Der Tanzstil verrät sie: Stammgäste machen der "Box" eine Liebeserklärung Christine Riechmann Minden. In der „Box" hat jeder seinen Platz. Alle kennen den mit den langen schwarzen Haaren, der immer am Pfeiler direkt hinter dem Eingang gestanden hat – die Fußsohle an die Wand gestemmt. „Mein Platz war auf der Tanzfläche", erzählt Carola Nolte. Marc Blotevogel stand meistens nur ein paar Meter entfernt, vorne an der Theke. Und Fritjof Rohlfs Platz war im Backstage. Unzählige Stunden haben sie dort verbracht – gefeiert und getanzt. Und bestimmt sind sie sich dort begegnet, trotzdem kennen sie sich nicht. Was die drei Mindener aber vereint, ist ihre Beziehung zur Musikbox. Für sie ist die Disco an der Portastraße mehr als ein x-beliebiger Tanzschuppen. Die drei Mindener verbinden mit der „Box" ein Teil ihres Lebens. „Das war ein ganz großer Abschnitt, der mich sehr geprägt hat", berichtet Carola Nolte (55). Und wenn sie aus ihrer Zeit in der Musikbox erzählt, sprudeln die Geschichten und Gefühle nur so aus ihr heraus. Das erste Mal war sie mit 16 Jahren dort und dann zehn Jahre jeden Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag. Mit 26 ist sie für ein Jahr in Hannovers Nachtleben „fremdgegangen". „Ich musste mal Luft holen", erklärt sie. Danach war es wieder die „Box", in der sie die Nächte durchgetanzt und viele besondere Gespräche geführt hat. Dort hat sie auch traditionell Weihnachten (im Anschluss an das Familienpflichtprogramm) und Silvester gefeiert. „In der Box fühlte man sich einfach so wohl, wie man war", beschreibt sie, was die Disco für sie ausgemacht hat. Sie berichtet von der familiären Atmosphäre und dem Gefühl, willkommen zu sein. „Wer die Box kannte und liebte, der blieb dort", lautet ihre Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet die „Box" und warum nahezu jeden Abend. Erst als sich mit 30 Jahren ihre berufliche und familiäre Situation geändert hatte, kam sie nicht mehr. Dafür hat sie Jahre später ihren heute 20-jährigen Sohn Jan quasi dorthin geschleppt. „Computer aus und ab in die Box", hat ihre klare Ansage gelautet, als er 16 Jahre alt war. „Verpasst das Leben nicht. Ich fahre euch auch", hat sie ihm gesagt. Wenn es ihm nicht gefallen würde, bräuchte er nicht mehr hingehen. Aber das hat es – und von da an war auch Carola Noltes Sohn Stammgast in der Musikbox. Auch ihre Zeit an der Portastraße sollte noch nicht vorbei sein. 2019 ist auf Initiative einiger ehemaliger Gäste mit der Party-Reihe „Rock et cetera" der „alte Sonntag" wieder auferstanden. „Als ich das mitbekam, war sofort klar: Da gehe ich hin", berichtet sie. „Ich gehe jetzt abrocken", habe sie ihrem Sohn gesagt. „Und das war ein Gefühl", schwärmt die 55-Jährige mit Tränen in den Augen. „Als wäre ich nie weg gewesen." Emotional total aufgewühlt habe sie die ganze Nacht durchgetanzt – und viele alte Freunde wiedergetroffen. „Manche habe ich nicht am Gesicht, sondern am Tanzstil erkannt." Marc Blotevogel (46) ist einer der Initiatoren von „Rock et cetera". Mit seinem Kumpel Mathias hat er angestoßen, dass die „Box" mal wieder – so wie früher – am Sonntag öffnet. „Wie viele Leute brauchst du?", hätten sie „Box"-Chef Heinz Eichler gefragt. 100 mindestens, habe der geantwortet. „Über 300 waren dann da und ich hatte durchgängig eine Gänsehaut", beschreibt Marc Blotevogel, der an dem Abend die Musik aufgelegt hat, sein Gefühl. Ein Gefühl, das ihn ähnlich bei seinem ersten Mal in der „Box" überkommen hat. Damals war er 15 und ist mit seinem Kumpel an die Portastraße gefahren. „Ich werde nie vergessen, wie ich da reinkam. Die Discokugel – wow! Ich konnte kaum etwas sehen." Und als kurze Zeit später „School" von Supertramp gespielt wurde, „war es um mich geschehen". Ein „Magic Moment", wie Marc Blotevogel sagt. Von da an war er infiziert und ist immer mittwochs, samstags, manchmal donnerstags zu den „Specials" und sonntags gegangen. Mal eine Woche nicht hinzugehen, sei unmöglich gewesen. Oft sei er auch einfach spontan hingefahren. „Die Box hat einen ganz besonderen Charme." Klar, sei er auch mal woanders gewesen – aber nichts sei mit der „Box" vergleichbar. „Ein Besuch dort ist wie ein Besuch bei einem guten Kumpel – man fühlt sich sofort wohl." Eine besondere Erinnerung hat Marc Blotevogel an den Schlagerboom Ende der 90er Jahre, der in der „Box" am Sonntag zelebriert wurde. „Den haben wir voll mitgenommen." Mit echten 70er-Klamotten aus dem Kleiderschrank seines Vaters hat er sich und seine Kumpel ausgestattet. „Und dann haben wir die Schuhe durchgetanzt, das war eine heiße Zeit." 2010 war dann der Break. „Das Leben hatte andere Prioritäten. Einige Jahre war ich dann gar nicht dort." Bis zur Auferstehung des „alten Sonntags". „Hoffentlich können wir damit bald weitermachen", blickt Marc Blotevogel dem Ende der coronabedingten „Rock et cetera"-Pause entgegen. Eine Party, die auch Fritjof Rohlfs wieder in seine einstige Stammdisco ziehen würde. Auch der heute 33-Jährige hat einen Großteil seiner Jugend in der „Box" verbracht. „Da bekam man ein Bier für zwei Euro", nennt er einen der Gründe – einen sehr pragmatischen. Dass auch er eine durchaus emotionale Bindung zu der Disco hat, wird deutlich, wenn er sein „erstes Mal" beschreibt. „Ich war 16 und der Abend war wie ein Rausch, das beste Erlebnis." Sein Tag war der Samstag, in Abi-Zeiten auch der Mittwoch. „Freitags waren die Gruftis da, das war nicht so mein Ding." Den ersten Teil der MT-Serie "40 Jahre Musikbox" gibt es hier. Besonders erinnern kann er sich an endlose Kickerturniere, meistens mit Leuten, die er eigentlich gar nicht kannte. Und daran, dass er einmal mit ein paar Freunden ein Konzert in der „Box" auf die Beine gestellt hat. „Wir haben eine Band klar gemacht und Heinz Eichler hat gesagt, okay Jungs, probiert es." Das habe ihn stark beeindruckt. Eichler habe ja gar nicht gewusst, worauf er sich einlässt und habe dafür trotzdem einen Samstag geopfert. Genauso wie in ihrer Liebe zur „Box", sind sich die drei Stammgäste in ihren Geburtstagswünschen einig: „Dass sie lebt, dass sie bleibt", wünscht Carola Vogt. „Dass es immer, immer weiter geht", kommt von Marc Blotevogel. Und Fritjof Rohlfs wünscht „ganz viel Kraft".

Der Tanzstil verrät sie: Stammgäste machen der "Box" eine Liebeserklärung

Die Discokugel über der Haupttanzfläche hat Stammgast Marc Blotevogel bei seinem ersten Besuch in der Musikbox total geflasht. Ein „Magic Moment“, wie er sagt. MT-Archivfoto: Alex Lehn

Minden. In der „Box" hat jeder seinen Platz. Alle kennen den mit den langen schwarzen Haaren, der immer am Pfeiler direkt hinter dem Eingang gestanden hat – die Fußsohle an die Wand gestemmt.

„Mein Platz war auf der Tanzfläche", erzählt Carola Nolte. Marc Blotevogel stand meistens nur ein paar Meter entfernt, vorne an der Theke. Und Fritjof Rohlfs Platz war im Backstage. Unzählige Stunden haben sie dort verbracht – gefeiert und getanzt. Und bestimmt sind sie sich dort begegnet, trotzdem kennen sie sich nicht. Was die drei Mindener aber vereint, ist ihre Beziehung zur Musikbox. Für sie ist die Disco an der Portastraße mehr als ein x-beliebiger Tanzschuppen. Die drei Mindener verbinden mit der „Box" ein Teil ihres Lebens.

Marc Blotevogel (links) mit seinem Freund Niels Pfannenschmidt in den 90er Jahren in der Musikbox. Fotos (2): privat
Marc Blotevogel (links) mit seinem Freund Niels Pfannenschmidt in den 90er Jahren in der Musikbox. Fotos (2): privat

„Das war ein ganz großer Abschnitt, der mich sehr geprägt hat", berichtet Carola Nolte (55). Und wenn sie aus ihrer Zeit in der Musikbox erzählt, sprudeln die Geschichten und Gefühle nur so aus ihr heraus.

Das erste Mal war sie mit 16 Jahren dort und dann zehn Jahre jeden Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag. Mit 26 ist sie für ein Jahr in Hannovers Nachtleben „fremdgegangen". „Ich musste mal Luft holen", erklärt sie. Danach war es wieder die „Box", in der sie die Nächte durchgetanzt und viele besondere Gespräche geführt hat. Dort hat sie auch traditionell Weihnachten (im Anschluss an das Familienpflichtprogramm) und Silvester gefeiert.

Carola Nolte hat in den 80er Jahren mehrere Tage in der Woche in der Box verbracht.
Carola Nolte hat in den 80er Jahren mehrere Tage in der Woche in der Box verbracht.

„In der Box fühlte man sich einfach so wohl, wie man war", beschreibt sie, was die Disco für sie ausgemacht hat. Sie berichtet von der familiären Atmosphäre und dem Gefühl, willkommen zu sein. „Wer die Box kannte und liebte, der blieb dort", lautet ihre Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet die „Box" und warum nahezu jeden Abend.

Erst als sich mit 30 Jahren ihre berufliche und familiäre Situation geändert hatte, kam sie nicht mehr. Dafür hat sie Jahre später ihren heute 20-jährigen Sohn Jan quasi dorthin geschleppt. „Computer aus und ab in die Box", hat ihre klare Ansage gelautet, als er 16 Jahre alt war. „Verpasst das Leben nicht. Ich fahre euch auch", hat sie ihm gesagt. Wenn es ihm nicht gefallen würde, bräuchte er nicht mehr hingehen. Aber das hat es – und von da an war auch Carola Noltes Sohn Stammgast in der Musikbox.

Auch ihre Zeit an der Portastraße sollte noch nicht vorbei sein. 2019 ist auf Initiative einiger ehemaliger Gäste mit der Party-Reihe „Rock et cetera" der „alte Sonntag" wieder auferstanden. „Als ich das mitbekam, war sofort klar: Da gehe ich hin", berichtet sie. „Ich gehe jetzt abrocken", habe sie ihrem Sohn gesagt. „Und das war ein Gefühl", schwärmt die 55-Jährige mit Tränen in den Augen. „Als wäre ich nie weg gewesen." Emotional total aufgewühlt habe sie die ganze Nacht durchgetanzt – und viele alte Freunde wiedergetroffen. „Manche habe ich nicht am Gesicht, sondern am Tanzstil erkannt."

Marc Blotevogel (46) ist einer der Initiatoren von „Rock et cetera". Mit seinem Kumpel Mathias hat er angestoßen, dass die „Box" mal wieder – so wie früher – am Sonntag öffnet. „Wie viele Leute brauchst du?", hätten sie „Box"-Chef Heinz Eichler gefragt. 100 mindestens, habe der geantwortet. „Über 300 waren dann da und ich hatte durchgängig eine Gänsehaut", beschreibt Marc Blotevogel, der an dem Abend die Musik aufgelegt hat, sein Gefühl. Ein Gefühl, das ihn ähnlich bei seinem ersten Mal in der „Box" überkommen hat. Damals war er 15 und ist mit seinem Kumpel an die Portastraße gefahren. „Ich werde nie vergessen, wie ich da reinkam. Die Discokugel – wow! Ich konnte kaum etwas sehen." Und als kurze Zeit später „School" von Supertramp gespielt wurde, „war es um mich geschehen". Ein „Magic Moment", wie Marc Blotevogel sagt. Von da an war er infiziert und ist immer mittwochs, samstags, manchmal donnerstags zu den „Specials" und sonntags gegangen. Mal eine Woche nicht hinzugehen, sei unmöglich gewesen. Oft sei er auch einfach spontan hingefahren. „Die Box hat einen ganz besonderen Charme." Klar, sei er auch mal woanders gewesen – aber nichts sei mit der „Box" vergleichbar. „Ein Besuch dort ist wie ein Besuch bei einem guten Kumpel – man fühlt sich sofort wohl."

Eine besondere Erinnerung hat Marc Blotevogel an den Schlagerboom Ende der 90er Jahre, der in der „Box" am Sonntag zelebriert wurde. „Den haben wir voll mitgenommen." Mit echten 70er-Klamotten aus dem Kleiderschrank seines Vaters hat er sich und seine Kumpel ausgestattet. „Und dann haben wir die Schuhe durchgetanzt, das war eine heiße Zeit."

2010 war dann der Break. „Das Leben hatte andere Prioritäten. Einige Jahre war ich dann gar nicht dort." Bis zur Auferstehung des „alten Sonntags". „Hoffentlich können wir damit bald weitermachen", blickt Marc Blotevogel dem Ende der coronabedingten „Rock et cetera"-Pause entgegen.

Eine Party, die auch Fritjof Rohlfs wieder in seine einstige Stammdisco ziehen würde. Auch der heute 33-Jährige hat einen Großteil seiner Jugend in der „Box" verbracht. „Da bekam man ein Bier für zwei Euro", nennt er einen der Gründe – einen sehr pragmatischen. Dass auch er eine durchaus emotionale Bindung zu der Disco hat, wird deutlich, wenn er sein „erstes Mal" beschreibt. „Ich war 16 und der Abend war wie ein Rausch, das beste Erlebnis." Sein Tag war der Samstag, in Abi-Zeiten auch der Mittwoch. „Freitags waren die Gruftis da, das war nicht so mein Ding."

Den ersten Teil der MT-Serie "40 Jahre Musikbox" gibt es hier.

Besonders erinnern kann er sich an endlose Kickerturniere, meistens mit Leuten, die er eigentlich gar nicht kannte. Und daran, dass er einmal mit ein paar Freunden ein Konzert in der „Box" auf die Beine gestellt hat. „Wir haben eine Band klar gemacht und Heinz Eichler hat gesagt, okay Jungs, probiert es." Das habe ihn stark beeindruckt. Eichler habe ja gar nicht gewusst, worauf er sich einlässt und habe dafür trotzdem einen Samstag geopfert.

Genauso wie in ihrer Liebe zur „Box", sind sich die drei Stammgäste in ihren Geburtstagswünschen einig: „Dass sie lebt, dass sie bleibt", wünscht Carola Vogt. „Dass es immer, immer weiter geht", kommt von Marc Blotevogel. Und Fritjof Rohlfs wünscht „ganz viel Kraft".

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