Die Rückkehr der Nager: Biber hinterlassen Spuren in Porta Jürgen Langenkämper Minden/Porta Westfalica. Europas größtes Nagetier steht vor den Toren Mindens. Jahrhundertelang war der Biber auf dem Rückzug, bis zur Ausrottung bejagt wegen seines Fells – und wegen seines Fleisches. Aus weiten Teilen des Kontinents war er verschwunden. Jetzt kehrt er zurück. Auch in Minden muss es heißen: Castor fiber ante portas. Durch die Porta Westfalica ist er jedenfalls schon hindurch. Jörn Kißing traute seinen Augen nicht, als er unlängst mit ein paar Freunden vom Mindener Ruderverein ins Boot stieg und gegen den Strom die Weser hinauf ruderte. „Auf der Barkhauser Seite sahen wir hinter der Südbrücke plötzlich einen Baum, der rundherum angenagt war“, berichtet der Mindener. Auch wenn sie es nicht fassen konnten, hatten die Ruderer doch keinen Zweifel daran, dass es sich bei den Bissspuren nur um einen Biber handeln konnte. „Der Biber ist schon eine ganze Weile in Barkhausen“, zeigt sich Dirk Esplör von der Biologischen Station Minden-Lübbecke nicht ganz so überrascht über die Nachricht. Bereits im März habe er den „unzweifelhaften“ Hinweis auf einen Biber erhalten, der nachts vor eine Tierbildkamera geraten war. Wenig überraschend auch deshalb, weil Biber bereits seit Herbst 2018 anhand von Spuren an der Weser bei Dehme vermutet wurden (MT vom 31. Januar 2019). Und noch ein wenig weiter zurück reichen Hinweise auf ein einzelnes Tier in der Else, die bei Kirchlengern in die Werre mündet. Seit 2015 soll dort „Rasputin“ gelebt haben. Die Geduld des Einzelgängers, weitab von allen anderen bekannten Biberpopulationen, zahlte sich aus. Ein Weibchen, das mutmaßlich aus einem anderen Flusssystem zuwanderte, muss ihn gesucht und gefunden haben. Im Herbst vergangenen Jahres dokumentierte eine Wildkamera gar Nachwuchs. Dirk Esplör bekommt aber auch aus anderer Richtung Kunde von der Wiederkehr des Bibers. „In der Bückeburger Aue soll es auch schon Biber geben“, sagt der Landschaftsarchitekt und Geschäftsführer der Biologischen Station in Gut Nordholz in Todtenhausen. Noch weiter im Osten, in der Leine, gebe es gelegentlich Probleme für Dämme zum Hochwasserschutz. Denn der Biber baut seine Behausung, die Biberburg, gern ins Ufer, und zwar so, dass der Eingang unter Wasser liegt. Ein Problem kann das auch für Landwirte werden, die in Ufernähe ackern oder eine Wiese haben und mit schwerem Gerät einbrechen, wenn sie über eine Biberburg fahren und deren Decke nicht hält. Dass ein Biber in Barkhausen oder Minden einen Damm in der Weser baut, ist dagegen nicht zu erwarten. Dafür ist der Fluss zu groß und die Strömung zu stark. Dennoch hat auch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) ein wachsames Auge darauf. „Wenn vom Biber gefällte Bäume in der Weser treiben, holen wir sie wieder heraus“, sagt Henning Buchholz, Leiter des WSA Weser, das von Verden und Hann. Münden aus für die Oberweser und die Mittelweser bis vor die Tore Bremens zuständig ist. Treibende Baumstämme stellen eine Gefahr weniger für den nur noch selten betriebene Gütertransport und die Fahrgastschifffahrt, aber besonders für Freizeitsportler, Ruderer und Kanuten dar. Im Kampf gegen den Biber sind ihm ansonsten die Hände gebunden. „Der Biber steht unter Naturschutz und darf weder getötet noch umgesiedelt werden“, sagt der Mindener. Die größten Probleme haben Buchholz und seine Leute ohnehin an ganz anderer Stelle mit Bibern – oder die Biber mit der modernen Technik: an Talsperren. „An den Talsperren an Eder und Diemel ist es bei Hochwasser vorgekommen, dass junge, unerfahrene Biber zu nah an den Überlauf geschwommen und in den Sog geraten sind“, erzählt Buchholz. Dann stürzten die Jungtiere nichts ahnend in die Tiefe – und in den Tod. Auch an anderer Stelle droht nicht dem Menschen Gefahr durch den scheuen, nachtaktiven Nager, sondern eher umgekehrt. In Gegenden, wo der Biber häufiger wieder vorkommt, werden gelegentlich Tiere nachts auf der Straße überfahren, wenn diese an einem von Bibern besiedelten Fluss oder Bach entlangführt – mit meist tödlichen Folgen für den Nager und justiziablen für den Autofahrer, wenn er sich nicht um das verwundete oder tote Tier auf der Fahrbahn kümmert und umgehend die Polizei oder einen Jagdpächter benachrichtigt. Darauf lassen Zeugenaufrufe von Polizeidienststellen nach Unfallflucht schließen. Dabei geht es weniger um strafbare Verstöße gegen den Naturschutz, sondern um „gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr“, wenn der menschliche Unfallbeteiligte einfach wegfährt und den tierischen Kadaver auf der Fahrbahn liegen lässt, so dass andere Verkehrsteilnehmer dadurch in Gefahr geraten. Ob es in Mindener und Portaner Gebiet einmal Verkehrskonflikte zwischen Bibern und Radwanderern auf dem Weserradweg geben könnte, bleibt abzuwarten, aber es scheint angesichts unterschiedlicher Tageszeiten mit ausgeprägter Aktivität ein eher vernachlässigbares Risiko zu sein. Dennoch sollten Spätheimkehrer gewarnt sein, wer ihnen da in die Dunkelheit in die Quere kommen könnte. Für Bauwerke und Dämme dürfte ein Biber das Mindener Stadtgebiet ebenso wenig nutzen wie Porta oder Petershagen, wenn er auch dorthin auf dem Siegeszug flussabwärts vordringen sollte. Die Weser bietet ihm dank des Stauwehrs in Petershagen allzeit ausreichend Tiefe. „Kleinere und mittlere Bäume fällt er, um an die jüngere Tiere in der Krone zu gelangen“, verweist Dirk Esplör auf den Zweck der Nahrungsbeschaffung, weniger des Baumaterials. Großen Schaden richtet der Biber dabei nicht an, denn Weiden und anderen Weichhölzer in Ufernähe wachsen schnell und vermehren sich rasant, wie jeder Gartenbesitzer weiß. Als Jörn Kißing mit seinen Ruderern ein paar Tage später noch einmal an der Stelle entlangfuhr, war der Baum, eine Weide, bereits gefällt. Und als Kißing zu Fuß die Stelle am Ufer aufgespürt hatte, ragte nur noch ein sauber abgenagter Stumpf aus dem Boden. Die meisten Biber in Nordrhein-Westfalen gibt es an der Rur in der Eifel mit ihren Nebenflüssen und Bächen Rote Wehe und Weiße Wehe. Mit rund 400 Tieren handelt es sich dabei um die derzeit viertgrößte Population in Deutschland. Im Main-Kinzig-Gebiet in Hessen gibt es rund 700 Biber. An der mittleren Elbe leben rund 2.500 Tiere. In Bayern soll es 15.000 Biber geben. Im Wesergebiet wurden Biber 2015 auch am Zufluss der Esse in die Diemel bei Hofgeismar beobachtet. Wahrscheinlich sind die Tiere über die Rhön und die Fulda aus dem Main-Kinzig-Gebiet zugewandert. Auch in Niedersachsen, wo der Biber seit 1856 als ausgerottet galt, gibt es gleich an mehreren Stellen wieder Tiere, so in der Elbeniederung zwischen Schnackenburg und Geesthacht, im Gewässersystem der Jeetzel im Kreis Lüchow-Dannenberg, im Feuchtgebiet Drömling östlich von Wolfsburg, an der Aller, unteren Leine und unteren Oker, in der unteren Hase-Niederung, an der Ems und am Lingener Mühlenbach. Die Biber an der Hase und Ems sind im Rahmen wissenschaftlicher Projekte der Universität Osnabrück angesiedelt worden. Die Else zweigt bei Melle-Gesmold von der Hase ab und fließt zur Werre. Durch diese Bifurkation gibt es eine Verbindung zwischen den Flusssystemen von Hase und Weser.

Die Rückkehr der Nager: Biber hinterlassen Spuren in Porta

Biberspuren in Barkhausen: Nahe am Ufer sichteten Ruderer einen stark angenagten Stamm einer Weide. Wenige Tage und Nächte später war der Baum umgestürzt. Fotos: Jörn Kißing © Jörn Kissing

Minden/Porta Westfalica. Europas größtes Nagetier steht vor den Toren Mindens. Jahrhundertelang war der Biber auf dem Rückzug, bis zur Ausrottung bejagt wegen seines Fells – und wegen seines Fleisches. Aus weiten Teilen des Kontinents war er verschwunden. Jetzt kehrt er zurück. Auch in Minden muss es heißen: Castor fiber ante portas. Durch die Porta Westfalica ist er jedenfalls schon hindurch.

Jörn Kißing traute seinen Augen nicht, als er unlängst mit ein paar Freunden vom Mindener Ruderverein ins Boot stieg und gegen den Strom die Weser hinauf ruderte. „Auf der Barkhauser Seite sahen wir hinter der Südbrücke plötzlich einen Baum, der rundherum angenagt war“, berichtet der Mindener. Auch wenn sie es nicht fassen konnten, hatten die Ruderer doch keinen Zweifel daran, dass es sich bei den Bissspuren nur um einen Biber handeln konnte.

„Der Biber ist schon eine ganze Weile in Barkhausen“, zeigt sich Dirk Esplör von der Biologischen Station Minden-Lübbecke nicht ganz so überrascht über die Nachricht. Bereits im März habe er den „unzweifelhaften“ Hinweis auf einen Biber erhalten, der nachts vor eine Tierbildkamera geraten war.


Wenig überraschend auch deshalb, weil Biber bereits seit Herbst 2018 anhand von Spuren an der Weser bei Dehme vermutet wurden (MT vom 31. Januar 2019). Und noch ein wenig weiter zurück reichen Hinweise auf ein einzelnes Tier in der Else, die bei Kirchlengern in die Werre mündet. Seit 2015 soll dort „Rasputin“ gelebt haben. Die Geduld des Einzelgängers, weitab von allen anderen bekannten Biberpopulationen, zahlte sich aus. Ein Weibchen, das mutmaßlich aus einem anderen Flusssystem zuwanderte, muss ihn gesucht und gefunden haben. Im Herbst vergangenen Jahres dokumentierte eine Wildkamera gar Nachwuchs.

Dirk Esplör bekommt aber auch aus anderer Richtung Kunde von der Wiederkehr des Bibers. „In der Bückeburger Aue soll es auch schon Biber geben“, sagt der Landschaftsarchitekt und Geschäftsführer der Biologischen Station in Gut Nordholz in Todtenhausen. Noch weiter im Osten, in der Leine, gebe es gelegentlich Probleme für Dämme zum Hochwasserschutz. Denn der Biber baut seine Behausung, die Biberburg, gern ins Ufer, und zwar so, dass der Eingang unter Wasser liegt. Ein Problem kann das auch für Landwirte werden, die in Ufernähe ackern oder eine Wiese haben und mit schwerem Gerät einbrechen, wenn sie über eine Biberburg fahren und deren Decke nicht hält.

Dass ein Biber in Barkhausen oder Minden einen Damm in der Weser baut, ist dagegen nicht zu erwarten. Dafür ist der Fluss zu groß und die Strömung zu stark. Dennoch hat auch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) ein wachsames Auge darauf. „Wenn vom Biber gefällte Bäume in der Weser treiben, holen wir sie wieder heraus“, sagt Henning Buchholz, Leiter des WSA Weser, das von Verden und Hann. Münden aus für die Oberweser und die Mittelweser bis vor die Tore Bremens zuständig ist. Treibende Baumstämme stellen eine Gefahr weniger für den nur noch selten betriebene Gütertransport und die Fahrgastschifffahrt, aber besonders für Freizeitsportler, Ruderer und Kanuten dar. Im Kampf gegen den Biber sind ihm ansonsten die Hände gebunden. „Der Biber steht unter Naturschutz und darf weder getötet noch umgesiedelt werden“, sagt der Mindener.

Die größten Probleme haben Buchholz und seine Leute ohnehin an ganz anderer Stelle mit Bibern – oder die Biber mit der modernen Technik: an Talsperren. „An den Talsperren an Eder und Diemel ist es bei Hochwasser vorgekommen, dass junge, unerfahrene Biber zu nah an den Überlauf geschwommen und in den Sog geraten sind“, erzählt Buchholz. Dann stürzten die Jungtiere nichts ahnend in die Tiefe – und in den Tod.

Auch an anderer Stelle droht nicht dem Menschen Gefahr durch den scheuen, nachtaktiven Nager, sondern eher umgekehrt. In Gegenden, wo der Biber häufiger wieder vorkommt, werden gelegentlich Tiere nachts auf der Straße überfahren, wenn diese an einem von Bibern besiedelten Fluss oder Bach entlangführt – mit meist tödlichen Folgen für den Nager und justiziablen für den Autofahrer, wenn er sich nicht um das verwundete oder tote Tier auf der Fahrbahn kümmert und umgehend die Polizei oder einen Jagdpächter benachrichtigt. Darauf lassen Zeugenaufrufe von Polizeidienststellen nach Unfallflucht schließen. Dabei geht es weniger um strafbare Verstöße gegen den Naturschutz, sondern um „gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr“, wenn der menschliche Unfallbeteiligte einfach wegfährt und den tierischen Kadaver auf der Fahrbahn liegen lässt, so dass andere Verkehrsteilnehmer dadurch in Gefahr geraten.

Ob es in Mindener und Portaner Gebiet einmal Verkehrskonflikte zwischen Bibern und Radwanderern auf dem Weserradweg geben könnte, bleibt abzuwarten, aber es scheint angesichts unterschiedlicher Tageszeiten mit ausgeprägter Aktivität ein eher vernachlässigbares Risiko zu sein. Dennoch sollten Spätheimkehrer gewarnt sein, wer ihnen da in die Dunkelheit in die Quere kommen könnte.

Für Bauwerke und Dämme dürfte ein Biber das Mindener Stadtgebiet ebenso wenig nutzen wie Porta oder Petershagen, wenn er auch dorthin auf dem Siegeszug flussabwärts vordringen sollte. Die Weser bietet ihm dank des Stauwehrs in Petershagen allzeit ausreichend Tiefe. „Kleinere und mittlere Bäume fällt er, um an die jüngere Tiere in der Krone zu gelangen“, verweist Dirk Esplör auf den Zweck der Nahrungsbeschaffung, weniger des Baumaterials. Großen Schaden richtet der Biber dabei nicht an, denn Weiden und anderen Weichhölzer in Ufernähe wachsen schnell und vermehren sich rasant, wie jeder Gartenbesitzer weiß.

Als Jörn Kißing mit seinen Ruderern ein paar Tage später noch einmal an der Stelle entlangfuhr, war der Baum, eine Weide, bereits gefällt. Und als Kißing zu Fuß die Stelle am Ufer aufgespürt hatte, ragte nur noch ein sauber abgenagter Stumpf aus dem Boden.

Die meisten Biber in Nordrhein-Westfalen gibt es an der Rur in der Eifel mit ihren Nebenflüssen und Bächen Rote Wehe und Weiße Wehe. Mit rund 400 Tieren handelt es sich dabei um die derzeit viertgrößte Population in Deutschland.

Im Main-Kinzig-Gebiet in Hessen gibt es rund 700 Biber. An der mittleren Elbe leben rund 2.500 Tiere. In Bayern soll es 15.000 Biber geben.

Im Wesergebiet wurden Biber 2015 auch am Zufluss der Esse in die Diemel bei Hofgeismar beobachtet. Wahrscheinlich sind die Tiere über die Rhön und die Fulda aus dem Main-Kinzig-Gebiet zugewandert.

Auch in Niedersachsen, wo der Biber seit 1856 als ausgerottet galt, gibt es gleich an mehreren Stellen wieder Tiere, so in der Elbeniederung zwischen Schnackenburg und Geesthacht, im Gewässersystem der Jeetzel im Kreis Lüchow-Dannenberg, im Feuchtgebiet Drömling östlich von Wolfsburg, an der Aller, unteren Leine und unteren Oker, in der unteren Hase-Niederung, an der Ems und am Lingener Mühlenbach. Die Biber an der Hase und Ems sind im Rahmen wissenschaftlicher Projekte der Universität Osnabrück angesiedelt worden.

Die Else zweigt bei Melle-Gesmold von der Hase ab und fließt zur Werre. Durch diese Bifurkation gibt es eine Verbindung zwischen den Flusssystemen von Hase und Weser.

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