Der Traum vom Fliegen: Warum Etienne Renaud so gern abhebt Kerstin Rickert Minden. Etienne Renaud hat den Absprung geschafft. Lautlos schwebt er durch die Luft, breitet die Arme aus und durchbricht dann die Stille mit lauten „Yippie“-Rufen – immer und immer wieder. Für den 42-jährigen Mindener ist Gleitschirmfliegen das Größte, jeder Start der Beginn eines Glücksmoments. „Man fühlt sich schwerelos und frei wie ein Vogel“, beschreibt Etienne Renaud den Reiz des Gleitschirmfliegens. „Ich kann abschalten, den Stress vom Job hinter mir lassen. Das klingt jetzt schon fast pathetisch, aber die Elemente wirken auf einen ein.“ Da oben in der Luft spüre er Ruhe, den Wind, der an ihm vorbeirausche und die Sonne im Gesicht. An nichts zu denken und sich fallen lassen zu können, sei ein befreiendes Gefühl – das bei idealen Bedingungen auch schon mal mehrere Stunden andauern kann. Gute Vorbereitung ist alles. Nicht beeinflussbar, aber enorm wichtig: die Wetterbedingungen. Freie Sicht ist unabdingbar. Eine gute Thermik ermöglicht es Gleitschirmfliegern, stundenlang in der Luft zu bleiben und auch weitere Strecken zurückzulegen. Dafür braucht es die Kraft der Sonne. Wenn sie auf den Boden scheint, erwärmt sie diesen und die darüber liegende Luftschicht, die dann nach oben steigt. „Das Geheimnis liegt darin, Thermik zu nutzen“, sagt Etienne Renaud. „Als Gleitschirmpilot kann man sich, wie die Vögel auch, in so einem Warmluftschlauch – wir Piloten sagen dazu auch Thermikbart – kreisend nach oben bewegen.“ Etienne Renaud verfolgt regelmäßig die Wetterprognosen auf einschlägigen Flugportalen. Doch seit Beginn der Pandemie stünden weniger verlässliche Daten zur Verfügung, weil der Flugverkehr abgenommen habe. „Die Prognosen stimmen im Moment zu 60 Prozent nicht“, sagt er. Das trifft auch an dem Morgen zu, als sich der 42-Jährige in Minden auf den Weg nach Porta Westfalica macht. An der Wittekindsburg betreibt der Verein Delta-Club Wiehengebirge schon lange eine Rampe für Drachenflieger. Renaud hat sich für die Errichtung eines Startbereichs für Gleitschirmflieger eingesetzt. Seit Ende August 2019 ist er in Betrieb. Die Strecke dorthin fährt der zweite Vorsitzende des Vereins immer mit dem Fahrrad – 15 Kilogramm Gepäck inklusive. So viel wiegt der Rucksack, in dem der Gleitschirm samt Zubehör fein säuberlich verpackt ist. Oben auf dem Wittekindsberg angekommen, gibt es für ihn an jenem Morgen eine längere Verschnaufpause als geplant. Ein grauer Schleier umhüllt den Berg, das Tal lässt sich unter einer dichten Nebeldecke nur erahnen. Nun heißt es warten, bis der Dunst sich aufgelöst hat. „Wir fliegen auf Sicht“, erklärt Renaud. Die Zeit des Wartens nutzt er, um sich, seinen Gleitschirm und den Bereich, wo er später abheben wird, startklar zu machen. Seit viereinhalb Jahren erfüllt sich der 42-Jährige den Traum vom Fliegen, den er lange Zeit aus den Augen verloren hatte. „Als 16-Jähriger habe ich einen Schnupperkurs auf Kanzlers Weide gemacht und hing an Seilen zehn Meter in der Luft.“ Daran erinnerte ihn ein guter Freund, als der ihm erzählte, er habe eine Lizenz im Gleitschirmfliegen gemacht. Für Etienne Renaud war in dem Moment klar: „Das will ich auch.“ Er meldete sich sofort für einen Kurs in den Alpen an. „Drei Monate später ging’s los, ohne jegliche Vorbereitung.“ Nach nur zwölf Tagen hatte er seine Lizenz in der Tasche. „Es war die beste Entscheidung, das zu machen“, sagt er über sein Hobby, das seine Frau seit einem Jahr mit ihm teilt. Der Dunst hat sich verzogen. Für Renaud bedeutet das, sich jetzt möglichst wenig ablenken zu lassen und sich auf die Flugvorbereitungen zu konzentrieren. „Es gibt viel, an was man denken muss“, erklärt er. Zum Beispiel an den Flugcomputer, den er in der Luft immer im Blick hat, weil der ihm wichtige Daten anzeigt: Höhe, Geschwindigkeit, Steig- und Sinkrate, Flugdauer, Windstärke und -richtung etwa. Ganz wichtig ist auch die Rettungsschnur. Routiniert faltet Etienne Renaud den Gleitschirm, der aus dünnen, aneinandergenähten Nylon-Stoffbahnen besteht, auseinander und breitet ihn über seine gesamte Spannweite von mehr als zehn Metern aus. Er legt die Schnüre zurecht und hängt sich mit seinem Gurtzeug ein. Ein bisschen Anspannung ist ihm anzumerken. Nicht, weil das Gleitschirmfliegen besonders gefährlich wäre, sondern weil jeder Flug für ihn ein neues, unvergessliches Erlebnis ist. „Es gibt auch schon mal Unfälle, im Vergleich aber nicht mehr als im Straßenverkehr. Moderne Gleitschirme sind sehr sicher, und man lernt in der Ausbildung den sicheren Umgang mit dem Material“, sagt Renaud. Eine Besonderheit ergebe sich aus der Bauart des Gleitschirms: „Der Pilot hängt unter seinem Gleitschirm wie ein Pendel. Dadurch wird der Gleitschirm in seiner flugfähigen Form gehalten.“ Selbst wenn der Pilot die Steuerleinen vollständig losließe und die Augen schlösse, würde er langsam und sicher zu Boden gleiten. Doch bevor es für Etienne Renaud in die Luft geht, muss er noch die größte Herausforderung meistern: den Start. Der Windsack an dem Mast neben der Absprungstelle ist fast vollständig aufgeblasen und zeigt Richtung Norden. Der Wind weht also aus Süden gegen den Hang. Perfekt. Etienne Renaud läuft ein paar Meter dem Wind entgegen, die Steuerleinen rechts und links in den Händen haltend. Der Gleitschirm erhebt sich vom Boden, wird durch die Luftströmung nach oben katapultiert und hebt mitsamt dem 42-jährigen Mindener ab. Seine Jubelschreie sind deutlich zu hören – auch als er selbst nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne ist.

Der Traum vom Fliegen: Warum Etienne Renaud so gern abhebt

Jeder Start der Beginn eines Glücksmoments: Etienne Renaud liebt das Gleitschirmfliegen. Foto: Kerstin Rickert © Kerstin Rickert

Minden. Etienne Renaud hat den Absprung geschafft. Lautlos schwebt er durch die Luft, breitet die Arme aus und durchbricht dann die Stille mit lauten „Yippie“-Rufen – immer und immer wieder. Für den 42-jährigen Mindener ist Gleitschirmfliegen das Größte, jeder Start der Beginn eines Glücksmoments.

„Man fühlt sich schwerelos und frei wie ein Vogel“, beschreibt Etienne Renaud den Reiz des Gleitschirmfliegens. „Ich kann abschalten, den Stress vom Job hinter mir lassen. Das klingt jetzt schon fast pathetisch, aber die Elemente wirken auf einen ein.“ Da oben in der Luft spüre er Ruhe, den Wind, der an ihm vorbeirausche und die Sonne im Gesicht. An nichts zu denken und sich fallen lassen zu können, sei ein befreiendes Gefühl – das bei idealen Bedingungen auch schon mal mehrere Stunden andauern kann.

Gute Vorbereitung ist alles. Nicht beeinflussbar, aber enorm wichtig: die Wetterbedingungen. Freie Sicht ist unabdingbar. Eine gute Thermik ermöglicht es Gleitschirmfliegern, stundenlang in der Luft zu bleiben und auch weitere Strecken zurückzulegen. Dafür braucht es die Kraft der Sonne. Wenn sie auf den Boden scheint, erwärmt sie diesen und die darüber liegende Luftschicht, die dann nach oben steigt. „Das Geheimnis liegt darin, Thermik zu nutzen“, sagt Etienne Renaud. „Als Gleitschirmpilot kann man sich, wie die Vögel auch, in so einem Warmluftschlauch – wir Piloten sagen dazu auch Thermikbart – kreisend nach oben bewegen.“

Etienne Renaud verfolgt regelmäßig die Wetterprognosen auf einschlägigen Flugportalen. Doch seit Beginn der Pandemie stünden weniger verlässliche Daten zur Verfügung, weil der Flugverkehr abgenommen habe. „Die Prognosen stimmen im Moment zu 60 Prozent nicht“, sagt er.

Das trifft auch an dem Morgen zu, als sich der 42-Jährige in Minden auf den Weg nach Porta Westfalica macht. An der Wittekindsburg betreibt der Verein Delta-Club Wiehengebirge schon lange eine Rampe für Drachenflieger. Renaud hat sich für die Errichtung eines Startbereichs für Gleitschirmflieger eingesetzt. Seit Ende August 2019 ist er in Betrieb. Die Strecke dorthin fährt der zweite Vorsitzende des Vereins immer mit dem Fahrrad – 15 Kilogramm Gepäck inklusive. So viel wiegt der Rucksack, in dem der Gleitschirm samt Zubehör fein säuberlich verpackt ist.

Oben auf dem Wittekindsberg angekommen, gibt es für ihn an jenem Morgen eine längere Verschnaufpause als geplant. Ein grauer Schleier umhüllt den Berg, das Tal lässt sich unter einer dichten Nebeldecke nur erahnen. Nun heißt es warten, bis der Dunst sich aufgelöst hat. „Wir fliegen auf Sicht“, erklärt Renaud. Die Zeit des Wartens nutzt er, um sich, seinen Gleitschirm und den Bereich, wo er später abheben wird, startklar zu machen.

Seit viereinhalb Jahren erfüllt sich der 42-Jährige den Traum vom Fliegen, den er lange Zeit aus den Augen verloren hatte. „Als 16-Jähriger habe ich einen Schnupperkurs auf Kanzlers Weide gemacht und hing an Seilen zehn Meter in der Luft.“ Daran erinnerte ihn ein guter Freund, als der ihm erzählte, er habe eine Lizenz im Gleitschirmfliegen gemacht. Für Etienne Renaud war in dem Moment klar: „Das will ich auch.“ Er meldete sich sofort für einen Kurs in den Alpen an. „Drei Monate später gings los, ohne jegliche Vorbereitung.“ Nach nur zwölf Tagen hatte er seine Lizenz in der Tasche. „Es war die beste Entscheidung, das zu machen“, sagt er über sein Hobby, das seine Frau seit einem Jahr mit ihm teilt.

Der Dunst hat sich verzogen. Für Renaud bedeutet das, sich jetzt möglichst wenig ablenken zu lassen und sich auf die Flugvorbereitungen zu konzentrieren. „Es gibt viel, an was man denken muss“, erklärt er. Zum Beispiel an den Flugcomputer, den er in der Luft immer im Blick hat, weil der ihm wichtige Daten anzeigt: Höhe, Geschwindigkeit, Steig- und Sinkrate, Flugdauer, Windstärke und -richtung etwa. Ganz wichtig ist auch die Rettungsschnur.

Routiniert faltet Etienne Renaud den Gleitschirm, der aus dünnen, aneinandergenähten Nylon-Stoffbahnen besteht, auseinander und breitet ihn über seine gesamte Spannweite von mehr als zehn Metern aus. Er legt die Schnüre zurecht und hängt sich mit seinem Gurtzeug ein. Ein bisschen Anspannung ist ihm anzumerken.

Nicht, weil das Gleitschirmfliegen besonders gefährlich wäre, sondern weil jeder Flug für ihn ein neues, unvergessliches Erlebnis ist. „Es gibt auch schon mal Unfälle, im Vergleich aber nicht mehr als im Straßenverkehr. Moderne Gleitschirme sind sehr sicher, und man lernt in der Ausbildung den sicheren Umgang mit dem Material“, sagt Renaud. Eine Besonderheit ergebe sich aus der Bauart des Gleitschirms: „Der Pilot hängt unter seinem Gleitschirm wie ein Pendel. Dadurch wird der Gleitschirm in seiner flugfähigen Form gehalten.“ Selbst wenn der Pilot die Steuerleinen vollständig losließe und die Augen schlösse, würde er langsam und sicher zu Boden gleiten.

Doch bevor es für Etienne Renaud in die Luft geht, muss er noch die größte Herausforderung meistern: den Start. Der Windsack an dem Mast neben der Absprungstelle ist fast vollständig aufgeblasen und zeigt Richtung Norden. Der Wind weht also aus Süden gegen den Hang. Perfekt. Etienne Renaud läuft ein paar Meter dem Wind entgegen, die Steuerleinen rechts und links in den Händen haltend. Der Gleitschirm erhebt sich vom Boden, wird durch die Luftströmung nach oben katapultiert und hebt mitsamt dem 42-jährigen Mindener ab. Seine Jubelschreie sind deutlich zu hören – auch als er selbst nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne ist.

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