Cosima Wiese stieß auf Spuren ihrer Großtante, die als Diakonisse wirkte Doris Christoph Minden. Ordentlich in Reih und Glied liegen sie da, die Grabsteine der Diakonissen auf dem Südfriedhof. Rund 200 Geschichten, die hier in Minden endeten. „Schauen Sie mal: Keine ragt heraus, nicht mal die Oberin“, sagt Cosima Wiese und lässt den Blick über das Gräberfeld schweifen. „Aber alle waren so herausragend.“ Eine von ihnen hat die 54-Jährige besonders beeindruckt: Unter den Toten findet sich auch ihre Großtante Elsbeth Ennulat, geboren in Danzig am 31. Dezember 1897 als ältestes von sechs Kindern, gestorben am 10. März 1989 in Minden. Erst 2009 hat Cosima Wiese ihre Verwandte entdeckt. Die studierte Betriebswirtin ist selber eine Zugezogene, lebte bis Anfang der 1990er Jahre mit Mann und zwei Töchtern unter anderem in Stralsund und landete schließlich in Stemmer. Nach dem Ende ihrer Ehe und einer Therapie begann sie ihre Familiengeschichte aufzuarbeiten, Verwandte um Informationen zu bitten, in Archiven zu forschen. Vor allem zu ihrer Großtante wurde sie fündig und entdeckte insbesondere bei deren Aufopferungsbereitschaft Parallelen zu ihrem eigenen Leben. Elsbeth Ennulat war die Erstgeborene in der Familie, zog die Geschwister – darunter Wieses Großmutter – mit auf. 1927 trat sie mit 30 Jahren der Schwesternschaft der Diakonissenanstalt Salem-Köslin bei – was sie davor gemacht hat, bleibt für Cosima Wiese eine Lücke im Lebenslauf. Die Diakonissenanstalt war 1868 in Stettin entstanden, wo sie ein Mädchenrettungshaus betrieb. 1913 übernahmen die Schwestern auch die Pflege im Kaiser-Wilhelm-Krankenhaus in Köslin (Pommern) – heute Koszalin in Polen. Auf dem Gelände entstanden zudem vier Kinderheime und das neue Mutterhaus der Diakonissen. Anfang März 1945 flüchteten mehr als 300 Schwestern zusammen mit rund 200 Kindern vor der Roten Armee aus Köslin. 24 Diakonissen aber blieben, um sich um die Nichttransportfähigen zu kümmern. Zu ihnen gehörte Elsbeth Ennulat, wie Cosima Wiese bei ihren Recherchen herausfand. „Sie war damals 47 Jahre alt. Wahrscheinlich ist sie anstelle der Jüngeren da geblieben“, vermutet die Großnichte. Das Mutterhaus wurde belagert und beschossen, Berichte der Diakonissen schildern die Repressalien der Soldaten, unter denen die Frauen litten. Als beispielsweise die Oberin sich für eine jüngere Schwester einsetzte, wurde sie misshandelt und starb wenige Wochen später geschwächt an einer Infektionskrankheit. Die Schwestern, darunter Elsbeth Ennulat, kümmerten sich nicht nur weiter um die Patienten, sie suchten auch gemeinsam in der Stadt nach Kranken und Verletzten, die Hilfe brauchten. Fanden sie Tote, wurden diese begraben. Auch das hat Wiese in Berichten anderer Schwestern gefunden, die ihre Großtante erwähnten. Von ihr selber hat Cosima Wiese nur ein Dokument entdeckt: eine „Aufstellung der Schwestern aus dem Gefangenenlager Thorn“ von Ende 1945. Am 22. April brachten russische Soldaten Elsbeth Ennulat zusammen mit anderen Diakonissen in das Lager mit rund 14.000 Gefangenen, wo sie verwundete deutsche Soldaten pflegen sollten. „Als ich das las, habe ich mir erstmal ein Bier aufgemacht“, sagt Cosima Wiese im Scherz. Bei ihrer Recherche hat Wiese auch mit einer Mitschwester der Großtante gesprochen. Ihr hatte Elsbeth Ennulat über die schwere Zeit dort berichtet. Details wollte die Diakonisse im Gespräch mit Wiese aber nicht nennen. Wahrscheinlich im Gefangenenlager hat sich Elsbeth Ennulat dann mit Typhus angesteckt, wird deswegen am 1. September 1945 in ein Quarantänelager nach Altentreptow gebracht. Sie wird gesund, bleibt dort ein halbes Jahr. Im April 1946 darf sie nach Oldenburg reisen, wo andere Schwestern untergekommen sind, ist dann laut Wieses Recherchen an verschiedenen Orten als Erzieherin im Einsatz. 1954 kommt Elsbeth Ennulat schließlich nach Minden. Hier hat die Diakonissenanstalt Salem-Köslin zwei Jahre zuvor mit dem Träger der Mindener Krankenhäuser einen Vertrag über die Krankenhauspflege abgeschlossen und ihr Mutterhaus gebaut. Elsbeth Ennulat arbeitet zwölf Jahre in einem Kindergarten in Barkhausen, so Wiese. 1966 geht sie in den Ruhestand und stirbt schließlich am 10. März 1989. „Sie ist zufrieden und gut im Kreise ihrer Lieben alt geworden und im Haus Morgenglanz eingeschlafen“, hat die Großnichte in Erfahrung gebracht. Das erste und einzige Treffen mit der Patentante ihrer Mutter ist Cosima Wiese noch gut in Erinnerung: Sie war vier Jahre alt und die Großtante war zu Besuch in Siegen, wo Wieses Familie lebte. „Ich erinnere mich an die Haube, aus der nur das Gesicht herausschaute. Ich hatte mich gefragt, wie die Falten so liegen können.“ Nach dem Treffen brach der Kontakt ab, sie vermutet als Grund einen Streit zwischen der Großtante und ihrer Mutter über Erziehungsfragen. Ihre Mutter konnte Wiese nicht mehr dazu befragen: Sie starb, als die Tochter 16 Jahre alt war. Auch über die eigene Geschichte und die Vertreibung als 13-Jährige im März 1945 aus dem brennenden Danzig habe die Mutter nie berichtet. Erst von Verwandten erfuhr Wiese davon. „Seit meiner Kindheit habe ich Träume, dass es knallt und brennt und ich davor wegrenne.“ Der Zeitpunkt der Albträume: immer im März. Nun hat Cosima Wiese eine Erklärung dafür. Forschungen der Psychologie und Humangenetik bestätigen, dass sich unverarbeitete Traumata auf nachfolgende Generationen auswirken können. So ist es möglich, dass Menschen von Ereignissen belastet sein können, die Jahrzehnte vor ihrer Geburt stattfanden – das äußert sich mitunter in schlimmen Träumen. Auch die Großmutter sprach nie über ihre Schwester, obwohl sie engen Kontakt hatten, sich viel schrieben – das fand Wiese bei ihren Recherchen heraus. Beide waren grundverschieden, meint sie: „Meine Großmutter war verbittert, sie sprach immer nur über die Vertreibung aus Danzig. Meine Großtante soll hingegen ein sehr zufriedener Mensch gewesen sein. Die hatte ihr Vertrauen in Gott, die Bibel und ihre Gemeinschaft.“ Beim Eintauchen in dieses andere Leben hat Wiese Parallelen zu ihrem eigenen entdeckt: Auch sie hat sich für starke Frauengemeinschaften engagiert und während des BWL-Studiums eine Schwesternschaft gegründet. Später absolvierte sie einen Basiskurs Diakonie, wollte aber – anders als ihre Großtante – nicht in die Schwesternschaft aufgenommen werden. In der Therapie lernte sie, dass auch ihre Gaben im Kümmern und Heilen liegen – wie bei der Großtante. Darum absolvierte die 54-Jährige 2011 noch eine Heilpraktikerausbildung, arbeitet heute als gesetzliche Betreuerin. Auch da komme wieder das Kümmern durch, so Wiese. Dieser Charakterzug könne durchaus eine genetische Disposition in der Familie sein, erklärt der Hamburger Autor Sven Rohde, der über das Thema Kriegsenkel geschrieben und geforscht hat. Zudem seien Vererbungen auch in nicht-gerader Linie und über Generationen möglich. Cosima Wiese ist erst nach dem Tod ihrer Großtante in Minden gelandet. „Ich hätte sie also nicht treffen können“, sagt sie. „Aber es ist ein schönes Gefühl, hier jemanden aus seinem Dunstkreis zu haben.“

Cosima Wiese stieß auf Spuren ihrer Großtante, die als Diakonisse wirkte

Ab und zu schaut Cosima Wiese beim Grab ihrer Großtante Elsbeth Ennulat auf dem Mindener Südfriedhof vorbei. MT- © Foto: Doris Christoph

Minden. Ordentlich in Reih und Glied liegen sie da, die Grabsteine der Diakonissen auf dem Südfriedhof. Rund 200 Geschichten, die hier in Minden endeten. „Schauen Sie mal: Keine ragt heraus, nicht mal die Oberin“, sagt Cosima Wiese und lässt den Blick über das Gräberfeld schweifen. „Aber alle waren so herausragend.“

Eine von ihnen hat die 54-Jährige besonders beeindruckt: Unter den Toten findet sich auch ihre Großtante Elsbeth Ennulat, geboren in Danzig am 31. Dezember 1897 als ältestes von sechs Kindern, gestorben am 10. März 1989 in Minden. Erst 2009 hat Cosima Wiese ihre Verwandte entdeckt. Die studierte Betriebswirtin ist selber eine Zugezogene, lebte bis Anfang der 1990er Jahre mit Mann und zwei Töchtern unter anderem in Stralsund und landete schließlich in Stemmer. Nach dem Ende ihrer Ehe und einer Therapie begann sie ihre Familiengeschichte aufzuarbeiten, Verwandte um Informationen zu bitten, in Archiven zu forschen. Vor allem zu ihrer Großtante wurde sie fündig und entdeckte insbesondere bei deren Aufopferungsbereitschaft Parallelen zu ihrem eigenen Leben.

Elsbeth Ennulat war die Erstgeborene in der Familie, zog die Geschwister – darunter Wieses Großmutter – mit auf. 1927 trat sie mit 30 Jahren der Schwesternschaft der Diakonissenanstalt Salem-Köslin bei – was sie davor gemacht hat, bleibt für Cosima Wiese eine Lücke im Lebenslauf. Die Diakonissenanstalt war 1868 in Stettin entstanden, wo sie ein Mädchenrettungshaus betrieb. 1913 übernahmen die Schwestern auch die Pflege im Kaiser-Wilhelm-Krankenhaus in Köslin (Pommern) – heute Koszalin in Polen. Auf dem Gelände entstanden zudem vier Kinderheime und das neue Mutterhaus der Diakonissen. Anfang März 1945 flüchteten mehr als 300 Schwestern zusammen mit rund 200 Kindern vor der Roten Armee aus Köslin. 24 Diakonissen aber blieben, um sich um die Nichttransportfähigen zu kümmern. Zu ihnen gehörte Elsbeth Ennulat, wie Cosima Wiese bei ihren Recherchen herausfand. „Sie war damals 47 Jahre alt. Wahrscheinlich ist sie anstelle der Jüngeren da geblieben“, vermutet die Großnichte.

Das Mutterhaus wurde belagert und beschossen, Berichte der Diakonissen schildern die Repressalien der Soldaten, unter denen die Frauen litten. Als beispielsweise die Oberin sich für eine jüngere Schwester einsetzte, wurde sie misshandelt und starb wenige Wochen später geschwächt an einer Infektionskrankheit. Die Schwestern, darunter Elsbeth Ennulat, kümmerten sich nicht nur weiter um die Patienten, sie suchten auch gemeinsam in der Stadt nach Kranken und Verletzten, die Hilfe brauchten. Fanden sie Tote, wurden diese begraben. Auch das hat Wiese in Berichten anderer Schwestern gefunden, die ihre Großtante erwähnten.

Von ihr selber hat Cosima Wiese nur ein Dokument entdeckt: eine „Aufstellung der Schwestern aus dem Gefangenenlager Thorn“ von Ende 1945. Am 22. April brachten russische Soldaten Elsbeth Ennulat zusammen mit anderen Diakonissen in das Lager mit rund 14.000 Gefangenen, wo sie verwundete deutsche Soldaten pflegen sollten. „Als ich das las, habe ich mir erstmal ein Bier aufgemacht“, sagt Cosima Wiese im Scherz. Bei ihrer Recherche hat Wiese auch mit einer Mitschwester der Großtante gesprochen. Ihr hatte Elsbeth Ennulat über die schwere Zeit dort berichtet. Details wollte die Diakonisse im Gespräch mit Wiese aber nicht nennen.

Wahrscheinlich im Gefangenenlager hat sich Elsbeth Ennulat dann mit Typhus angesteckt, wird deswegen am 1. September 1945 in ein Quarantänelager nach Altentreptow gebracht. Sie wird gesund, bleibt dort ein halbes Jahr. Im April 1946 darf sie nach Oldenburg reisen, wo andere Schwestern untergekommen sind, ist dann laut Wieses Recherchen an verschiedenen Orten als Erzieherin im Einsatz. 1954 kommt Elsbeth Ennulat schließlich nach Minden. Hier hat die Diakonissenanstalt Salem-Köslin zwei Jahre zuvor mit dem Träger der Mindener Krankenhäuser einen Vertrag über die Krankenhauspflege abgeschlossen und ihr Mutterhaus gebaut.

Elsbeth Ennulat arbeitet zwölf Jahre in einem Kindergarten in Barkhausen, so Wiese. 1966 geht sie in den Ruhestand und stirbt schließlich am 10. März 1989. „Sie ist zufrieden und gut im Kreise ihrer Lieben alt geworden und im Haus Morgenglanz eingeschlafen“, hat die Großnichte in Erfahrung gebracht.

Das erste und einzige Treffen mit der Patentante ihrer Mutter ist Cosima Wiese noch gut in Erinnerung: Sie war vier Jahre alt und die Großtante war zu Besuch in Siegen, wo Wieses Familie lebte. „Ich erinnere mich an die Haube, aus der nur das Gesicht herausschaute. Ich hatte mich gefragt, wie die Falten so liegen können.“ Nach dem Treffen brach der Kontakt ab, sie vermutet als Grund einen Streit zwischen der Großtante und ihrer Mutter über Erziehungsfragen.

Ihre Mutter konnte Wiese nicht mehr dazu befragen: Sie starb, als die Tochter 16 Jahre alt war. Auch über die eigene Geschichte und die Vertreibung als 13-Jährige im März 1945 aus dem brennenden Danzig habe die Mutter nie berichtet. Erst von Verwandten erfuhr Wiese davon. „Seit meiner Kindheit habe ich Träume, dass es knallt und brennt und ich davor wegrenne.“ Der Zeitpunkt der Albträume: immer im März. Nun hat Cosima Wiese eine Erklärung dafür. Forschungen der Psychologie und Humangenetik bestätigen, dass sich unverarbeitete Traumata auf nachfolgende Generationen auswirken können. So ist es möglich, dass Menschen von Ereignissen belastet sein können, die Jahrzehnte vor ihrer Geburt stattfanden – das äußert sich mitunter in schlimmen Träumen.

Auch die Großmutter sprach nie über ihre Schwester, obwohl sie engen Kontakt hatten, sich viel schrieben – das fand Wiese bei ihren Recherchen heraus. Beide waren grundverschieden, meint sie: „Meine Großmutter war verbittert, sie sprach immer nur über die Vertreibung aus Danzig. Meine Großtante soll hingegen ein sehr zufriedener Mensch gewesen sein. Die hatte ihr Vertrauen in Gott, die Bibel und ihre Gemeinschaft.“

Beim Eintauchen in dieses andere Leben hat Wiese Parallelen zu ihrem eigenen entdeckt: Auch sie hat sich für starke Frauengemeinschaften engagiert und während des BWL-Studiums eine Schwesternschaft gegründet. Später absolvierte sie einen Basiskurs Diakonie, wollte aber – anders als ihre Großtante – nicht in die Schwesternschaft aufgenommen werden. In der Therapie lernte sie, dass auch ihre Gaben im Kümmern und Heilen liegen – wie bei der Großtante. Darum absolvierte die 54-Jährige 2011 noch eine Heilpraktikerausbildung, arbeitet heute als gesetzliche Betreuerin. Auch da komme wieder das Kümmern durch, so Wiese.

Dieser Charakterzug könne durchaus eine genetische Disposition in der Familie sein, erklärt der Hamburger Autor Sven Rohde, der über das Thema Kriegsenkel geschrieben und geforscht hat. Zudem seien Vererbungen auch in nicht-gerader Linie und über Generationen möglich.

Cosima Wiese ist erst nach dem Tod ihrer Großtante in Minden gelandet. „Ich hätte sie also nicht treffen können“, sagt sie. „Aber es ist ein schönes Gefühl, hier jemanden aus seinem Dunstkreis zu haben.“

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