Der Offene Ganztag als "Stiefkind"? Verantwortliche kritisiert mangelndes Interesse Benjamin Piel Minden (mt). Für die neue Gebührenstruktur des Offenen Ganztages ist nach zähem Ringen eine Lösung gefunden. Das ändert aber nichts daran, dass Mitarbeiter des Offenen Ganztages sich nicht ausreichend wertgeschätzt fühlen. Ingrid Kawald weiß, woran das liegen könnte. Sie leitet den Offenen Ganztag an der Hohenstaufenschule in Rodenbeck und betreut zusammen mit ihren 39 Kolleginnen und Kollegen 368 Schüler, von denen 75 Prozent einen Migrationshintergrund haben. Die Mitarbeiter des Offenen Ganztages fühlen sich offenbar gelegentlich wie das fünfte Rad am Wagen. Warum? Das Miteinander von Ganztagsmitarbeitern und Schulpersonal ist an der Hohenstaufenschule zunächst einmal ein gutes. Bei uns findet ein Austausch auf Augenhöhe statt und das erlebe ich als sehr bereichernd. Die Erzieher sind zum Beispiel beim Elternsprechtag dabei, schließlich haben sie tiefe Einblicke in die Entwicklung der Kinder. Wir dokumentieren, machen kollegiale Fallberatung, sind mit den Schulsozialarbeitern im Austausch. Bis dahin war es ein harter Weg, denn es hat gedauert, bis klar war, dass Erzieherinnen nicht nur Basteltanten sind. Aber dieses Denken ist glücklicherweise längst vorbei und alle haben an dieser Schule das Bewusstsein entwickelt, dass wir es nur zusammen schaffen können. Bei Themen wie Ausstattung und Bezahlung gibt es allerdings Nachholbedarf. Inwiefern? Kürzlich war die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD, Anm. d. Red.) in Minden und hat einen Vortrag gehalten, in dem es um die Kitas, Betreuung und Schulen ging. Sie berichtete, was die Politik in Zukunft verbessern möchte. Den Offenen Ganztag hat sie nicht erwähnt. Das passt ins Bild, denn wir müssen aus allem das Beste machen. Aber mit viel weniger Mitteln, obwohl wir gute pädagogische Arbeit leisten. Erzieherinnen, die in der Kita arbeiten, bekommen mehr Gehalt als die, die im Ganztag arbeiten. Auch die Mittel für die Ausstattung sind begrenzt. Kein Wunder, dass wir Mühe haben, unsere Stellen zu besetzen. Es muss endlich eine Gleichheit geben zwischen Kitas und dem Ganztag. Um diese Ungleichbehandlung sollte Frau Giffey sich kümmern. Dass sie es bisher nicht getan hat, verstärkt für mich und meine Kolleginnen und Kollegen den Eindruck, dass der Ganztag oft vergessen wird. Warum ist das so? Ich glaube, dass wir in der Politik zu wenige Mitstreiter haben, die sich konsequent und stetig für uns einsetzen. Liegt es vielleicht auch ein Stück weit an Ihnen selbst? Wir müssen uns vorwerfen lassen, dass wir zu wenig zeigen, dass wir etwas richtig Gutes und Wertvolles für die Gesellschaft tun. Wenn der Politik das klarer würde, dann wäre es vielleicht auch möglich, dass es mehr Vollzeitstellen im Ganztag gäbe und dass sich leichter Mitarbeiterinnen finden würden. Im Durchschnitt arbeiten die Mitarbeiter 26 Stunden in der Woche – davon muss man erstmal leben können und man muss schon idealistisch sein, um dazu überhaupt bereit zu sein. Insbesondere die Landespolitiker müssten den Offenen Ganztag stärker mitdenken. Mir dauert das alles viel zu lange und es ärgert mich, dass wir wie Stiefkinder behandelt werden, obwohl die Bedeutung doch inzwischen klar sein sollte. Das bezieht sich nicht auf die Politiker in Minden, denn die haben gerade Qualitätsstandards für den Ganztag entwickelt. Worin genau besteht diese Bedeutung, von der Sie sprechen? Im Kindergarten sind die Kinder bis nachmittags betreut. Dann kommen sie in die Schule – und dann? Der Unterricht endet mittags. Wie sollten berufstätige Eltern mit dieser Situation umgehen, gäbe es keine Ganztagsbetreuung? Bis 2004 hat es in Minden keine Antwort auf diese Frage gegeben. Es gab keinen Offenen Ganztag, nur eine einzige Ganztagsschule. Aber dann ist Schritt für Schritt ein wunderbares Modell entstanden, das grundsätzlich gut funktioniert. Der Ganztags mit seinen Angeboten ist für die Kinder ein wunderbarer Ort nach dem Unterricht. Minden macht in dieser Richtung sehr viel, dafür bin ich dankbar. Und die Eltern sind mehrheitlich vermutlich dankbar für diese Art der Betreuung. Das sind sie, allerdings mag ich das Wort Betreuung nicht. Das hört sich für mich nicht nach qualifizierter pädagogischer Arbeit an. Aber genau die leisten wir. Wir arbeiten Stärken der Kinder heraus, lenken, erziehen und leisten Elternarbeit – ein intensives Rundumpaket, das sehr viel mehr bedeutet als eine Betreuung. Es gibt ja Leute, die sagen, es sei schrecklich, wenn die Kinder von morgens bis abends in der Schule sind. Das sehe ich ganz anders. Die Kinder lernen das Miteinander, sie machen gemeinsam Sport, sitzen eben nicht vor der dem Fernseher oder der Spielkonsole. Sie sprechen, spielen, sind selbstbewusst und werden nicht zu Stubenhockern. Manchmal fahre ich nach Hause und bin so richtig glücklich, weil ich merke, wie wichtig das alles für die Kinder ist, was wir hier leisten. Welche Rolle spielt der Migrationshintergrund vieler Kinder an der Hohenstaufenschule? Wir haben Kinder aus 26 Nationen und zunächst einmal ist es wunderbar, dass die Kinder sich als Kinder sehen und nicht als Angehörige von Nationen. „Du blöder Türke“, so eine Beleidigung habe ich hier noch nicht gehört. Aber natürlich ist die Situation eine besondere. Wir machen uns gerade auf den Weg, auch die Eltern mehr und intensiver zu erreichen. Eltern können Sprachkurse an der Schule besuchen. Das ist gut, weil sie mit der Schule und dem Umfeld vertraut sind und die Hürden deshalb als niedriger empfinden. Wir können die Welt nicht retten und ein schlechtes Elternhaus nicht vollständig egalisieren. Aber wir können Angebote machen, helfen, verbessern und unterstützen. Wie kann es gelingen, dass Eltern diese Angebote auch annehmen? Das ist ein wichtiger Punkt. Viele Eltern müssen erst lernen, dass sie in die Schule kommen dürfen. In Syrien beispielsweise gehen die Eltern nie in die Schule. Höchstens, wenn das Kinde etwas Gravierendes gemacht hat. Insofern ist es ein wichtiges Ziel von uns, Vertrauen zwischen Eltern und Schule aufzubauen. Wir wollen regelmäßig in Elternrunden über Themen ins Gespräch kommen, beispielsweise zum Umgang mit Konflikten. In seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Mindener Tageblatts will Benjamin Piel an 200 Orten mit 200 Menschen sprechen. Sie möchten ihn einladen? Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@mt.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259

Der Offene Ganztag als "Stiefkind"? Verantwortliche kritisiert mangelndes Interesse

Minden (mt). Für die neue Gebührenstruktur des Offenen Ganztages ist nach zähem Ringen eine Lösung gefunden. Das ändert aber nichts daran, dass Mitarbeiter des Offenen Ganztages sich nicht ausreichend wertgeschätzt fühlen. Ingrid Kawald weiß, woran das liegen könnte. Sie leitet den Offenen Ganztag an der Hohenstaufenschule in Rodenbeck und betreut zusammen mit ihren 39 Kolleginnen und Kollegen 368 Schüler, von denen 75 Prozent einen Migrationshintergrund haben.

Ingrid Kawald. - © Foto: Benjamin Piel
Ingrid Kawald. - © Foto: Benjamin Piel

Die Mitarbeiter des Offenen Ganztages fühlen sich offenbar gelegentlich wie das fünfte Rad am Wagen. Warum?

Das Miteinander von Ganztagsmitarbeitern und Schulpersonal ist an der Hohenstaufenschule zunächst einmal ein gutes. Bei uns findet ein Austausch auf Augenhöhe statt und das erlebe ich als sehr bereichernd. Die Erzieher sind zum Beispiel beim Elternsprechtag dabei, schließlich haben sie tiefe Einblicke in die Entwicklung der Kinder. Wir dokumentieren, machen kollegiale Fallberatung, sind mit den Schulsozialarbeitern im Austausch. Bis dahin war es ein harter Weg, denn es hat gedauert, bis klar war, dass Erzieherinnen nicht nur Basteltanten sind. Aber dieses Denken ist glücklicherweise längst vorbei und alle haben an dieser Schule das Bewusstsein entwickelt, dass wir es nur zusammen schaffen können. Bei Themen wie Ausstattung und Bezahlung gibt es allerdings Nachholbedarf.

Im Offenen Ganztag lernen die Kinder das Miteinander. Dennoch werde diese Arbeit nach wie vor wie ein Stiefkind behandelt, kritisieren die Mitarbeiter. Symbolfoto: Marcel Kusch/dpa - © Marcel Kusch
Im Offenen Ganztag lernen die Kinder das Miteinander. Dennoch werde diese Arbeit nach wie vor wie ein Stiefkind behandelt, kritisieren die Mitarbeiter. Symbolfoto: Marcel Kusch/dpa - © Marcel Kusch

Inwiefern?

Kürzlich war die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD, Anm. d. Red.) in Minden und hat einen Vortrag gehalten, in dem es um die Kitas, Betreuung und Schulen ging. Sie berichtete, was die Politik in Zukunft verbessern möchte. Den Offenen Ganztag hat sie nicht erwähnt. Das passt ins Bild, denn wir müssen aus allem das Beste machen. Aber mit viel weniger Mitteln, obwohl wir gute pädagogische Arbeit leisten. Erzieherinnen, die in der Kita arbeiten, bekommen mehr Gehalt als die, die im Ganztag arbeiten. Auch die Mittel für die Ausstattung sind begrenzt. Kein Wunder, dass wir Mühe haben, unsere Stellen zu besetzen. Es muss endlich eine Gleichheit geben zwischen Kitas und dem Ganztag. Um diese Ungleichbehandlung sollte Frau Giffey sich kümmern. Dass sie es bisher nicht getan hat, verstärkt für mich und meine Kolleginnen und Kollegen den Eindruck, dass der Ganztag oft vergessen wird.

Warum ist das so?

Ich glaube, dass wir in der Politik zu wenige Mitstreiter haben, die sich konsequent und stetig für uns einsetzen.

Liegt es vielleicht auch ein Stück weit an Ihnen selbst?

Wir müssen uns vorwerfen lassen, dass wir zu wenig zeigen, dass wir etwas richtig Gutes und Wertvolles für die Gesellschaft tun. Wenn der Politik das klarer würde, dann wäre es vielleicht auch möglich, dass es mehr Vollzeitstellen im Ganztag gäbe und dass sich leichter Mitarbeiterinnen finden würden. Im Durchschnitt arbeiten die Mitarbeiter 26 Stunden in der Woche – davon muss man erstmal leben können und man muss schon idealistisch sein, um dazu überhaupt bereit zu sein. Insbesondere die Landespolitiker müssten den Offenen Ganztag stärker mitdenken. Mir dauert das alles viel zu lange und es ärgert mich, dass wir wie Stiefkinder behandelt werden, obwohl die Bedeutung doch inzwischen klar sein sollte. Das bezieht sich nicht auf die Politiker in Minden, denn die haben gerade Qualitätsstandards für den Ganztag entwickelt.

Worin genau besteht diese Bedeutung, von der Sie sprechen?

Im Kindergarten sind die Kinder bis nachmittags betreut. Dann kommen sie in die Schule – und dann? Der Unterricht endet mittags. Wie sollten berufstätige Eltern mit dieser Situation umgehen, gäbe es keine Ganztagsbetreuung? Bis 2004 hat es in Minden keine Antwort auf diese Frage gegeben. Es gab keinen Offenen Ganztag, nur eine einzige Ganztagsschule. Aber dann ist Schritt für Schritt ein wunderbares Modell entstanden, das grundsätzlich gut funktioniert. Der Ganztags mit seinen Angeboten ist für die Kinder ein wunderbarer Ort nach dem Unterricht. Minden macht in dieser Richtung sehr viel, dafür bin ich dankbar.

Und die Eltern sind mehrheitlich vermutlich dankbar für diese Art der Betreuung.

Das sind sie, allerdings mag ich das Wort Betreuung nicht. Das hört sich für mich nicht nach qualifizierter pädagogischer Arbeit an. Aber genau die leisten wir. Wir arbeiten Stärken der Kinder heraus, lenken, erziehen und leisten Elternarbeit – ein intensives Rundumpaket, das sehr viel mehr bedeutet als eine Betreuung.

Es gibt ja Leute, die sagen, es sei schrecklich, wenn die Kinder von morgens bis abends in der Schule sind.

Das sehe ich ganz anders. Die Kinder lernen das Miteinander, sie machen gemeinsam Sport, sitzen eben nicht vor der dem Fernseher oder der Spielkonsole. Sie sprechen, spielen, sind selbstbewusst und werden nicht zu Stubenhockern. Manchmal fahre ich nach Hause und bin so richtig glücklich, weil ich merke, wie wichtig das alles für die Kinder ist, was wir hier leisten.

Welche Rolle spielt der Migrationshintergrund vieler Kinder an der Hohenstaufenschule?

Wir haben Kinder aus 26 Nationen und zunächst einmal ist es wunderbar, dass die Kinder sich als Kinder sehen und nicht als Angehörige von Nationen. „Du blöder Türke“, so eine Beleidigung habe ich hier noch nicht gehört. Aber natürlich ist die Situation eine besondere. Wir machen uns gerade auf den Weg, auch die Eltern mehr und intensiver zu erreichen. Eltern können Sprachkurse an der Schule besuchen. Das ist gut, weil sie mit der Schule und dem Umfeld vertraut sind und die Hürden deshalb als niedriger empfinden. Wir können die Welt nicht retten und ein schlechtes Elternhaus nicht vollständig egalisieren. Aber wir können Angebote machen, helfen, verbessern und unterstützen.

Wie kann es gelingen, dass Eltern diese Angebote auch annehmen?

Das ist ein wichtiger Punkt. Viele Eltern müssen erst lernen, dass sie in die Schule kommen dürfen. In Syrien beispielsweise gehen die Eltern nie in die Schule. Höchstens, wenn das Kinde etwas Gravierendes gemacht hat. Insofern ist es ein wichtiges Ziel von uns, Vertrauen zwischen Eltern und Schule aufzubauen. Wir wollen regelmäßig in Elternrunden über Themen ins Gespräch kommen, beispielsweise zum Umgang mit Konflikten.

In seinem ersten Jahr als Chefredakteur des Mindener Tageblatts will Benjamin Piel an 200 Orten mit 200 Menschen sprechen. Sie möchten ihn einladen? Kontaktieren Sie ihn per Mail an Benjamin.Piel@mt.de oder unter der Telefonnummer (0571) 882 259

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