Das letzte Mahl: Stephan Kuhlmann kocht für Sterbende im Mindener Hospiz Claudia Hyna Minden. Oft reicht der Anblick des dampfenden Tellers, der Duft des Lieblingsessens. „Manche Gäste können nur zwei kleine Löffel voll essen und sind schon satt, aber zufrieden“, beschreibt Stephan Kuhlmann. Der 34-Jährige kocht im Mindener Hospiz – und er weiß, jedes Mahl könnte das letzte sein. Über seine Frau, die hier in der Pflege tätig ist, kam der Hiller an die Arbeitsstelle. Das Hospiz öffnete vor ziemlich genau zwei Jahren, im Februar 2020 fing Kuhlmann dann hier an. Mit dem nahenden Tod können auch die Geschmacksnerven nachlassen, sagt er. Deshalb würzt er die Speisen mal kräftiger, mal kaum. Das sei immer abhängig vom Krankheitsbild. Hospizleiterin Dorothea Stentenbach (58) hat erlebt, dass manche Gäste – so werden die Bewohner des Hospizes genannt – bewusst Zutaten essen, die sie nicht vertragen. „Ein wenig Zwicken hier und da nehmen sie dafür gerne in Kauf.“ Jede Woche erstellt Stephan Kuhlmann einen Speiseplan, danach richtet sich der Einkauf. Dennoch werden individuelle Gelüste so gut es geht berücksichtigt. „Wünsche können sich von heute auf morgen ändern“, sagt die Leiterin – oft bereits am gleichen Tag, ergänzt Kuhlmann, der sich seit 2008 auf den Bereich Gemeinschaftsverpflegung fokussiert hat. Jedes Gericht könne er zudem auf die vegetarische Variante abwandeln. Italienische oder französische Küche, oder zünftig wie beim Oktoberfest – jeden Monat veranstaltet das Hospiz einen kulinarischen Themenabend. Saisonales wie Spargel und Erdbeeren kommt im Frühjahr auf den Tisch. Besonders beliebt ist Hausmannskost. „Das blinde Huhn gestern war so lecker“, sagt zum Beispiel eine 62-jährige Bewohnerin. Das habe sie an früher erinnert, fügt die Schwerkranke hinzu. Denn das Gericht aus Möhren, Kartoffeln, Lauch und weißen Bohnen sei typisch für das Lipperland, wo sie aufgewachsen sei. Sie schätzt es, dass das Essen immer frisch ist und nicht aus der Großküche kommt. Abends gebe es immer Suppe und Salat, auch das gefällt ihr. Der Appetit der Gäste sei nicht mehr so groß, weiß der Koch. Entscheidend ist oft die Erinnerung. So wollen viele noch einmal eine Erbensuppe essen, ganz klassisch, wie sie es aus der Kindheit kennen. Gerade bei älteren Menschen spiele das Essen eine wichtige Rolle. Bei ihnen steht auch gebratene Leber häufiger auf dem Wunschzettel. „Und Kartoffelpuffer mit Apfelmus – das geht immer.“ 260 Gäste waren seit der Eröffnung im Mindener Hospiz, zehn von ihnen wurden wieder entlassen – entweder, weil sich ihr Zustand verbessert hatte oder weil sie sich doch für eine Therapie entschieden. Die durchschnittliche Verweildauer in deutschen Hospizen beträgt 19 Tage, sagt Dorothea Stentenbach, das sei in Minden an der Marienburger Straße ähnlich. Maximal zwölf Gäste sind möglich, die Betten sind immer belegt, die Warteliste ist lang. Dort wohnen schwerstkranke Menschen, häufig haben sie einen Tumor, medizinisch ist ihnen nicht mehr zu helfen. Der Zustand der Sterbenden ist dennoch unterschiedlich, einige sind noch mobil, andere verlassen ihr Zimmer kaum. Prinzipiell können die Gäste im Gemeinschaftsraum ihr Essen zu sich nehmen, häufig wollen sie aber im Zimmer essen, oft mit ihrem Partner, erzählt Stentenbach. Anfang des Jahres hätte eine Gruppe von sechs Leuten eine Zeit lang zusammen im Speiseraum gegessen. „Da ging es oft lustig zu.“ Zu den Geburtstagen lassen sich die Mitarbeiter etwas Besonderes einfallen. Gemeinsam wird gesungen, der Raum mit Luftballons dekoriert, schönes Geschirr kommt auf den Tisch. Auch größere Geburtstagsfeiern mit Angehörigen und Freunden sind möglich, zu einem solchen Anlass gab es einmal ein tolles kalt-warmes Buffet. Einen Gast hätten sie zum Grillabend mit seinem Bett auf den Balkon geschoben. „Der Gast ist der Dirigent, wir sind das Orchester“, beschreibt Dorothea Stentenbach das Konzept des Hospizes. Es sei jederzeit möglich, mit dem Koch in den Töpfen zu rühren – das Angebot nehmen aber eher wenige Gäste wahr. Schließlich seien nicht alle dazu in der Lage. Prinzipiell sei die Küche immer offen, einige Gäste gucken gerne zu, geben Tipps oder helfen beim Kartoffeln schälen. „Wichtig ist, dass das Essen pünktlich auf dem Tisch steht.“ Und das gilt nicht nur tagsüber. Die Erkrankung der 62-Jährigen etwa führte zu nächtlichen Heißhungerattacken. Selbst da hätten ihr die Pflegekräfte das ersehnte Eis gebracht. Wer mag, für den schieben sie zu später Stunde eine Pizza in den Ofen. Manche Gäste werden künstlich ernährt, weil sie nicht mehr schlucken können, erläutert die Hospizleiterin. Von Zeit zu Zeit bestehe aber der Wunsch nach einem bestimmten Geschmack. „Da gehen wir auch unkonventionelle Wege.“ Das sehe dann so aus, dass Gazesäckchen mit dem Essen gefüllt und in den Mund gelegt werden. Je kleiner der Aktionsradius der Gäste, desto wichtiger werden Kleinigkeiten. Dazu gehört auch die Dekoration, die Ehrenamtliche gestalten. Überhaupt das Ehrenamt. Ohne die Freiwilligen wäre vieles nicht möglich, betont Dorothea Stentenbach. Dazu gehören die Frauen, die wöchentlich für den Blumenschmuck sorgen, gestiftet von einer Mindener Firma. Und die sogenannten Kuchenfrauen, die täglich frisch backen. „Das ist vom Feinsten, Selbstgebackenes hat einfach eine ganz andere Qualität“, sagt die Hospizbewohnerin. Die Wertschätzung der Gäste sei schon enorm, resümiert Stephan Kuhlmann. Er sei zufrieden, wenn die Gäste zufrieden sind. Gerne denkt er an ein Candlelight-Dinner mit drei Gängen zurück. „Das war richtig klasse.“ Bevor er im Hospiz anfing, habe er sich den Job sehr schwer vorgestellt. „Aber jetzt möchte ich nichts anders mehr machen.“ Und wenn er dann in die strahlenden Augen der Gäste blickt, weiß er, wofür er sich ins Zeug gelegt hat.

Das letzte Mahl: Stephan Kuhlmann kocht für Sterbende im Mindener Hospiz

Hospizleiterin Dorothea Stentenbach testet das, was Koch Stephan Kuhlmann zubereitet hat. Die Küche ist immer offen, Wünsche werden gerne erfüllt. MT-Foto: Alex Lehn © lehn

Minden. Oft reicht der Anblick des dampfenden Tellers, der Duft des Lieblingsessens. „Manche Gäste können nur zwei kleine Löffel voll essen und sind schon satt, aber zufrieden“, beschreibt Stephan Kuhlmann. Der 34-Jährige kocht im Mindener Hospiz – und er weiß, jedes Mahl könnte das letzte sein.

Über seine Frau, die hier in der Pflege tätig ist, kam der Hiller an die Arbeitsstelle. Das Hospiz öffnete vor ziemlich genau zwei Jahren, im Februar 2020 fing Kuhlmann dann hier an. Mit dem nahenden Tod können auch die Geschmacksnerven nachlassen, sagt er. Deshalb würzt er die Speisen mal kräftiger, mal kaum. Das sei immer abhängig vom Krankheitsbild. Hospizleiterin Dorothea Stentenbach (58) hat erlebt, dass manche Gäste – so werden die Bewohner des Hospizes genannt – bewusst Zutaten essen, die sie nicht vertragen. „Ein wenig Zwicken hier und da nehmen sie dafür gerne in Kauf.“

Jede Woche erstellt Stephan Kuhlmann einen Speiseplan, danach richtet sich der Einkauf. Dennoch werden individuelle Gelüste so gut es geht berücksichtigt. „Wünsche können sich von heute auf morgen ändern“, sagt die Leiterin – oft bereits am gleichen Tag, ergänzt Kuhlmann, der sich seit 2008 auf den Bereich Gemeinschaftsverpflegung fokussiert hat. Jedes Gericht könne er zudem auf die vegetarische Variante abwandeln.


Italienische oder französische Küche, oder zünftig wie beim Oktoberfest – jeden Monat veranstaltet das Hospiz einen kulinarischen Themenabend. Saisonales wie Spargel und Erdbeeren kommt im Frühjahr auf den Tisch. Besonders beliebt ist Hausmannskost. „Das blinde Huhn gestern war so lecker“, sagt zum Beispiel eine 62-jährige Bewohnerin. Das habe sie an früher erinnert, fügt die Schwerkranke hinzu. Denn das Gericht aus Möhren, Kartoffeln, Lauch und weißen Bohnen sei typisch für das Lipperland, wo sie aufgewachsen sei. Sie schätzt es, dass das Essen immer frisch ist und nicht aus der Großküche kommt. Abends gebe es immer Suppe und Salat, auch das gefällt ihr.

Der Appetit der Gäste sei nicht mehr so groß, weiß der Koch. Entscheidend ist oft die Erinnerung. So wollen viele noch einmal eine Erbensuppe essen, ganz klassisch, wie sie es aus der Kindheit kennen. Gerade bei älteren Menschen spiele das Essen eine wichtige Rolle. Bei ihnen steht auch gebratene Leber häufiger auf dem Wunschzettel. „Und Kartoffelpuffer mit Apfelmus – das geht immer.“

260 Gäste waren seit der Eröffnung im Mindener Hospiz, zehn von ihnen wurden wieder entlassen – entweder, weil sich ihr Zustand verbessert hatte oder weil sie sich doch für eine Therapie entschieden. Die durchschnittliche Verweildauer in deutschen Hospizen beträgt 19 Tage, sagt Dorothea Stentenbach, das sei in Minden an der Marienburger Straße ähnlich. Maximal zwölf Gäste sind möglich, die Betten sind immer belegt, die Warteliste ist lang. Dort wohnen schwerstkranke Menschen, häufig haben sie einen Tumor, medizinisch ist ihnen nicht mehr zu helfen. Der Zustand der Sterbenden ist dennoch unterschiedlich, einige sind noch mobil, andere verlassen ihr Zimmer kaum.

Prinzipiell können die Gäste im Gemeinschaftsraum ihr Essen zu sich nehmen, häufig wollen sie aber im Zimmer essen, oft mit ihrem Partner, erzählt Stentenbach. Anfang des Jahres hätte eine Gruppe von sechs Leuten eine Zeit lang zusammen im Speiseraum gegessen. „Da ging es oft lustig zu.“ Zu den Geburtstagen lassen sich die Mitarbeiter etwas Besonderes einfallen. Gemeinsam wird gesungen, der Raum mit Luftballons dekoriert, schönes Geschirr kommt auf den Tisch. Auch größere Geburtstagsfeiern mit Angehörigen und Freunden sind möglich, zu einem solchen Anlass gab es einmal ein tolles kalt-warmes Buffet. Einen Gast hätten sie zum Grillabend mit seinem Bett auf den Balkon geschoben.

„Der Gast ist der Dirigent, wir sind das Orchester“, beschreibt Dorothea Stentenbach das Konzept des Hospizes. Es sei jederzeit möglich, mit dem Koch in den Töpfen zu rühren – das Angebot nehmen aber eher wenige Gäste wahr. Schließlich seien nicht alle dazu in der Lage. Prinzipiell sei die Küche immer offen, einige Gäste gucken gerne zu, geben Tipps oder helfen beim Kartoffeln schälen. „Wichtig ist, dass das Essen pünktlich auf dem Tisch steht.“

Und das gilt nicht nur tagsüber. Die Erkrankung der 62-Jährigen etwa führte zu nächtlichen Heißhungerattacken. Selbst da hätten ihr die Pflegekräfte das ersehnte Eis gebracht. Wer mag, für den schieben sie zu später Stunde eine Pizza in den Ofen. Manche Gäste werden künstlich ernährt, weil sie nicht mehr schlucken können, erläutert die Hospizleiterin. Von Zeit zu Zeit bestehe aber der Wunsch nach einem bestimmten Geschmack. „Da gehen wir auch unkonventionelle Wege.“ Das sehe dann so aus, dass Gazesäckchen mit dem Essen gefüllt und in den Mund gelegt werden.

Je kleiner der Aktionsradius der Gäste, desto wichtiger werden Kleinigkeiten. Dazu gehört auch die Dekoration, die Ehrenamtliche gestalten. Überhaupt das Ehrenamt. Ohne die Freiwilligen wäre vieles nicht möglich, betont Dorothea Stentenbach. Dazu gehören die Frauen, die wöchentlich für den Blumenschmuck sorgen, gestiftet von einer Mindener Firma. Und die sogenannten Kuchenfrauen, die täglich frisch backen. „Das ist vom Feinsten, Selbstgebackenes hat einfach eine ganz andere Qualität“, sagt die Hospizbewohnerin.

Die Wertschätzung der Gäste sei schon enorm, resümiert Stephan Kuhlmann. Er sei zufrieden, wenn die Gäste zufrieden sind. Gerne denkt er an ein Candlelight-Dinner mit drei Gängen zurück. „Das war richtig klasse.“ Bevor er im Hospiz anfing, habe er sich den Job sehr schwer vorgestellt. „Aber jetzt möchte ich nichts anders mehr machen.“ Und wenn er dann in die strahlenden Augen der Gäste blickt, weiß er, wofür er sich ins Zeug gelegt hat.

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