"Deutschland muss attraktiver werden" Migrationsforscher Prof. Klaus J. Bade über Fortschritte und Rückschläge der Integration und die "Sarrazinade" Minden (lkp). Der Historiker und Migrationsforscher Prof. Dr. Klaus J. Bade erforscht seit Jahrzehnten die Auswanderung und Zuwanderung in Deutschland. Mit dem Vorsitzenden des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) sprach MT-Redakteur Jürgen Langenkämper. Prof. Bade, in den vergangenen Monaten ist scheinbar mehr über Integration gesprochen und geschrieben worden als in den Jahren davor. Ist das eine Folge der Sarrazin-Debatte?Das hat klar mit der Sarrazin-Debatte und ihrem Medienecho zu tun. Das war leider eine reine Problem-Debatte, in der die Erfolge der Integration in Deutschland zu kurz kamen. Die hatte erst drei Monate zuvor, im Mai 2010, das erste Jahresgutachten des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration klar herausgestellt und mit einer bundesweiten Befragung gesichert. Diese Ergebnisse gingen dann im Herbst 2010 in der Sarrazinade unter. Das hat aber weniger mit Thilo Sarrazin als mit den Medien selbst zu tun, denn nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht. Man muss also das Buch und die mediengesteuerte Debatte unterscheiden.Läuft die Debatte denn überhaupt in Bahnen, die dem Problem gerecht werden?Sie lief zeitweise außer Rand und Band, wird jetzt aber zureichend nüchterner. In den Meinungsspitzen hat der Integrationsoptimismus bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund und bei der Zuwandererbevölkerung abgenommen. Die alten Abwehrhaltungen gegenüber Einwanderung und Integration haben neue Nahrung bekommen. Bei erfolgreich integrierten Einwanderern muslimischen Glaubens sind Enttäuschung und Verbitterung groß. In der breiten Mitte der Einwanderungsgesellschaft aber haben Pragmatismus und Differenzierung zugenommen. Das hätte man freilich auch ohne diese Scherbenhaufen erreichen können.Wie groß ist der Scherbenhaufen der Sarrazin-Debatte wirklich?Die Debatte hat nicht nur viele unnötige Verletzungen verursacht. Sie hat uns auch viel gekostet: Die Agitation gegen "die Muslime" führt dazu, dass sich in der bestens integrierten neuen Elite mit Migrationshintergrund, die wir in Deutschland dringend brauchen, die Abwanderungsneigung verstärkt. Das würde den "Brain Drain" noch verstärken und auf der Seite der Zuwandererbevölkerung unbeabsichtigt genau das forcieren, was Sarrazin grotesk überzeichnet beschrieben hat, nämlich, dass Deutschland im Blick auf sein Erwerbspersonenpotenzial "immer dümmer" wird. Beschädigt hat die Sarrazin-Debatte auch das Image des Einwanderungslandes Deutschland im Ausland, wie Fragen ausländischer Journalisten nach einer Rückkehr der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland immer wieder aufs Neue zeigten. Dadurch könnten potenzielle qualifizierte Zuwanderer, nicht etwa nur muslimischer Glaubenszugehörigkeit, verprellt werden. Das aber wäre ein Eigentor, denn Deutschland ist längst ein Migrationsverlierer geworden, der dringend auf Attraktivität für hoch qualifizierte Zuwanderer angewiesen. So gesehen war die Sarrazin-Diskussion ein Bumerang.Können wir die Herausforderungen der Integration bewältigen? Und wie?Insgesamt ist Integration in Deutschland, auch im internationalen Vergleich, viel besser als ihr Ruf im Land. Aber es gibt Probleme. Wir müssen aufhören mit dem deutschen Gejammer auf hohem Niveau. Wir müssen Erfolge anerkennen, nach den Gründen für Misserfolge fragen und versuchen, sie zu begrenzen durch Fordern und Fördern (nicht umgekehrt); denn die Rechnung für Erfolg oder Misserfolg betrifft die gesamte "Belegschaft" der "Firma Deutschland" gemeinsam.Hat die deutsche Gesellschaft sich zu spät der Erkenntnis gestellt, sich ihr geradezu verweigert, dass jedes erfolgreiche Land Zuwanderer braucht, um die Blüte seiner Kultur und Wirtschaft zu entfalten und zu erhalten?Es geht nicht um kulturelle Blütenträume, sondern um nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnungen. Deutschland hat sich seinerzeit für eine Lösung entschieden, die als "Gastarbeitermodell" in die Geschichte eingegangen ist. Und es hat dann den Wandel von der Gastarbeiterfrage zur Einwanderungsfrage und die damit verbundenen Integrationsfragen "verschlafen", wie der frühere Bundespräsident Horst Köhler einmal zu Recht gesagt hat. Genauer gesagt ging es um eine Verdrängung unter dem Motto "Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland". Und was man verdrängt, das kann man nicht gestalten. Deshalb gibt es heute Probleme. Aber die kriegen wir in den Griff.Im Fernsehen gibt es reihenweise Serien nach dem Motto "Ich bin dann mal weg", in denen z. T. Minderqualifizierte versuchen, durch Auswanderung dem schlechten Wetter oder einem Hartz-IV-Schicksal in Deutschland zu entkommen. Müssen wir nicht vielmehr befürchten, dass gerade die hier aufgewachsenen, gut ausgebildeten Spitzenkräfte aus Migrantenfamilien Deutschland den Rücken kehren?Sendungen über die Auswanderung von Minderqualifizierten gehen an der Wirklichkeit vorbei: Deutschlands Ab- bzw. Auswanderer sind im Durschnitt qualifizierter und wirtschaftlich leistungsstärker als die in Deutschland lebende Erwerbsbevölkerung. Beispiel: Rund zehn Prozent der 28000 Ärzte, die in der Schweiz arbeiten, sind deutsche Staatsangehörige. Insgesamt sind im Jahr 2008 über 3000 Ärzte aus Deutschland abgewandert. Wenn von denen nur rund ein Drittel nicht wieder zurückkehrte, betrüge der Verlust aus entgangenen Steuer-, Sozialversicherungs- und anderen Einnahmen hochgerechnet rund 1,1 Milliarden Euro, Ausbildungskosten nicht eingerechnet. Das hat 2009 das Münchener Ifo-Institut für unseren Sachverständigenrat hochgerechnet. Verluste gibt es aber nicht nur im Blick auf die Abwanderung der Ärzte. Nach einer heute in 32 europäischen Staaten durchgeführten Arbeitskräfteerhebung haben etwa die Hälfte - 49 Prozent - der deutschen Ab- bzw. Auswanderer im weitesten Sinne einen Hochschulabschluss. In der Wohnbevölkerung in Deutschland gilt das nur für 29 Prozent. Mehr als die Hälfte arbeiten in qualifizierten Beschäftigungen als Führungskräfte. Wir verlieren also die Leute, die wir hier am dringendsten brauchen, und jammern dann über den Mangel an Fach- und Führungskräften.Liegen wir schon abgeschlagen im Hintertreffen hinter Amerikanern, Engländern und Franzosen sowie anderen im Rennen um die besten Zuwanderer-Köpfe der Welt?Die Konkurrenten im weltweiten Kampf um Spitzenkräfte haben in Deutschland ein paradoxes Missverhältnis zwischen Ausbildungsqualität, Attraktivität und Abwanderungsintensität erkannt. Sie nehmen das kopfschüttelnd zur Kenntnis und wissen es zugleich im eigenen Interesse zu nutzen: Deutschland rangiert nach der Einschätzung von 1200 weltweit durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young befragten Führungskräfte in forschungs- und entwicklungsintensiven Unternehmen auf Rang vier der Talentschmieden der Zukunft nach China, den USA und Indien. Mit einer entsprechenden Verstärkung der Abwerbestrategien auf Deutschland ist zu rechnen. Folgerung: Deutschland muss attraktiver werden nicht nur für ausländische, sondern auch für die eigenen Spitzenkräfte.Prof. Bade hält am Samstag, 19. Februar, im Rahmen der VHS-Schwerpunktreihe "Integration gemeinsam gestalten" den Vortrag "Integration in Deutschland: Fiasko oder Panikmache?" Beginn ist um 20 Uhr im Victoria-Hotel. Der Eintritt ist frei.

"Deutschland muss attraktiver werden"

Minden (lkp). Der Historiker und Migrationsforscher Prof. Dr. Klaus J. Bade erforscht seit Jahrzehnten die Auswanderung und Zuwanderung in Deutschland. Mit dem Vorsitzenden des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) sprach MT-Redakteur Jürgen Langenkämper.

Migrationsforscher: Der Historiker Prof. Bade hält einen Vortrag über Integration in Deutschland. - © Foto: pr
Migrationsforscher: Der Historiker Prof. Bade hält einen Vortrag über Integration in Deutschland. - © Foto: pr

Prof. Bade, in den vergangenen Monaten ist scheinbar mehr über Integration gesprochen und geschrieben worden als in den Jahren davor. Ist das eine Folge der Sarrazin-Debatte?

Das hat klar mit der Sarrazin-Debatte und ihrem Medienecho zu tun. Das war leider eine reine Problem-Debatte, in der die Erfolge der Integration in Deutschland zu kurz kamen. Die hatte erst drei Monate zuvor, im Mai 2010, das erste Jahresgutachten des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration klar herausgestellt und mit einer bundesweiten Befragung gesichert. Diese Ergebnisse gingen dann im Herbst 2010 in der Sarrazinade unter. Das hat aber weniger mit Thilo Sarrazin als mit den Medien selbst zu tun, denn nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht. Man muss also das Buch und die mediengesteuerte Debatte unterscheiden.

Läuft die Debatte denn überhaupt in Bahnen, die dem Problem gerecht werden?

Sie lief zeitweise außer Rand und Band, wird jetzt aber zureichend nüchterner. In den Meinungsspitzen hat der Integrationsoptimismus bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund und bei der Zuwandererbevölkerung abgenommen. Die alten Abwehrhaltungen gegenüber Einwanderung und Integration haben neue Nahrung bekommen. Bei erfolgreich integrierten Einwanderern muslimischen Glaubens sind Enttäuschung und Verbitterung groß. In der breiten Mitte der Einwanderungsgesellschaft aber haben Pragmatismus und Differenzierung zugenommen. Das hätte man freilich auch ohne diese Scherbenhaufen erreichen können.

Wie groß ist der Scherbenhaufen der Sarrazin-Debatte wirklich?

Die Debatte hat nicht nur viele unnötige Verletzungen verursacht. Sie hat uns auch viel gekostet: Die Agitation gegen "die Muslime" führt dazu, dass sich in der bestens integrierten neuen Elite mit Migrationshintergrund, die wir in Deutschland dringend brauchen, die Abwanderungsneigung verstärkt. Das würde den "Brain Drain" noch verstärken und auf der Seite der Zuwandererbevölkerung unbeabsichtigt genau das forcieren, was Sarrazin grotesk überzeichnet beschrieben hat, nämlich, dass Deutschland im Blick auf sein Erwerbspersonenpotenzial "immer dümmer" wird. Beschädigt hat die Sarrazin-Debatte auch das Image des Einwanderungslandes Deutschland im Ausland, wie Fragen ausländischer Journalisten nach einer Rückkehr der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland immer wieder aufs Neue zeigten. Dadurch könnten potenzielle qualifizierte Zuwanderer, nicht etwa nur muslimischer Glaubenszugehörigkeit, verprellt werden. Das aber wäre ein Eigentor, denn Deutschland ist längst ein Migrationsverlierer geworden, der dringend auf Attraktivität für hoch qualifizierte Zuwanderer angewiesen. So gesehen war die Sarrazin-Diskussion ein Bumerang.

Können wir die Herausforderungen der Integration bewältigen? Und wie?

Insgesamt ist Integration in Deutschland, auch im internationalen Vergleich, viel besser als ihr Ruf im Land. Aber es gibt Probleme. Wir müssen aufhören mit dem deutschen Gejammer auf hohem Niveau. Wir müssen Erfolge anerkennen, nach den Gründen für Misserfolge fragen und versuchen, sie zu begrenzen durch Fordern und Fördern (nicht umgekehrt); denn die Rechnung für Erfolg oder Misserfolg betrifft die gesamte "Belegschaft" der "Firma Deutschland" gemeinsam.

Hat die deutsche Gesellschaft sich zu spät der Erkenntnis gestellt, sich ihr geradezu verweigert, dass jedes erfolgreiche Land Zuwanderer braucht, um die Blüte seiner Kultur und Wirtschaft zu entfalten und zu erhalten?

Es geht nicht um kulturelle Blütenträume, sondern um nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnungen. Deutschland hat sich seinerzeit für eine Lösung entschieden, die als "Gastarbeitermodell" in die Geschichte eingegangen ist. Und es hat dann den Wandel von der Gastarbeiterfrage zur Einwanderungsfrage und die damit verbundenen Integrationsfragen "verschlafen", wie der frühere Bundespräsident Horst Köhler einmal zu Recht gesagt hat. Genauer gesagt ging es um eine Verdrängung unter dem Motto "Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland". Und was man verdrängt, das kann man nicht gestalten. Deshalb gibt es heute Probleme. Aber die kriegen wir in den Griff.

Im Fernsehen gibt es reihenweise Serien nach dem Motto "Ich bin dann mal weg", in denen z. T. Minderqualifizierte versuchen, durch Auswanderung dem schlechten Wetter oder einem Hartz-IV-Schicksal in Deutschland zu entkommen. Müssen wir nicht vielmehr befürchten, dass gerade die hier aufgewachsenen, gut ausgebildeten Spitzenkräfte aus Migrantenfamilien Deutschland den Rücken kehren?

Sendungen über die Auswanderung von Minderqualifizierten gehen an der Wirklichkeit vorbei: Deutschlands Ab- bzw. Auswanderer sind im Durschnitt qualifizierter und wirtschaftlich leistungsstärker als die in Deutschland lebende Erwerbsbevölkerung. Beispiel: Rund zehn Prozent der 28000 Ärzte, die in der Schweiz arbeiten, sind deutsche Staatsangehörige. Insgesamt sind im Jahr 2008 über 3000 Ärzte aus Deutschland abgewandert. Wenn von denen nur rund ein Drittel nicht wieder zurückkehrte, betrüge der Verlust aus entgangenen Steuer-, Sozialversicherungs- und anderen Einnahmen hochgerechnet rund 1,1 Milliarden Euro, Ausbildungskosten nicht eingerechnet. Das hat 2009 das Münchener Ifo-Institut für unseren Sachverständigenrat hochgerechnet. Verluste gibt es aber nicht nur im Blick auf die Abwanderung der Ärzte. Nach einer heute in 32 europäischen Staaten durchgeführten Arbeitskräfteerhebung haben etwa die Hälfte - 49 Prozent - der deutschen Ab- bzw. Auswanderer im weitesten Sinne einen Hochschulabschluss. In der Wohnbevölkerung in Deutschland gilt das nur für 29 Prozent. Mehr als die Hälfte arbeiten in qualifizierten Beschäftigungen als Führungskräfte. Wir verlieren also die Leute, die wir hier am dringendsten brauchen, und jammern dann über den Mangel an Fach- und Führungskräften.

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