Der Frustrations-Therapeut im Interview: Ingo Appelt tritt bei "Kultur im Hof" in Minden auf Anja Peper Minden. Humor ist systemrelevant, findet Ingo Appelt. Seit mehr als 30 Jahren steht der Komiker auf der Bühne und testet Grenzen aus. Vor der Corona-Zwangspause kamen mehrere tausend Zuschauer pro Abend, jetzt ist die Situation wieder wie zu Beginn seiner Karriere. Maximal 199 Besucher werden es am Freitag, 7. August, ab 19.30 Uhr bei „Kultur im Hof" sein. Er verspricht: Der Besuch seines Programms „Der Staatstrainer!" ersetzt mehrere Jahre Therapie – und zwar für Männer wie für Frauen. Er möchte da sein für alle, die ohne Videotutorial nicht mal mehr eine Dose Ravioli aufkriegen, keine gerade Tapetenbahn an die Wand geklebt bekommen und deren Hunde zuhause längst das Kommando übernommen haben. Am Telefon spricht er außerdem über Verschwörungstheoretiker, den Ischgl-Irrsinn und den Spaß am digitalen Altern. Zu Corona-Zeiten gehen uns Verschwörungstheoretiker noch mehr auf die Nerven als sonst, oder? Ja, das finde ich ein bisschen unanständig. Verschwörungstheorien sind ein Job für Comedians, die sollen sie besser mir überlassen. Aber diese Leute glauben tatsächlich den größten Quatsch. Oft ist es schwierig, denen das Gegenteil zu beweisen, zum Beispiel, dass der Erdmittelpunkt eben nicht aus Käse besteht. Problematisch wird's, wenn die üblen Verschwörungstheoretiker prominent sind und über große Online-Reichweiten verfügen ... Ja, leider kann man mit so einem Quatsch Aufmerksamkeit erzeugen. Je abstruser die These, desto rebellischer fühlen sich die Leute und sehen sich dann auf einer Wellenlänge mit Galileo Galilei und Albert Einstein. Die Eitelkeit ist stärker als der Verstand – und mit dem Verstand ist es ja auch schon schwierig. Nehmen wir mal Angela Merkel als Beispiel: Ob man ihre Politik gut findet oder nicht, ist doch in den meisten Fällen eine rein emotionale Entscheidung. Leute, die an eine flache Erde glauben, ertragen die Arroganz der Wissenschaft nicht. Als Comedian muss man sich von besonders klugen Leuten hin und wieder auch einiges anhören, oder? Ja, aber da stecken andere Kollegen noch mehr ein als ich. Die Programme können noch so perfekt recherchiert sein. Trotzdem kriegt man auf die Fresse. Ich bin ja weniger Oberlehrer, sondern sehe mich eher als Frustrations-Therapeut. Nach der Schule haben Sie eine Ausbildung zum Maschinenschlosser absolviert. Falls alle Stricke reißen: Könnten Sie in so einen Job zurück? Ich weiß nicht, ob Siemens mich noch einmal nehmen würde. Ich habe keinen Meistertitel und bin zu lange raus aus dem Betrieb. Falls alle Stricke reißen, schule ich vielleicht um auf Hebamme. Der Umgang mit Säuglingen hat mir immer total gelegen, obwohl andere Hebammen skeptisch waren. Aber ich hab' echt ein Händchen dafür. Ich bin auch ein sehr guter Koch, könnte mir ein Restaurant vorstellen. Oder ich biete gemeinsam mit meiner Frau Paartherapie an. Oder ich eröffne einen Crash-Room ... Was ist ein Crash-Room? In Crash Rooms wie hier in Berlin kann man Büro-Einrichtungen zertrümmern. Mal den ganzen Frust rauslassen. Das machen übrigens zu 70 Prozent Frauen, die im Berufsalltag ihren Ärger weglächeln. Ärger und Frust abbauen ist systemrelevant, wie ich finde. Man muss auch mal den Punchingball rausholen dürfen. Bei allem Frust: Die Corona-Pause kann Künstlern doch auch Zeit verschafften, um neue Gags zu schreiben oder zu streamen, oder? Funktioniert bei mir nicht. Meinen Job kann man definitiv nicht digitalisieren. Ich schreibe keine Bücher und ich mache auch keinen auf Influencer, sondern ich bin das Zirkuspferdchen, das von Stadt zu Stadt zieht. Zu meinem Vater habe ich kürzlich gesagt: Ich und die Prostituierten – wir dürfen als Letzte wieder ran. Sie haben etwas mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder gemeinsam: Jahrgang 1967. Es soll ein Jugendfoto existieren, das Sie beide beim Saufen in Ischgl zeigt. Ist das echt? Nein, das ist nur Photoshop, das war in fünf Minuten gemacht. Es gibt ja auch diese Apps, mit denen man ganz schnell das Gesicht altern lassen kann. So habe ich mich kürzlich in eine alte Frau verwandelt und habe im Ergebnis original so ausgesehen wie meine Mutter. Sogar meine Schwester hatte Probleme, uns zu unterscheiden. Diese Partys in Ischgl sind ja ziemlich wild. Waren Sie schon mal dabei? Bei solchen Hotspots bin ich raus. Da fahre ich doch lieber mit meinem Schwiegervater und den beiden Jungs in eine Berghütte. Eine reine Männerrunde auf 2.000 Metern Höhe. Mein Sohn hat Holz gehackt, ich habe die Sauna angeschmissen. Perfekt. Ich bin aber auch kein Skifahrer, mache sowieso kaum Sport. Derzeit gibt es wieder Debatten zur gendergerechten und antirassistischen Sprache: Stichwort „Mohrenkopf-Debatte". Wenn politische Korrektheit unsere Sprache komplett einebnet, bleibt Comedy dann noch lustig? Eben nicht, dann können wir den Laden dichtmachen. Wenn wir permanent klausulieren, versteht doch keiner mehr den Gag. Wie damals in der DDR. Natürlich muss man den Alltagsrassismus eindämmen und auch die Sprache kritisch betrachten. Aber dazu eignet sich der Begriff nicht, denn ein Wort wie Mohr verwendet ohnehin keiner. Das ist insgesamt eine ziemlich akademische Debatte. Am Band bei Siemens oder VW interessiert das niemanden.

Der Frustrations-Therapeut im Interview: Ingo Appelt tritt bei "Kultur im Hof" in Minden auf

Minden. Humor ist systemrelevant, findet Ingo Appelt. Seit mehr als 30 Jahren steht der Komiker auf der Bühne und testet Grenzen aus. Vor der Corona-Zwangspause kamen mehrere tausend Zuschauer pro Abend, jetzt ist die Situation wieder wie zu Beginn seiner Karriere. Maximal 199 Besucher werden es am Freitag, 7. August, ab 19.30 Uhr bei „Kultur im Hof" sein. Er verspricht: Der Besuch seines Programms „Der Staatstrainer!" ersetzt mehrere Jahre Therapie – und zwar für Männer wie für Frauen. Er möchte da sein für alle, die ohne Videotutorial nicht mal mehr eine Dose Ravioli aufkriegen, keine gerade Tapetenbahn an die Wand geklebt bekommen und deren Hunde zuhause längst das Kommando übernommen haben. Am Telefon spricht er außerdem über Verschwörungstheoretiker, den Ischgl-Irrsinn und den Spaß am digitalen Altern.

Sein neues Programm „Der Staatstrainer“ soll mehrere Jahre Therapie ersetzen, sagt Ingo Appelt. Der Komiker ist zu Gast bei „Kultur im Hof“ am 7. August. - © Foto: Leslie Barabasch
Sein neues Programm „Der Staatstrainer“ soll mehrere Jahre Therapie ersetzen, sagt Ingo Appelt. Der Komiker ist zu Gast bei „Kultur im Hof“ am 7. August. - © Foto: Leslie Barabasch

Zu Corona-Zeiten gehen uns Verschwörungstheoretiker noch mehr auf die Nerven als sonst, oder?

Ja, das finde ich ein bisschen unanständig. Verschwörungstheorien sind ein Job für Comedians, die sollen sie besser mir überlassen. Aber diese Leute glauben tatsächlich den größten Quatsch. Oft ist es schwierig, denen das Gegenteil zu beweisen, zum Beispiel, dass der Erdmittelpunkt eben nicht aus Käse besteht.

Problematisch wird's, wenn die üblen Verschwörungstheoretiker prominent sind und über große Online-Reichweiten verfügen ...

Ja, leider kann man mit so einem Quatsch Aufmerksamkeit erzeugen. Je abstruser die These, desto rebellischer fühlen sich die Leute und sehen sich dann auf einer Wellenlänge mit Galileo Galilei und Albert Einstein. Die Eitelkeit ist stärker als der Verstand – und mit dem Verstand ist es ja auch schon schwierig. Nehmen wir mal Angela Merkel als Beispiel: Ob man ihre Politik gut findet oder nicht, ist doch in den meisten Fällen eine rein emotionale Entscheidung. Leute, die an eine flache Erde glauben, ertragen die Arroganz der Wissenschaft nicht.

Als Comedian muss man sich von besonders klugen Leuten hin und wieder auch einiges anhören, oder?

Ja, aber da stecken andere Kollegen noch mehr ein als ich. Die Programme können noch so perfekt recherchiert sein. Trotzdem kriegt man auf die Fresse. Ich bin ja weniger Oberlehrer, sondern sehe mich eher als Frustrations-Therapeut.

Nach der Schule haben Sie eine Ausbildung zum Maschinenschlosser absolviert. Falls alle Stricke reißen: Könnten Sie in so einen Job zurück?

Ich weiß nicht, ob Siemens mich noch einmal nehmen würde. Ich habe keinen Meistertitel und bin zu lange raus aus dem Betrieb. Falls alle Stricke reißen, schule ich vielleicht um auf Hebamme. Der Umgang mit Säuglingen hat mir immer total gelegen, obwohl andere Hebammen skeptisch waren. Aber ich hab' echt ein Händchen dafür. Ich bin auch ein sehr guter Koch, könnte mir ein Restaurant vorstellen. Oder ich biete gemeinsam mit meiner Frau Paartherapie an. Oder ich eröffne einen Crash-Room ...

Was ist ein Crash-Room?

In Crash Rooms wie hier in Berlin kann man Büro-Einrichtungen zertrümmern. Mal den ganzen Frust rauslassen. Das machen übrigens zu 70 Prozent Frauen, die im Berufsalltag ihren Ärger weglächeln. Ärger und Frust abbauen ist systemrelevant, wie ich finde. Man muss auch mal den Punchingball rausholen dürfen.

Bei allem Frust: Die Corona-Pause kann Künstlern doch auch Zeit verschafften, um neue Gags zu schreiben oder zu streamen, oder?

Funktioniert bei mir nicht. Meinen Job kann man definitiv nicht digitalisieren. Ich schreibe keine Bücher und ich mache auch keinen auf Influencer, sondern ich bin das Zirkuspferdchen, das von Stadt zu Stadt zieht. Zu meinem Vater habe ich kürzlich gesagt: Ich und die Prostituierten – wir dürfen als Letzte wieder ran.

Sie haben etwas mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder gemeinsam: Jahrgang 1967. Es soll ein Jugendfoto existieren, das Sie beide beim Saufen in Ischgl zeigt. Ist das echt?

Nein, das ist nur Photoshop, das war in fünf Minuten gemacht. Es gibt ja auch diese Apps, mit denen man ganz schnell das Gesicht altern lassen kann. So habe ich mich kürzlich in eine alte Frau verwandelt und habe im Ergebnis original so ausgesehen wie meine Mutter. Sogar meine Schwester hatte Probleme, uns zu unterscheiden.

Diese Partys in Ischgl sind ja ziemlich wild. Waren Sie schon mal dabei?

Bei solchen Hotspots bin ich raus. Da fahre ich doch lieber mit meinem Schwiegervater und den beiden Jungs in eine Berghütte. Eine reine Männerrunde auf 2.000 Metern Höhe. Mein Sohn hat Holz gehackt, ich habe die Sauna angeschmissen. Perfekt. Ich bin aber auch kein Skifahrer, mache sowieso kaum Sport.

Derzeit gibt es wieder Debatten zur gendergerechten und antirassistischen Sprache: Stichwort „Mohrenkopf-Debatte". Wenn politische Korrektheit unsere Sprache komplett einebnet, bleibt Comedy dann noch lustig?

Eben nicht, dann können wir den Laden dichtmachen. Wenn wir permanent klausulieren, versteht doch keiner mehr den Gag. Wie damals in der DDR. Natürlich muss man den Alltagsrassismus eindämmen und auch die Sprache kritisch betrachten. Aber dazu eignet sich der Begriff nicht, denn ein Wort wie Mohr verwendet ohnehin keiner. Das ist insgesamt eine ziemlich akademische Debatte. Am Band bei Siemens oder VW interessiert das niemanden.

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