Der verlorene Ort: Viele Ideen für das alte Gefängnis in der Oberen Altstadt Monika Jäger Minden. Gründerzentrum? Studentenwohnungen? Theater- und Kulturtreff? Ideen für die Brache mitten in der Oberen Altstadt an der Kampstraße gibt es viele. Was tatsächlich hier in dem alten Gefängnis und dem einstigen Amtsgericht möglich ist, würde allerdings nicht nur von guten Ideen abhängen, sondern auch davon, ob es Geldgeber und Investoren gibt. Und dann hätte der Denkmalschutz auch noch ein Wort mitzureden. Doch jetzt soll erst einmal alles verkauft werden. „Aktuell wird der Vermarktungsprozess vorbereitet", bestätigt Carsten Pilz vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB). Dieser ist für die Immobilien und Grundstücke zuständig, die dem Land NRW gehören. Denn seit dem endgültigen Auszug der Finanzverwaltung zum 30. April 2020 steht inzwischen nicht nur das ehemalige Gefängnis, sondern auch das Verwaltungsgebäude/einstiges Amtsgericht an der Kampstraße leer. Das Gelände ist seither dicht, Tore versperren den Zugang. Der BLB hat in der Zwischenzeit eine sogenannte Entbehrlichkeitsprüfung gemacht, Dabei werden die Dienststellen des Landes NRW gefragt, ob sie Bedarf haben, die Gebäude zu nutzen. Das Ergebnis war eindeutig, so Pilz: Der Gebäudekomplex wird „für Zwecke des Landes nicht weiter benötigt". Nun will der BLB NRW diese Liegenschaften verkaufen, und zwar zusammen. Eine Teilung sei „aus baurechtlichen Gründen" nicht möglich. Wann das einzigartige Ensemble tatsächlich auf dem Immobilienmarkt zum Verkauf steht, könne noch nicht mitgeteilt werden. Welches Potenzial das Areal tatsächlich haben könnte, ob es überhaupt realistisch vorstellbare Nutzungen gibt, wie die Bausubstanz ist und ob eine Trennung der beiden Bauten tatsächlich undenkbar wäre – all das könnte Teil eines umfangreichen Wertermittlungsverfahrens sein. Dieses hat der BLB nach MT-Informationen inzwischen ebenfalls in Auftrag gegeben. Ganz ähnlich war er bei einer anderen Liegenschaft vorgegangen, die in seinem Besitz war: Der ehemaligen Regierung am Weserglacis. Diese kam dann in einem Bieterverfahren auf den Immobilienmarkt. Bei allen Überlegungen muss berücksichtigt werden, dass das Ensemble unter Denkmalschutz steht. Diesen aufzuheben, darüber denkt gegenwärtig niemand nach. „Nein!" ist die klare Antwort der Stadt Minden auf die MT-Frage „Gibt es Bestrebungen, den Denkmalschutz herunter zu nehmen?" So etwas ginge im Grunde auch nur in Ausnahmesituationen – wenn es beispielsweise für den Besitzer nicht zumutbar wäre, das Gebäude zu erhalten. Aktuell sind der Stadt Minden keine Investoren bekannt, allerdings hätten sich in der Vergangenheit immer mal wieder Interessenten gemeldet. Und was sagt die Stadt Minden zu den aktuellen Verkaufsbestrebungen? „Ein Verkauf und eine zukünftige Nutzung ist zunächst positiv zu sehen", so der Beigeordnete für Städtebau und Feuerschutz, Lars Bursian. Eine genaue Nutzung – gleich welcher Art – sei dabei mit der Stadt alleine schon planungsrechtlich abzustimmen. Im Rahmenplan für die Obere Altstadt wurden mehrere Varianten dargestellt, wie die beiden Gebäude aus Sicht der Stadt sinnvoll genutzt werden könnten. Denn was immer hier passiert: Es sollte möglichst positive Effekte für das Quartier haben. Darum wird auch eine öffentliche Nutzung nicht ausgeschlossen. Noch zu entscheiden sein werde, ob sich die Stadt beim Bieterverfahren beteiligen werde. Schon einmal war sie in der Oberen Altstadt als Käuferin aufgetreten, um die Entwicklung in ihrem Sinne zu beeinflussen: Das war, als sie die ehemalige Bordellstraße „Rampenloch" erwarb. Für die läuft jetzt gerade der weitere Entwicklungsprozess. Gleich zwei der Architekten stellen sich vor, die dicke – denkmalgeschützte – Gefängnismauer zu öffnen und den Platz hinter der Mauer zu einem Park und Treffpunkt für die umliegenden Bewohner zu machen. Die Stadt Minden weist darauf hin, dass in zwei Entwurfsvarianten des Konzeptes für einen Teil der Oberen Altstadt die Öffnung der Mauer ebenfalls vorgesehen ist. „Wir gehen aber davon aus, dass der BLB eine Öffnung ohne Nutzung und Käufer nicht angehen wird." Gegebenenfalls müsse eine öffentliche Nutzung auch mit dem BLB diskutiert werden. Nachdenken über Denkmale Ein Kommentar von Monika Jäger Beim Regierungsgebäude am Weserglacis hat es geklappt. Das gehörte dem Land und ist jetzt in privaten Händen. Auch da gab es ein Bieterverfahren, auch da hatte die Stadt Minden keine Einwirkungsmöglichkeiten. Dass sich jetzt tatsächlich ein Investor mit engen Verbindungen nach Minden für diesen prachtvollen Bau engagiert hat: Ein Glücksfall. Das alte Gefängnis ist allerdings damit nicht zu vergleichen. Anders als das Regierungsgebäude steht es seit langem leer. Die Zellen sind bis heute das, was sie immer waren und beim Bau auch sein sollten: Aufbewahrungseinheiten mit wenig Fläche, dicken Wänden und kleinen, hoch in der Wand gemauerten Fenstern. Die zündende Idee dafür, wie sich das mit modernen Ansprüchen verbinden lassen kann, ist bisher nicht zu sehen. Wie können die Fenster größer werden, wenn der Denkmalschutz auf dem Gebäude liegt? Dürfen die Innenwände herausgerissen werden, um größere Räume zu schaffen, wenn die Zellen geschützt sind? Wenn nicht, ist das Ambiente weder zum Wohnen noch zum Arbeiten wirklich einladend. Und dann ist auch noch nicht einmal klar, wie gut die Bausubstanz insgesamt ist. Es ist an der Zeit, auch einmal das eigentlich Undenkbare mitzudenken. Was wäre, wenn das Ensemble abgerissen würde? Wenn der Platz ein Park in der Oberen Altstadt wäre, ein neues Wohngebiet, ein Kulturzentrum, eine Chance ganz anderer Art? Würde die Stadt etwas Unwiederbringliches verlieren oder ein Stück Zukunft gewinnen? Wenn darüber nicht geredet wird, wird es niemand sagen können. Eines ist sicher: Alles ist besser als eine Brache mitten in der Stadt.

Der verlorene Ort: Viele Ideen für das alte Gefängnis in der Oberen Altstadt

Ideen für die Brache mitten in der Oberen Altstadt an der Kampstraße gibt es viele. MT- © Foto: Alex Lehn

Minden. Gründerzentrum? Studentenwohnungen? Theater- und Kulturtreff? Ideen für die Brache mitten in der Oberen Altstadt an der Kampstraße gibt es viele. Was tatsächlich hier in dem alten Gefängnis und dem einstigen Amtsgericht möglich ist, würde allerdings nicht nur von guten Ideen abhängen, sondern auch davon, ob es Geldgeber und Investoren gibt. Und dann hätte der Denkmalschutz auch noch ein Wort mitzureden. Doch jetzt soll erst einmal alles verkauft werden.

„Aktuell wird der Vermarktungsprozess vorbereitet", bestätigt Carsten Pilz vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB). Dieser ist für die Immobilien und Grundstücke zuständig, die dem Land NRW gehören. Denn seit dem endgültigen Auszug der Finanzverwaltung zum 30. April 2020 steht inzwischen nicht nur das ehemalige Gefängnis, sondern auch das Verwaltungsgebäude/einstiges Amtsgericht an der Kampstraße leer. Das Gelände ist seither dicht, Tore versperren den Zugang.

Der BLB hat in der Zwischenzeit eine sogenannte Entbehrlichkeitsprüfung gemacht, Dabei werden die Dienststellen des Landes NRW gefragt, ob sie Bedarf haben, die Gebäude zu nutzen. Das Ergebnis war eindeutig, so Pilz: Der Gebäudekomplex wird „für Zwecke des Landes nicht weiter benötigt".

Nun will der BLB NRW diese Liegenschaften verkaufen, und zwar zusammen. Eine Teilung sei „aus baurechtlichen Gründen" nicht möglich. Wann das einzigartige Ensemble tatsächlich auf dem Immobilienmarkt zum Verkauf steht, könne noch nicht mitgeteilt werden.

Welches Potenzial das Areal tatsächlich haben könnte, ob es überhaupt realistisch vorstellbare Nutzungen gibt, wie die Bausubstanz ist und ob eine Trennung der beiden Bauten tatsächlich undenkbar wäre – all das könnte Teil eines umfangreichen Wertermittlungsverfahrens sein. Dieses hat der BLB nach MT-Informationen inzwischen ebenfalls in Auftrag gegeben. Ganz ähnlich war er bei einer anderen Liegenschaft vorgegangen, die in seinem Besitz war: Der ehemaligen Regierung am Weserglacis. Diese kam dann in einem Bieterverfahren auf den Immobilienmarkt.

Bei allen Überlegungen muss berücksichtigt werden, dass das Ensemble unter Denkmalschutz steht. Diesen aufzuheben, darüber denkt gegenwärtig niemand nach. „Nein!" ist die klare Antwort der Stadt Minden auf die MT-Frage „Gibt es Bestrebungen, den Denkmalschutz herunter zu nehmen?" So etwas ginge im Grunde auch nur in Ausnahmesituationen – wenn es beispielsweise für den Besitzer nicht zumutbar wäre, das Gebäude zu erhalten.

Aktuell sind der Stadt Minden keine Investoren bekannt, allerdings hätten sich in der Vergangenheit immer mal wieder Interessenten gemeldet. Und was sagt die Stadt Minden zu den aktuellen Verkaufsbestrebungen? „Ein Verkauf und eine zukünftige Nutzung ist zunächst positiv zu sehen", so der Beigeordnete für Städtebau und Feuerschutz, Lars Bursian. Eine genaue Nutzung – gleich welcher Art – sei dabei mit der Stadt alleine schon planungsrechtlich abzustimmen. Im Rahmenplan für die Obere Altstadt wurden mehrere Varianten dargestellt, wie die beiden Gebäude aus Sicht der Stadt sinnvoll genutzt werden könnten. Denn was immer hier passiert: Es sollte möglichst positive Effekte für das Quartier haben. Darum wird auch eine öffentliche Nutzung nicht ausgeschlossen.

Noch zu entscheiden sein werde, ob sich die Stadt beim Bieterverfahren beteiligen werde. Schon einmal war sie in der Oberen Altstadt als Käuferin aufgetreten, um die Entwicklung in ihrem Sinne zu beeinflussen: Das war, als sie die ehemalige Bordellstraße „Rampenloch" erwarb. Für die läuft jetzt gerade der weitere Entwicklungsprozess. Gleich zwei der Architekten stellen sich vor, die dicke – denkmalgeschützte – Gefängnismauer zu öffnen und den Platz hinter der Mauer zu einem Park und Treffpunkt für die umliegenden Bewohner zu machen.

Die Stadt Minden weist darauf hin, dass in zwei Entwurfsvarianten des Konzeptes für einen Teil der Oberen Altstadt die Öffnung der Mauer ebenfalls vorgesehen ist. „Wir gehen aber davon aus, dass der BLB eine Öffnung ohne Nutzung und Käufer nicht angehen wird." Gegebenenfalls müsse eine öffentliche Nutzung auch mit dem BLB diskutiert werden.

Nachdenken über Denkmale

Ein Kommentar von Monika Jäger

Beim Regierungsgebäude am Weserglacis hat es geklappt. Das gehörte dem Land und ist jetzt in privaten Händen. Auch da gab es ein Bieterverfahren, auch da hatte die Stadt Minden keine Einwirkungsmöglichkeiten. Dass sich jetzt tatsächlich ein Investor mit engen Verbindungen nach Minden für diesen prachtvollen Bau engagiert hat: Ein Glücksfall.

Das alte Gefängnis ist allerdings damit nicht zu vergleichen. Anders als das Regierungsgebäude steht es seit langem leer. Die Zellen sind bis heute das, was sie immer waren und beim Bau auch sein sollten: Aufbewahrungseinheiten mit wenig Fläche, dicken Wänden und kleinen, hoch in der Wand gemauerten Fenstern. Die zündende Idee dafür, wie sich das mit modernen Ansprüchen verbinden lassen kann, ist bisher nicht zu sehen. Wie können die Fenster größer werden, wenn der Denkmalschutz auf dem Gebäude liegt? Dürfen die Innenwände herausgerissen werden, um größere Räume zu schaffen, wenn die Zellen geschützt sind? Wenn nicht, ist das Ambiente weder zum Wohnen noch zum Arbeiten wirklich einladend. Und dann ist auch noch nicht einmal klar, wie gut die Bausubstanz insgesamt ist.

Es ist an der Zeit, auch einmal das eigentlich Undenkbare mitzudenken. Was wäre, wenn das Ensemble abgerissen würde? Wenn der Platz ein Park in der Oberen Altstadt wäre, ein neues Wohngebiet, ein Kulturzentrum, eine Chance ganz anderer Art? Würde die Stadt etwas Unwiederbringliches verlieren oder ein Stück Zukunft gewinnen? Wenn darüber nicht geredet wird, wird es niemand sagen können.

Eines ist sicher: Alles ist besser als eine Brache mitten in der Stadt.

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