Der spielt nur: Medizinstudenten trainieren mit Schauspieler das Gespräch mit Patienten Ursula Koch Minden. Heinrich Wehmeier will eigentlich nur weg. Der 78-Jährige war gestürzt, hat sich dabei den Oberschenkelhals gebrochen und ist operiert worden. Er liegt im Krankenhaus, hat seinen Koffer aber schon gepackt und fällt der jungen Ärztin mit Rollator und Koffer schwer nach Luft schnappend buchstäblich entgegen. Was so authentisch wirkt, ist Schauspiel. Der Mann im Krankenbett heißt eigentlich gar nicht Wehmeier, sondern Gregor Eckert, ist noch keine 50 Jahre alt und von Beruf Schauspieler. Sein Auftritt als Herr Wehmeier ist für angehende Mediziner, Studierende im achten und neunten Semester, gedacht, die ein Blockpraktikum in der Geriatrie absolvieren. „Sie stehen kurz vor dem zweiten Staatsexamen und absolvieren danach ihr praktisches Jahr“, erläutert Dr. Mechthild Lakomek, die das Seminar leitet. Sie sollen durch den Schauspieler die Kommunikation mit Patienten trainieren. Sechs sind in diesem Seminar dabei, alle entweder geimpft oder getestet, wie Lakomek betont. Drei sind gefordert, jeweils einmal die Arztrolle zu übernehmen. Von den anderen drei Studierenden führt jeweils einer Protokoll und gibt den Darstellern Rückmeldung zu ihren Auftritten. Gregor Eckert macht es ihnen nicht gerade leicht. Als Heinrich Wehmeier spricht er hinter seiner FFP2-Maske einen süddeutsch klingenden Dialekt, dazu schnell und aufgeregt. Die Medizin-Studentin muss ihn erst einmal wieder in sein Bett bugsieren und beruhigen. Es dauert eine Weile, bis sie ihn davon überzeugt hat, dass zu Hause alles nötige geregelt wird. „Ich rufe Ihre Tochter an“, verspricht sie. Erst jetzt kann sie zum eigentlichen Thema kommen. Heinrich Wehmeier soll länger bleiben, weil sein „Herz ein bisschen schlapp geworden ist“, wie sie es so allgemeinverständlich wie möglich auszudrücken versucht, nachdem er zuvor bei dem Wort „Parameter“ eingehakt hatte. Es sollen noch weitere Untersuchungen gemacht werden, weil die Ärzte in den Herzproblemen die Ursache für seine Gleichgewichtsstörungen und damit auch den Sturz vermuten. Mit diesem Hinweis auf die Ursachen seiner aktuellen Probleme schafft es die Studentin, Wehmeier zu beruhigen. Die Ankündigung, dass es ihm mit den richtigen Medikamenten besser gehen wird, zeigt Wirkung. Wehmeier öffnet sich vollends, erzählt von seiner verstorbenen Frau und beginnt zu weinen. Die Studentin geht einfühlsam darauf ein, findet tröstende Worte. Am Ende ist Wehmeier beruhigt, fühlt sich als „Team“ mit der Ärztin. Die Rückmeldung zu ihrem „Auftritt“ fällt positiv aus. „Passen Sie sich dem Kommunikationslevel des Patienten an“, rät Dr. Mechthild Lakomek. Dass die Studentin Vokabeln aus dem Berufsfeld des Patienten benutzt, sei genau richtig: „Beruf und Hobbys sind die Anknüpfungspunkte“. Wie viel körperliche Nähe ist in der Corona-Pandemie möglich? Diese Frage hat sich die Studentin gestellt, als Wehmeier anfing zu weinen. „Im Normalfall hätte ich ihn in den Arm genommen“, bestärkt Lakomek. Die Mimik werde durch die Masken leider sehr eingeschränkt. Sie hat noch einen Tipp: Den Patienten Zeit zu geben und zu einem späteren Zeitpunkt das Gespräch noch einmal vertiefen. „Wir haben für jeden Patienten ein Licht. Das ist unser Anspruch“, formuliert sie einen Grundsatz. Neben Lakomek teilen auch die anderen Studenten und vor allem der Schauspieler ihre Sicht auf das Patienten-Gespräch mit und das ist das Besondere an diesem Seminar. Er habe sich gut aufgehoben gefühlt, sagt Eckert der angehenden Ärztin. Sie habe ihn tatsächlich beruhigt und getröstet. Die Rollen, in die er als Patient und Angehöriger schlüpft, hat Eckert zusammen mit dem Ehepaar Lakomek entwickelt. „Sie hatten die Vorstellung davon, wie die Patienten auf die Studierenden wirken sollen“, sagt er. Alles andere habe er sich auf der Basis der Unterlagen, die auch die Studierenden erhalten, ausgedacht. Wehmeier habe anfangs einen norddeutschen Dialekt gesprochen, aber im Laufe der Auftritte, acht waren es bereits, sei er mit ihm „intuitiv ins Pfälzische gerutscht“. Für die zweite Figur, den pensionierten Richter, dem die Diagnose Demenz überbracht werden muss, habe ihm ein Verwandter als Vorbild gedient. Die dritte Figur ist ein Anwalt, der „sehr offensiv und emotional aufgeladen“ von der Ärztin verlangt, dass sie alles für seine 94-jährige Mutter tun. Die Mutter hat, viele Jahre nach einer Brustkrebsoperation, Metastasen in der Lunge und den Knochen, möchte aber selbst keine Operation oder Chemotherapie mehr. Was Eckert in den Rollen dann wirklich sagt, das komme aus der Intuition und hänge selbstverständlich auch von den Reaktionen der Ärzte ab. Manchmal sei es ein wenig Arbeit, sie aus der Reserve zu locken, gesteht Eckert. „Ich bin immer wieder erstaunt, dass es am Ende alle schaffen, den Sohn zu beruhigen“, sagt er nach acht von zehn Seminaren in diesem Semester. Eckert und die Lakomeks würden diese Zusammenarbeit gerne fortsetzen. Da seine Arbeitszeit als Schauspieler überwiegend in den Abendstunden liege, die Seminare aber am Vormittag stattfinden, lasse sich das sicherlich vereinbaren, meint Eckert. Wie in einer Prüfungssituation bekommen die Studenten ein Informationsblatt ausgehändigt. Sie haben vor der Tür zwei Minuten Zeit, das zu lesen, bevor sie in das Gespräch gehen. In dem Gespräch mit dem Richter, dem eine Studierende die Diagnose Demenz unterbreiten muss, sagt sie anschließend selber, dass sie glaubt, ihn nicht beruhigt zu haben. Eckert bestätigt das Gefühl: „Sie haben ihn in der Schwebe gelassen. Die Zuversicht blieb zu vage.“ An dieser Stelle hakt Lakomek ein: „Ständige Unterzuckerungen verursachen so eine Demenz.“ Eine Therapie-Änderung sei in diesem Fall die Lösung. Bei Patienten mit Demenz träten häufig Stimmungsschwankungen auf. „Das muss man aushalten“. Ihr Tipp für solch heikle Gespräche: „Fragen Sie nach den Befürchtungen des Patienten“. Die Studierende habe aber einen zentralen Satz ausgesprochen, für den sie Lakomek ausdrücklich lobt: „Sie brauchen Hilfe, wir geben Ihnen Hilfe.“

Der spielt nur: Medizinstudenten trainieren mit Schauspieler das Gespräch mit Patienten

Dr. Mechthild Lakomek bespricht mit den Studierenden die Arzt-Patienten-Gespräche. © x

Minden. Heinrich Wehmeier will eigentlich nur weg. Der 78-Jährige war gestürzt, hat sich dabei den Oberschenkelhals gebrochen und ist operiert worden. Er liegt im Krankenhaus, hat seinen Koffer aber schon gepackt und fällt der jungen Ärztin mit Rollator und Koffer schwer nach Luft schnappend buchstäblich entgegen.

Was so authentisch wirkt, ist Schauspiel. Der Mann im Krankenbett heißt eigentlich gar nicht Wehmeier, sondern Gregor Eckert, ist noch keine 50 Jahre alt und von Beruf Schauspieler. Sein Auftritt als Herr Wehmeier ist für angehende Mediziner, Studierende im achten und neunten Semester, gedacht, die ein Blockpraktikum in der Geriatrie absolvieren. „Sie stehen kurz vor dem zweiten Staatsexamen und absolvieren danach ihr praktisches Jahr“, erläutert Dr. Mechthild Lakomek, die das Seminar leitet. Sie sollen durch den Schauspieler die Kommunikation mit Patienten trainieren.

Sechs sind in diesem Seminar dabei, alle entweder geimpft oder getestet, wie Lakomek betont. Drei sind gefordert, jeweils einmal die Arztrolle zu übernehmen. Von den anderen drei Studierenden führt jeweils einer Protokoll und gibt den Darstellern Rückmeldung zu ihren Auftritten.


Gregor Eckert macht es ihnen nicht gerade leicht. Als Heinrich Wehmeier spricht er hinter seiner FFP2-Maske einen süddeutsch klingenden Dialekt, dazu schnell und aufgeregt. Die Medizin-Studentin muss ihn erst einmal wieder in sein Bett bugsieren und beruhigen. Es dauert eine Weile, bis sie ihn davon überzeugt hat, dass zu Hause alles nötige geregelt wird. „Ich rufe Ihre Tochter an“, verspricht sie. Erst jetzt kann sie zum eigentlichen Thema kommen.

Als Richter Vosswald stellt Gregor Eckert eine weitere Studentin vor eine Herausforderung. - © x
Als Richter Vosswald stellt Gregor Eckert eine weitere Studentin vor eine Herausforderung. - © x

Heinrich Wehmeier soll länger bleiben, weil sein „Herz ein bisschen schlapp geworden ist“, wie sie es so allgemeinverständlich wie möglich auszudrücken versucht, nachdem er zuvor bei dem Wort „Parameter“ eingehakt hatte. Es sollen noch weitere Untersuchungen gemacht werden, weil die Ärzte in den Herzproblemen die Ursache für seine Gleichgewichtsstörungen und damit auch den Sturz vermuten. Mit diesem Hinweis auf die Ursachen seiner aktuellen Probleme schafft es die Studentin, Wehmeier zu beruhigen. Die Ankündigung, dass es ihm mit den richtigen Medikamenten besser gehen wird, zeigt Wirkung. Wehmeier öffnet sich vollends, erzählt von seiner verstorbenen Frau und beginnt zu weinen. Die Studentin geht einfühlsam darauf ein, findet tröstende Worte. Am Ende ist Wehmeier beruhigt, fühlt sich als „Team“ mit der Ärztin.

Schauspieler Gregor Eckert spielt den Patienten Heinrich Wehmeier, der die Klinik am liebsten sofort verlassen würde. Die Ärztin muss ihn überzeugen, dass weitere Untersuchungen nötig sind. MT-Fotos: Ursula Koch - © x
Schauspieler Gregor Eckert spielt den Patienten Heinrich Wehmeier, der die Klinik am liebsten sofort verlassen würde. Die Ärztin muss ihn überzeugen, dass weitere Untersuchungen nötig sind. MT-Fotos: Ursula Koch - © x

Die Rückmeldung zu ihrem „Auftritt“ fällt positiv aus. „Passen Sie sich dem Kommunikationslevel des Patienten an“, rät Dr. Mechthild Lakomek. Dass die Studentin Vokabeln aus dem Berufsfeld des Patienten benutzt, sei genau richtig: „Beruf und Hobbys sind die Anknüpfungspunkte“.

Wie viel körperliche Nähe ist in der Corona-Pandemie möglich? Diese Frage hat sich die Studentin gestellt, als Wehmeier anfing zu weinen. „Im Normalfall hätte ich ihn in den Arm genommen“, bestärkt Lakomek. Die Mimik werde durch die Masken leider sehr eingeschränkt. Sie hat noch einen Tipp: Den Patienten Zeit zu geben und zu einem späteren Zeitpunkt das Gespräch noch einmal vertiefen. „Wir haben für jeden Patienten ein Licht. Das ist unser Anspruch“, formuliert sie einen Grundsatz.

Neben Lakomek teilen auch die anderen Studenten und vor allem der Schauspieler ihre Sicht auf das Patienten-Gespräch mit und das ist das Besondere an diesem Seminar. Er habe sich gut aufgehoben gefühlt, sagt Eckert der angehenden Ärztin. Sie habe ihn tatsächlich beruhigt und getröstet.

Die Rollen, in die er als Patient und Angehöriger schlüpft, hat Eckert zusammen mit dem Ehepaar Lakomek entwickelt. „Sie hatten die Vorstellung davon, wie die Patienten auf die Studierenden wirken sollen“, sagt er. Alles andere habe er sich auf der Basis der Unterlagen, die auch die Studierenden erhalten, ausgedacht. Wehmeier habe anfangs einen norddeutschen Dialekt gesprochen, aber im Laufe der Auftritte, acht waren es bereits, sei er mit ihm „intuitiv ins Pfälzische gerutscht“.

Für die zweite Figur, den pensionierten Richter, dem die Diagnose Demenz überbracht werden muss, habe ihm ein Verwandter als Vorbild gedient. Die dritte Figur ist ein Anwalt, der „sehr offensiv und emotional aufgeladen“ von der Ärztin verlangt, dass sie alles für seine 94-jährige Mutter tun. Die Mutter hat, viele Jahre nach einer Brustkrebsoperation, Metastasen in der Lunge und den Knochen, möchte aber selbst keine Operation oder Chemotherapie mehr.

Was Eckert in den Rollen dann wirklich sagt, das komme aus der Intuition und hänge selbstverständlich auch von den Reaktionen der Ärzte ab. Manchmal sei es ein wenig Arbeit, sie aus der Reserve zu locken, gesteht Eckert. „Ich bin immer wieder erstaunt, dass es am Ende alle schaffen, den Sohn zu beruhigen“, sagt er nach acht von zehn Seminaren in diesem Semester.

Eckert und die Lakomeks würden diese Zusammenarbeit gerne fortsetzen. Da seine Arbeitszeit als Schauspieler überwiegend in den Abendstunden liege, die Seminare aber am Vormittag stattfinden, lasse sich das sicherlich vereinbaren, meint Eckert.

Wie in einer Prüfungssituation bekommen die Studenten ein Informationsblatt ausgehändigt. Sie haben vor der Tür zwei Minuten Zeit, das zu lesen, bevor sie in das Gespräch gehen.

In dem Gespräch mit dem Richter, dem eine Studierende die Diagnose Demenz unterbreiten muss, sagt sie anschließend selber, dass sie glaubt, ihn nicht beruhigt zu haben. Eckert bestätigt das Gefühl: „Sie haben ihn in der Schwebe gelassen. Die Zuversicht blieb zu vage.“ An dieser Stelle hakt Lakomek ein: „Ständige Unterzuckerungen verursachen so eine Demenz.“ Eine Therapie-Änderung sei in diesem Fall die Lösung. Bei Patienten mit Demenz träten häufig Stimmungsschwankungen auf. „Das muss man aushalten“. Ihr Tipp für solch heikle Gespräche: „Fragen Sie nach den Befürchtungen des Patienten“. Die Studierende habe aber einen zentralen Satz ausgesprochen, für den sie Lakomek ausdrücklich lobt: „Sie brauchen Hilfe, wir geben Ihnen Hilfe.“

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