Demagoge oder Demokrat? Vor 150 Jahren starb Ernst Moritz Arndt Historiker und Schriftsteller hinterließ schwieriges und missverständliches Werk / Nazis benannten Universität - DDR behielt Namen bei Von Nicole Kiesewetter Greifswald (epd). Demokrat oder Nationalist, Patriot oder Antisemit? Pünktlich zum 150. Todestag von Ernst Moritz Arndt am heutigen Freitag diskutierten die deutschen Feuilletons in den vergangenen Wochen die Frage, wie Leben und Werk des Historikers und Schriftstellers zu bewerten seien. Der Anlass: An der vorpommerschen Universität Greifswald hatten Studenten eine Initiative gestartet, den bisherigen Namenspatron Arndt aus der offiziellen Bezeichnung der Hochschule zu streichen.Nationalistisches und antisemitisches Gedankengut spreche aus den Schriften des am 26. Dezember 1769 auf der Insel Rügen geborenen Arndt, so der Vorwurf gegen einen der populärsten Dichter der Befreiungskriege gegen Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts. "Man sollte die Einfuhr der Juden aus der Fremde in Deutschland schlechterdings verbieten und hindern", hatte Arndt tatsächlich 1814 geschrieben. "Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein, und darum will ich nicht, dass sie auf eine ungebührliche Weise in Deutschland vermehrt werden."Nicht wenige Wissenschaftler werten Arndt deshalb heute als Wegbereiter nationalsozialistischen Gedankenguts. In der Tat drehe sich bei Arndt alles um den Begriff der Nation, sagt auch der Potsdamer Historiker Jörg Echternkamp. Das lasse sein Werk nach heutigen Maßstäben schwierig und missverständlich erscheinen. Arndts Lied "Was ist des Deutschen Vaterland" war lange Zeit die inoffizielle Hymne der deutschen Einigungsbewegung.Schon früh hatte sich Arndt, der in Greifswald und Jena neben evangelischer Theologie, Geschichte, Erd- und Völkerkunde auch Sprachen und Naturwissenschaften studiert hatte, in seinen Schriften gegen die napoleonischen Besatzungstruppen aufgelehnt. 1806 wurde ihm daraufhin auch seine Greifswalder Professur entzogen. Der als "Franzosenhasser" bekannte Arndt musste nach Schweden flüchten.Missstände der LeibeigenschaftAllerdings müsse Arndt ebenso "als vielseitig interessierte akademische Persönlichkeit anerkannt werden, die fortschrittliche politische Ideen verwirklichen wollte", ergänzt Echternkamp. So hatte Arndt ebenfalls 1806 mit seiner Schrift "Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen" die dadurch hervorgerufenen Missstände gegeißelt. Dafür war er von führenden Adligen beim damaligen König von Schwedisch-Pommern, Gustaf IV. Adolf, wegen Majestätsbeleidigung verklagt worden. Als dieser dennoch die Leibeigenschaft in Pommern aufhob, rechnete sich Arndt dies als sein Verdienst an.Nach Napoleons Niederlage in Russland kehrte Arndt 1813 aus seinem schwedischen Asyl nach Pommern zurück. Er unterstützte weiterhin die nationale Einheitsbewegung durch Schriften wie "Der Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze". Darin forderte er die Ablösung des deutschsprachigen Rheinlands von Frankreich. Zur Unterstützung des evangelischen Pietismus veröffentlichte er den Deutschen Volkskatechismus. 1817 ging Arndt nach Bonn und wurde ein Jahr später zum Professor der Neueren Geschichte an der dort neu gegründeten Universität ernannt.Sein akademisches Wirken war jedoch nur von kurzer Dauer. 1819 wurden seine Papiere im Rahmen der sogenannten Demagogen-Verfolgungen infolge der Karlsbader Beschlüsse beschlagnahmt. Er selbst erhielt ein 20 Jahre dauerndes Lehrverbot, ohne dass ein förmliches Urteil ergeht. Erst 1840 wurde er durch den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. rehabilitiert, im Jahr darauf sogar Rektor der Bonner Universität. 1848 zog Arndt auch als Abgeordneter für Solingen in die Frankfurter Nationalversammlung ein."Sein Werk ist untrennbar mit der Verbreitung frühliberaler Ideen in Deutschland und der deutschen Nationalstaatsbildung verbunden", sagt der Greifswalder Universitätsarchivar Dirk Alvermann und erinnert daran, dass Arndt an zahlreichen Orten in Deutschland geehrt wurde und wird. Auch im evangelischen Kirchengesangbuch ist er mit Liedern wie "Kommt her, ihr seid geladen" und "Ich weiß, woran ich glaube" verewigt.1933 wurde schließlich die Greifswalder Universität nach Arndt benannt. Als Begründung führten deutschnationale Akademiker an, der Schriftsteller habe stets für die Freiheit, die Ehre und die Macht des deutschen Vaterlandes an erster Front gekämpft. Auch die DDR nahm später Arndt für sich in Anspruch - als Kämpfer gegen Feudalismus und Vorbild für die Freundschaft mit Russland.

Demagoge oder Demokrat? Vor 150 Jahren starb Ernst Moritz Arndt

Greifswald (epd). Demokrat oder Nationalist, Patriot oder Antisemit? Pünktlich zum 150. Todestag von Ernst Moritz Arndt am heutigen Freitag diskutierten die deutschen Feuilletons in den vergangenen Wochen die Frage, wie Leben und Werk des Historikers und Schriftstellers zu bewerten seien.

Franzosenhasser und Antisemit: Ernst Moritz Arndt.
Franzosenhasser und Antisemit: Ernst Moritz Arndt.

Der Anlass: An der vorpommerschen Universität Greifswald hatten Studenten eine Initiative gestartet, den bisherigen Namenspatron Arndt aus der offiziellen Bezeichnung der Hochschule zu streichen.

Nationalistisches und antisemitisches Gedankengut spreche aus den Schriften des am 26. Dezember 1769 auf der Insel Rügen geborenen Arndt, so der Vorwurf gegen einen der populärsten Dichter der Befreiungskriege gegen Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts. "Man sollte die Einfuhr der Juden aus der Fremde in Deutschland schlechterdings verbieten und hindern", hatte Arndt tatsächlich 1814 geschrieben. "Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein, und darum will ich nicht, dass sie auf eine ungebührliche Weise in Deutschland vermehrt werden."

Nicht wenige Wissenschaftler werten Arndt deshalb heute als Wegbereiter nationalsozialistischen Gedankenguts. In der Tat drehe sich bei Arndt alles um den Begriff der Nation, sagt auch der Potsdamer Historiker Jörg Echternkamp. Das lasse sein Werk nach heutigen Maßstäben schwierig und missverständlich erscheinen. Arndts Lied "Was ist des Deutschen Vaterland" war lange Zeit die inoffizielle Hymne der deutschen Einigungsbewegung.

Schon früh hatte sich Arndt, der in Greifswald und Jena neben evangelischer Theologie, Geschichte, Erd- und Völkerkunde auch Sprachen und Naturwissenschaften studiert hatte, in seinen Schriften gegen die napoleonischen Besatzungstruppen aufgelehnt. 1806 wurde ihm daraufhin auch seine Greifswalder Professur entzogen. Der als "Franzosenhasser" bekannte Arndt musste nach Schweden flüchten.

Missstände der Leibeigenschaft

Allerdings müsse Arndt ebenso "als vielseitig interessierte akademische Persönlichkeit anerkannt werden, die fortschrittliche politische Ideen verwirklichen wollte", ergänzt Echternkamp. So hatte Arndt ebenfalls 1806 mit seiner Schrift "Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen" die dadurch hervorgerufenen Missstände gegeißelt. Dafür war er von führenden Adligen beim damaligen König von Schwedisch-Pommern, Gustaf IV. Adolf, wegen Majestätsbeleidigung verklagt worden. Als dieser dennoch die Leibeigenschaft in Pommern aufhob, rechnete sich Arndt dies als sein Verdienst an.

Nach Napoleons Niederlage in Russland kehrte Arndt 1813 aus seinem schwedischen Asyl nach Pommern zurück. Er unterstützte weiterhin die nationale Einheitsbewegung durch Schriften wie "Der Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze". Darin forderte er die Ablösung des deutschsprachigen Rheinlands von Frankreich. Zur Unterstützung des evangelischen Pietismus veröffentlichte er den Deutschen Volkskatechismus. 1817 ging Arndt nach Bonn und wurde ein Jahr später zum Professor der Neueren Geschichte an der dort neu gegründeten Universität ernannt.

Sein akademisches Wirken war jedoch nur von kurzer Dauer. 1819 wurden seine Papiere im Rahmen der sogenannten Demagogen-Verfolgungen infolge der Karlsbader Beschlüsse beschlagnahmt. Er selbst erhielt ein 20 Jahre dauerndes Lehrverbot, ohne dass ein förmliches Urteil ergeht. Erst 1840 wurde er durch den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. rehabilitiert, im Jahr darauf sogar Rektor der Bonner Universität. 1848 zog Arndt auch als Abgeordneter für Solingen in die Frankfurter Nationalversammlung ein.

"Sein Werk ist untrennbar mit der Verbreitung frühliberaler Ideen in Deutschland und der deutschen Nationalstaatsbildung verbunden", sagt der Greifswalder Universitätsarchivar Dirk Alvermann und erinnert daran, dass Arndt an zahlreichen Orten in Deutschland geehrt wurde und wird. Auch im evangelischen Kirchengesangbuch ist er mit Liedern wie "Kommt her, ihr seid geladen" und "Ich weiß, woran ich glaube" verewigt.

1933 wurde schließlich die Greifswalder Universität nach Arndt benannt. Als Begründung führten deutschnationale Akademiker an, der Schriftsteller habe stets für die Freiheit, die Ehre und die Macht des deutschen Vaterlandes an erster Front gekämpft. Auch die DDR nahm später Arndt für sich in Anspruch - als Kämpfer gegen Feudalismus und Vorbild für die Freundschaft mit Russland.

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