Der Aufschrei bleibt aus: Gespräch mit der AG Frauen und dem Netzwerk Mindener Frauen Doris Christoph Minden. Jung geheiratet, vier Kinder, den Arbeitsplatz zu Hause – so sah Ute Linnemanns Leben vor fünf Jahrzehnten aus. „Ich hab viel Radio gehört und hatte tolle Ideen im Kopf, um Dinge zu verändern“, erinnert sich die heute 81-Jährige. Aber alleine geht das nicht, das hatte sie schon damals festgestellt. Also schloss sie sich 1971 dem Deutschen Hausfrauenbund (DHB) Minden an. Seit einem halben Jahrhundert ist sie Mitglied in dem 1920 gegründeten Verein, war langjährige Vorsitzende, auch bei der „Arbeitsgemeinschaft von Frauengruppen und engagierten Bürgerinnen“ (AG Frauen). Die wird 60 Jahre alt. Beide Organisationen feierten am Freitag gemeinsam ihre runden Geburtstage – der DHB wegen Corona etwas verspätet. Heute heißt der DHB „Netzwerk Mindener Frauen“. 2019 stand der Verein vorm Aus: Der Landesverband löste sich auf, die langjährige Vorsitzende Ulrike Kolbe wollte nicht weitermachen. Mariele Lohmeyer, erst seit 2017 Mitglied, übernahm den Vorsitz und gründete mit den verbliebenen Mitgliedern einen eigenen Verein unter neuem Namen. „Der Begriff Hausfrau sollte raus aus dem Titel. Der ist heute negativ besetzt“, erklärt die 68-Jährige. Sie spreche aber trotzdem immer noch von „ihren Hausfrauen.“ Hausfrauenbund – was heute vielleicht altbacken anmutet, wurde früher von so manchem Ehegatten kritisch beäugt. Linnemann erinnert sich: „Die Frauenvereinigungen waren die einzige Möglichkeit für Frauen rauszukommen, was zu lernen und sich zu vernetzen.“ Viele von ihnen hätten sich zu Hause anhören müssen, sie würden dort aufgehetzt. Zur Erinnerung: Erst 1958 durften Frauen in Deutschland ein eigenes Konto eröffnen, bis 1977 brauchten sie im Westen die Zustimmung ihres Ehemanns zu einer Erwerbstätigkeit. „Damit aufzuräumen, gewisse Dinge hinzunehmen, ohne sie zu hinterfragen“ nennt Linnemann denn auch als das Ziel ihres „Clubs junger Hausfrauen.“ Den hatte sie 1973 ins Leben gerufen, um im DHB eine jüngere Zielgruppe zu erreichen. Politische Themen standen im Verein aber nicht im Mittelpunkt. An Diskussionen über den Abtreibungsparagrafen 218 hatten die Mitglieder kein Interesse, erinnert sich Linnemann, die von 1979 bis 2005 DHB-Vorsitzende war und sich zudem in der FDP engagierte. Anders sah das in der AG Frauen aus, die 1961 gegründet wurde. Hier kamen und kommen Frauengruppen und Aktive zusammen, um sich gesellschaftlich zu engagieren. „Wenn etwas zu groß ist, muss man andere dazu holen“, sagt Ute Linnemann, die von 1976 bis 1999 – mit einer dreijährigen Unterbrechung – Vorsitzende der AG war. Die weiblichen Mitglieder setzten sich beispielsweise Anfang der Achtziger Jahre für die Gründung der Verbraucherberatung in Minden ein. Auch die Einrichtung der Gleichstellungsstelle im Kreis Minden-Lübbecke 1987 trieben sie voran. Zur Wahl 1983 luden sie die Bundestagskandidaten zu einer Fragerunde ein – die Veranstaltung „Damenwahl“ gibt es bis heute. Mit ihrer jährlich am 14. Februar stattfindenden Aktion „One Billion Rising“ macht die AG auf Gewalt an Frauen aufmerksam, auch das Engagement für Frauenhäuser gehört zu ihrer Geschichte. Genügend Beweise dafür, dass auch Frauen netzwerken können. „Klar können die das, aber sie machen es anders“, meint Mariele Lohmeyer. Weil sie zu Hause stärker eingespannt sind, müssen sie andere Wege gehen. „Die Frauen haben die Ehre, die Männer das Amt“, fügt Ute Linnemann hinzu. Sie meint: Frauen engagieren sich eher unbezahlt, Männer seien auch im Ehrenamt stärker auf Reputation aus. Viel haben die beiden Organisationen in der Vergangenheit bewegt. Heute kämpfen sie aber auch – wie viele Vereine – gegen Mitgliederschwund. In den Siebziger Jahren beispielsweise hatte der DHB laut Ute Linnemann rund 350 Mitglieder im Alter zwischen 30 und 80 Jahren. Heute zählt das „Netzwerk Mindener Frauen“ 120 Mitglieder, die meisten sind mit Rentenbeginn eingetreten. Auch die AG Frauen mit ihren 60 Mitgliedern würde gerne Jüngere ins Boot holen, wie Sabine Hauptmeier berichtet. Sie ist seit 2016 die Vorsitzende und kam 2011 als stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Minden zur AG. Themen für die junge Frauengeneration gibt es genug. Hauptmeier erinnert an die schlechte Rente, die nicht nur den Hausfrauen aus alten Zeiten droht. Sie setzt sich auch für eine Frauenquote ein, um mehr Führungspositionen weiblich zu besetzen. Frauengesundheit sei ebenfalls ein wichtiges Thema. „Und gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit“, ergänzt Mariele Lohmeyer. Mit Veranstaltungen will die AG über all das aufklären. „Eigentlich müssten junge Frauen in Scharen aufschreien. Aber sie werden nur aktiv, wenn es einen aktuellen Leidensdruck gibt. Das Rentenalter ist noch zu weit weg, vielleicht ist das auch irgendwie zu theoretisch“, meint Ute Linnemann. Sie wisse auch nicht, was man da machen könne, meint sie und klingt ratlos. Vielleicht mal junge Frauen von Fridays for Future einladen, überlegt Sabine Hauptmeier. Die früher eher traditionelle AG hat sich laut der 62-Jährigen in den vergangenen Jahren sehr geöffnet. Früher kamen die Mitglieder fast nur von Verbänden, einzelne Bürgerinnen nahmen kaum teil. Sie sei da eine Ausnahme gewesen, so Hauptmeier. Mittlerweile habe sich auch das geändert. Zudem spiele Integration eine große Rolle. Apropos Öffnung: Muss angesichts der Diskussion über eine Aufnahme von Frauen ins Bürgerbataillon nicht auch über reine Frauenverbände geredet werden? „Männer dürfen bei uns eintreten“, sagt Mariele Lohmeyer über ihren Verein. „Wenn ein ganzes Bataillon Männer vor der Tür stehen würde, könnten wir die auch beschäftigen“, meint Ute Linnemann und lacht. ag-frauen-minden.de dhb-netzwerkhaushalt-minden.de

Der Aufschrei bleibt aus: Gespräch mit der AG Frauen und dem Netzwerk Mindener Frauen

Sabine Hauptmeier, Vorsitzende der AG Frauen, Ute Linnemann und Mariele Lohmeyer, Vorsitzen des Vereins Netzwerk Frauen Minden MT-Foto: Doris Christoph © Doris Christoph

Minden. Jung geheiratet, vier Kinder, den Arbeitsplatz zu Hause – so sah Ute Linnemanns Leben vor fünf Jahrzehnten aus. „Ich hab viel Radio gehört und hatte tolle Ideen im Kopf, um Dinge zu verändern“, erinnert sich die heute 81-Jährige. Aber alleine geht das nicht, das hatte sie schon damals festgestellt. Also schloss sie sich 1971 dem Deutschen Hausfrauenbund (DHB) Minden an. Seit einem halben Jahrhundert ist sie Mitglied in dem 1920 gegründeten Verein, war langjährige Vorsitzende, auch bei der „Arbeitsgemeinschaft von Frauengruppen und engagierten Bürgerinnen“ (AG Frauen). Die wird 60 Jahre alt. Beide Organisationen feierten am Freitag gemeinsam ihre runden Geburtstage – der DHB wegen Corona etwas verspätet.

Heute heißt der DHB „Netzwerk Mindener Frauen“. 2019 stand der Verein vorm Aus: Der Landesverband löste sich auf, die langjährige Vorsitzende Ulrike Kolbe wollte nicht weitermachen. Mariele Lohmeyer, erst seit 2017 Mitglied, übernahm den Vorsitz und gründete mit den verbliebenen Mitgliedern einen eigenen Verein unter neuem Namen. „Der Begriff Hausfrau sollte raus aus dem Titel. Der ist heute negativ besetzt“, erklärt die 68-Jährige. Sie spreche aber trotzdem immer noch von „ihren Hausfrauen.“

Hausfrauenbund – was heute vielleicht altbacken anmutet, wurde früher von so manchem Ehegatten kritisch beäugt. Linnemann erinnert sich: „Die Frauenvereinigungen waren die einzige Möglichkeit für Frauen rauszukommen, was zu lernen und sich zu vernetzen.“ Viele von ihnen hätten sich zu Hause anhören müssen, sie würden dort aufgehetzt.


Zur Erinnerung: Erst 1958 durften Frauen in Deutschland ein eigenes Konto eröffnen, bis 1977 brauchten sie im Westen die Zustimmung ihres Ehemanns zu einer Erwerbstätigkeit.

„Damit aufzuräumen, gewisse Dinge hinzunehmen, ohne sie zu hinterfragen“ nennt Linnemann denn auch als das Ziel ihres „Clubs junger Hausfrauen.“ Den hatte sie 1973 ins Leben gerufen, um im DHB eine jüngere Zielgruppe zu erreichen.

Politische Themen standen im Verein aber nicht im Mittelpunkt. An Diskussionen über den Abtreibungsparagrafen 218 hatten die Mitglieder kein Interesse, erinnert sich Linnemann, die von 1979 bis 2005 DHB-Vorsitzende war und sich zudem in der FDP engagierte.

Anders sah das in der AG Frauen aus, die 1961 gegründet wurde. Hier kamen und kommen Frauengruppen und Aktive zusammen, um sich gesellschaftlich zu engagieren. „Wenn etwas zu groß ist, muss man andere dazu holen“, sagt Ute Linnemann, die von 1976 bis 1999 – mit einer dreijährigen Unterbrechung – Vorsitzende der AG war.

Die weiblichen Mitglieder setzten sich beispielsweise Anfang der Achtziger Jahre für die Gründung der Verbraucherberatung in Minden ein. Auch die Einrichtung der Gleichstellungsstelle im Kreis Minden-Lübbecke 1987 trieben sie voran. Zur Wahl 1983 luden sie die Bundestagskandidaten zu einer Fragerunde ein – die Veranstaltung „Damenwahl“ gibt es bis heute. Mit ihrer jährlich am 14. Februar stattfindenden Aktion „One Billion Rising“ macht die AG auf Gewalt an Frauen aufmerksam, auch das Engagement für Frauenhäuser gehört zu ihrer Geschichte.

Genügend Beweise dafür, dass auch Frauen netzwerken können. „Klar können die das, aber sie machen es anders“, meint Mariele Lohmeyer. Weil sie zu Hause stärker eingespannt sind, müssen sie andere Wege gehen. „Die Frauen haben die Ehre, die Männer das Amt“, fügt Ute Linnemann hinzu. Sie meint: Frauen engagieren sich eher unbezahlt, Männer seien auch im Ehrenamt stärker auf Reputation aus.

Viel haben die beiden Organisationen in der Vergangenheit bewegt. Heute kämpfen sie aber auch – wie viele Vereine – gegen Mitgliederschwund. In den Siebziger Jahren beispielsweise hatte der DHB laut Ute Linnemann rund 350 Mitglieder im Alter zwischen 30 und 80 Jahren. Heute zählt das „Netzwerk Mindener Frauen“ 120 Mitglieder, die meisten sind mit Rentenbeginn eingetreten. Auch die AG Frauen mit ihren 60 Mitgliedern würde gerne Jüngere ins Boot holen, wie Sabine Hauptmeier berichtet. Sie ist seit 2016 die Vorsitzende und kam 2011 als stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Minden zur AG.

Themen für die junge Frauengeneration gibt es genug. Hauptmeier erinnert an die schlechte Rente, die nicht nur den Hausfrauen aus alten Zeiten droht. Sie setzt sich auch für eine Frauenquote ein, um mehr Führungspositionen weiblich zu besetzen. Frauengesundheit sei ebenfalls ein wichtiges Thema. „Und gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit“, ergänzt Mariele Lohmeyer. Mit Veranstaltungen will die AG über all das aufklären.

„Eigentlich müssten junge Frauen in Scharen aufschreien. Aber sie werden nur aktiv, wenn es einen aktuellen Leidensdruck gibt. Das Rentenalter ist noch zu weit weg, vielleicht ist das auch irgendwie zu theoretisch“, meint Ute Linnemann. Sie wisse auch nicht, was man da machen könne, meint sie und klingt ratlos. Vielleicht mal junge Frauen von Fridays for Future einladen, überlegt Sabine Hauptmeier.

Die früher eher traditionelle AG hat sich laut der 62-Jährigen in den vergangenen Jahren sehr geöffnet. Früher kamen die Mitglieder fast nur von Verbänden, einzelne Bürgerinnen nahmen kaum teil. Sie sei da eine Ausnahme gewesen, so Hauptmeier. Mittlerweile habe sich auch das geändert. Zudem spiele Integration eine große Rolle.

Apropos Öffnung: Muss angesichts der Diskussion über eine Aufnahme von Frauen ins Bürgerbataillon nicht auch über reine Frauenverbände geredet werden? „Männer dürfen bei uns eintreten“, sagt Mariele Lohmeyer über ihren Verein. „Wenn ein ganzes Bataillon Männer vor der Tür stehen würde, könnten wir die auch beschäftigen“, meint Ute Linnemann und lacht.

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