Der Vernetzer: SPD-Kandidat Achim Post will weiter im Bundestag arbeiten Monika Jäger Minden. Es ist der letzte Sonntag im August, die Umfragewerte der SPD steigen. Der Minden-Lübbecker Bundestagsabgeordnete Achim Post ist im Kreis unterwegs, um für sich und seine Partei zu werben. Oft geht es dabei um Scholz, Corona, Daseinssicherung, und – weil Post sich seit Jahren dafür engagiert – auch um den Bahntrassenausbau. Kein Thema sei aber so wichtig wie das Klima, sagt Post, das merke er auch bei Gesprächen in Fußgängerzonen oder vor Supermärkten. Seit 2013 ist der Espelkamper jetzt im Bundestag, Berufspolitiker war er schon immer. Gerade hat er so viel Einfluss wie nie. 2017 wurde Post stellvertretender Fraktionsvorsitzender mit den Arbeitsschwerpunkten Europa, Haushalt, Finanzen. Er hat seither viele Entscheidungen in seinem Fachgebiet Haushalt und Finanzen vorbereitet. Vor allem aber könne er das, was in Arbeitsgruppen und informellen Gesprächen vereinbart wurde, umsetzen, sagt Post. Wie viel Politik wird in solchen informellen Treffen gemacht? „Die Sachverhalte sind nicht einfacher geworden – und viele Dinge bekommt man nur hin, wenn man vertrauensvoll miteinander redet.“ Der Minden-Lübbecker ist für die SPD Vernetzer, Anbahner, Kompromisse-Finder. Im Plenum des Bundestages erhebt er nicht häufig das Wort – 2020 viermal, 2019 zweimal. Fast immer hat er mit der Fraktion abgestimmt; nur da nicht, wo es um die Bahntrasse ging – er setzt sich für den Ausbau der bestehenden Strecke ein, und Minden-Lübbecker Belange gingen vor Fraktionseinheit, sagt er. Das allerdings sei „nicht ganz ohne“ gewesen, denn eigentlich ist es genau sein Job, dafür zu sorgen, dass die Fraktion geschlossen abstimmt. Wie planbar ist so eine politische Karriere wie seine? Vieles habe sich eher ergeben, sagt Post – vor allem am Anfang. Was half: dass er sich auf Situationen einstellte, etwa, als er 2013 in den Bundestag kam und dann nicht, wie er sich eigentlich gewünscht hatte, in den Verkehrsausschuss kam. Er kenne sich doch mit Haushalt aus, sagte damals seine Fraktion. Also: Haushalt. Es hätte auch Europa- oder Außenpolitik sein können – Post hatte vier Jahre für einen der besten Verhandler seiner Zeit gearbeitet: Hans-Jürgen Wischnewski. 1986 wurde er Mitarbeiter im Büro des damaligen SPD-Schatzmeisters (Spitzname: „Ben Wisch“). Es war „das beste Bewerbungsgespräch, das ich je hatte.“ Wischnewski sah den 27-jährigen Berufseinsteiger an, deutete hinter sich auf eine große Weltkarte und begann zu erzählen. Stundenlang. Später endete der Abend in einem Bierkeller. Die biografischen Einträge auf Posts Internetseiten sind voll von Vorbildern, allen voran: sein Vater und Willy Brandt. Post ist ein Kind der 60er Jahre, verstand sich immer als Sohn einer Arbeiterfamilie: Vater Werkzeugmacher, Mutter Verkäuferin, oft sagte der Vater sonntags am Tisch, es sei der SPD zu verdanken, dass es der Familie und dem Land besser gehe. Als es ernst wurde mit der Berufswahl, entschied Post sich für „was mit Politik“. Als Willy Brandt – Bundeskanzler bis 1974, Friedensnobelpreisträger – wegen der Spionageaffäre um Guillaume zurücktrat, war Post gerade 15 geworden; mit 16 wurde er Juso-Mitglied. Für Post gab es nie etwas anderes, als Sozialdemokrat zu sein. Auch, als die Grünen 1980 auf die politische Bühne traten und Themen besetzten, die Post wichtig waren, war für ihn ein Wechsel kein Thema: „Ich wollte immer in der SPD für meine Ziele kämpfen.“ Ende der 70er Jahre fuhr Post mit einem Juso-Freund zum SPD-Bundesparteitag, im Gepäck ein Schild „Ich bin Sozialdemokrat und gegen Atomkraft.“ Tausende andere würden da schon stehen, dachten die beiden. Tatsächlich waren sie eine Zweier-Demo. Und sorgten für Diskussionen: „Ruhrgebiets-Abgeordnete beschimpften uns, Gerhard Schröder, damals Juso-Vorsitzender , nahm uns in den Arm.“ Die Debattenkultur in der SPD sei immer eher „rustikal“ gewesen, sagt Post. Für ihn gut: Konflikte hätten ihn später nie erschüttern können. Hat er jemals an der SPD gezweifelt? „An der SPD insgesamt nie.“ Aber er sei durchaus mit einzelnen Entscheidungen nicht einverstanden gewesen. Wenn er Vorgehensweisen nicht richtig findet, setzt er auf Überzeugung. Auch bei der Wahlkampfstrategie. Die SPD müsse deutlich machen, wofür sie steht, findet Post, mahnte seit Monaten: „Wenn man hinten liegt, muss man angreifen.“ Zu sagen wofür man steht, werde doch immer wichtiger, je länger eine Große Koalition mit ihren vielen Vereinbarungen und Kompromissen bestehe. „Olaf Scholz ist mehr an der Sache interessiert als daran, dass die SPD gut dasteht.“ Ein Vorteil, überlegt Post dann, vor allem auf „der Folie der beiden anderen“, die kandidieren. 35 Jahre ist er verheiratet, im Polit-Betrieb keine Selbstverständlichkeit. „Meine Frau wusste immer, das ich versuche, so viel freie Zeit mit ihr zu verbringen, wie es nur geht.“ Wie lange mag er das noch machen mit den langen Abenden, dem Pendeln zwischen Berlin und dem Mühlenkreis? Post sagt klar: „Ich kandidiere für vier Jahre.“ Möchte er thematisch noch mal andere Schwerpunkte setzen? „Eigentlich bin ich mit dem, was ich mache, sehr zufrieden, auch mit dem ganzen Team“, sagt Post. „Aber ausschließen will ich das jetzt auch nicht.“ Opposition oder Regierung? „Regierung.“ Mit wem? „Ich hoffe mit den Grünen, und ich denke auch mit der FDP.“ Es sind an diesem Tag noch vier Wochen bis zur Wahl. Noch ist nichts entschieden.

Der Vernetzer: SPD-Kandidat Achim Post will weiter im Bundestag arbeiten

Achim Post (62), Minden-Lübbecker SPD-Bundestagskandidat. Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. Es ist der letzte Sonntag im August, die Umfragewerte der SPD steigen. Der Minden-Lübbecker Bundestagsabgeordnete Achim Post ist im Kreis unterwegs, um für sich und seine Partei zu werben. Oft geht es dabei um Scholz, Corona, Daseinssicherung, und – weil Post sich seit Jahren dafür engagiert – auch um den Bahntrassenausbau. Kein Thema sei aber so wichtig wie das Klima, sagt Post, das merke er auch bei Gesprächen in Fußgängerzonen oder vor Supermärkten.

Seit 2013 ist der Espelkamper jetzt im Bundestag, Berufspolitiker war er schon immer. Gerade hat er so viel Einfluss wie nie. 2017 wurde Post stellvertretender Fraktionsvorsitzender mit den Arbeitsschwerpunkten Europa, Haushalt, Finanzen. Er hat seither viele Entscheidungen in seinem Fachgebiet Haushalt und Finanzen vorbereitet. Vor allem aber könne er das, was in Arbeitsgruppen und informellen Gesprächen vereinbart wurde, umsetzen, sagt Post. Wie viel Politik wird in solchen informellen Treffen gemacht? „Die Sachverhalte sind nicht einfacher geworden – und viele Dinge bekommt man nur hin, wenn man vertrauensvoll miteinander redet.“ Der Minden-Lübbecker ist für die SPD Vernetzer, Anbahner, Kompromisse-Finder.

Im Plenum des Bundestages erhebt er nicht häufig das Wort – 2020 viermal, 2019 zweimal. Fast immer hat er mit der Fraktion abgestimmt; nur da nicht, wo es um die Bahntrasse ging – er setzt sich für den Ausbau der bestehenden Strecke ein, und Minden-Lübbecker Belange gingen vor Fraktionseinheit, sagt er. Das allerdings sei „nicht ganz ohne“ gewesen, denn eigentlich ist es genau sein Job, dafür zu sorgen, dass die Fraktion geschlossen abstimmt.


Wie planbar ist so eine politische Karriere wie seine? Vieles habe sich eher ergeben, sagt Post – vor allem am Anfang. Was half: dass er sich auf Situationen einstellte, etwa, als er 2013 in den Bundestag kam und dann nicht, wie er sich eigentlich gewünscht hatte, in den Verkehrsausschuss kam. Er kenne sich doch mit Haushalt aus, sagte damals seine Fraktion. Also: Haushalt.

Es hätte auch Europa- oder Außenpolitik sein können – Post hatte vier Jahre für einen der besten Verhandler seiner Zeit gearbeitet: Hans-Jürgen Wischnewski. 1986 wurde er Mitarbeiter im Büro des damaligen SPD-Schatzmeisters (Spitzname: „Ben Wisch“). Es war „das beste Bewerbungsgespräch, das ich je hatte.“ Wischnewski sah den 27-jährigen Berufseinsteiger an, deutete hinter sich auf eine große Weltkarte und begann zu erzählen. Stundenlang. Später endete der Abend in einem Bierkeller.

Die biografischen Einträge auf Posts Internetseiten sind voll von Vorbildern, allen voran: sein Vater und Willy Brandt. Post ist ein Kind der 60er Jahre, verstand sich immer als Sohn einer Arbeiterfamilie: Vater Werkzeugmacher, Mutter Verkäuferin, oft sagte der Vater sonntags am Tisch, es sei der SPD zu verdanken, dass es der Familie und dem Land besser gehe. Als es ernst wurde mit der Berufswahl, entschied Post sich für „was mit Politik“.

Als Willy Brandt – Bundeskanzler bis 1974, Friedensnobelpreisträger – wegen der Spionageaffäre um Guillaume zurücktrat, war Post gerade 15 geworden; mit 16 wurde er Juso-Mitglied. Für Post gab es nie etwas anderes, als Sozialdemokrat zu sein. Auch, als die Grünen 1980 auf die politische Bühne traten und Themen besetzten, die Post wichtig waren, war für ihn ein Wechsel kein Thema: „Ich wollte immer in der SPD für meine Ziele kämpfen.“

Ende der 70er Jahre fuhr Post mit einem Juso-Freund zum SPD-Bundesparteitag, im Gepäck ein Schild „Ich bin Sozialdemokrat und gegen Atomkraft.“ Tausende andere würden da schon stehen, dachten die beiden. Tatsächlich waren sie eine Zweier-Demo. Und sorgten für Diskussionen: „Ruhrgebiets-Abgeordnete beschimpften uns, Gerhard Schröder, damals Juso-Vorsitzender , nahm uns in den Arm.“ Die Debattenkultur in der SPD sei immer eher „rustikal“ gewesen, sagt Post. Für ihn gut: Konflikte hätten ihn später nie erschüttern können.

Hat er jemals an der SPD gezweifelt? „An der SPD insgesamt nie.“ Aber er sei durchaus mit einzelnen Entscheidungen nicht einverstanden gewesen. Wenn er Vorgehensweisen nicht richtig findet, setzt er auf Überzeugung. Auch bei der Wahlkampfstrategie. Die SPD müsse deutlich machen, wofür sie steht, findet Post, mahnte seit Monaten: „Wenn man hinten liegt, muss man angreifen.“ Zu sagen wofür man steht, werde doch immer wichtiger, je länger eine Große Koalition mit ihren vielen Vereinbarungen und Kompromissen bestehe. „Olaf Scholz ist mehr an der Sache interessiert als daran, dass die SPD gut dasteht.“ Ein Vorteil, überlegt Post dann, vor allem auf „der Folie der beiden anderen“, die kandidieren.

35 Jahre ist er verheiratet, im Polit-Betrieb keine Selbstverständlichkeit. „Meine Frau wusste immer, das ich versuche, so viel freie Zeit mit ihr zu verbringen, wie es nur geht.“ Wie lange mag er das noch machen mit den langen Abenden, dem Pendeln zwischen Berlin und dem Mühlenkreis? Post sagt klar: „Ich kandidiere für vier Jahre.“ Möchte er thematisch noch mal andere Schwerpunkte setzen? „Eigentlich bin ich mit dem, was ich mache, sehr zufrieden, auch mit dem ganzen Team“, sagt Post. „Aber ausschließen will ich das jetzt auch nicht.“

Opposition oder Regierung? „Regierung.“ Mit wem? „Ich hoffe mit den Grünen, und ich denke auch mit der FDP.“ Es sind an diesem Tag noch vier Wochen bis zur Wahl. Noch ist nichts entschieden.

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