Das Dilemma mit dem Piks: Was mit übrig gebliebenen Impfdosen im Mühlenkreis geschieht Vasco Stemmer,Thomas Lieske Minden. „Meine alte Mutter muss warten und die, die es können, ziehen sich und ihre Angehörigen vor.“ Emotionale Schilderungen wie diese haben das Mindener Tageblatt in den vergangenen Wochen immer wieder erreicht. In diesem Fall richtet sich der Ärger gegen einen Arzt aus Minden. Dieser hatte eine Impfaktion in einem Mindener Altenheim betreut und soll dabei auch seine Ehefrau geimpft haben – obwohl diese laut der Priorisierungsliste noch gar nicht dran gewesen wäre. Der Arzt streitet den Vorwurf nicht ab. Doch dieses Vorgehen wirft Fragen auf: Wie sollte mit sogenannten Impfdränglern umgegangen werden, was passiert eigentlich mit Impfdosen, die übrig bleiben und wann ist es vertretbar jemanden zu impfen, der noch nicht an der Reihe ist? „Aus jeder Ampulle mit offiziell sechs Impfdosen bekommen wir noch eine siebte Dosis raus“, erklärt der Arzt im MT-Gespräch. Zunächst sei der Impfstoff regulär an die Bewohner des Heimes verimpft worden, die auch offiziell an der Reihe waren. Das übrig gebliebene Vakzin sei im Anschluss den Mitarbeitern des mobilen Pflegedienstes der Einrichtung verabreicht worden. Die Entscheidung, dann auch seine Ehefrau zu impfen, sei eine pragmatische gewesen: „Es war noch genau eine Dosis übrig und die war schon in die Spritze aufgezogen“, erklärt der Mediziner. Da der Impfstoff, wenn er einmal aufgezogen ist, innerhalb von einer halben Stunde injiziert werden müsse, sei schnelles Handeln erforderlich gewesen. Es hätte sich niemand mehr in der Nähe befunden, der laut Priorisierungsliste für die Impfung infrage gekommen wäre. „Deshalb habe ich meine Frau geimpft“, erklärt der Arzt. Auch bei einer weiteren Impfaktion, die er betreut hatte, sei Impfstoff übrig geblieben. Dort lag der Fall anders, denn der Impfstoff befand sich noch in den Ampullen. „Was übrig war, haben wir ins Impfzentrum gebracht.“ Die im gleichen Kontext ins Spiel gebrachten Vorwürfe, dass sich auch Personen aus der Chefetage des Heimträgers haben impfen lassen, erhärteten sich nicht. Die Diskussionen über den Ablauf der Corona-Schutzimpfungen in Deutschland reißen nicht ab. Erst gab es Sorge um die Impfbereitschaft der Bevölkerung, dann um die ausreichende Versorgung mit Impfstoff. Nun rücken immer wieder sogenannte Impfdrängler in den Fokus. In den vergangenen Wochen häuften sich die Meldungen über Menschen, die in Sachen Corona-Schutzimpfung nicht darauf warten wollen, bis sie laut der Priorisierungsliste an der Reihe sind. Prominentes Beispiel ist der AFD-Politiker Markus Wagner aus Bad Oeynhausen. Der Vorsitzende der AFD-Landtagsfraktion hatte sich frühzeitig impfen lassen. Er ist Geschäftsführer einer Einrichtung für Menschen mit psychischer Behinderung. Als Grund führte er seine Vorbildfunktion in der Führungsposition an. Ähnliche Anschuldigungen gab es auch gegen die Verantwortlichen des Espelkamper Ludwig-Steil-Hofs. Dort wurden Mitarbeiter der Verwaltung und Angehörige von Mitarbeitern geimpft, die nicht zur höchsten Priorisierungsstufe gehörten. Der Vorstand entschuldigte sich im Nachgang öffentlich. Die Vielzahl an Fällen zeigt: Der Umgang mit übrig gebliebenen Impfdosen scheint Verantwortliche generell vor Probleme zu stellen. Frage an die zuständige Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL): Gibt es einen Kontrollmechanismus, um die Anzahl der gelieferten und tatsächlich gespritzten Impfdosen zu vergleichen und zu kontrollieren? Und werden die Namenslisten der Geimpften auf Plausibilität geprüft? „Das ist uns nicht bekannt“, sagt KVWL-Sprecher Andreas Daniel. „Die KVWL hat keinen Auftrag durch das Land NRW, die zu Dokumentations- und Statistikzwecken erhobenen Daten der geimpften Personen auf eine Plausibilität zu überprüfen.“ Kaum verwunderlich daher, dass der KVWL auf Nachfrage auch nicht bekannt ist, ob schon einmal Impfdosen im Kreis Minden-Lübbecke weggeschüttet werden mussten. Für die Bestellung der Impfdosen gebe es ein Onlineportal, über das die Pflegeeinrichtungen beim Impfzentrum bestellen können, erklärt der Sprecher. Das Impfzentrum sei dann für die fristgerechte Lieferung zuständig. Gibt es zumindest dort entsprechende Kontrollverfahren, um die Anzahl der bestellten mit der Zahl der verimpften Dosen zu vergleichen und die Namenslisten zu überprüfen? Der Kreis verweist auf Nachfrage an die Kassenärztliche Vereinigung. „In das Impfgeschehen durch mobile Teams ist der Kreis Minden-Lübbecke lediglich mittelbar involviert“, erklärt Sprecher Florian Hemann. Dennoch sei dem Kreis ein Fall bekannt, „bei dem Impfdosen im niedrigen einstelligen Bereich verworfen werden mussten“. Sollten Impfdosen noch nicht in Spritzen aufgezogen worden sein, könnten sie ins Impfzentrum zurückgebracht werden. Dies sei in der Vergangenheit schon mehrfach geschehen, bestätigt Hemann. „Der Kreis Minden-Lübbecke hat immer wieder betont, dass kein übrig gebliebener Impfstoff vernichtet werden sollte und gleichzeitig dafür Sorge getragen werden müsse, dass diese Impfstoffdosen in erster Linie an Menschen aus der höchsten Priorität verimpft werden. Bei aller Unklarheit gibt es laut KVWL zumindest eine grundsätzliche Vorgabe, was mit spontan übrig gebliebenen Impfdosen geschehen soll: „Sofern Impfstoffdosen unerwartet übrig bleiben, weil jemand zum Beispiel krank ist und den Termin nicht wahrnehmen kann, wird vor Ort in Abstimmung mit der Koordinierungseinheit des Impfzentrums entschieden, wie dieser Impfstoff pragmatisch an andere Personen aus der ersten Prioritätsgruppe verimpft werden kann“, erklärt Sprecher Andreas Daniel. Und er betont noch einmal: „Wichtig ist, dass die Person der höchsten Priorität angehört.“ Diese Vorgabe des Landes, dazu gibt es sogar einen schriftlichen Erlass, ist in jüngster Vergangenheit offenbar mehrfach umgangen worden. Ob mit Berechnung oder unbedacht – das lässt sich nicht immer zweifelsfrei feststellen. Zahl der Geimpften im Mühlenkreis Im Kreis Minden-Lübbecke haben bis einschließlich 24. Februar insgesamt 13.168 Personen eine Corona-Schutzimpfung erhalten – davon bereits 4.481 eine zweite Impfung. Die mobilen Impfteams haben 7.682 Personen in stationären Pflegeeinrichtungen geimpft. Darunter sid auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.5.486 Personen haben eine Impfung im Impfzentrum in Unterlübbe erhalten.Mit der Gesamtzahl der Geimpften liegt der Mühlenkreis im OWL-Vergleich zumindest in absoluten Zahlen weiter auf Platz eins. Misst man den Anteil der bereits geimpften Bevölkerung in Prozent, liegt der Kreis hinter Höxter auf Platz zwei. (lies)

Das Dilemma mit dem Piks: Was mit übrig gebliebenen Impfdosen im Mühlenkreis geschieht

Schon bei mehreren Impfaktionen im Mühlenkreis sind Impfdosen übrig geblieben. Meist wurden sie anschließend ins Impfzentrum gebracht. Doch es gibt auch Fälle, in denen die Priorisierungsempfehlungen nicht eingehalten wurden. Symbolfoto: imago images © imago images/Karina Hessland

Minden. „Meine alte Mutter muss warten und die, die es können, ziehen sich und ihre Angehörigen vor.“ Emotionale Schilderungen wie diese haben das Mindener Tageblatt in den vergangenen Wochen immer wieder erreicht. In diesem Fall richtet sich der Ärger gegen einen Arzt aus Minden. Dieser hatte eine Impfaktion in einem Mindener Altenheim betreut und soll dabei auch seine Ehefrau geimpft haben – obwohl diese laut der Priorisierungsliste noch gar nicht dran gewesen wäre. Der Arzt streitet den Vorwurf nicht ab. Doch dieses Vorgehen wirft Fragen auf: Wie sollte mit sogenannten Impfdränglern umgegangen werden, was passiert eigentlich mit Impfdosen, die übrig bleiben und wann ist es vertretbar jemanden zu impfen, der noch nicht an der Reihe ist?

„Aus jeder Ampulle mit offiziell sechs Impfdosen bekommen wir noch eine siebte Dosis raus“, erklärt der Arzt im MT-Gespräch. Zunächst sei der Impfstoff regulär an die Bewohner des Heimes verimpft worden, die auch offiziell an der Reihe waren. Das übrig gebliebene Vakzin sei im Anschluss den Mitarbeitern des mobilen Pflegedienstes der Einrichtung verabreicht worden. Die Entscheidung, dann auch seine Ehefrau zu impfen, sei eine pragmatische gewesen: „Es war noch genau eine Dosis übrig und die war schon in die Spritze aufgezogen“, erklärt der Mediziner.

Da der Impfstoff, wenn er einmal aufgezogen ist, innerhalb von einer halben Stunde injiziert werden müsse, sei schnelles Handeln erforderlich gewesen. Es hätte sich niemand mehr in der Nähe befunden, der laut Priorisierungsliste für die Impfung infrage gekommen wäre. „Deshalb habe ich meine Frau geimpft“, erklärt der Arzt. Auch bei einer weiteren Impfaktion, die er betreut hatte, sei Impfstoff übrig geblieben. Dort lag der Fall anders, denn der Impfstoff befand sich noch in den Ampullen. „Was übrig war, haben wir ins Impfzentrum gebracht.“ Die im gleichen Kontext ins Spiel gebrachten Vorwürfe, dass sich auch Personen aus der Chefetage des Heimträgers haben impfen lassen, erhärteten sich nicht.

Die Diskussionen über den Ablauf der Corona-Schutzimpfungen in Deutschland reißen nicht ab. Erst gab es Sorge um die Impfbereitschaft der Bevölkerung, dann um die ausreichende Versorgung mit Impfstoff. Nun rücken immer wieder sogenannte Impfdrängler in den Fokus. In den vergangenen Wochen häuften sich die Meldungen über Menschen, die in Sachen Corona-Schutzimpfung nicht darauf warten wollen, bis sie laut der Priorisierungsliste an der Reihe sind. Prominentes Beispiel ist der AFD-Politiker Markus Wagner aus Bad Oeynhausen. Der Vorsitzende der AFD-Landtagsfraktion hatte sich frühzeitig impfen lassen. Er ist Geschäftsführer einer Einrichtung für Menschen mit psychischer Behinderung. Als Grund führte er seine Vorbildfunktion in der Führungsposition an.

Ähnliche Anschuldigungen gab es auch gegen die Verantwortlichen des Espelkamper Ludwig-Steil-Hofs. Dort wurden Mitarbeiter der Verwaltung und Angehörige von Mitarbeitern geimpft, die nicht zur höchsten Priorisierungsstufe gehörten. Der Vorstand entschuldigte sich im Nachgang öffentlich.

Die Vielzahl an Fällen zeigt: Der Umgang mit übrig gebliebenen Impfdosen scheint Verantwortliche generell vor Probleme zu stellen. Frage an die zuständige Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL): Gibt es einen Kontrollmechanismus, um die Anzahl der gelieferten und tatsächlich gespritzten Impfdosen zu vergleichen und zu kontrollieren? Und werden die Namenslisten der Geimpften auf Plausibilität geprüft? „Das ist uns nicht bekannt“, sagt KVWL-Sprecher Andreas Daniel. „Die KVWL hat keinen Auftrag durch das Land NRW, die zu Dokumentations- und Statistikzwecken erhobenen Daten der geimpften Personen auf eine Plausibilität zu überprüfen.“ Kaum verwunderlich daher, dass der KVWL auf Nachfrage auch nicht bekannt ist, ob schon einmal Impfdosen im Kreis Minden-Lübbecke weggeschüttet werden mussten.

Für die Bestellung der Impfdosen gebe es ein Onlineportal, über das die Pflegeeinrichtungen beim Impfzentrum bestellen können, erklärt der Sprecher. Das Impfzentrum sei dann für die fristgerechte Lieferung zuständig. Gibt es zumindest dort entsprechende Kontrollverfahren, um die Anzahl der bestellten mit der Zahl der verimpften Dosen zu vergleichen und die Namenslisten zu überprüfen? Der Kreis verweist auf Nachfrage an die Kassenärztliche Vereinigung. „In das Impfgeschehen durch mobile Teams ist der Kreis Minden-Lübbecke lediglich mittelbar involviert“, erklärt Sprecher Florian Hemann. Dennoch sei dem Kreis ein Fall bekannt, „bei dem Impfdosen im niedrigen einstelligen Bereich verworfen werden mussten“. Sollten Impfdosen noch nicht in Spritzen aufgezogen worden sein, könnten sie ins Impfzentrum zurückgebracht werden. Dies sei in der Vergangenheit schon mehrfach geschehen, bestätigt Hemann. „Der Kreis Minden-Lübbecke hat immer wieder betont, dass kein übrig gebliebener Impfstoff vernichtet werden sollte und gleichzeitig dafür Sorge getragen werden müsse, dass diese Impfstoffdosen in erster Linie an Menschen aus der höchsten Priorität verimpft werden.

Bei aller Unklarheit gibt es laut KVWL zumindest eine grundsätzliche Vorgabe, was mit spontan übrig gebliebenen Impfdosen geschehen soll: „Sofern Impfstoffdosen unerwartet übrig bleiben, weil jemand zum Beispiel krank ist und den Termin nicht wahrnehmen kann, wird vor Ort in Abstimmung mit der Koordinierungseinheit des Impfzentrums entschieden, wie dieser Impfstoff pragmatisch an andere Personen aus der ersten Prioritätsgruppe verimpft werden kann“, erklärt Sprecher Andreas Daniel. Und er betont noch einmal: „Wichtig ist, dass die Person der höchsten Priorität angehört.“

Diese Vorgabe des Landes, dazu gibt es sogar einen schriftlichen Erlass, ist in jüngster Vergangenheit offenbar mehrfach umgangen worden. Ob mit Berechnung oder unbedacht – das lässt sich nicht immer zweifelsfrei feststellen.

Zahl der Geimpften im Mühlenkreis

Im Kreis Minden-Lübbecke haben bis einschließlich 24. Februar insgesamt 13.168 Personen eine Corona-Schutzimpfung erhalten – davon bereits 4.481 eine zweite Impfung. Die mobilen Impfteams haben 7.682 Personen in stationären Pflegeeinrichtungen geimpft. Darunter sid auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.5.486 Personen haben eine Impfung im Impfzentrum in Unterlübbe erhalten.Mit der Gesamtzahl der Geimpften liegt der Mühlenkreis im OWL-Vergleich zumindest in absoluten Zahlen weiter auf Platz eins. Misst man den Anteil der bereits geimpften Bevölkerung in Prozent, liegt der Kreis hinter Höxter auf Platz zwei. (lies)

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