Die Reise ihres Lebens: Nach dem Tod ihres Mannes verlässt Anke Oevermann Minden - mit dem Camper und ohne Ziel Claudia Hyna Minden. Ein Auto steht vor dem Kauf zur Probefahrt bereit. Auf einem Sofa lässt sich Probesitzen. Aber ein neues Leben auf Probe – das gibt es nicht. Anke Oevermann aus Minden lässt ihr altes Leben hinter sich. Eine Gebrauchsanweisung für das neue hat sie nicht. Aktuell löst sie ihre Wohnung auf, hat sich ein Campingmobil gekauft und will fortan darin wohnen. Anfang September verlässt die 53-Jährige Minden. Ihr Ziel: unbekannt. Anke Oevermanns altes Leben endete vor einem Jahr. Am 23. August 2020 starb ihr Mann Andreas, mit dem sie 33 Jahre verheiratet war. Insofern ist der Schritt, den sie nun plant, für sie die logische Konsequenz. Die Mindenerin ist kompromisslos – und ihr Weg für sie alternativlos. „Ein Zuhause habe ich nicht mehr“, sagt sie. Denn ihr Mann, der war ihr Zuhause. Und er hatte eine Vision. Wenige Stunden vor seinem Tod sagte er zu seiner Frau, er sehe sie in einem Wohnmobil durch die Lande reisen – wenn er einmal nicht mehr da ist. Bis Ende September stand Anke Oevermann noch Tag für Tag in dem traditionsreichen Tabakwaren, Lotto- und Zeitschriftengeschäft an der Stiftsallee, dann schloss sie für immer zu. „Der Laden war unser Ding. Und alleine konnte ich ihn nicht weiter führen.“ Für das Ausräumen hat sie sich drei Monate Zeit gelassen, die habe sie gebraucht. Anfangs habe sie sich „wie amputiert“ gefühlt, beschreibt sie ihre Zeit der Trauer. Der lange Winter, der folgte, sei schlimm gewesen. Ohne die Hunde wäre sie untergegangen, sagt die 53-Jährige. Zu Timmy gesellte sich der Vierbeiner Kuddel dazu. Vier bis fünf Stunden verbringt sie täglich mit den Tieren draußen, das tut ihr gut. Die Mindenerin ist kommunikativ, lernt schnell neue Menschen kennen, über die Hunde geht das leicht. Angst vor dem Abenteuer, das vor ihr liegt, hat sie nicht. „Aber Respekt“. Ein Zuckerschlecken werde das nicht, ahnt sie. „Es wäre ein Fehler, das zu romantisieren.“ Aber ein Job von acht bis fünf, danach zurück in eine Zwei-Zimmer-Wohnung, das ist für sie keine Option. Dank ihrer Rücklagen hat sie mehr Freiheit. In ihrem Peugeot Camper sei auf 15 Quadratmetern alles drin, was sie brauche. Ein Zweiflammenherd, ein kleines Bad mit Warmwasser, ein Bett, eine Standheizung, ein Fernseher. Eine transportable Waschmaschine will sie sich noch kaufen, einen Elektroroller hat sie sich für kurze Fahrten zugelegt. Eine Wohnung aufzulösen sei deutlich schwieriger als umzuziehen, hat sie erfahren. Als Anlaufpunkt bleiben ihre Eltern in Ovenstädt, dort kann sie auch Sachen unterbringen. Aus ihrem alten Leben packt sie kaum etwas ein. „Die Nähmaschine muss mit.“ Nach der Schule hatte sie den Beruf der Bekleidungstechnikerin gelernt, bevor sie 1995 bei ihrem Mann ins Geschäft einstieg. Das kleine Schwarze könne sie getrost zurücklassen, überhaupt nimmt sie nichts mit, was gebügelt werden muss. „Man braucht nicht viel zum Leben.“ Wohin die Reise geht, darüber macht sie sich Gedanken, wenn sie im Camper sitzt. Vage Überlegungen gibt es schon. Die erste Zeit etwa würde Anke Oevermann gern in Mecklenburg-Vorpommern verbringen. Da war sie vor ein paar Jahren schon mal kurz, ebenfalls alleine, da das Ehepaar wegen des Geschäftes immer getrennt urlaubte. Die Landschaft dort habe ihr gut gefallen, überhaupt interessiert sie sich mehr für die nordischen Länder. Skandinavien, Schottland, Irland, da zieht es sie hin. Sie hofft, dass ihr Schulenglisch für die Verständigung reicht. „Da muss ich durch.“ Zur Not halt mit Händen und Füßen – und mit der Hilfe von netten Menschen. Aber zunächst geht es durch Deutschland. Maximal zwei Tage möchte sie an einem Ort bleiben. „Der Weg ist das Ziel.“ Vielleicht geht es am ersten Tag der Reise nur bis Nienburg. „Oder ich stehe am Abend auf Kanzlers Weide.“ Im Herbst kann sie sich die Mosel als Kulisse gut vorstellen. Vielleicht könne sie als Erntehelferin arbeiten, überlegt sie. „Dann bin ich eine obdachlose Tagelöhnerin“, sagt Anke Oevermann und lacht schallend. Ihren Humor hat sie nicht verloren. Viele Menschen meinten, nach einem Jahr sei die schlimmste Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen vorbei. „Aber so funktioniert das nicht.“ Ja, es sei besser geworden. Aber bis heute habe sie helle und dunkle Tage. Ihr Mann sei gleichzeitig ihr bester Freund gewesen. Und der Mensch, der sie am besten kannte. Auch ihre schlechten Seiten. Welche das sind, da muss sie eine Weile überlegen. Anke Oevermann bezeichnet sich als unkreativ, unordentlich und nicht teamfähig. Was außer diesen negativen Eigenschaften in ihr steckt, das will sie auf ihrem Roadtrip herausfinden. „Ich lasse mich auf ganzer Linie überraschen.“ Ein bisschen denkt sie auch an eine Reise zu sich selbst, dazu will sie Tagebuch führen. In den vergangenen Jahren hatte sie keine Zeit für: Wer bin ich? Eine 60-bis 70-Stundenwoche sei in ihrem Job die Regel gewesen. Ihre Lebensarbeitszeit habe sie damit auf jeden Fall abgearbeitet. „Mein Mann würde sagen: Das hast du dir verdient.“ Betrogen fühle sie sich nicht vom Schicksal. Sie habe schließlich ein tolles Leben gehabt. Ihre Umwelt reagiert eher verhalten auf ihre Pläne. „Bist du verrückt?“, diese Frage musste sie sich mehr als einmal anhören. Sie habe aber doch nichts zu verlieren, sagt die Mindenerin. Außerdem wüsste sie nicht, was sie sonst machen sollte. Zunehmend geht ihr seit einiger Zeit der Lärm an der Stiftsallee auf die Nerven. Autos, Laubbläser, tutende Schiffe auf dem Kanal: Ständig kommen von irgendwoher laute Geräusche. Offenbar wird es wirklich Zeit für den Abschied. Ob sie vor ihrem Weggang eine Abschlussparty schmeißt, weiß sie noch nicht. So, wie sie früher mit ihren spontanen Ideen die längerfristigen Pläne ihres Mannes durchkreuzte, denkt sie auch heute immer nur bis zum nächsten Tag. Das Leben hält sich nicht an deinen Entwurf, hat sie feststellen müssen. Und deshalb hat sie sich bisher wenig für den ersten Tag ihrer Reise vorgenommen: „Kanaluferstraße und dann Blinker rechts.“ Alles andere wird sich zeigen.

Die Reise ihres Lebens: Nach dem Tod ihres Mannes verlässt Anke Oevermann Minden - mit dem Camper und ohne Ziel

Wohin die Reise ihres Lebens geht, entscheidet Anke Oevermann an dem Tag, an dem sie Minden verlässt.
MT-Foto: Alex Lehn
© lehn

Minden. Ein Auto steht vor dem Kauf zur Probefahrt bereit. Auf einem Sofa lässt sich Probesitzen. Aber ein neues Leben auf Probe – das gibt es nicht. Anke Oevermann aus Minden lässt ihr altes Leben hinter sich. Eine Gebrauchsanweisung für das neue hat sie nicht. Aktuell löst sie ihre Wohnung auf, hat sich ein Campingmobil gekauft und will fortan darin wohnen. Anfang September verlässt die 53-Jährige Minden. Ihr Ziel: unbekannt.

Anke Oevermanns altes Leben endete vor einem Jahr. Am 23. August 2020 starb ihr Mann Andreas, mit dem sie 33 Jahre verheiratet war. Insofern ist der Schritt, den sie nun plant, für sie die logische Konsequenz. Die Mindenerin ist kompromisslos – und ihr Weg für sie alternativlos. „Ein Zuhause habe ich nicht mehr“, sagt sie. Denn ihr Mann, der war ihr Zuhause. Und er hatte eine Vision. Wenige Stunden vor seinem Tod sagte er zu seiner Frau, er sehe sie in einem Wohnmobil durch die Lande reisen – wenn er einmal nicht mehr da ist.

Bis Ende September stand Anke Oevermann noch Tag für Tag in dem traditionsreichen Tabakwaren, Lotto- und Zeitschriftengeschäft an der Stiftsallee, dann schloss sie für immer zu. „Der Laden war unser Ding. Und alleine konnte ich ihn nicht weiter führen.“ Für das Ausräumen hat sie sich drei Monate Zeit gelassen, die habe sie gebraucht. Anfangs habe sie sich „wie amputiert“ gefühlt, beschreibt sie ihre Zeit der Trauer. Der lange Winter, der folgte, sei schlimm gewesen. Ohne die Hunde wäre sie untergegangen, sagt die 53-Jährige. Zu Timmy gesellte sich der Vierbeiner Kuddel dazu. Vier bis fünf Stunden verbringt sie täglich mit den Tieren draußen, das tut ihr gut. Die Mindenerin ist kommunikativ, lernt schnell neue Menschen kennen, über die Hunde geht das leicht. Angst vor dem Abenteuer, das vor ihr liegt, hat sie nicht. „Aber Respekt“. Ein Zuckerschlecken werde das nicht, ahnt sie. „Es wäre ein Fehler, das zu romantisieren.“


Aber ein Job von acht bis fünf, danach zurück in eine Zwei-Zimmer-Wohnung, das ist für sie keine Option. Dank ihrer Rücklagen hat sie mehr Freiheit. In ihrem Peugeot Camper sei auf 15 Quadratmetern alles drin, was sie brauche. Ein Zweiflammenherd, ein kleines Bad mit Warmwasser, ein Bett, eine Standheizung, ein Fernseher. Eine transportable Waschmaschine will sie sich noch kaufen, einen Elektroroller hat sie sich für kurze Fahrten zugelegt. Eine Wohnung aufzulösen sei deutlich schwieriger als umzuziehen, hat sie erfahren. Als Anlaufpunkt bleiben ihre Eltern in Ovenstädt, dort kann sie auch Sachen unterbringen. Aus ihrem alten Leben packt sie kaum etwas ein. „Die Nähmaschine muss mit.“ Nach der Schule hatte sie den Beruf der Bekleidungstechnikerin gelernt, bevor sie 1995 bei ihrem Mann ins Geschäft einstieg. Das kleine Schwarze könne sie getrost zurücklassen, überhaupt nimmt sie nichts mit, was gebügelt werden muss. „Man braucht nicht viel zum Leben.“

Wohin die Reise geht, darüber macht sie sich Gedanken, wenn sie im Camper sitzt. Vage Überlegungen gibt es schon. Die erste Zeit etwa würde Anke Oevermann gern in Mecklenburg-Vorpommern verbringen. Da war sie vor ein paar Jahren schon mal kurz, ebenfalls alleine, da das Ehepaar wegen des Geschäftes immer getrennt urlaubte. Die Landschaft dort habe ihr gut gefallen, überhaupt interessiert sie sich mehr für die nordischen Länder. Skandinavien, Schottland, Irland, da zieht es sie hin. Sie hofft, dass ihr Schulenglisch für die Verständigung reicht. „Da muss ich durch.“ Zur Not halt mit Händen und Füßen – und mit der Hilfe von netten Menschen.

Aber zunächst geht es durch Deutschland. Maximal zwei Tage möchte sie an einem Ort bleiben. „Der Weg ist das Ziel.“ Vielleicht geht es am ersten Tag der Reise nur bis Nienburg. „Oder ich stehe am Abend auf Kanzlers Weide.“ Im Herbst kann sie sich die Mosel als Kulisse gut vorstellen. Vielleicht könne sie als Erntehelferin arbeiten, überlegt sie. „Dann bin ich eine obdachlose Tagelöhnerin“, sagt Anke Oevermann und lacht schallend. Ihren Humor hat sie nicht verloren.

Viele Menschen meinten, nach einem Jahr sei die schlimmste Zeit nach dem Tod eines geliebten Menschen vorbei. „Aber so funktioniert das nicht.“ Ja, es sei besser geworden. Aber bis heute habe sie helle und dunkle Tage. Ihr Mann sei gleichzeitig ihr bester Freund gewesen. Und der Mensch, der sie am besten kannte. Auch ihre schlechten Seiten. Welche das sind, da muss sie eine Weile überlegen. Anke Oevermann bezeichnet sich als unkreativ, unordentlich und nicht teamfähig. Was außer diesen negativen Eigenschaften in ihr steckt, das will sie auf ihrem Roadtrip herausfinden. „Ich lasse mich auf ganzer Linie überraschen.“ Ein bisschen denkt sie auch an eine Reise zu sich selbst, dazu will sie Tagebuch führen.

In den vergangenen Jahren hatte sie keine Zeit für: Wer bin ich? Eine 60-bis 70-Stundenwoche sei in ihrem Job die Regel gewesen. Ihre Lebensarbeitszeit habe sie damit auf jeden Fall abgearbeitet. „Mein Mann würde sagen: Das hast du dir verdient.“ Betrogen fühle sie sich nicht vom Schicksal. Sie habe schließlich ein tolles Leben gehabt.

Ihre Umwelt reagiert eher verhalten auf ihre Pläne. „Bist du verrückt?“, diese Frage musste sie sich mehr als einmal anhören. Sie habe aber doch nichts zu verlieren, sagt die Mindenerin. Außerdem wüsste sie nicht, was sie sonst machen sollte. Zunehmend geht ihr seit einiger Zeit der Lärm an der Stiftsallee auf die Nerven. Autos, Laubbläser, tutende Schiffe auf dem Kanal: Ständig kommen von irgendwoher laute Geräusche. Offenbar wird es wirklich Zeit für den Abschied.

Ob sie vor ihrem Weggang eine Abschlussparty schmeißt, weiß sie noch nicht. So, wie sie früher mit ihren spontanen Ideen die längerfristigen Pläne ihres Mannes durchkreuzte, denkt sie auch heute immer nur bis zum nächsten Tag. Das Leben hält sich nicht an deinen Entwurf, hat sie feststellen müssen. Und deshalb hat sie sich bisher wenig für den ersten Tag ihrer Reise vorgenommen: „Kanaluferstraße und dann Blinker rechts.“ Alles andere wird sich zeigen.

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