Der Glaube an Globuli: Homöopathische Präparate sind umstritten, aber apothekenpflichtig Stefan Koch Minden. Homöopathische Präparate wie Globuli gehören zum Standardprogramm von Apotheken in Deutschland. Weil die pharmazeutische Wirksamkeit dieser Mittel nicht nachgewiesen ist, regen sich vermehrt kritischen Stimmen gegen den Vertrieb. So hat nun auch ein Apotheker aus Euskirchen medienwirksam die Produkte aus seinen Regalen genommen. In Minden dagegen halten Apotheken am Verkauf fest, denn es gibt weiterhin eine hohe Nachfrage. Zudem kann es für die Branche problematisch werden, Patienten die Kügelchen aus der Alternativmedizin einfach vorzuenthalten. Manuela Schier, Vorstandsmitglied des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe, und Inhaberin einer Apotheke in Minden, bestätigt, dass es eine Nachfrage nach Homöopathie gebe. Und das habe auch einen Beratungsbedarf zur Folge. Sie selbst habe als Mitarbeiterin eine für Homöopathie geprüfte Fach-PTA in ihrem Betrieb. Ihr sei auch kein Fall bekannt, in dem ein Apotheker aus der Region derartige Präparate aus dem Sortiment genommen habe. Zwar fehlt der Nachweis, dass Globuli oder Schüßler-Salze über den Placebo-Effekt hinaus wirken, dennoch ist ihr Verkauf nur in Apotheken gestattet. Das kann Patienten den Eindruck vermitteln, dass es sich um wissenschaftlich auf Wirksamkeit geprüfte Arzneimittel handelt. Warum dann die Apothekenpflicht? „Würde diese Pflicht entfallen, entfiele auch die Beratung dazu – und gegebenenfalls ein Abraten von der Einnahme und ein Verweis an einen Arzt“, erklärt Sebastian Sokolowski, Pressesprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Über die Apothekenpflicht habe das zuständige Bundesministerium nach Arzneimittelgesetz entschieden. Und auch Manuela Schier hält es für wichtig, dass die Abgabe der Mittel in Verbindung mit der Beratungsleistung in Apotheken gewährleistet ist. In diesem Zusammenhang verweist die Apothekerkammer auf Falschmeldungen in sozialen Medien aus dem vergangenen Jahr, wonach homöopathische Globuli einen nachgewiesenen Schutz gegen Covid-19-Infektionen bieten sollten. Auch derartige Fake-News richtig zu stellen, sei eine Leistung der Apotheken vor Ort, deren Kunden auch Globuli kauften. Laut Apothekerkammer ist die Kritik am Verkauf von homöopathischen Präparaten nicht neu. Es sei aber auch problematisch, die Abgabe entsprechender Arzneimittel einfach zu verweigern. Sokolowski: „Solange Homöopathika offiziell zu den Arzneimitteln zählen und apothekenpflichtig sind, stehen Apotheker und Apothekerinnen in der Pflicht, die Bevölkerung im Zweifel auch mit homöopathischen Arzneimitteln zu versorgen. Würde dies verweigert, wäre dies ein Verstoß gegen das Berufsrecht.“ Klar sei aber auch, so Sokolowski, dass die Apothekerschaft als Naturwissenschaftler die aktuellen Diskussionen zu diesem Thema nicht ausblenden könne oder wolle – und dass das Thema intern diskutiert werde. Dieser Diskurs sei nicht von den Apothekern im Alleingang aufzulösen. „Eine einseitige Verbannung von Homöopathika aus den Apotheken würde allenfalls dazu führen, dass sich der Vertriebsweg ändert.“ Homöopathika würden dann aus der Vor-Ort-Apotheke verschwinden und möglicherweise nur noch über windige und unsichere Kanäle vertrieben. „Zudem ist die Apotheke vor Ort gerade in Fällen, in denen Patienten und Patientinnen versucht sind, schwere und schwerste Krankheiten mit Homöopathie zu heilen, gerade auch als Sicherheitsbarriere gefragt, um das Schlimmste zu verhindern, Aufklärung zu leisten und diesen Patienten und Patientinnen dringend eine schulmedizinische Beratung anzuraten.“ Und das geschieht dann offenbar auch in Minden. „Es ist ein Markt da und diese Mittel werden nachgefragt“, bestätigt Lars Nellißen, der in der Mindener Innenstadt eine Apotheke betreibt. Die Beratung sei meist umfassend und intensiv, da man auch das Krankheitsbild hinterfragen müsse. „Es kommt auch vor, dass Kunden mit Privatrezepten vorbeikommen, weil ihnen homöopathische Präparate verschrieben worden sind.“ Eine andere Apothekerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat nach eigenen Angaben 20 bis 50 homöopathische Präparate im Sortiment. „Die Kunden nehmen die Mittel bei Übelkeit, Gelenkschmerzen, Rheuma und anderen Leiden“, sagt sie. Vor allem Eltern von kleinen Kindern kämen. „Richtig angewendet hilft und unterstützt die Homöopathie, zum Beispiel, wenn ein Kind einen blauen Fleck hat.“ Sie habe festgestellt, dass einige Kunden sich im Internet über homöopathische Medizin informierten und dann nach bestimmten Mitteln bei ihr nachfragten. Hier müsse die Apotheke auch beraten. Und immer wieder kämen solche Kunden, denen Mindener Ärzte homöopathische Mittel empfohlen und verschrieben hätten. Ein anderer Inhaber von Apotheken in Minden hat seit Beginn seiner Laufbahn eine ungebrochene Nachfrage nach homöopathischen Mitteln beobachtet und stellte ebenfalls fest, dass dies auch auf Verordnung von Vertretern der Heilberufe geschehe. Wie hoch die Nachfrage in den einzelnen Apotheken sei, hänge nach seiner Beobachtung auch immer davon ab, an welche Arztpraxen sie angebunden sei. Er sagt: „Homöopathen und Naturwissenschaftler stehen sich in der Frage der Wirksamkeit unversöhnlich gegenüber, das ist für uns Apotheker natürlich ein Spagat.“

Der Glaube an Globuli: Homöopathische Präparate sind umstritten, aber apothekenpflichtig

Was für die einen nichts anderes Scharlatanerie ist, erscheint anderen als sinnvolle Ergänzung der Schulmedizin. Globuli sind in fast allen Apotheken erhältlich. Foto: VKHD/dpa/gms © DPA

Minden. Homöopathische Präparate wie Globuli gehören zum Standardprogramm von Apotheken in Deutschland. Weil die pharmazeutische Wirksamkeit dieser Mittel nicht nachgewiesen ist, regen sich vermehrt kritischen Stimmen gegen den Vertrieb. So hat nun auch ein Apotheker aus Euskirchen medienwirksam die Produkte aus seinen Regalen genommen. In Minden dagegen halten Apotheken am Verkauf fest, denn es gibt weiterhin eine hohe Nachfrage. Zudem kann es für die Branche problematisch werden, Patienten die Kügelchen aus der Alternativmedizin einfach vorzuenthalten.

Manuela Schier, Vorstandsmitglied des Apothekerverbandes Westfalen-Lippe, und Inhaberin einer Apotheke in Minden, bestätigt, dass es eine Nachfrage nach Homöopathie gebe. Und das habe auch einen Beratungsbedarf zur Folge. Sie selbst habe als Mitarbeiterin eine für Homöopathie geprüfte Fach-PTA in ihrem Betrieb. Ihr sei auch kein Fall bekannt, in dem ein Apotheker aus der Region derartige Präparate aus dem Sortiment genommen habe.

Zwar fehlt der Nachweis, dass Globuli oder Schüßler-Salze über den Placebo-Effekt hinaus wirken, dennoch ist ihr Verkauf nur in Apotheken gestattet. Das kann Patienten den Eindruck vermitteln, dass es sich um wissenschaftlich auf Wirksamkeit geprüfte Arzneimittel handelt. Warum dann die Apothekenpflicht? „Würde diese Pflicht entfallen, entfiele auch die Beratung dazu – und gegebenenfalls ein Abraten von der Einnahme und ein Verweis an einen Arzt“, erklärt Sebastian Sokolowski, Pressesprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Über die Apothekenpflicht habe das zuständige Bundesministerium nach Arzneimittelgesetz entschieden. Und auch Manuela Schier hält es für wichtig, dass die Abgabe der Mittel in Verbindung mit der Beratungsleistung in Apotheken gewährleistet ist.


In diesem Zusammenhang verweist die Apothekerkammer auf Falschmeldungen in sozialen Medien aus dem vergangenen Jahr, wonach homöopathische Globuli einen nachgewiesenen Schutz gegen Covid-19-Infektionen bieten sollten. Auch derartige Fake-News richtig zu stellen, sei eine Leistung der Apotheken vor Ort, deren Kunden auch Globuli kauften.

Laut Apothekerkammer ist die Kritik am Verkauf von homöopathischen Präparaten nicht neu. Es sei aber auch problematisch, die Abgabe entsprechender Arzneimittel einfach zu verweigern. Sokolowski: „Solange Homöopathika offiziell zu den Arzneimitteln zählen und apothekenpflichtig sind, stehen Apotheker und Apothekerinnen in der Pflicht, die Bevölkerung im Zweifel auch mit homöopathischen Arzneimitteln zu versorgen. Würde dies verweigert, wäre dies ein Verstoß gegen das Berufsrecht.“

Klar sei aber auch, so Sokolowski, dass die Apothekerschaft als Naturwissenschaftler die aktuellen Diskussionen zu diesem Thema nicht ausblenden könne oder wolle – und dass das Thema intern diskutiert werde. Dieser Diskurs sei nicht von den Apothekern im Alleingang aufzulösen. „Eine einseitige Verbannung von Homöopathika aus den Apotheken würde allenfalls dazu führen, dass sich der Vertriebsweg ändert.“ Homöopathika würden dann aus der Vor-Ort-Apotheke verschwinden und möglicherweise nur noch über windige und unsichere Kanäle vertrieben. „Zudem ist die Apotheke vor Ort gerade in Fällen, in denen Patienten und Patientinnen versucht sind, schwere und schwerste Krankheiten mit Homöopathie zu heilen, gerade auch als Sicherheitsbarriere gefragt, um das Schlimmste zu verhindern, Aufklärung zu leisten und diesen Patienten und Patientinnen dringend eine schulmedizinische Beratung anzuraten.“

Und das geschieht dann offenbar auch in Minden. „Es ist ein Markt da und diese Mittel werden nachgefragt“, bestätigt Lars Nellißen, der in der Mindener Innenstadt eine Apotheke betreibt. Die Beratung sei meist umfassend und intensiv, da man auch das Krankheitsbild hinterfragen müsse. „Es kommt auch vor, dass Kunden mit Privatrezepten vorbeikommen, weil ihnen homöopathische Präparate verschrieben worden sind.“

Eine andere Apothekerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat nach eigenen Angaben 20 bis 50 homöopathische Präparate im Sortiment. „Die Kunden nehmen die Mittel bei Übelkeit, Gelenkschmerzen, Rheuma und anderen Leiden“, sagt sie. Vor allem Eltern von kleinen Kindern kämen. „Richtig angewendet hilft und unterstützt die Homöopathie, zum Beispiel, wenn ein Kind einen blauen Fleck hat.“ Sie habe festgestellt, dass einige Kunden sich im Internet über homöopathische Medizin informierten und dann nach bestimmten Mitteln bei ihr nachfragten. Hier müsse die Apotheke auch beraten. Und immer wieder kämen solche Kunden, denen Mindener Ärzte homöopathische Mittel empfohlen und verschrieben hätten.

Ein anderer Inhaber von Apotheken in Minden hat seit Beginn seiner Laufbahn eine ungebrochene Nachfrage nach homöopathischen Mitteln beobachtet und stellte ebenfalls fest, dass dies auch auf Verordnung von Vertretern der Heilberufe geschehe. Wie hoch die Nachfrage in den einzelnen Apotheken sei, hänge nach seiner Beobachtung auch immer davon ab, an welche Arztpraxen sie angebunden sei. Er sagt: „Homöopathen und Naturwissenschaftler stehen sich in der Frage der Wirksamkeit unversöhnlich gegenüber, das ist für uns Apotheker natürlich ein Spagat.“

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