Die 1938 niedergebrannte Mindener Synagoge wird für die Ausstellung „Synagogen in Deutschland“ virtuell rekonstruiert. Jürgen Langenkämper Minden. Wenige Fotos genügen, um ein Gefühl der Erhabenheit des Raumes zu vermitteln. Beim Novemberpogrom 1938 niedergebrannt, ersteht die alte Synagoge von 1865 in der Kampstraße wieder auf – zumindest virtuell in einer Computersimulation vor den Augen der Besucher der Wanderausstellung „Synagogen in Deutschland“, die an diesem Samstag im Mindener Museum beginnt und bis zum 6. Februar 2022 läuft. Die virtuelle Rekonstruktion von Synagogen, die am 9. und 10. November 1938 auf Geheiß der Nazis in Brand gesteckt wurden, ist Ziel des Projektes der TU Darmstadt. Rund 1.200 der etwa 2.800 bis 3.000 jüdischen Gotteshäuser in Deutschland verschwanden nach der beschönigend so genannten „Reichskristallnacht“, in der auch Privathäuser und Geschäfte heimgesucht wurden und Tausende Juden verhaftet, gefoltert und auch getötet wurden. Weitere 350 Synagogen wurden nach 1945 abgerissen. Die beklemmende Zahl zerstörter, zum Teil architektonisch prachtvoller jüdischer Baudenkmäler können Besucher beim Durchschreiten eines Weges zwischen Rundstelen zum Beginn der Ausstellung erkennen. Umso befreiender ist im Anschluss der Eindruck, in der alten Mindener Synagoge zu stehen und in nahezu jeden Winkel des Gebetsraumes – in unterschiedlichen Farbgebungen – hinein schauen zu können. „Es gibt vom Innenraum im maurischen Stil nur ein einziges Foto“, sagt Museumsleiter Philipp Koch, der sich um die virtuelle Rekonstruktion im Rahmen des großen Gesamtprojektes bemüht hat. Das Vorhaben wurde durch die LWL-Kulturstiftung und die Fördergesellschaft des Mindener Museums unterstützt. Ein Foto der Frontansicht des Gotteshauses ist bekannt. Die Außenansicht wurde daher aus Aufnahmen des Mindener Fotografen Horst Grätz während des kontrollierten Abbrennens rekonstruiert. Auch der 2009/10 restaurierte Innenraum der alten Synagoge Petershagen von 1846, die nicht niedergebrannt, aber nach 1938 zweckentfremdet genutzt worden war, ist in verschiedenen Epochen und in seiner mutmaßlichen ursprünglichen Ausstattung zu sehen. Dieser Vergleich dürfte für viele Besucher, die das heutige Dokumentationszentrum kennen, auf großes Interesse stoßen. Kern der Wanderausstellung, die unter Leitung von Dr. Marc Grellert anlässlich des Jubiläumsjahres „“#2021 JLID – Jüdisches Leben in Deutschland“ erstellt wurde, ist die Rekonstruktion von zwölf Synagogen. „Am Computer können die Besucher den Rekonstruktionsprozess nachvollziehen“, animiert der Kurator zum Mitmachen in der Werkstattatmosphäre. Dazu liegen einschlägige Bücher auf den Arbeitstischen. Denn Hauptproblem der dreidimensionalen Modellierung sind für die Wissenschaftler und Rechercheure nicht die technische Umsetzung oder gar Programmierung, die längst bei Architekten und Bauingenieuren zum Einsatz kommen. Vielmehr gibt es wie im Mindener Fall oftmals nur selten Fotos, die vielfach mit den Menschen, die sie besaßen, untergegangen sind. „Dazu zeigt ein Film den Brand der Bielefelder Synagoge“, sagt Marc Grellert. An anderer Stelle kommen 13 Protagonisten zu Wort, die erzählen, was ihnen die Synagoge bedeutet, und ein Dokumentarfilm zeigt jüdisches Gemeindeleben. Alles ist über Kopfhörer in aller Ruhe zu verfolgen. Eine eigene Sequenz ist Synagogen-Neubauten nach 1945 gewidmet, angefangen mit Saarbrücken 1951. Die Fotos von Ulrich Knufinke zeigen die architektonische Vielfalt und den Stein gewordenen Mut, den dieser Neubeginn nach der Shoa ausstrahlt. Neben den Projektionen und Animationen besteht die Möglichkeit, mittels virtueller Realität das Gefühl zu erhalten, sich selbst in einer Synagoge umzuschauen. Dafür stehen zwei VR-Masken zur Verfügung, die nur bei Führungen und museumspädagogischen Programmen genutzt werden können.. Die Wanderausstellung ist zuvor erstmals im NS-Dokumentationszentrum in Köln zu sehen gewesen. Minden ist die zweite Station und die erste in Westfalen. Ergänzt wird die Präsentation um die lokale Geschichte des jüdischen Lebens. So sind die Fragmente eines Grabsteins von 1345/49 zu sehen. „Es handelt sich um den zweitältesten jüdischen Grabstein in Westfalen“, erläutert Philipp Koch die Bedeutung. Die Ausstellung ist Bestandteil der Reihe „750 Jahre Jüdisches Leben in Minden, Petershagen, Porta Westfalica“, die bis in das Frühjahr 2022 hinein an verschiedenen Orten läuft. Eine Broschüre zum Thema wird am Mittwoch, 10. November, um 18 Uhr im Werberg-Saal des Mindener Museums vorgestellt. Die Ausstellungseröffnung erfolgt an diesem Samstag, 9. Oktober, um 16 Uhr unter Einhaltung der 3G-Regeln und Maskenpflicht. Eine Anmeldung ist unter Telefon (05 71) 9 72 40 20 erforderlich. Der Eintritt ist frei, die Personenzahl limitiert.

Die 1938 niedergebrannte Mindener Synagoge wird für die Ausstellung „Synagogen in Deutschland“ virtuell rekonstruiert.

Fragment: Der zweitälteste jüdische Grabstein in Westfalen aus der Zeit von 1345/49. © Lehn

Minden. Wenige Fotos genügen, um ein Gefühl der Erhabenheit des Raumes zu vermitteln. Beim Novemberpogrom 1938 niedergebrannt, ersteht die alte Synagoge von 1865 in der Kampstraße wieder auf – zumindest virtuell in einer Computersimulation vor den Augen der Besucher der Wanderausstellung „Synagogen in Deutschland“, die an diesem Samstag im Mindener Museum beginnt und bis zum 6. Februar 2022 läuft.

Die virtuelle Rekonstruktion von Synagogen, die am 9. und 10. November 1938 auf Geheiß der Nazis in Brand gesteckt wurden, ist Ziel des Projektes der TU Darmstadt. Rund 1.200 der etwa 2.800 bis 3.000 jüdischen Gotteshäuser in Deutschland verschwanden nach der beschönigend so genannten „Reichskristallnacht“, in der auch Privathäuser und Geschäfte heimgesucht wurden und Tausende Juden verhaftet, gefoltert und auch getötet wurden. Weitere 350 Synagogen wurden nach 1945 abgerissen. Die beklemmende Zahl zerstörter, zum Teil architektonisch prachtvoller jüdischer Baudenkmäler können Besucher beim Durchschreiten eines Weges zwischen Rundstelen zum Beginn der Ausstellung erkennen.

Umso befreiender ist im Anschluss der Eindruck, in der alten Mindener Synagoge zu stehen und in nahezu jeden Winkel des Gebetsraumes – in unterschiedlichen Farbgebungen – hinein schauen zu können. „Es gibt vom Innenraum im maurischen Stil nur ein einziges Foto“, sagt Museumsleiter Philipp Koch, der sich um die virtuelle Rekonstruktion im Rahmen des großen Gesamtprojektes bemüht hat. Das Vorhaben wurde durch die LWL-Kulturstiftung und die Fördergesellschaft des Mindener Museums unterstützt.

Malina Reckordt

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Ein Foto der Frontansicht des Gotteshauses ist bekannt. Die Außenansicht wurde daher aus Aufnahmen des Mindener Fotografen Horst Grätz während des kontrollierten Abbrennens rekonstruiert.

Auch der 2009/10 restaurierte Innenraum der alten Synagoge Petershagen von 1846, die nicht niedergebrannt, aber nach 1938 zweckentfremdet genutzt worden war, ist in verschiedenen Epochen und in seiner mutmaßlichen ursprünglichen Ausstattung zu sehen. Dieser Vergleich dürfte für viele Besucher, die das heutige Dokumentationszentrum kennen, auf großes Interesse stoßen.

Werkstattatmosphäre zum Mitmachen: Die Besucher können in die Rekonstruktion der verschwundenen Synagogen eintauchen, in Bücher recherchieren und am Computer modellieren. MT-Fotos: Alex Lehn - © Alex Lehn
Werkstattatmosphäre zum Mitmachen: Die Besucher können in die Rekonstruktion der verschwundenen Synagogen eintauchen, in Bücher recherchieren und am Computer modellieren. MT-Fotos: Alex Lehn - © Alex Lehn

Kern der Wanderausstellung, die unter Leitung von Dr. Marc Grellert anlässlich des Jubiläumsjahres „“#2021 JLID – Jüdisches Leben in Deutschland“ erstellt wurde, ist die Rekonstruktion von zwölf Synagogen. „Am Computer können die Besucher den Rekonstruktionsprozess nachvollziehen“, animiert der Kurator zum Mitmachen in der Werkstattatmosphäre. Dazu liegen einschlägige Bücher auf den Arbeitstischen. Denn Hauptproblem der dreidimensionalen Modellierung sind für die Wissenschaftler und Rechercheure nicht die technische Umsetzung oder gar Programmierung, die längst bei Architekten und Bauingenieuren zum Einsatz kommen. Vielmehr gibt es wie im Mindener Fall oftmals nur selten Fotos, die vielfach mit den Menschen, die sie besaßen, untergegangen sind.

„Dazu zeigt ein Film den Brand der Bielefelder Synagoge“, sagt Marc Grellert. An anderer Stelle kommen 13 Protagonisten zu Wort, die erzählen, was ihnen die Synagoge bedeutet, und ein Dokumentarfilm zeigt jüdisches Gemeindeleben. Alles ist über Kopfhörer in aller Ruhe zu verfolgen.

Eine eigene Sequenz ist Synagogen-Neubauten nach 1945 gewidmet, angefangen mit Saarbrücken 1951. Die Fotos von Ulrich Knufinke zeigen die architektonische Vielfalt und den Stein gewordenen Mut, den dieser Neubeginn nach der Shoa ausstrahlt.

Neben den Projektionen und Animationen besteht die Möglichkeit, mittels virtueller Realität das Gefühl zu erhalten, sich selbst in einer Synagoge umzuschauen. Dafür stehen zwei VR-Masken zur Verfügung, die nur bei Führungen und museumspädagogischen Programmen genutzt werden können..

Die Wanderausstellung ist zuvor erstmals im NS-Dokumentationszentrum in Köln zu sehen gewesen. Minden ist die zweite Station und die erste in Westfalen. Ergänzt wird die Präsentation um die lokale Geschichte des jüdischen Lebens. So sind die Fragmente eines Grabsteins von 1345/49 zu sehen. „Es handelt sich um den zweitältesten jüdischen Grabstein in Westfalen“, erläutert Philipp Koch die Bedeutung.

Die Ausstellung ist Bestandteil der Reihe „750 Jahre Jüdisches Leben in Minden, Petershagen, Porta Westfalica“, die bis in das Frühjahr 2022 hinein an verschiedenen Orten läuft. Eine Broschüre zum Thema wird am Mittwoch, 10. November, um 18 Uhr im Werberg-Saal des Mindener Museums vorgestellt.

Die Ausstellungseröffnung erfolgt an diesem Samstag, 9. Oktober, um 16 Uhr unter Einhaltung der 3G-Regeln und Maskenpflicht. Eine Anmeldung ist unter Telefon (05 71) 9 72 40 20 erforderlich. Der Eintritt ist frei, die Personenzahl limitiert.

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