"Das Leben rauscht an mir vorbei" Heike Riechmann leidet seit Jahren an dem Chronischen Erschöpfungssyndrom CFS Von Ulrike Mißbach Minden (mt). Geschwollene Lymphknoten, Kopf- und Muskelschmerzen, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme und eine zuvor nicht gekannte Erschöpfung - das sind die charakteristischen Symptome einer Erkrankung, die in Deutschland kaum bekannt ist: das Chronische Erschöpfungssyndrom (CFS). "Das schlimmste ist, dass ich an einem normalen Leben nicht mehr teilnehmen kann, und zusehen muss, wie das Leben an mir vorbeirauscht", berichtet Heike Riechmann. Da bereits kleinste Anstrengungen die 49-Jährige aus der Bahn werfen können, wird ihr Alltag zur Qual. Ein Besuch im Fitnessstudio, eine ausgedehnte Radtour, Shoppen gehen in der Stadt, Theaterbesuche oder eine Familienfeier - Dinge, die Heike Riechmann nicht mehr wahrnehmen kann. Selbst Fernsehen und Lesen fällt der Mindenerin schwer, daher weiß sie auch nicht, ob sie jemals wieder in Vollzeit arbeiten kann.Mit verbliebenen Kräften haushalten"Ich musste lernen, mit den verbliebenen Kräften zu haushalten und meine persönliche Leistungsgrenze zu akzeptieren", erklärt Heike Riechmann. Ihre alltäglichen Aufgaben müsse sie in kleine Abschnitte unterteilen und dazwischen immer wieder Ruhephasen einlegen.Das sei ihr anfangs sehr schwer gewesen, gesteht die einstige Powerfrau, für die Zwölf bis 14-Stunden-Tage keine Ausnahme waren. "Ich liebe meinen Beruf und kann es kaum ertragen, dass ich inzwischen seit über einem Jahr krankgeschrieben bin", erklärt sie. Die Diskrepanz zwischen Wollen und Können sei leider sehr groß.Auch Fitness stand bei der 49-Jährigen bis vor wenigen Jahren regelmäßig auf dem Programm. "Ich habe regelmäßig Sport getrieben, und als ich plötzlich schlapper wurde, habe ich anfangs so gar noch mehr Sport gemacht, weil ich dachte, dadurch wieder fitter zu werden", erinnert sich Heike Riechmann. "Ich konnte ja nicht wissen, das sich dadurch mein Zustand kontinuierlich verschlechtert." Heute weiß sie, dass nur durch eine richtige Balance zwischen Ruhe und Aktivität, die Symptome der Krankheit unter Kontrolle gehalten werden können.Dass irgendetwas mit ihr nicht stimmt, merkte Heike Riechmann bereits als Kind. "Ich war oft sehr schwach und hatte viele Infektionen", erinnert sie sich. Der endgültige Zusammenbruch kam vor fünf Jahren. Nach einigen Umwegen stieß die Mindenerin auf einen Arzt in Osnabrück, der mit dem Krankheitsbild vertraut ist."Leider sind in Deutschland Ärzte und Öffentlichkeit nämlich kaum oder falsch über CFS informiert", bedauert Heike Riechmann. Auch die Ursache der Krankheit ist noch weitestgehend unklar. Viele Patienten wanderten deshalb von Arzt zu Arzt und unterzögen sich diversen Untersuchungen. "In den meisten Fällen wird CFS mit einem Burn-Out verwechselt und die Betroffenen werden aufgrund ihrer Erschöpfungszustände über längere Zeit in Kliniken behandelt", erklärt Heike Riechmann. Oftmals werde die Behandlungsart auf den psychischen Bereich reduziert. Der eingeschränkte Behandlungsansatz bringe bei den Patienten jedoch nur Enttäuschungen und keine Besserung, bedauert die 49-Jährige. Bislang existiere für CFS noch keine allgemeine Therapieempfehlung - nicht zuletzt wegen der Vielschichtigkeit der Krankheit.Viel Zeit und Geduld vonnöten"Eine Behandlung, die bei einem Kranken wirkt, kann beim nächsten nutzlos sein", so Heike Riechmann. Meist brauche es Zeit und Geduld, um herauszufinden, welche Maßnahme im Einzelfall die Symptome linderten. Typisch für CFS seinen auch starke Schwankungen im Krankheitsverlauf. Schwere Schmerz- und Erschöpfungszustände wechseln mit Phasen, in denen die Symptome erträglicher oder kaum spürbar sind. Wie ihre Zukunft aussehen wird, kann Heike Riechmann nicht sagen. "Ich nehme hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel und spritze mir regelmäßig Vitamin B 12", so die Mindenerin. Auf diese Weise werde der Krankheitsprozess leicht abgemildert. Die Aussichten auf eine komplette Heilung sind gering.Fatigatio, Bundesverband Chronisches Erschöpfungssyndrom, Albrechtstraße 15, 10117 Berlin, Telefon: (0 30) 18 89-0, E-Mail: kontakt@fatigatio.de, www.fatigatio.deInternationaler CFS-Tag am 12. MaiDieAbkürzung CFS stammt aus dem Englischen und bedeutetChronic-Fatigue-Syndrome und heißt übersetzt "ChronischesErschöpfungssyndrom". Das Syndrom kann nach Virusinfektionenwie dem Pfeifferschen Drüsenfieber ausbrechen oder nach langanhaltenden körperlichen und seelischen Belastungen. Schätzungsweise95 Prozent der Betroffenen haben keine oder eine falsche Diagnose inRichtung einer psychiatrisch-psychologischen Störung. DieSymptome variieren, ihr Kern ähnelt sich aber bei allen Erkrankten:starke Schmerzen in unterschiedlichen Regionen des Organismus und einelähmende Erschöpfung. In Deutschland sind rund 300 000 Menschen von der Krankheit betroffen. Etwa25 Prozent der Betroffenen sind ans Bett gefesselt, nur ein geringerProzentsatz erholt sich vollständig und die Mehrheit bleibt für denRest des Lebens schwer beeinträchtigt. Die Prognose derErkrankung ist umso schlechter, je später man sie diagnostiziert.Falsche therapeutische Ratschläge wie etwa "körperliche Aktivierung"können zu schweren Rückfällen führen. (um)

"Das Leben rauscht an mir vorbei"

Minden (mt). Geschwollene Lymphknoten, Kopf- und Muskelschmerzen, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme und eine zuvor nicht gekannte Erschöpfung - das sind die charakteristischen Symptome einer Erkrankung, die in Deutschland kaum bekannt ist: das Chronische Erschöpfungssyndrom (CFS).

Nur mit einer Reihe hochdosierter Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminspritzen kann Heike Riechmann ihren Alltag einigermaßen bewältigen. - © MT-Foto: Ulrike Mißbach
Nur mit einer Reihe hochdosierter Nahrungsergänzungsmittel und Vitaminspritzen kann Heike Riechmann ihren Alltag einigermaßen bewältigen. - © MT-Foto: Ulrike Mißbach

"Das schlimmste ist, dass ich an einem normalen Leben nicht mehr teilnehmen kann, und zusehen muss, wie das Leben an mir vorbeirauscht", berichtet Heike Riechmann. Da bereits kleinste Anstrengungen die 49-Jährige aus der Bahn werfen können, wird ihr Alltag zur Qual. Ein Besuch im Fitnessstudio, eine ausgedehnte Radtour, Shoppen gehen in der Stadt, Theaterbesuche oder eine Familienfeier - Dinge, die Heike Riechmann nicht mehr wahrnehmen kann. Selbst Fernsehen und Lesen fällt der Mindenerin schwer, daher weiß sie auch nicht, ob sie jemals wieder in Vollzeit arbeiten kann.

Mit verbliebenen Kräften haushalten

"Ich musste lernen, mit den verbliebenen Kräften zu haushalten und meine persönliche Leistungsgrenze zu akzeptieren", erklärt Heike Riechmann. Ihre alltäglichen Aufgaben müsse sie in kleine Abschnitte unterteilen und dazwischen immer wieder Ruhephasen einlegen.

Das sei ihr anfangs sehr schwer gewesen, gesteht die einstige Powerfrau, für die Zwölf bis 14-Stunden-Tage keine Ausnahme waren. "Ich liebe meinen Beruf und kann es kaum ertragen, dass ich inzwischen seit über einem Jahr krankgeschrieben bin", erklärt sie. Die Diskrepanz zwischen Wollen und Können sei leider sehr groß.

Auch Fitness stand bei der 49-Jährigen bis vor wenigen Jahren regelmäßig auf dem Programm. "Ich habe regelmäßig Sport getrieben, und als ich plötzlich schlapper wurde, habe ich anfangs so gar noch mehr Sport gemacht, weil ich dachte, dadurch wieder fitter zu werden", erinnert sich Heike Riechmann. "Ich konnte ja nicht wissen, das sich dadurch mein Zustand kontinuierlich verschlechtert." Heute weiß sie, dass nur durch eine richtige Balance zwischen Ruhe und Aktivität, die Symptome der Krankheit unter Kontrolle gehalten werden können.

Dass irgendetwas mit ihr nicht stimmt, merkte Heike Riechmann bereits als Kind. "Ich war oft sehr schwach und hatte viele Infektionen", erinnert sie sich. Der endgültige Zusammenbruch kam vor fünf Jahren. Nach einigen Umwegen stieß die Mindenerin auf einen Arzt in Osnabrück, der mit dem Krankheitsbild vertraut ist.

"Leider sind in Deutschland Ärzte und Öffentlichkeit nämlich kaum oder falsch über CFS informiert", bedauert Heike Riechmann. Auch die Ursache der Krankheit ist noch weitestgehend unklar. Viele Patienten wanderten deshalb von Arzt zu Arzt und unterzögen sich diversen Untersuchungen. "In den meisten Fällen wird CFS mit einem Burn-Out verwechselt und die Betroffenen werden aufgrund ihrer Erschöpfungszustände über längere Zeit in Kliniken behandelt", erklärt Heike Riechmann. Oftmals werde die Behandlungsart auf den psychischen Bereich reduziert. Der eingeschränkte Behandlungsansatz bringe bei den Patienten jedoch nur Enttäuschungen und keine Besserung, bedauert die 49-Jährige. Bislang existiere für CFS noch keine allgemeine Therapieempfehlung - nicht zuletzt wegen der Vielschichtigkeit der Krankheit.

Viel Zeit und Geduld vonnöten

"Eine Behandlung, die bei einem Kranken wirkt, kann beim nächsten nutzlos sein", so Heike Riechmann. Meist brauche es Zeit und Geduld, um herauszufinden, welche Maßnahme im Einzelfall die Symptome linderten. Typisch für CFS seinen auch starke Schwankungen im Krankheitsverlauf. Schwere Schmerz- und Erschöpfungszustände wechseln mit Phasen, in denen die Symptome erträglicher oder kaum spürbar sind. Wie ihre Zukunft aussehen wird, kann Heike Riechmann nicht sagen. "Ich nehme hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel und spritze mir regelmäßig Vitamin B 12", so die Mindenerin. Auf diese Weise werde der Krankheitsprozess leicht abgemildert. Die Aussichten auf eine komplette Heilung sind gering.

Fatigatio, Bundesverband Chronisches Erschöpfungssyndrom, Albrechtstraße 15, 10117 Berlin, Telefon: (0 30) 18 89-0, E-Mail: kontakt@fatigatio.de, www.fatigatio.de

Internationaler CFS-Tag am 12. Mai

  • Die
    Abkürzung CFS stammt aus dem Englischen und bedeutet
    Chronic-Fatigue-Syndrome und heißt übersetzt "Chronisches
    Erschöpfungssyndrom".
  • Das Syndrom kann nach Virusinfektionen
    wie dem Pfeifferschen Drüsenfieber ausbrechen oder nach lang
    anhaltenden körperlichen und seelischen Belastungen.
  • Schätzungsweise
    95 Prozent der Betroffenen haben keine oder eine falsche Diagnose in
    Richtung einer psychiatrisch-psychologischen Störung.
  • Die
    Symptome variieren, ihr Kern ähnelt sich aber bei allen Erkrankten:
    starke Schmerzen in unterschiedlichen Regionen des Organismus und eine
    lähmende Erschöpfung.
  • In Deutschland sind rund 300 000 Menschen von der Krankheit betroffen.
  • Etwa
    25 Prozent der Betroffenen sind ans Bett gefesselt, nur ein geringer
    Prozentsatz erholt sich vollständig und die Mehrheit bleibt für den
    Rest des Lebens schwer beeinträchtigt.
  • Die Prognose der
    Erkrankung ist umso schlechter, je später man sie diagnostiziert.
    Falsche therapeutische Ratschläge wie etwa "körperliche Aktivierung"
    können zu schweren Rückfällen führen. (um)

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