Das Ende der „gelben Scheine“: Arztpraxen sollen Krankmeldungen digital übermitteln Sebastian Radermacher Minden. Wer krank ist und deshalb nicht arbeiten kann, benötigt in der Regel spätestens am dritten Tag eine Bescheinigung vom Arzt. Hunderttausende Krankmeldungen werden laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) jeden Tag in Deutschland ausgestellt. Bislang müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer den „gelben Schein“ selbst an die Krankenversicherung und an den Arbeitgeber schicken. Das soll sich ändern: Anfang Oktober ist die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) an den Start gegangen. Ein Überblick. Warum wurde die elektronische Krankmeldung eingeführt? Mit einem Klick alle notwendigen Adressaten über eine Arbeitsunfähigkeit zu informieren, statt Papierausdrucke per Post oder eingescannt per E-Mail zu verschicken – das ist das Ziel der elektronischen Krankmeldung, erklärt die KBV. Seit Anfang Oktober greift ein Gesetz, wonach die Bescheinigung digital an die Krankenversicherung geschickt werden soll. Gesetzlich Versicherte erhalten dann zunächst noch zwei Durchschläge in Papierform: einen für den Arbeitgeber und einen für sich selbst. Wie weit ist die technische Umrüstung in den Arztpraxen vorangeschritten? Der Start zum 1. Oktober sei nicht machbar gewesen, da das erforderliche Softwareupdate nicht verfügbar gewesen sei, berichtet Dr. Hermann Lorenz, Hausarzt in Herford und Leiter der Bezirksstelle Minden der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Er kenne wegen der komplexen technischen Umstellung bislang keine Praxis im Herforder Raum, die die digitale Krankmeldung bereits nutze. Auch das MT weiß bislang von keiner Praxis in Minden und Umgebung, die schon die elektronische Datenübertragung nutzt. Dabei waren Vertragsärztinnen und -ärzte ursprünglich dazu verpflichtet worden, die Daten der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem 1. Januar dieses Jahres elektronisch an die Krankenkassen zu übermitteln. Weil die erforderliche Technik jedoch nicht flächendeckend verfügbar war und beide Seiten durch die Pandemie stark belastet waren, wurde die Einführung auf den 1. Oktober verschoben, so die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Und da nach wie vor nicht alle Praxen ausgerüstet sind, wird die neue Regelung erst ab dem 1. Januar 2022 verpflichtend – das letzte Quartal gilt als Übergangszeit, in der Praxen die Krankmeldungen auch noch in Papierform ausstellen dürfen. Darauf verweist auch die DAK-Gesundheit im Kreis Minden-Lübbecke. Die Krankenkasse betont, dass gesetzlich versicherte Beschäftigte verpflichtet sind, ihrem Arbeitgeber und ihrer Krankenkasse zu melden, wenn sie arbeitsunfähig sind. Und ganz wichtig dabei: „Bei uns muss die Krankmeldung fristgerecht eingehen, damit ein Anspruch auf Krankengeld besteht“, erklärt Ansprechpartner Frank Wolff. Durch die elektronische Krankmeldung übernähmen künftig die Praxen die Verantwortung für die Übermittlung: „Die Patientinnen und Patienten sind eine Sorge los und sparen sich auch Portokosten oder den Weg zu uns.“ Dr. Beate Lubbe ist bereits seit eineinhalb Jahren mit dem Umstieg auf die digitale Krankmeldung beschäftigt. Bislang könne sie das neue System nicht nutzen, weil die Software noch nicht mit allen Krankenkassen verknüpft sei, erzählt die Ärztin aus Hille: „Es liegt nicht an uns.“ Wann der Wechsel erfolgen könne, sei noch unklar. Hermann Lorenz geht davon aus, in seiner Praxis ab dem nächsten Quartal im Januar auf die digitale Krankmeldung umzusteigen. Bis dahin gebe es aber noch einige Fragen zu klären. Wann wird auch der Arbeitgeber digital informiert? Die elektronische Übermittlung an die Krankenkasse ist der erste Schritt, ab dem 1. Juli 2022 soll laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung die Versicherung die Daten digital an den Arbeitgeber weiterleiten – dies müssten dann nicht mehr die Arbeitnehmer machen. So lange das noch nicht der Fall ist, sehen die Ärzte deutlich mehr Aufwand auf sich zukommen, da sie zusätzlich zur digitalen Meldung an die Kassen auch die AU für den Arbeitgeber ausdrucken und aushändigen müssen. Das macht Beate Lubbe deutlich: „Für uns ist das keine Erleichterung, sondern Mehrarbeit.“ So müsse sie zum Beispiel am Ende einer Sprechstunde alle digitalen Meldungen noch kontrollieren und freigeben. Sie sei digital aufgeschlossen, biete verstärkt Online-Sprechstunden an und sehe auch den Sinn in dem Wechsel. Aber: „Es hakt noch im Detail.“ Hermann Lorenz fordert in seiner Funktion als Hausarzt, dass der Praxisalltag durch den Umstieg nicht negativ beeinträchtigt werden dürfe. Man sei umsetzungswillig und hoffe auf eine Erleichterung in der täglichen Arbeit. Was ist mit Patienten, die nicht gesetzlich versichert sind? Für Privatversicherte gelten die neuen Regelungen zunächst nicht, stellt die KBV klar. Sie müssten weiterhin die ausgedruckte Krankmeldung an ihre private Krankenversicherung und auch an den Arbeitgeber weiterleiten. Es gibt aber Pläne, digitale Krankschreibungen in Zukunft auch für Privatversicherte einzuführen. Stellen Ärzte bald auch Rezepte digital aus? Ja, das ist der Plan. In Zukunft sollen Praxen auf „E-Rezepte“ wechseln und Verordnungen in elektronischer Form statt auf rosa Papier zur Verfügung stellen. Über einen QR-Code, der auf dem Smartphone gespeichert oder – falls man kein Handy hat oder die entsprechende App nicht nutzt – ausgedruckt wird, können Patienten das Rezept in der Apotheke einlösen. Auch das E-Rezept sollte in Deutschland eigentlich schon zum 1. Oktober eingeführt werden – da viele Praxen aber auch hierfür noch nicht technisch ausgestattet sind, wurde der Start zunächst auf Eis gelegt. Aktuell läuft noch eine Testphase in Berlin und Brandenburg, ab Januar 2022 wird der Start des E-Rezeptes verpflichtend. Wie viele Praxen dann sofort umsteigen, bleibt abzuwarten.

Das Ende der „gelben Scheine“: Arztpraxen sollen Krankmeldungen digital übermitteln

Die klassische Krankmeldung in Papierform wird durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) ersetzt. Symbolfoto: Imago © imago images/Eibner

Minden. Wer krank ist und deshalb nicht arbeiten kann, benötigt in der Regel spätestens am dritten Tag eine Bescheinigung vom Arzt. Hunderttausende Krankmeldungen werden laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) jeden Tag in Deutschland ausgestellt. Bislang müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer den „gelben Schein“ selbst an die Krankenversicherung und an den Arbeitgeber schicken. Das soll sich ändern: Anfang Oktober ist die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) an den Start gegangen. Ein Überblick.

Warum wurde die elektronische Krankmeldung eingeführt?

Mit einem Klick alle notwendigen Adressaten über eine Arbeitsunfähigkeit zu informieren, statt Papierausdrucke per Post oder eingescannt per E-Mail zu verschicken – das ist das Ziel der elektronischen Krankmeldung, erklärt die KBV. Seit Anfang Oktober greift ein Gesetz, wonach die Bescheinigung digital an die Krankenversicherung geschickt werden soll. Gesetzlich Versicherte erhalten dann zunächst noch zwei Durchschläge in Papierform: einen für den Arbeitgeber und einen für sich selbst.

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Wie weit ist die technische Umrüstung in den Arztpraxen vorangeschritten?

Der Start zum 1. Oktober sei nicht machbar gewesen, da das erforderliche Softwareupdate nicht verfügbar gewesen sei, berichtet Dr. Hermann Lorenz, Hausarzt in Herford und Leiter der Bezirksstelle Minden der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL). Er kenne wegen der komplexen technischen Umstellung bislang keine Praxis im Herforder Raum, die die digitale Krankmeldung bereits nutze. Auch das MT weiß bislang von keiner Praxis in Minden und Umgebung, die schon die elektronische Datenübertragung nutzt.

Dabei waren Vertragsärztinnen und -ärzte ursprünglich dazu verpflichtet worden, die Daten der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem 1. Januar dieses Jahres elektronisch an die Krankenkassen zu übermitteln. Weil die erforderliche Technik jedoch nicht flächendeckend verfügbar war und beide Seiten durch die Pandemie stark belastet waren, wurde die Einführung auf den 1. Oktober verschoben, so die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Und da nach wie vor nicht alle Praxen ausgerüstet sind, wird die neue Regelung erst ab dem 1. Januar 2022 verpflichtend – das letzte Quartal gilt als Übergangszeit, in der Praxen die Krankmeldungen auch noch in Papierform ausstellen dürfen.

Darauf verweist auch die DAK-Gesundheit im Kreis Minden-Lübbecke. Die Krankenkasse betont, dass gesetzlich versicherte Beschäftigte verpflichtet sind, ihrem Arbeitgeber und ihrer Krankenkasse zu melden, wenn sie arbeitsunfähig sind. Und ganz wichtig dabei: „Bei uns muss die Krankmeldung fristgerecht eingehen, damit ein Anspruch auf Krankengeld besteht“, erklärt Ansprechpartner Frank Wolff. Durch die elektronische Krankmeldung übernähmen künftig die Praxen die Verantwortung für die Übermittlung: „Die Patientinnen und Patienten sind eine Sorge los und sparen sich auch Portokosten oder den Weg zu uns.“

Dr. Beate Lubbe ist bereits seit eineinhalb Jahren mit dem Umstieg auf die digitale Krankmeldung beschäftigt. Bislang könne sie das neue System nicht nutzen, weil die Software noch nicht mit allen Krankenkassen verknüpft sei, erzählt die Ärztin aus Hille: „Es liegt nicht an uns.“ Wann der Wechsel erfolgen könne, sei noch unklar. Hermann Lorenz geht davon aus, in seiner Praxis ab dem nächsten Quartal im Januar auf die digitale Krankmeldung umzusteigen. Bis dahin gebe es aber noch einige Fragen zu klären.

Wann wird auch der Arbeitgeber digital informiert?

Die elektronische Übermittlung an die Krankenkasse ist der erste Schritt, ab dem 1. Juli 2022 soll laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung die Versicherung die Daten digital an den Arbeitgeber weiterleiten – dies müssten dann nicht mehr die Arbeitnehmer machen. So lange das noch nicht der Fall ist, sehen die Ärzte deutlich mehr Aufwand auf sich zukommen, da sie zusätzlich zur digitalen Meldung an die Kassen auch die AU für den Arbeitgeber ausdrucken und aushändigen müssen. Das macht Beate Lubbe deutlich: „Für uns ist das keine Erleichterung, sondern Mehrarbeit.“ So müsse sie zum Beispiel am Ende einer Sprechstunde alle digitalen Meldungen noch kontrollieren und freigeben. Sie sei digital aufgeschlossen, biete verstärkt Online-Sprechstunden an und sehe auch den Sinn in dem Wechsel. Aber: „Es hakt noch im Detail.“ Hermann Lorenz fordert in seiner Funktion als Hausarzt, dass der Praxisalltag durch den Umstieg nicht negativ beeinträchtigt werden dürfe. Man sei umsetzungswillig und hoffe auf eine Erleichterung in der täglichen Arbeit.

Was ist mit Patienten, die nicht gesetzlich versichert sind?

Für Privatversicherte gelten die neuen Regelungen zunächst nicht, stellt die KBV klar. Sie müssten weiterhin die ausgedruckte Krankmeldung an ihre private Krankenversicherung und auch an den Arbeitgeber weiterleiten. Es gibt aber Pläne, digitale Krankschreibungen in Zukunft auch für Privatversicherte einzuführen.

Stellen Ärzte bald auch Rezepte digital aus?

Ja, das ist der Plan. In Zukunft sollen Praxen auf „E-Rezepte“ wechseln und Verordnungen in elektronischer Form statt auf rosa Papier zur Verfügung stellen. Über einen QR-Code, der auf dem Smartphone gespeichert oder – falls man kein Handy hat oder die entsprechende App nicht nutzt – ausgedruckt wird, können Patienten das Rezept in der Apotheke einlösen.

Auch das E-Rezept sollte in Deutschland eigentlich schon zum 1. Oktober eingeführt werden – da viele Praxen aber auch hierfür noch nicht technisch ausgestattet sind, wurde der Start zunächst auf Eis gelegt. Aktuell läuft noch eine Testphase in Berlin und Brandenburg, ab Januar 2022 wird der Start des E-Rezeptes verpflichtend. Wie viele Praxen dann sofort umsteigen, bleibt abzuwarten.

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