Der Lesepate: "Was ich geben kann, ist Zeit" Nadine Schwan Minden (mt). Wilhelm Riecke streckt seine Zunge heraus. "Zunge", sagt er und zeigt auf seinen Mund. Dann sagt er es noch einmal ganz deutlich. "Zun-ge". Vor ihm sitzen drei Jungs, etwa elf oder zwölf Jahre alt müssten sie sein. Sie heißen Jodi, Alan und Hassan und sprechen kein Wort deutsch."Was ist das?", fragt Riecke und fasst auf seine Nase. Die Kinder machen große Augen. "Nase", platzt es plötzlich aus dem Mund von Alan. Die zwei anderen Jungs plappern ihm das Wort nach. Riecke grinst. "Richtig", sagt er. Die ersten Erfolge sind da, aber sie kommen langsam.Die drei Jungs sind Flüchtlinge aus Syrien und werden in der Auffangklasse der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule unterrichtet. Wilhelm Riecke ist jedoch kein Lehrer, sondern Lesepate. Für den Deutschen Kinderschutzbund Minden - Bad Oeynhausen bringt er den Kindern hier ehrenamtlich Deutsch bei.Im Raum gegenüber findet der reguläre Unterricht statt. Dort steht Lehrerin Vivien Bichtemann an der Tafel. Heute wird ein Test geschrieben. 17 Schüler werden momentan an der KTG unterrichtet. Die meisten kommen aus Syrien, dazwischen sitzt ein Grieche, eine Italienerin, mehrere Russen und Polen. Ziel ist es, den Flüchtlingen und Zuwanderern möglichst schnell soviel Deutsch beizubringen, dass sie mit in den normalen Unterricht integriert werden können. Vier Schüler haben das bereits geschafft. Sie gehen für Mathe, Kunst und Sport mit in den Regelunterricht.Jodi, Alan und Hassan sind noch nicht soweit. Sie bekommen bei Riecke sozusagen Privatunterricht - als Abwechslung zum täglichen Pensum in der fremden Sprache.Immer mittwochs geht Riecke um 10 Uhr in die Schule. Unter seinem Arm klemmt eine Tasche mit Kinderbüchern, solchen, mit denen Eltern normalerweise ihren Kleinkindern das Sprechen beibringen würden. Riecke hat sie teilweise noch aus dem eigenen Fundus, andere hat er sich ausgeliehen. Als sein Sohn Simon, der heute 26 Jahre alt ist, klein war, hat Riecke ihm auch immer daraus vorgelesen.Mit den Schülern geht er in den Nebenraum. Die Kinder müssen ihre Stühle von dem einen Klassenraum in den anderen tragen. Nur ein paar Tische stehen hier, an der Tür hängen bunte Zettel, ein paar deutsche Wörter und Buchstaben sind darauf geschrieben. Ein Wort in arabischer Schrift hängt neben den deutschen Buchstaben. Der Raum ist karg.Die Jungs scheint das jedoch nicht zu interessieren. Sie kleben förmlich an den Lippen von Riecke, obwohl sie wohl kaum etwas verstehen.Er gestikuliert bei jedem Begriff, den er versucht den Jungs beizubringen. Bei Hals fasst er sich an denselben, bei Bauch klatscht er auf seinen Bauch unter dem bunt karierten Hemd und bei Baum zeigt er nach draußen ins Glacis.Die Kinder sollen den Klang der deutschen Sprache hören, ihn sich einprägen und versuchen sich die Begriffe zu merken. Aber nicht nur hören sollen sie, auch Schreiben steht auf dem Programm.In Schulhefte schreiben sie jeden Begriff mit Bleistift ab, den Riecke auf einem Zettel vorschreibt. Riecke guckt sich die Wörter an. "Hier fehlt noch ein e", sagt er und zeigt es Jodi auf seiner Vorlage.Dem 62-Jährigen ist es wichtig, sich ehrenamtlich zu engagieren. Seit zwei Jahren arbeitet er bereits als Lesepate. Gerade, weil in den sozialen Sparten oft Männer fehlen, hat er sich gemeldet. Bisher hat Riecke jedoch nur deutschsprachigen Kindern vorgelesen - den Fünftklässlern an der Primusschule in Dankersen. Hier wohnt er um die Ecke. Das ist praktisch.Die Flüchtlinge sind sein neustes Projekt und liegen ihm sehr am Herzen. "Man redet immer von Integration, aber wir müssen ja auch einen Schritt auf sie zumachen und Eltern und Kindern das Gefühl geben, dass sie aufgenommen werden."Riecke ist in passiver Altersteilzeit. Die letzten 30 Jahre hat er bei der Firma Wago im Vertrieb gearbeitet. "Schon lange vor der Rente habe ich mir Gedanken gemacht, was ich dann mit meiner Zeit anfange", erklärt er. Riecke wollte sich nützlich machen. "Was ich geben kann, ist Zeit", sagt er. Aber auch sonst ist der gebürtige Mindener engagiert. Er ist Schöffe am Amtsgericht Minden und Mitglied der Mindener Initiative. In der Klasse ist er für die Schüler aber nur Herr Riecke. Ein netter Mann, der komische Wörter spricht und ab und zu auch ein paar Süßigkeiten aus der Tasche holt.Mittlerweile ist Wilhelm Riecke im Kinderbuch auf der Seite mit der Kleidung angelangt. "Pull-over", sagt er ganz langsam. Und grinst wieder, weil er das Wort so genau betont, das es selbst ihm fremd vorkommt. Dann kommt das Wort "Mütze". Die Jungs sprechen dem 62-Jährigen nach und schreiben in ihre Hefte. "Mütze, richtig geschrieben", lobt Riecke. Und jetzt noch der Artikel. Der scheint besonders schwer zu sein. "Die Mütze", sagt er. Die Jungs sprechen es ihm nach. "Die Mütze."

Der Lesepate: "Was ich geben kann, ist Zeit"

Leichter ist das Wort „Zunge“. Denn Riecke hat keine Angst auch mal ein doofes Gesicht zu machen.

Minden (mt). Wilhelm Riecke streckt seine Zunge heraus. "Zunge", sagt er und zeigt auf seinen Mund. Dann sagt er es noch einmal ganz deutlich. "Zun-ge". Vor ihm sitzen drei Jungs, etwa elf oder zwölf Jahre alt müssten sie sein. Sie heißen Jodi, Alan und Hassan und sprechen kein Wort deutsch.

"Was ist das?", fragt Riecke und fasst auf seine Nase. Die Kinder machen große Augen. "Nase", platzt es plötzlich aus dem Mund von Alan. Die zwei anderen Jungs plappern ihm das Wort nach. Riecke grinst. "Richtig", sagt er. Die ersten Erfolge sind da, aber sie kommen langsam.

Die drei Jungs sind Flüchtlinge aus Syrien und werden in der Auffangklasse der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule unterrichtet. Wilhelm Riecke ist jedoch kein Lehrer, sondern Lesepate. Für den Deutschen Kinderschutzbund Minden - Bad Oeynhausen bringt er den Kindern hier ehrenamtlich Deutsch bei.

Im Raum gegenüber findet der reguläre Unterricht statt. Dort steht Lehrerin Vivien Bichtemann an der Tafel. Heute wird ein Test geschrieben. 17 Schüler werden momentan an der KTG unterrichtet. Die meisten kommen aus Syrien, dazwischen sitzt ein Grieche, eine Italienerin, mehrere Russen und Polen. Ziel ist es, den Flüchtlingen und Zuwanderern möglichst schnell soviel Deutsch beizubringen, dass sie mit in den normalen Unterricht integriert werden können. Vier Schüler haben das bereits geschafft. Sie gehen für Mathe, Kunst und Sport mit in den Regelunterricht.

Jodi, Alan und Hassan sind noch nicht soweit. Sie bekommen bei Riecke sozusagen Privatunterricht - als Abwechslung zum täglichen Pensum in der fremden Sprache.

Immer mittwochs geht Riecke um 10 Uhr in die Schule. Unter seinem Arm klemmt eine Tasche mit Kinderbüchern, solchen, mit denen Eltern normalerweise ihren Kleinkindern das Sprechen beibringen würden. Riecke hat sie teilweise noch aus dem eigenen Fundus, andere hat er sich ausgeliehen. Als sein Sohn Simon, der heute 26 Jahre alt ist, klein war, hat Riecke ihm auch immer daraus vorgelesen.

„Und das ist das Gesicht.“ Mit Händen und Füßen versucht er sich zu verständigen.
„Und das ist das Gesicht.“ Mit Händen und Füßen versucht er sich zu verständigen.

Mit den Schülern geht er in den Nebenraum. Die Kinder müssen ihre Stühle von dem einen Klassenraum in den anderen tragen. Nur ein paar Tische stehen hier, an der Tür hängen bunte Zettel, ein paar deutsche Wörter und Buchstaben sind darauf geschrieben. Ein Wort in arabischer Schrift hängt neben den deutschen Buchstaben. Der Raum ist karg.

Leichter ist das Wort „Zunge“. Denn Riecke hat keine Angst auch mal ein doofes Gesicht zu machen.
Leichter ist das Wort „Zunge“. Denn Riecke hat keine Angst auch mal ein doofes Gesicht zu machen.

Die Jungs scheint das jedoch nicht zu interessieren. Sie kleben förmlich an den Lippen von Riecke, obwohl sie wohl kaum etwas verstehen.

Er gestikuliert bei jedem Begriff, den er versucht den Jungs beizubringen. Bei Hals fasst er sich an denselben, bei Bauch klatscht er auf seinen Bauch unter dem bunt karierten Hemd und bei Baum zeigt er nach draußen ins Glacis.

Die Kinder sollen den Klang der deutschen Sprache hören, ihn sich einprägen und versuchen sich die Begriffe zu merken. Aber nicht nur hören sollen sie, auch Schreiben steht auf dem Programm.

In Schulhefte schreiben sie jeden Begriff mit Bleistift ab, den Riecke auf einem Zettel vorschreibt. Riecke guckt sich die Wörter an. "Hier fehlt noch ein e", sagt er und zeigt es Jodi auf seiner Vorlage.

Dem 62-Jährigen ist es wichtig, sich ehrenamtlich zu engagieren. Seit zwei Jahren arbeitet er bereits als Lesepate. Gerade, weil in den sozialen Sparten oft Männer fehlen, hat er sich gemeldet. Bisher hat Riecke jedoch nur deutschsprachigen Kindern vorgelesen - den Fünftklässlern an der Primusschule in Dankersen. Hier wohnt er um die Ecke. Das ist praktisch.

Die Flüchtlinge sind sein neustes Projekt und liegen ihm sehr am Herzen. "Man redet immer von Integration, aber wir müssen ja auch einen Schritt auf sie zumachen und Eltern und Kindern das Gefühl geben, dass sie aufgenommen werden."

Riecke ist in passiver Altersteilzeit. Die letzten 30 Jahre hat er bei der Firma Wago im Vertrieb gearbeitet. "Schon lange vor der Rente habe ich mir Gedanken gemacht, was ich dann mit meiner Zeit anfange", erklärt er. Riecke wollte sich nützlich machen. "Was ich geben kann, ist Zeit", sagt er. Aber auch sonst ist der gebürtige Mindener engagiert. Er ist Schöffe am Amtsgericht Minden und Mitglied der Mindener Initiative. In der Klasse ist er für die Schüler aber nur Herr Riecke. Ein netter Mann, der komische Wörter spricht und ab und zu auch ein paar Süßigkeiten aus der Tasche holt.

Mittlerweile ist Wilhelm Riecke im Kinderbuch auf der Seite mit der Kleidung angelangt. "Pull-over", sagt er ganz langsam. Und grinst wieder, weil er das Wort so genau betont, das es selbst ihm fremd vorkommt. Dann kommt das Wort "Mütze". Die Jungs sprechen dem 62-Jährigen nach und schreiben in ihre Hefte. "Mütze, richtig geschrieben", lobt Riecke. Und jetzt noch der Artikel. Der scheint besonders schwer zu sein. "Die Mütze", sagt er. Die Jungs sprechen es ihm nach. "Die Mütze."

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