Cannabis statt „Bohnen oder Blumen“ - Angeklagte lieferte Equipment für Plantagen Hartmut Nolte Minden/Meerbeck/Rahden. „Und das ohne Bewährung“ staunte der Anklagevertreter aus Hannover: Das Schöffengericht Minden war weit über seinen Antrag hinausgegangen und hatte die Angeklagte Heide L. (64; Namen der beiden Angeklagten geändert) wegen Beihilfe zum Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Ihr mitangeklagter Ehemann wurde mangels Beweises freigesprochen. Mit der Überraschung endete ein Verfahren, das einen Nebenaspekt zweier großer Rauschgift-Prozesse vor den Landgerichten Hannover und Bielefeld aufgriff. Die Haupttäter waren dort zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Sie hatten in Meerbeck (Kreis Schaumburg) sowie in Rahden, Petershagen und Lübbecke große Cannabis-Plantagen betrieben. Mit einer großangelegten Razzia hatte die Polizei im März 2019 das illegale Treiben beendet. Im Mindener Prozess stand die Frage im Mittelpunkt: Hat das angeklagte Ehepaar L. aus Meerbeck, das über die Firmen der Frau – Vertrieb von Gartenhaustechnik und legaler Hanfprodukte – das Equipment für die Rauschgift-Plantagen lieferte, vom eigentlichen Verwendungszweck ihrer Waren gewusst oder zumindest wissen müssen und billigend in Kauf genommen? Zwei Gerichtstage brauchte das Schöffengericht für seine Antwort. Im Fall des Ehemanns Manfred L. (69) reichten den drei Richtern die Beweise nicht aus. Er habe nichts gewusst, lediglich die bestellten Waren ausgegeben, argumentierte sein Verteidiger Rolf Jordan. Auch in einer langjährigen Ehe sage man sich nicht alles. An der reinen „Kofferträger“-Version hatte das Gericht zwar seine Zweifel, aber das Wissen um die krummen Geschäfte seiner Frau sei ihm nicht nachzuweisen. Ein knallhartes „Ja“ dagegen zum Tatnachweis der Beihilfe der Ehefrau. Ihr Verteidiger Thorsten Bittner argumentierte wie auch Jordan, jede einzelne Lieferung müsse nicht zwangsläufig mit dem Aufbau von Rauschgift-Plantagen zusammenhängen, sondern das seien ganz normale Dinge zum Beispiel für ein Blumengewächshaus gewesen. Selbst solche Spezialblumenerde gäbe es im Baumarkt. Aktivkohlefilter für wassergekühlte Klimatechnik könne nicht ausschließlich gegen Emissionen verräterischer Gerüche genutzt werden. Und 50 Computer seien ja ursprünglich angeblich für eine Bitcoin-Schürfmine bestellt worden – was sich für die Täter dann doch nicht als lukrativ erwies. Das Gericht folgte jedoch der Argumentation des Staatsanwalts. Die Gesamtschau auf die Lieferungen lasse keine Zweifel aufkommen, dass die Angeklagte gewusst habe, wozu die Waren auch in der nicht weit vom Wohnhaus des Ehepaares gelegenen ehemaligen Industriehalle in Meerbeck dienten. Zumal sich die 64-jährige Geschäftsinhaberin auch mit dem legalen Teil der Hanfnutzung beschäftigt. Sie betreibt einen solchen Laden in Minden. Und Blumenerde brauche man zum Bitcoinschürfen nicht, damit lasse sich das Gericht „nicht verkaspern“. Schließlich kämen, so das Gericht, auch die ungewöhnliche Abwicklung der Geschäfte in Betracht. So gab der Käufer, angeblich Betreiber einer Friseurkette, für sein privates Blumentreibhaus-Projekt der Angeklagten ein Handy, dessen Nummer nur ein kleiner Personenkreis kannte. Zwischenzeitlich wurde es ausgetauscht. Die Polizei überwachte mehrere Monate diese Telefonverbindung: 94 Mal rief der Käufer an – 40 Mal erfolgreich, es wurden die Vornamen der beiden Angeklagten genannt. Die Ware wurde kurzfristig bestellt und von wechselnden Personen abgeholt. Und schließlich habe sich die Sache über Monate hingezogen, immer wieder habe sich der Käufer telefonisch über den Gebrauch der Waren von der Angeklagten beraten lassen. „ Wie können Sie beraten, wenn Sie die Pflanzenart nicht kennen? Da mussten Sie wissen, dass es sich nicht um Bohnen oder Blumen handelt“, bezog sich das Gericht auch auf die Lieferung von Kokosdünger und zwei Erntemaschinen im Wert von rund 7.000 Euro. Die Höhe der Strafe berücksichtigte auch den Umfang der erntereifen Cannabis-Produktion. Mehr als 3.100 Pflanzen hatten die Polizisten bei den Razzien sichergestellt und vernichtet, 12,8 Kilogramm der Rauschgift-Ausgangsbasis THC hätten daraus hergestellt werden können – dank der Ausrüstungslieferungen der Angeklagten. 15.000 Euro aus dem insgesamt 45.000 Euro umfassenden Geschäften unterliegen der Einziehung durch die Staatsanwaltschaft.

Cannabis statt „Bohnen oder Blumen“ - Angeklagte lieferte Equipment für Plantagen

Bei einer Großrazzia im März 2019 waren die Ermittler auf dem Bauernhof in Ilvese auf die professionelle Indoor-Hanfplantage gestoßen. MT-Archivfoto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden/Meerbeck/Rahden. „Und das ohne Bewährung“ staunte der Anklagevertreter aus Hannover: Das Schöffengericht Minden war weit über seinen Antrag hinausgegangen und hatte die Angeklagte Heide L. (64; Namen der beiden Angeklagten geändert) wegen Beihilfe zum Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Ihr mitangeklagter Ehemann wurde mangels Beweises freigesprochen.

Mit der Überraschung endete ein Verfahren, das einen Nebenaspekt zweier großer Rauschgift-Prozesse vor den Landgerichten Hannover und Bielefeld aufgriff. Die Haupttäter waren dort zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt worden. Sie hatten in Meerbeck (Kreis Schaumburg) sowie in Rahden, Petershagen und Lübbecke große Cannabis-Plantagen betrieben. Mit einer großangelegten Razzia hatte die Polizei im März 2019 das illegale Treiben beendet.

Im Mindener Prozess stand die Frage im Mittelpunkt: Hat das angeklagte Ehepaar L. aus Meerbeck, das über die Firmen der Frau – Vertrieb von Gartenhaustechnik und legaler Hanfprodukte – das Equipment für die Rauschgift-Plantagen lieferte, vom eigentlichen Verwendungszweck ihrer Waren gewusst oder zumindest wissen müssen und billigend in Kauf genommen?


Zwei Gerichtstage brauchte das Schöffengericht für seine Antwort. Im Fall des Ehemanns Manfred L. (69) reichten den drei Richtern die Beweise nicht aus. Er habe nichts gewusst, lediglich die bestellten Waren ausgegeben, argumentierte sein Verteidiger Rolf Jordan. Auch in einer langjährigen Ehe sage man sich nicht alles. An der reinen „Kofferträger“-Version hatte das Gericht zwar seine Zweifel, aber das Wissen um die krummen Geschäfte seiner Frau sei ihm nicht nachzuweisen.

Ein knallhartes „Ja“ dagegen zum Tatnachweis der Beihilfe der Ehefrau. Ihr Verteidiger Thorsten Bittner argumentierte wie auch Jordan, jede einzelne Lieferung müsse nicht zwangsläufig mit dem Aufbau von Rauschgift-Plantagen zusammenhängen, sondern das seien ganz normale Dinge zum Beispiel für ein Blumengewächshaus gewesen. Selbst solche Spezialblumenerde gäbe es im Baumarkt. Aktivkohlefilter für wassergekühlte Klimatechnik könne nicht ausschließlich gegen Emissionen verräterischer Gerüche genutzt werden. Und 50 Computer seien ja ursprünglich angeblich für eine Bitcoin-Schürfmine bestellt worden – was sich für die Täter dann doch nicht als lukrativ erwies.

Das Gericht folgte jedoch der Argumentation des Staatsanwalts. Die Gesamtschau auf die Lieferungen lasse keine Zweifel aufkommen, dass die Angeklagte gewusst habe, wozu die Waren auch in der nicht weit vom Wohnhaus des Ehepaares gelegenen ehemaligen Industriehalle in Meerbeck dienten. Zumal sich die 64-jährige Geschäftsinhaberin auch mit dem legalen Teil der Hanfnutzung beschäftigt. Sie betreibt einen solchen Laden in Minden. Und Blumenerde brauche man zum Bitcoinschürfen nicht, damit lasse sich das Gericht „nicht verkaspern“.

Schließlich kämen, so das Gericht, auch die ungewöhnliche Abwicklung der Geschäfte in Betracht. So gab der Käufer, angeblich Betreiber einer Friseurkette, für sein privates Blumentreibhaus-Projekt der Angeklagten ein Handy, dessen Nummer nur ein kleiner Personenkreis kannte. Zwischenzeitlich wurde es ausgetauscht. Die Polizei überwachte mehrere Monate diese Telefonverbindung: 94 Mal rief der Käufer an – 40 Mal erfolgreich, es wurden die Vornamen der beiden Angeklagten genannt. Die Ware wurde kurzfristig bestellt und von wechselnden Personen abgeholt. Und schließlich habe sich die Sache über Monate hingezogen, immer wieder habe sich der Käufer telefonisch über den Gebrauch der Waren von der Angeklagten beraten lassen. „ Wie können Sie beraten, wenn Sie die Pflanzenart nicht kennen? Da mussten Sie wissen, dass es sich nicht um Bohnen oder Blumen handelt“, bezog sich das Gericht auch auf die Lieferung von Kokosdünger und zwei Erntemaschinen im Wert von rund 7.000 Euro.

Die Höhe der Strafe berücksichtigte auch den Umfang der erntereifen Cannabis-Produktion. Mehr als 3.100 Pflanzen hatten die Polizisten bei den Razzien sichergestellt und vernichtet, 12,8 Kilogramm der Rauschgift-Ausgangsbasis THC hätten daraus hergestellt werden können – dank der Ausrüstungslieferungen der Angeklagten. 15.000 Euro aus dem insgesamt 45.000 Euro umfassenden Geschäften unterliegen der Einziehung durch die Staatsanwaltschaft.

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