Die Aerosole bändigen - Gesangslehrerin Heike Scholl-Braun hat den Klangschirm entwickelt Ursula Koch Minden. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind die Chöre verstummt. Singen gilt als die Tätigkeit, die die meisten Aerosole produziert und damit ein hohes Infektionsrisiko birgt. Singen soll 100 bis 1.000 mal mehr Aerosole freisetzen als Sprechen. Proben per Video-Konferenz, auf Abstand oder Singen unter freiem Himmel haben im vergangenen Sommer viele Ensembles ausprobiert – und waren mit den Ergebnissen nicht wirklich zufrieden. Noch schlimmer aber trifft die meisten Chormitglieder, dass sie nicht mehr gemeinsam singen können. Dieses Dilemma möchte die Sängerin und Chorleiterin Heike Scholl-Braun mit ihrem „Klangschirm“ lösen. Auf die Idee kam die Meerbeckerin, die von 2015 bis Ende letzten Jahres den Gospelchor der Mindener Petrikirche leitete, im vergangenen Mai, als sie mit ihrem Mann überlegte, was trotz Corona-Pandemie möglich ist. Heraus kam ein halbrunder Schirm aus Plexiglas, an dessen oberem Ende eine Kante angebracht ist. Montiert ist das Ganze auf einem stabilen Stativ. Damit kann der Klangschirm für jede Körpergröße passend eingestellt werden. Im unteren Drittel befindet sich eine rechteckige Öffnung, die per Klettverschluss mit einem abnehmbaren, mehrlagigen Stoff, der die Standards einer FFP2-Maske erfüllt, verschlossen wird. Die Öffnung ist dazu da, damit der Klang der Stimme aus dem Schirm heraustreten kann. Eigentlich sei Plexiglas erfunden worden, um Klang zu absorbieren, erläutert Scholl-Braun. Das Material erlaube andererseits aber den Blickkontakt mit dem Dirigenten und den anderen Sängern. „Ich stamme aus einer Familie von Technikern“, kommentiert Scholl-Braun nüchtern ihre Idee. Technischen Rat holte sie sich bei dem Physiker Prof. Christian Kähler, der sich an der Bundeswehr-Universität München mit Strömungsmechanik und Aerodynamik beschäftigt. Schwieriger als die Entwicklung des Konzeptes sei es gewesen, ein Unternehmen zu finden, dass den Klangschirm herstellen könne. In Gütersloh wurde sie schließlich fündig. „Es hat einige Gespräche gebraucht, bis wir zur jetzigen Form gefunden hatten“, erzählt Scholl-Braun. Der Schirm ermöglicht, dass die Sängerinnen und Sänger eines Chores nah beieinander stehen, ohne sich gegenseitig zu gefährden. „Der Klangschirm ist 80 Zentimeter breit. Das reicht als Abstand zwischen den Sängern“, berichtet Scholl-Braun. Zusätzlich müsse der Raum aber wegen der indirekten Aerosole gelüftet werden. Die Kosten des Schirms beziffert sie auf 130 bis 250 Euro. Das hänge von der Abnahmemenge ab. Der Stoff lasse sich austauschen und waschen, der Schirm könne mit Spülmittel gereinigt werden, so dass mehrere Sänger einen Schirm benutzen könnten. Dazu sei auch ein Leasingmodell geplant.Mit ihrem neuen Mindener Ensemble „Taste of sound“ hat sie den Klangschirm schon ausprobiert. „Ich war skeptisch“, sagt Frances Benkel. Die gebürtige Engländerin, die in Kleinenbremen lebt, singt seit ihrer Jugend in Kirchenchören, hat in Minden bei Rainer Winkel und Marienkantor Gerd-Peter Münden gesungen und ist Mitglied bei „Oriana“. Über ihren Sohn hat sie Heike Scholl-Braun kennen gelernt und ihre Freundinnen Dr. Angela Schäkel aus Wietersheim und Heike Bünte aus Nammen mitgebracht. Auch die beiden Frauen singen seit ihrer Jugend. Schäkel ist vom Schulchor zum Kinderchor, dann zum Hochschulchor in Hannover gewechselt und singt ebenfalls bei Oriana. Die Frankfurterin Bünte ist über den Unichor in Münster und den Mozartchor in Augsburg erst im „Kontaktchor“ von Frances Benkel gelandet und dann auch bei Oriana. Den Klangschirm habe sie zunächst skeptisch gesehen, gesteht Benkel. „Die Breite stimmt. Ich hatte die Befürchtung, dass ich mich eingeengt fühle“, sagt sie. Und dann gerät sie ins Schwärmen: „Das Singen mit dem Schirm ist besser als ohne. Man hört sich selbst viel besser, trotzdem aber auch die anderen“, sagt die erfahrene Sängerin. „In unserem kleinen Ensemble singt jede ihre eigene Stimme. Die kann man durch den Klangschirm deutlich besser gestalten.“ Sie hätten verschieden Positionen ausprobiert, berichtet Angela Schäkel. Sie lobt, dass der Klangschirm tiefere Stimmen nicht „untergehen“ lässt. „An das andere Klanggefühl gewöhnt man sich schnell.“ Alle Pläne für das Ensemble „Taste of sound“ hat Corona über den Haufen geworfen. „Jede probt für sich. Video-Konferenzen nutzen wir nur zum Plaudern“, erzählt Scholl-Braun. „Man kann über dieses Medium einfach nicht gemeinsam singen, weil man die anderen immer zeitversetzt hört“, sagt Schäkel. Unter freiem Himmel zu singen, hätten sie ausprobiert, aber der Abstand verhindere, dass man sich gegenseitig gut hören könne. Die Akustik sei für so ein kleines Ensemble nicht günstig. Virtuell treffen sich die Sängerinnen wöchentlich zur „Hausmusik“. Dabei tragen sie sich gegenseitig Lieder zu einem bestimmten Thema vor. „Das hat uns über die Zeit gerettet“, meint Frances Benkel. Das Chorsingen fehle ihr total. Mit dem Klangschirm hoffen sie, dass sie demnächst wieder auftreten können. Weihnachten hätten sie einen Gottesdienst in der Kirche in Frille musikalisch gestalten sollen. „Wir hoffen, dass wir da wieder anknüpfen können“, sagt Scholl-Braun, die damit rechnet, dass Chöre noch lange mit Hygienekonzepten zu tun haben werden. „Taste of sound“ singe aber nicht nur geistliche, sondern auch weltliche Musik. Gerade sind die vier Sängerinnen vom ZDF gefilmt worden. Ihr Auftritt mit dem Klangschirm wurde gestern im Mittagsmagazin gezeigt, berichtet Scholl-Braun. „Chormusik ist durch Corona gehemmt. Davon müssen wir uns befreien“, sagt Scholl-Braun mit Blick auf die drei Millionen organisierten Sänger in Deutschland: „Wir müssen mit und trotz Viren leben.“

Die Aerosole bändigen - Gesangslehrerin Heike Scholl-Braun hat den Klangschirm entwickelt

Die Sängerin und Chorleiterin Heike Scholl-Braun hinter dem von ihr entwickelten Klangschirm, der Chorsingen trotz Corona wieder möglich machen soll. Foto: pr © pr

Minden. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind die Chöre verstummt. Singen gilt als die Tätigkeit, die die meisten Aerosole produziert und damit ein hohes Infektionsrisiko birgt. Singen soll 100 bis 1.000 mal mehr Aerosole freisetzen als Sprechen. Proben per Video-Konferenz, auf Abstand oder Singen unter freiem Himmel haben im vergangenen Sommer viele Ensembles ausprobiert – und waren mit den Ergebnissen nicht wirklich zufrieden. Noch schlimmer aber trifft die meisten Chormitglieder, dass sie nicht mehr gemeinsam singen können. Dieses Dilemma möchte die Sängerin und Chorleiterin Heike Scholl-Braun mit ihrem „Klangschirm“ lösen.

Auf die Idee kam die Meerbeckerin, die von 2015 bis Ende letzten Jahres den Gospelchor der Mindener Petrikirche leitete, im vergangenen Mai, als sie mit ihrem Mann überlegte, was trotz Corona-Pandemie möglich ist. Heraus kam ein halbrunder Schirm aus Plexiglas, an dessen oberem Ende eine Kante angebracht ist. Montiert ist das Ganze auf einem stabilen Stativ. Damit kann der Klangschirm für jede Körpergröße passend eingestellt werden.

Im unteren Drittel befindet sich eine rechteckige Öffnung, die per Klettverschluss mit einem abnehmbaren, mehrlagigen Stoff, der die Standards einer FFP2-Maske erfüllt, verschlossen wird. Die Öffnung ist dazu da, damit der Klang der Stimme aus dem Schirm heraustreten kann. Eigentlich sei Plexiglas erfunden worden, um Klang zu absorbieren, erläutert Scholl-Braun. Das Material erlaube andererseits aber den Blickkontakt mit dem Dirigenten und den anderen Sängern.

„Ich stamme aus einer Familie von Technikern“, kommentiert Scholl-Braun nüchtern ihre Idee. Technischen Rat holte sie sich bei dem Physiker Prof. Christian Kähler, der sich an der Bundeswehr-Universität München mit Strömungsmechanik und Aerodynamik beschäftigt. Schwieriger als die Entwicklung des Konzeptes sei es gewesen, ein Unternehmen zu finden, dass den Klangschirm herstellen könne. In Gütersloh wurde sie schließlich fündig. „Es hat einige Gespräche gebraucht, bis wir zur jetzigen Form gefunden hatten“, erzählt Scholl-Braun. Der Schirm ermöglicht, dass die Sängerinnen und Sänger eines Chores nah beieinander stehen, ohne sich gegenseitig zu gefährden.

„Der Klangschirm ist 80 Zentimeter breit. Das reicht als Abstand zwischen den Sängern“, berichtet Scholl-Braun. Zusätzlich müsse der Raum aber wegen der indirekten Aerosole gelüftet werden. Die Kosten des Schirms beziffert sie auf 130 bis 250 Euro. Das hänge von der Abnahmemenge ab. Der Stoff lasse sich austauschen und waschen, der Schirm könne mit Spülmittel gereinigt werden, so dass mehrere Sänger einen Schirm benutzen könnten. Dazu sei auch ein Leasingmodell geplant.Mit ihrem neuen Mindener Ensemble „Taste of sound“ hat sie den Klangschirm schon ausprobiert. „Ich war skeptisch“, sagt Frances Benkel. Die gebürtige Engländerin, die in Kleinenbremen lebt, singt seit ihrer Jugend in Kirchenchören, hat in Minden bei Rainer Winkel und Marienkantor Gerd-Peter Münden gesungen und ist Mitglied bei „Oriana“. Über ihren Sohn hat sie Heike Scholl-Braun kennen gelernt und ihre Freundinnen Dr. Angela Schäkel aus Wietersheim und Heike Bünte aus Nammen mitgebracht. Auch die beiden Frauen singen seit ihrer Jugend. Schäkel ist vom Schulchor zum Kinderchor, dann zum Hochschulchor in Hannover gewechselt und singt ebenfalls bei Oriana. Die Frankfurterin Bünte ist über den Unichor in Münster und den Mozartchor in Augsburg erst im „Kontaktchor“ von Frances Benkel gelandet und dann auch bei Oriana.

Den Klangschirm habe sie zunächst skeptisch gesehen, gesteht Benkel. „Die Breite stimmt. Ich hatte die Befürchtung, dass ich mich eingeengt fühle“, sagt sie. Und dann gerät sie ins Schwärmen: „Das Singen mit dem Schirm ist besser als ohne. Man hört sich selbst viel besser, trotzdem aber auch die anderen“, sagt die erfahrene Sängerin. „In unserem kleinen Ensemble singt jede ihre eigene Stimme. Die kann man durch den Klangschirm deutlich besser gestalten.“ Sie hätten verschieden Positionen ausprobiert, berichtet Angela Schäkel. Sie lobt, dass der Klangschirm tiefere Stimmen nicht „untergehen“ lässt. „An das andere Klanggefühl gewöhnt man sich schnell.“

Alle Pläne für das Ensemble „Taste of sound“ hat Corona über den Haufen geworfen. „Jede probt für sich. Video-Konferenzen nutzen wir nur zum Plaudern“, erzählt Scholl-Braun. „Man kann über dieses Medium einfach nicht gemeinsam singen, weil man die anderen immer zeitversetzt hört“, sagt Schäkel. Unter freiem Himmel zu singen, hätten sie ausprobiert, aber der Abstand verhindere, dass man sich gegenseitig gut hören könne. Die Akustik sei für so ein kleines Ensemble nicht günstig. Virtuell treffen sich die Sängerinnen wöchentlich zur „Hausmusik“. Dabei tragen sie sich gegenseitig Lieder zu einem bestimmten Thema vor. „Das hat uns über die Zeit gerettet“, meint Frances Benkel. Das Chorsingen fehle ihr total.

Mit dem Klangschirm hoffen sie, dass sie demnächst wieder auftreten können. Weihnachten hätten sie einen Gottesdienst in der Kirche in Frille musikalisch gestalten sollen. „Wir hoffen, dass wir da wieder anknüpfen können“, sagt Scholl-Braun, die damit rechnet, dass Chöre noch lange mit Hygienekonzepten zu tun haben werden. „Taste of sound“ singe aber nicht nur geistliche, sondern auch weltliche Musik. Gerade sind die vier Sängerinnen vom ZDF gefilmt worden. Ihr Auftritt mit dem Klangschirm wurde gestern im Mittagsmagazin gezeigt, berichtet Scholl-Braun. „Chormusik ist durch Corona gehemmt. Davon müssen wir uns befreien“, sagt Scholl-Braun mit Blick auf die drei Millionen organisierten Sänger in Deutschland: „Wir müssen mit und trotz Viren leben.“

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