Die Heimkehr der Familie von Borries Jürgen Langenkämper Minden. 1390 taucht der Name Borries zum ersten Mal in den Annalen Mindens auf. Gerhard Borries ist vier Jahre lang bis 1394 Bürgermeister einer zunehmend selbstbewusster auftretenden Bürgerschaft in der Bischofsstadt. Kurze Zeit später übernimmt Hermann Borries, möglicherweise sein Sohn oder ein Neffe, das Amt. Auf ihn gehen 600 Jahre später alle Mitglieder des Familienverbandes Borries in aller Welt zurück. Am Wochenende trafen sich fast vier Dutzend von ihnen in der westfälischen Heimatstadt – zum ersten Mal seit fast hundert Jahren. „Das letzte Mal hat sich die Familie 1922 in Minden getroffen“, sagt Organisator Detlof Graf von Borries. Seither gab und gibt es weniger direkte persönliche Bezüge zu der Ursprungsstadt, in der heute kein Namensträger mehr lebt. Aber dass die Familie aus Minden stammt und sich von hier aus deutschlandweit und nach Übersee verbreitete, daran kann kein Zweifel bestehen. Zu der Zeit, als sich auch bei Nichtadeligen Familiennamen anstelle ständig wechselnder Eigennamen einbürgerten, leitete jener Bürgermeister Gerhard oder seine unmittelbaren Vorfahren ihren Familiennamen von dem Heiligen Liborius ab. Nicht nachgewiesen ist eine andere Hypothese, dass die Familie von den Freiherren von Bordere abstammt, Lehnsmännern des Bischofs Widukind von Minden. Jener gesicherte Stammvater aller von Borries, Hermann, wurde 1425 Bürgermeister und war Vorsteher des Nicolai-Armenhauses. Seine Nachkommen tauchten in Urkunden der Stadt bis ins späte 17. Jahrhundert über mehr als 250 Jahre hinweg immer wieder als Ratsherren, Bürgermeister, Stadtkämmerer, Brüchteherren, Scholarchen und Vorsteher des Nicolai-Armenhauses und des Heiligen-Geist-Hospitals auf. Zunehmend setzte auch in der Familie eine Professionalisierung ein, indem Söhne Rechtswissenschaften an verschiedenen neu gegründeten Universitäten erst in Deutschland, ab dem 18. Jahrhundert auch im Ausland studierten. Die Reformation brachte es jedoch mit sich, dass der Einfluss der Patrizierfamilien auf das Stadtgeschehen zurückgedrängt wurde. Doch die Familie Borries blieb bis zum Dreißigjährigen Krieg in der Stadt verwurzelt. Diese enge Bindung bekam während des Glaubenskrieges erste Risse. Die sechste Generation stellte noch mindestens vier Ratsherren, darunter Heinrich Borries (1608-1673), der mit der Tochter des schwedischen Kanzlers und Geheimen Rates Heinrich Grave verheiratet war und als Kämmerer für seine Heimatstadt an den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden teil nahm. Zur Zeit des Großen Kurfürsten wurde auch er Bürgermeister. Aber schon die nächste Generation zog es aus der Stadt hinaus. „Alle wurden in Minden noch während des Dreißigjährigen Krieges geboren“, stellte Evi Borries bei ihren Recherchen zu den Juristen in der Familiengeschichte fest. „Viele blieben ihrer Heimatstadt treu, aber wie aus den Angaben zu den Orten ihres Ablebens zu erkennen ist, hat es einige doch aus der Stadt Minden gezogen.“ Immerhin wies Johann Daniel Borries in jener Zeit als Bürgermeister in der brandenburgisch gewordenen Stadt von 1673 bis 1675 und von 1677 bis 1693 mit kurzer Unterbrechung eine der längsten Amtszeiten überhaupt auf. Zugleich war er der letzte seines Namens in dieser Funktion. Doch längst hatte die Familie die Vorzüge eines Amtes im Dienst der Landesherren erkannt. In der nachfolgenden achten Generation erwarb Johann Friedrich Borries besonderes Ansehen. Nach einer Promotion an der Universität Helmstedt war er in Einbeck, Celle und Stade als Jurist tätig. Damit wurde er zum Begründer der Hannoverschen Linie. 1733 wurde ihm ein Adelsdiplom verliehen. Sein Bruder Ludwig studierte nicht nur in Helmstedt, dessen Universität in jener Zeit einen guten Ruf genoss, sondern auch in Leyden, Cambridge und Oxford. In der achten Generation zog es auch Johann Heinrich Borries in die Ferne. Jurist von der Ausbildung her, übte er militärische Ämter in Herford, den Niederlanden, Limburg und Sachsen aus. Von zentraler Bedeutung für die weitere Familiengeschichte sollte Franz Christian von Borries (1723-1795) aus dem Rahdener Zweig der Familie werden. Als englischer Beauftragter für die Abwicklung der Fouragelieferungen an die alliierten Armeen in Deutschland brachte er es während des Siebenjährigen Krieges zu beträchtlichem Vermögen, von dem er mehrere Güter kaufen konnte. 1777 erneuerte der Kaiser sein Adelsprivileg. Als er 1795 kinderlos starb, erbten andere Zweige der Familie seine Güter. „Leider sind heute keine der Besitzungen mehr in der Hand eines Borries’schen Namensträgers“, bedauert Evi von Borries. Damals verlagerte sich aber auch der Schwerpunkt innerhalb der Familie endgültig aus dem Mindener Raum in Richtung Ravensberg und Lippe, wie sich im folgenden 19. Jahrhundert zeigen sollte. Doch weiterhin blieben Minden und die dortige Kriegs- und Domänenkammer als Vorläuferin der späteren Bezirksregierungen eine wichtige Durchlaufstation für viele Juristen aus dem Hause von Borries. Mit den aus Stade stammenden Brüdern Philipp (1778-1838) und Franz von Borries (1785-1858) setzte eine mehr als hundertjährige Landratstradition in preußischen Diensten ein. Der ältere Bruder war von 1817 bis 1832 Landrat des Kreises Bünde und wurde es danach bis zu seinem Tode 1838 im Kreis Herford. Sein Sohn Georg (1811-1870) beerbte ihn in dieser Funktion. Und auch dessen Söhne traten unmittelbar in die administrativen Fußstapfen ihres Vaters. Rudolf von Borries (1843-1890) war von 1870 bis 1890 Landrat in Herford. Nach seinem Tod folgte ihm auf Bitten des Kreistages sein jüngerer Bruder, Georg junior (1857-1922, nach, der bereits seit 1885 Landrat im ostfriesischen Norden war. 1903 wurde er Polizeipräsident von Berlin, 1908 Regierungspräsident von Magdeburg und 1909 in Minden, was er bis zu seiner Pensionierung 1917 blieb. Zuvor war bereits Philipps jüngerer Bruder Franz von 1847 bis 1854 Regierungspräsident in Minden, nachdem er zuvor von 1817 bis 1837 Landrat in Bielefeld gewesen war. 1852 verlieh ihm die Stadt Minden die Ehrenbürgerwürde. Beider Neffe Wilhelm von Borries (1802-1883), Sohn ihres gleichnamigen ältesten Bruders, war 1851/52 Innenminister in Hannover. König Georg V. erhob ihn in den erblichen Grafenstand. Nachfolger von Georg von Borries junior in Herford wurde 1903 ein anderer Franz von Borries (1868-1943). Nach 30 Jahren im Amt schied er 1933 mit Erreichen des Pensionsalters, das nicht alle seine Vorgänger erleben durften, zu Beginn der Nazi-Herrschaft aus dem Dienst aus. An diesem Wochenende erkundeten Vertreter der 17., 18. und 19. Generation die Stadt ihrer Vorfahren. Ein Abstecher führte sie auch nach Bückeburg. Im Wasserschloss Ulenburg in Löhne, einem ehemaligen Sitz derer von Borries, hielt der Familienverband seine turnusgemäße Jahreshauptversammlung als eingetragener Verein ab. Die meisten Familienmitglieder leben übrigens in Südamerika, allein mehr als 200 in Bolivien, und konnten pandemiebedingt nicht anreisen. Lediglich rund 140 Familienmitglieder wohnen in Europa, meist in Deutschland. Nicht auszuschließen, dass es auch in Minden noch Nachfahren jener Urahnen Gerhard und Hermann Borries leben – nur unter anderem Namen. „Die Töchter sind meist in der Stadt geblieben und haben geheiratet“, sagt Detlof Graf von Borries mit einer gewissen Offenheit für noch unbekannte entfernt Verwandte.

Die Heimkehr der Familie von Borries

Familientreffen in Minden: Mehr als 40 Mitglieder der Familie von Borries kamen erstmals seit fast 100 Jahren wieder in der Heimatstadt ihrer Vorfahren zusammen. Nach einem Stadtrundgang trafen sich drei Generationen zum gemeinsamen Mahl im Hotel Lindgart. Foto: Kerstin Rickert

Minden. 1390 taucht der Name Borries zum ersten Mal in den Annalen Mindens auf. Gerhard Borries ist vier Jahre lang bis 1394 Bürgermeister einer zunehmend selbstbewusster auftretenden Bürgerschaft in der Bischofsstadt. Kurze Zeit später übernimmt Hermann Borries, möglicherweise sein Sohn oder ein Neffe, das Amt. Auf ihn gehen 600 Jahre später alle Mitglieder des Familienverbandes Borries in aller Welt zurück. Am Wochenende trafen sich fast vier Dutzend von ihnen in der westfälischen Heimatstadt – zum ersten Mal seit fast hundert Jahren.

„Das letzte Mal hat sich die Familie 1922 in Minden getroffen“, sagt Organisator Detlof Graf von Borries. Seither gab und gibt es weniger direkte persönliche Bezüge zu der Ursprungsstadt, in der heute kein Namensträger mehr lebt. Aber dass die Familie aus Minden stammt und sich von hier aus deutschlandweit und nach Übersee verbreitete, daran kann kein Zweifel bestehen.

Zu der Zeit, als sich auch bei Nichtadeligen Familiennamen anstelle ständig wechselnder Eigennamen einbürgerten, leitete jener Bürgermeister Gerhard oder seine unmittelbaren Vorfahren ihren Familiennamen von dem Heiligen Liborius ab. Nicht nachgewiesen ist eine andere Hypothese, dass die Familie von den Freiherren von Bordere abstammt, Lehnsmännern des Bischofs Widukind von Minden.

Malina Reckordt

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Jener gesicherte Stammvater aller von Borries, Hermann, wurde 1425 Bürgermeister und war Vorsteher des Nicolai-Armenhauses. Seine Nachkommen tauchten in Urkunden der Stadt bis ins späte 17. Jahrhundert über mehr als 250 Jahre hinweg immer wieder als Ratsherren, Bürgermeister, Stadtkämmerer, Brüchteherren, Scholarchen und Vorsteher des Nicolai-Armenhauses und des Heiligen-Geist-Hospitals auf.

Landrat, Regierungspräsident, Ehrenbürger: Franz von Borries. - © gemeinfrei
Landrat, Regierungspräsident, Ehrenbürger: Franz von Borries. - © gemeinfrei

Zunehmend setzte auch in der Familie eine Professionalisierung ein, indem Söhne Rechtswissenschaften an verschiedenen neu gegründeten Universitäten erst in Deutschland, ab dem 18. Jahrhundert auch im Ausland studierten. Die Reformation brachte es jedoch mit sich, dass der Einfluss der Patrizierfamilien auf das Stadtgeschehen zurückgedrängt wurde. Doch die Familie Borries blieb bis zum Dreißigjährigen Krieg in der Stadt verwurzelt.

Haus am Markt: Nach der Familienüberlieferung wohnte der Ahnherr Hermann Borries nahe am Rathaus. Fotos: Sammlung von Borries - © Sammlung von Borries
Haus am Markt: Nach der Familienüberlieferung wohnte der Ahnherr Hermann Borries nahe am Rathaus. Fotos: Sammlung von Borries - © Sammlung von Borries

Diese enge Bindung bekam während des Glaubenskrieges erste Risse. Die sechste Generation stellte noch mindestens vier Ratsherren, darunter Heinrich Borries (1608-1673), der mit der Tochter des schwedischen Kanzlers und Geheimen Rates Heinrich Grave verheiratet war und als Kämmerer für seine Heimatstadt an den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden teil nahm. Zur Zeit des Großen Kurfürsten wurde auch er Bürgermeister.

Landrat von Herford: Georg von Borries senior. - © Sammlung von Borries
Landrat von Herford: Georg von Borries senior. - © Sammlung von Borries

Aber schon die nächste Generation zog es aus der Stadt hinaus. „Alle wurden in Minden noch während des Dreißigjährigen Krieges geboren“, stellte Evi Borries bei ihren Recherchen zu den Juristen in der Familiengeschichte fest. „Viele blieben ihrer Heimatstadt treu, aber wie aus den Angaben zu den Orten ihres Ablebens zu erkennen ist, hat es einige doch aus der Stadt Minden gezogen.“ Immerhin wies Johann Daniel Borries in jener Zeit als Bürgermeister in der brandenburgisch gewordenen Stadt von 1673 bis 1675 und von 1677 bis 1693 mit kurzer Unterbrechung eine der längsten Amtszeiten überhaupt auf. Zugleich war er der letzte seines Namens in dieser Funktion. Doch längst hatte die Familie die Vorzüge eines Amtes im Dienst der Landesherren erkannt.

In der nachfolgenden achten Generation erwarb Johann Friedrich Borries besonderes Ansehen. Nach einer Promotion an der Universität Helmstedt war er in Einbeck, Celle und Stade als Jurist tätig. Damit wurde er zum Begründer der Hannoverschen Linie. 1733 wurde ihm ein Adelsdiplom verliehen. Sein Bruder Ludwig studierte nicht nur in Helmstedt, dessen Universität in jener Zeit einen guten Ruf genoss, sondern auch in Leyden, Cambridge und Oxford.

In der achten Generation zog es auch Johann Heinrich Borries in die Ferne. Jurist von der Ausbildung her, übte er militärische Ämter in Herford, den Niederlanden, Limburg und Sachsen aus.

Von zentraler Bedeutung für die weitere Familiengeschichte sollte Franz Christian von Borries (1723-1795) aus dem Rahdener Zweig der Familie werden. Als englischer Beauftragter für die Abwicklung der Fouragelieferungen an die alliierten Armeen in Deutschland brachte er es während des Siebenjährigen Krieges zu beträchtlichem Vermögen, von dem er mehrere Güter kaufen konnte. 1777 erneuerte der Kaiser sein Adelsprivileg. Als er 1795 kinderlos starb, erbten andere Zweige der Familie seine Güter. „Leider sind heute keine der Besitzungen mehr in der Hand eines Borries’schen Namensträgers“, bedauert Evi von Borries.

Damals verlagerte sich aber auch der Schwerpunkt innerhalb der Familie endgültig aus dem Mindener Raum in Richtung Ravensberg und Lippe, wie sich im folgenden 19. Jahrhundert zeigen sollte. Doch weiterhin blieben Minden und die dortige Kriegs- und Domänenkammer als Vorläuferin der späteren Bezirksregierungen eine wichtige Durchlaufstation für viele Juristen aus dem Hause von Borries. Mit den aus Stade stammenden Brüdern Philipp (1778-1838) und Franz von Borries (1785-1858) setzte eine mehr als hundertjährige Landratstradition in preußischen Diensten ein. Der ältere Bruder war von 1817 bis 1832 Landrat des Kreises Bünde und wurde es danach bis zu seinem Tode 1838 im Kreis Herford. Sein Sohn Georg (1811-1870) beerbte ihn in dieser Funktion. Und auch dessen Söhne traten unmittelbar in die administrativen Fußstapfen ihres Vaters. Rudolf von Borries (1843-1890) war von 1870 bis 1890 Landrat in Herford. Nach seinem Tod folgte ihm auf Bitten des Kreistages sein jüngerer Bruder, Georg junior (1857-1922, nach, der bereits seit 1885 Landrat im ostfriesischen Norden war. 1903 wurde er Polizeipräsident von Berlin, 1908 Regierungspräsident von Magdeburg und 1909 in Minden, was er bis zu seiner Pensionierung 1917 blieb.

Zuvor war bereits Philipps jüngerer Bruder Franz von 1847 bis 1854 Regierungspräsident in Minden, nachdem er zuvor von 1817 bis 1837 Landrat in Bielefeld gewesen war. 1852 verlieh ihm die Stadt Minden die Ehrenbürgerwürde.

Beider Neffe Wilhelm von Borries (1802-1883), Sohn ihres gleichnamigen ältesten Bruders, war 1851/52 Innenminister in Hannover. König Georg V. erhob ihn in den erblichen Grafenstand.

Nachfolger von Georg von Borries junior in Herford wurde 1903 ein anderer Franz von Borries (1868-1943). Nach 30 Jahren im Amt schied er 1933 mit Erreichen des Pensionsalters, das nicht alle seine Vorgänger erleben durften, zu Beginn der Nazi-Herrschaft aus dem Dienst aus.

An diesem Wochenende erkundeten Vertreter der 17., 18. und 19. Generation die Stadt ihrer Vorfahren. Ein Abstecher führte sie auch nach Bückeburg. Im Wasserschloss Ulenburg in Löhne, einem ehemaligen Sitz derer von Borries, hielt der Familienverband seine turnusgemäße Jahreshauptversammlung als eingetragener Verein ab.

Die meisten Familienmitglieder leben übrigens in Südamerika, allein mehr als 200 in Bolivien, und konnten pandemiebedingt nicht anreisen. Lediglich rund 140 Familienmitglieder wohnen in Europa, meist in Deutschland.

Nicht auszuschließen, dass es auch in Minden noch Nachfahren jener Urahnen Gerhard und Hermann Borries leben – nur unter anderem Namen. „Die Töchter sind meist in der Stadt geblieben und haben geheiratet“, sagt Detlof Graf von Borries mit einer gewissen Offenheit für noch unbekannte entfernt Verwandte.

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