Die Kümmerer: So läuft Wirtschaftsförderung in Minden Henning Wandel Minden (mt). Wirtschaftsförderung als Chefsache - mit diesem Anspruch startete Michael Buhre in sein Amt als Bürgermeister. Zu diesem Zeitpunkt war eine entsprechende Stelle bei der Mindener Entwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (MEW) gerade weggefallen. „Es gab keinen Apparat“, sagt Buhre rückblickend. Inzwischen hat sich das geändert. Sigrun Lohmeier und Andreas Chwalek sind jetzt die direkten Ansprechpartner für die heimische Wirtschaft. Doch damit das Konzept Erfolg hat, muss die Stadt Minden ein größeres Rad drehen: „Wirtschaftsförderung ist Sache der gesamten Verwaltung“, sagt der Bürgermeister. Von der Baugenehmigung bis zur Kinderbetreuung sind alle gefordert.Die klassischen Ziele von Wirtschaftsförderung sind klar umrissen: Arbeitsplätze sichern und schaffen, eine gute Wirtschaftsstruktur herstellen und somit die Finanzkraft der Kommune stärken. Auf Minden heruntergebrochen bedeutet das vor allem, ein attraktiver Standort zu sein - nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Mitarbeiter, ohne die es schließlich in keiner Firma geht. Wer wegen des Jobs nach Minden zieht, erwartet eben auch ein breites Kultur- und Freizeitangebot, eine gute Bildungslandschaft und auch die Chance, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.Dabei richtet sich der Blick zunächst nach Innen: „Unternehmensservice“ steht im Wirtschaftsförderungskonzept der Stadt weit oben. Die Stadt will sich zunächst einmal um die kümmern, die schon hier sind. Doch bei allen guten Vorsätzen gibt es ein Problem: Wie lässt sich der Erfolg einzelner Maßnahmen messen? Lohmeier und Chwalek stützen sich auf bei ihrer Präsentation vor dem Haupt- und Finanzausschuss auf eine Umfrage unter den Mindener Unternehmen, die im vergangenen Jahr bereits zum zweiten Mal abgehalten wurde. Durchaus mit überraschenden Ergebnissen: Der im Vergleich zum benachbarten Niedersachsen hohe Gewerbesteuersatz ist offenbar kein Problem. Auf der Rangliste der 25 wichtigsten Standortfaktoren taucht der Punkt „Steuern und Abgaben“ erst auf Platz 17 auf. Und: 94 Prozent der Befragten sind mit deren Ausgestaltung sogar zufrieden. Auch allgemein beurteilen 87 Prozent die Standortfaktoren als gut oder sehr gut.Ganz oben auf der Wunschliste der Unternehmen ist das schnelle Internet. Und auch hier sind die Antworten überwiegend positiv. „Das schnelle Internet ist für uns kein Thema mehr“ sagt Chwalek. Schon im März sollen die letzten weißen Flecken auf der Mindener Breitband-Landkarte verschwunden sein.Doch ein genauer Blick auf andere wichtige Standortfaktoren zeigt, dass es durchaus auch Schatten gibt. Bestes Beispiel: die Innenstadtentwicklung. Zwar ist die Grundversorgung in Minden gut. Doch vor dem Hintergrund von zwei geplatzten Einkaufscenter-Projekten sieht hier etwa ein Drittel eine negative Entwicklung. Ein klares Signal: „Hier muss etwas getan werden“, interpretiert Chwalek die Umfrageergebnisse. Die Stadt setzt auf laufende Projekte: Schon in wenigen Wochen soll der Scharn fertig sein, es folgen Arbeiten am Markt und weitere Planungen für die Obermarktpassage. Darüber hinaus soll die Kreativgruppe als „Beirat“ für die Innenstadt erweitert und das Alte Gefängnis entwickelt werden.Die Mindener Wirtschaftsförderung ist auf den direkten Draht zwischen Verwaltung und Unternehmen aufgebaut: Unternehmerfrühstück, Workshop und mehr als 20 Firmenbesuche pro Jahr sollen die Akteure einander näherbringen. Der Vergleich der Umfrageergebnisse zeigt erste Erfolge. Bei der ersten Welle bezeichneten 64 Prozent den Service der Stadtverwaltung als gut, zwei Jahr später machten 47 Prozent ihr Kreuz an dieser Stelle, dafür urteilten 19 Prozent mit „sehr gut“. Im Ausschuss gab es aber auch Zweifel an der Aussagekraft der Studie, an der sich 112 von 740 angeschriebenen Unternehmen beteiligt hatten - die sogenannte Rücklaufquote lag also bei 15 Prozent. Aus Statistikersicht ein normaler Wert, sagt Andreas Chwalek und auch der Bürgermeister widerspricht dem Einwand des Linken Stefan Schröder. Die Ergebnisse bilden aus Buhres Sicht die Situation der Mindener Wirtschaft ab - zumal die 26 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigen repräsentieren. „Wir haben die großen Unternehmen erreicht“, sagt Buhre.Die Arbeitsmarktzahlen machen auch an anderer Stelle Mut: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten steigt seit Jahren kontinuierlich auf zuletzt mehr als 35 000. Im Vergleich zu den Kreiszahlen lässt die Dynamik hier allerdings etwas nach - eine Erklärung dafür bietet die Arbeitslosenstatistik: Hier ist die Entwicklung im Kreis stabil, in Minden hingegen gab es im vergangenen Jahr einen spürbaren Anstieg. Minden ist nicht nur ein zentraler Wirtschaft- und Arbeitsort. Auch für Empfänger von Transferleistungen ist die Stadt wegen ihrer kurzen Wege ein besserer Ort zum Leben, als zum Beispiel das Dorf auf dem Land. 11,5 Prozent der Mindener erhalten Hilfe nach dem Sozialogesetzbuch II, also Hartz IV. Beim Zuzug liegt die Quote inzwischen bei 15 Prozent. „Diese Entwicklung ist nicht erfreulich“, sagt Buhre.In diesem Jahr wollen die Mindener Wirtschaftsförderer die nächsten Schritte machen. Ein Thema ist die Zusammenarbeit mit dem Kreis und den benachbarten Kommunen. Stichwort: Interkommunales Gewerbegebiet. Erste Gespräche laufen bereits, wie es bei der Präsentation heißt. Und weil manchen Interessenten der Platz ausgeht - in Päpinghausen beispielsweise hat sich die freie Fläche in den vergangenen acht Jahren von 16,1 auf 7,3 Hektar mehr als halbiert - müssen neue Flächen her. Denn auch das zeigen die Zahlen: Minden ist ein Industriestandort. Mehr als ein Viertel aller Arbeitsplätze sind dem produzierenden Gewerbe zuzurechnen - mehr als insgesamt im „Industrieland NRW“. Und weil auch der große Dienstleistungsbereich vom industriellen Standbein abhängt, hängt für die Stadt Minden viel vom Erfolg der Wirtschaftsförderer ab.

Die Kümmerer: So läuft Wirtschaftsförderung in Minden

Viel Platz für die Wirtschaft: Die Karte zeigt den Großteil der ausgewiesenen Gewerbegebiete. Nicht alle Flächen sind vergeben, manche sind noch Ackerland. Karte: Stadt Minden

Minden (mt). Wirtschaftsförderung als Chefsache - mit diesem Anspruch startete Michael Buhre in sein Amt als Bürgermeister. Zu diesem Zeitpunkt war eine entsprechende Stelle bei der Mindener Entwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (MEW) gerade weggefallen. „Es gab keinen Apparat“, sagt Buhre rückblickend. Inzwischen hat sich das geändert. Sigrun Lohmeier und Andreas Chwalek sind jetzt die direkten Ansprechpartner für die heimische Wirtschaft. Doch damit das Konzept Erfolg hat, muss die Stadt Minden ein größeres Rad drehen: „Wirtschaftsförderung ist Sache der gesamten Verwaltung“, sagt der Bürgermeister. Von der Baugenehmigung bis zur Kinderbetreuung sind alle gefordert.

Die klassischen Ziele von Wirtschaftsförderung sind klar umrissen: Arbeitsplätze sichern und schaffen, eine gute Wirtschaftsstruktur herstellen und somit die Finanzkraft der Kommune stärken. Auf Minden heruntergebrochen bedeutet das vor allem, ein attraktiver Standort zu sein - nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Mitarbeiter, ohne die es schließlich in keiner Firma geht. Wer wegen des Jobs nach Minden zieht, erwartet eben auch ein breites Kultur- und Freizeitangebot, eine gute Bildungslandschaft und auch die Chance, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Fotostrecke 4 Bilder

Dabei richtet sich der Blick zunächst nach Innen: „Unternehmensservice“ steht im Wirtschaftsförderungskonzept der Stadt weit oben. Die Stadt will sich zunächst einmal um die kümmern, die schon hier sind. Doch bei allen guten Vorsätzen gibt es ein Problem: Wie lässt sich der Erfolg einzelner Maßnahmen messen? Lohmeier und Chwalek stützen sich auf bei ihrer Präsentation vor dem Haupt- und Finanzausschuss auf eine Umfrage unter den Mindener Unternehmen, die im vergangenen Jahr bereits zum zweiten Mal abgehalten wurde. Durchaus mit überraschenden Ergebnissen: Der im Vergleich zum benachbarten Niedersachsen hohe Gewerbesteuersatz ist offenbar kein Problem. Auf der Rangliste der 25 wichtigsten Standortfaktoren taucht der Punkt „Steuern und Abgaben“ erst auf Platz 17 auf. Und: 94 Prozent der Befragten sind mit deren Ausgestaltung sogar zufrieden. Auch allgemein beurteilen 87 Prozent die Standortfaktoren als gut oder sehr gut.

Ganz oben auf der Wunschliste der Unternehmen ist das schnelle Internet. Und auch hier sind die Antworten überwiegend positiv. „Das schnelle Internet ist für uns kein Thema mehr“ sagt Chwalek. Schon im März sollen die letzten weißen Flecken auf der Mindener Breitband-Landkarte verschwunden sein.

Doch ein genauer Blick auf andere wichtige Standortfaktoren zeigt, dass es durchaus auch Schatten gibt. Bestes Beispiel: die Innenstadtentwicklung. Zwar ist die Grundversorgung in Minden gut. Doch vor dem Hintergrund von zwei geplatzten Einkaufscenter-Projekten sieht hier etwa ein Drittel eine negative Entwicklung. Ein klares Signal: „Hier muss etwas getan werden“, interpretiert Chwalek die Umfrageergebnisse. Die Stadt setzt auf laufende Projekte: Schon in wenigen Wochen soll der Scharn fertig sein, es folgen Arbeiten am Markt und weitere Planungen für die Obermarktpassage. Darüber hinaus soll die Kreativgruppe als „Beirat“ für die Innenstadt erweitert und das Alte Gefängnis entwickelt werden.

Die Mindener Wirtschaftsförderung ist auf den direkten Draht zwischen Verwaltung und Unternehmen aufgebaut: Unternehmerfrühstück, Workshop und mehr als 20 Firmenbesuche pro Jahr sollen die Akteure einander näherbringen. Der Vergleich der Umfrageergebnisse zeigt erste Erfolge. Bei der ersten Welle bezeichneten 64 Prozent den Service der Stadtverwaltung als gut, zwei Jahr später machten 47 Prozent ihr Kreuz an dieser Stelle, dafür urteilten 19 Prozent mit „sehr gut“. Im Ausschuss gab es aber auch Zweifel an der Aussagekraft der Studie, an der sich 112 von 740 angeschriebenen Unternehmen beteiligt hatten - die sogenannte Rücklaufquote lag also bei 15 Prozent. Aus Statistikersicht ein normaler Wert, sagt Andreas Chwalek und auch der Bürgermeister widerspricht dem Einwand des Linken Stefan Schröder. Die Ergebnisse bilden aus Buhres Sicht die Situation der Mindener Wirtschaft ab - zumal die 26 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigen repräsentieren. „Wir haben die großen Unternehmen erreicht“, sagt Buhre.

Die Arbeitsmarktzahlen machen auch an anderer Stelle Mut: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten steigt seit Jahren kontinuierlich auf zuletzt mehr als 35 000. Im Vergleich zu den Kreiszahlen lässt die Dynamik hier allerdings etwas nach - eine Erklärung dafür bietet die Arbeitslosenstatistik: Hier ist die Entwicklung im Kreis stabil, in Minden hingegen gab es im vergangenen Jahr einen spürbaren Anstieg. Minden ist nicht nur ein zentraler Wirtschaft- und Arbeitsort. Auch für Empfänger von Transferleistungen ist die Stadt wegen ihrer kurzen Wege ein besserer Ort zum Leben, als zum Beispiel das Dorf auf dem Land. 11,5 Prozent der Mindener erhalten Hilfe nach dem Sozialogesetzbuch II, also Hartz IV. Beim Zuzug liegt die Quote inzwischen bei 15 Prozent. „Diese Entwicklung ist nicht erfreulich“, sagt Buhre.

In diesem Jahr wollen die Mindener Wirtschaftsförderer die nächsten Schritte machen. Ein Thema ist die Zusammenarbeit mit dem Kreis und den benachbarten Kommunen. Stichwort: Interkommunales Gewerbegebiet. Erste Gespräche laufen bereits, wie es bei der Präsentation heißt. Und weil manchen Interessenten der Platz ausgeht - in Päpinghausen beispielsweise hat sich die freie Fläche in den vergangenen acht Jahren von 16,1 auf 7,3 Hektar mehr als halbiert - müssen neue Flächen her. Denn auch das zeigen die Zahlen: Minden ist ein Industriestandort. Mehr als ein Viertel aller Arbeitsplätze sind dem produzierenden Gewerbe zuzurechnen - mehr als insgesamt im „Industrieland NRW“. Und weil auch der große Dienstleistungsbereich vom industriellen Standbein abhängt, hängt für die Stadt Minden viel vom Erfolg der Wirtschaftsförderer ab.

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Minden