Mindener Stammtisches, spricht von „Trans*menschen“. Allgemein geläufig ist auch der Begriff „Crossdresser“. Ein Transgender ist in der Regel nicht schwul oder lesbisch, er/sie kann es natürlich sein.Schrill-bunte Paradiesvögel wie die prominente Hamburger Drag Queen Olivia Jones sucht man vergeblich. Das Leben ist keine Showbühne. Dennoch: Ein Mann im Rock mit Busen und Perücke? Das fällt auf. Auch im „Seriösen Fußgänger“, wenn dort nach und nach die Stammtisch-Gäste eintrudeln. Sie kommen aus ganz Deutschland, einige haben Angehörige dabei. Die Reaktionen der anderen Kneipengänger sind unterschiedlich: Manche bekommen ganz große Augen, andere tuscheln oder kichern, wieder andere erkundigen sich entweder ganz direkt beim Stammtisch oder indirekt bei der Kellnerin, die auch gerne weiterhilft.Viele hier setzen auf Offenheit und Aufklärung als Gegenmittel zu Ausgrenzung und Respektlosigkeit. Sie sind es leid, sich zu verstecken. Die Angst vor den Reaktionen ihrer Familie und Freunde, ihrer Chefs und Kollegen liegt bei vielen noch wie Blei über ihrem Leben. Darum schieben viele den ersten Auftritt als Frau außerhalb der eigenen vier Wände hinaus. Wer zum Stammtisch kommt, hat schon ein beachtliches Stück des Weges geschafft. Insgesamt werden Transgender sichtbarer: In der Amazon-Serie „Transparent“ beschließt ein Mann, dass er in Zukunft als Frau leben will. Der Film „The Danish Girl“ (2015) räumte ab.Zurück nach Minden. Thorunn hieß früher Torsten und hat den großen Befreiungsschlag schon hinter sich. Das Netzwerk „En Femme“ hat sie für Öffentlichkeitsarbeit auserkoren. Sie ist 1,86 Meter groß (ohne Schuhe) und sieht in ihrem schlichten hellgrauen Etuikleid mit Halstuch nicht nur elegant aus, sondern authentisch. Thorunn - der Name ist eine weibliche Form vom germanischen Donnergott Thor - steht zu sich selbst. Ohne Wenn und Aber.Früher war sie Torsten, Friedhofsgärtner in einer niedersächsischen Kleinstadt. Als er sich dazu durchgerungen hatte, Farbe zu bekennen, entschied er sich zu einem radikalen Schritt: Gemeinsam mit dem Pastor veröffentlichte er seine Geschichte in Kurzform in den Pfarrnachrichten. Unter einer neutralen Überschrift („Veränderungen in der Friedhofsverwaltung“) schilderten sie den Fall: Nach einem langen persönlichen Prozess habe sich Torsten entschieden, eine neue Identität anzunehmen. Weiter heißt es: „Die weiblichen Anteile überwiegen im Vergleich zum männlichen. Aufgrund des damit verbundenen emotionalen Drucks und Phasen des Zweifels wird er in Zukunft jene Frau sein, die er immer schon gewesen ist. Diesem Schritt sind vielfältige klärende Gespräche vorausgegangen, es gibt psychologische Betreuung durch einen Facharzt, der Kirchenvorstand als Arbeitgeber ist informiert und steht hinter dieser Entwicklung.“Es mag überraschen, aber die plötzliche Öffentlichkeit per Gemeindebrief erweist sich als goldrichtig. „Auch der Pastor kam zu mir und sagte: Herzlichen Glückwunsch zu diesem Schritt!“, erinnert sich Thorunn, die inzwischen eine Hormontherapie gemacht hat und sehr weiblich aussieht und sich auch so bewegt. Sogar ihr Verhalten hinterm Steuer hat sich verändert: „Heute fahre ich defensiver als früher.“ Sie ist stolz darauf, endlich Farbe bekannt zu haben. Und dankbar.Andere Stammtisch-Gäste haben noch einen langen Weg vor sich. Viele verbringen den Alltag im „Männermodus“ und möchten keinesfalls mit aufs Foto. Hope, die Initiatorin, weiß von einigen Männern, die ihre Bedürfnisse nur selten und heimlich ausleben. Mit Perücke und Make-Up in eine Kneipe zu gehen, ist da schon ein großer Schritt. Buchtipp: „Teilzeitfrau - der Crossdresser an meiner Seite“ von Linda Engel (2013), Books On Demand, ISBN 978-3-7322-4827-8

Die Teilzeitfrauen - Transgender-Stammtisch „En Femme“ triff sich in Minden

Die 47-jährige Thorunn (4.v.l.) hieß früher Torsten. Beim Stammtisch in Minden trifft sie Menschen aus anderen Städten, die ebenfalls mit Vorurteilen aufräumen möchten. © Foto: Krischi Meier

Mit einem großen Eimer Popcorn bewaffnet machten es sich Linda und Paul im Kino gemütlich. Das Ehepaar, seit 16 Jahren verheiratet, wollte einen Gutschein einlösen. Es lief „Rubbeldiekatz“, eine Travestiekomödie aus dem Jahr 2011. Zurück zuhause flachsten die beiden bei einem Glas Sekt, wen sie sich noch in Frauenkleidern vorstellen könnten. Und welche weiblichen Vornamen passen würden. Das war der Schlüsselmoment. Paul offenbarte seiner Ehefrau, dass er selbst bereits eine Grundausstattung an Damenkleidern besäße. Und dass er sich „Gina“ nennen würde.

Tausend Fragen schossen Linda gleichzeitig durch den Kopf. Heute, fünf Jahre später, sind viele davon beantwortet. Ihr Ehemann hat eine feminine Seite, trägt von Zeit zu Zeit Rock, Ohrringe, Perücke und Make-Up. Nein, er ist nicht schwul. An Trennung habe sie keine Sekunde lang gedacht, sagt Linda heute. Im Gegenteil: Die 46-Jährige akzeptiert sein Bedürfnis, kauft ihm Accessoires, pflegt Kontakt im Online-Forum und begleitet ihn zum Transgender-Stammtisch nach Minden. Über die große Wende in ihrem Leben hat sie ein Buch geschrieben (siehe unten).

In der Szene gibt es einen Spruch, der für sich spricht: „Du meinst, du kennst keine Transgender. Aber sie kennen dich!“ Der Oberbegriff bezeichnet Menschen, die sich sozial oder sexuell nicht eindeutig einer männlichen oder weiblichen Identität zuordnen können, die also Grenzen der Geschlechter überschreiten. Mit dem Begriff „Transvestit“ möchten die Teilnehmer nicht bezeichnet werden, weil er assoziiert wird mit Bühnenshows und schlüpfrigen Witzen. Hope, so nennt sich die langjährige Organisatorin des Mindener Stammtisches, spricht von „Trans*menschen“. Allgemein geläufig ist auch der Begriff „Crossdresser“. Ein Transgender ist in der Regel nicht schwul oder lesbisch, er/sie kann es natürlich sein.

Schrill-bunte Paradiesvögel wie die prominente Hamburger Drag Queen Olivia Jones sucht man vergeblich. Das Leben ist keine Showbühne. Dennoch: Ein Mann im Rock mit Busen und Perücke? Das fällt auf. Auch im „Seriösen Fußgänger“, wenn dort nach und nach die Stammtisch-Gäste eintrudeln. Sie kommen aus ganz Deutschland, einige haben Angehörige dabei. Die Reaktionen der anderen Kneipengänger sind unterschiedlich: Manche bekommen ganz große Augen, andere tuscheln oder kichern, wieder andere erkundigen sich entweder ganz direkt beim Stammtisch oder indirekt bei der Kellnerin, die auch gerne weiterhilft.

Viele hier setzen auf Offenheit und Aufklärung als Gegenmittel zu Ausgrenzung und Respektlosigkeit. Sie sind es leid, sich zu verstecken. Die Angst vor den Reaktionen ihrer Familie und Freunde, ihrer Chefs und Kollegen liegt bei vielen noch wie Blei über ihrem Leben. Darum schieben viele den ersten Auftritt als Frau außerhalb der eigenen vier Wände hinaus. Wer zum Stammtisch kommt, hat schon ein beachtliches Stück des Weges geschafft. Insgesamt werden Transgender sichtbarer: In der Amazon-Serie „Transparent“ beschließt ein Mann, dass er in Zukunft als Frau leben will. Der Film „The Danish Girl“ (2015) räumte ab.

Zurück nach Minden. Thorunn hieß früher Torsten und hat den großen Befreiungsschlag schon hinter sich. Das Netzwerk „En Femme“ hat sie für Öffentlichkeitsarbeit auserkoren. Sie ist 1,86 Meter groß (ohne Schuhe) und sieht in ihrem schlichten hellgrauen Etuikleid mit Halstuch nicht nur elegant aus, sondern authentisch. Thorunn - der Name ist eine weibliche Form vom germanischen Donnergott Thor - steht zu sich selbst. Ohne Wenn und Aber.

Früher war sie Torsten, Friedhofsgärtner in einer niedersächsischen Kleinstadt. Als er sich dazu durchgerungen hatte, Farbe zu bekennen, entschied er sich zu einem radikalen Schritt: Gemeinsam mit dem Pastor veröffentlichte er seine Geschichte in Kurzform in den Pfarrnachrichten. Unter einer neutralen Überschrift („Veränderungen in der Friedhofsverwaltung“) schilderten sie den Fall: Nach einem langen persönlichen Prozess habe sich Torsten entschieden, eine neue Identität anzunehmen. Weiter heißt es: „Die weiblichen Anteile überwiegen im Vergleich zum männlichen. Aufgrund des damit verbundenen emotionalen Drucks und Phasen des Zweifels wird er in Zukunft jene Frau sein, die er immer schon gewesen ist. Diesem Schritt sind vielfältige klärende Gespräche vorausgegangen, es gibt psychologische Betreuung durch einen Facharzt, der Kirchenvorstand als Arbeitgeber ist informiert und steht hinter dieser Entwicklung.“

Es mag überraschen, aber die plötzliche Öffentlichkeit per Gemeindebrief erweist sich als goldrichtig. „Auch der Pastor kam zu mir und sagte: Herzlichen Glückwunsch zu diesem Schritt!“, erinnert sich Thorunn, die inzwischen eine Hormontherapie gemacht hat und sehr weiblich aussieht und sich auch so bewegt. Sogar ihr Verhalten hinterm Steuer hat sich verändert: „Heute fahre ich defensiver als früher.“ Sie ist stolz darauf, endlich Farbe bekannt zu haben. Und dankbar.

Andere Stammtisch-Gäste haben noch einen langen Weg vor sich. Viele verbringen den Alltag im „Männermodus“ und möchten keinesfalls mit aufs Foto. Hope, die Initiatorin, weiß von einigen Männern, die ihre Bedürfnisse nur selten und heimlich ausleben. Mit Perücke und Make-Up in eine Kneipe zu gehen, ist da schon ein großer Schritt.

Buchtipp: „Teilzeitfrau - der Crossdresser an meiner Seite“ von Linda Engel (2013), Books On Demand, ISBN 978-3-7322-4827-8

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