Bundestagswahl 21: Schahina Gambir tritt für die Grünen an Christine Riechmann Minden. Nein, ein politisches Statement sei das nicht, sagt Schahina Gambir, lacht herzlich und blickt auf ihre grün lackierten Fußnägel. „Ich mag Nagellack einfach so gerne und finde die Farbe schön“. Im Urlaub seien auch die Fingernägel noch grün gewesen. Der ist lange her, mittlerweile befindet sich die 30-Jährige mitten im Wahlkampf. Schahina Gambir wird die Grünen als Direktkandidatin für den Mühlenkreis bei der Bundestagswahl vertreten – vielleicht mit grün lackierten Nägeln. Schahina Gambir sitzt in einem Café am Tisch und plaudert drauf los – ganz offen und frei und immer mit einem Strahlen im Gesicht. Sie versucht, nicht zu schnell zu reden, das gelingt der zierlichen kleinen Frau mit den dunklen halblangen Haaren und den braunen Augen allerdings nur für einen kurzen Moment. Sie erzählt nicht nur vom Urlaub und davon, dass sie die Sonne liebt. Sie erzählt auch von Afghanistan, dem Land in dem sie geboren wurde und das sie mit zwei Jahren gemeinsam mit ihren beiden älteren Geschwistern und ihren Eltern verlassen musste. An das Land hat sie keine Erinnerungen. Und trotzdem begleitet es sie noch heute. Die Erfahrungen, die sie auf Grund ihrer Herkunft machen musste, seien auch ein Antrieb gewesen, sich politisch zu engagieren. Den ersten Impuls habe ihr jedoch ein Treffen mit Belit Onay gegeben. Der heutige Oberbürgermeister von Hannover war damals noch Abgeordneter im niedersächsischen Landtag. Schahina war als Schülerin in ihrer Schaumburger Heimat ganz locker und unverbindlich in der Grünen Jugend aktiv. „Da bin ich so reingeschlittert.“ Als sie Onay traf, habe sie gedacht: Wie cool kann denn ein Politiker sein? Seine menschliche, lockere und bürgernahe Art habe sie sehr beeindruckt und geprägt. Außerdem habe sie ein Praktikum bei den Grünen der Politik näher gebracht. Dort war sie von der Arbeitsstruktur begeistert und davon, wie die Menschen miteinander umgegangen sind. „Es ging nicht nur um Effizienz, sondern um die Menschen. Das hat mich sehr berührt.“ Und immer war es die Geschichte ihrer Familie und ihrer Herkunft, die sie begleitet hat. „Schon als Kind habe ich die Migrations- und Flüchtlingspolitik verfolgt, denn meine Familie hatte zuerst nur eine Duldung.“ So sei jeder behördliche Brief mit einer großen Unsicherheit verbunden gewesen. „Da schwebte immer die Frage im Raum, wie lange dürfen wir bleiben?“ Wie die Grünen mit diesem Thema umgegangen sind, habe sie schon immer bewundert. Was es bedeutet, auf Grund der Herkunft diskriminiert zu werden, hat Schahina Gambir am eigenen Leib erfahren müssen. Sie erzählt von Rassismuserfahrungen in der Schule und davon, auf der Straße beschimpft worden zu sein. Oft würden Menschen mit ihr laut und deutlich sprechen, da sie davon ausgingen, dass sie kein Deutsch könne. All das dürfe nicht sein und auch deshalb trete sie als Kandidatin für den Bundestag an. „Ich kann nicht darauf warten, dass Menschen kommen, die meine Politik machen, ich muss sie selbst machen“, ist sie überzeugt. Dabei war es nicht ihr größter Kindheitstraum, einmal in die Politik zu gehen. „Das hat sich eher so entwickelt“, beschreibt sie ihren Weg. Trotzdem sei sie überzeugt, dass sie mit ihrer Vita die Politik beleben könne, denn der aktuelle Bundestag repräsentiere nicht die Gesellschaft. „Die ist nicht Mitte 50, überwiegend männlich und mit akademischer Bildung.“ Unterstützung erfährt Schahina Gambir von ihrer Familie und ihrem Freund. Allerdings hätten ihre Eltern auch Ängste geäußert. „Sie machen sich Sorgen, dass es für mich gefährlich sein könnte, dass ich Anfeindungen erlebe und Drohbriefe bekomme. „Aber kann es eine Alternative sein, es deswegen nicht zu tun?“ Für die 30-Jährige nicht. Minden kennt die Bundestagskandidatin, die ihre Kindheit und Jugend im ländlichen Lindhorst im Landkreis Schaumburg verbracht hat, von Shoppingtouren und Besuchen bei Freunden. „Das war die größte Stadt in der Umgebung, da ist man halt hingefahren, das war um die Ecke.“ Kritiker, die ihr vorwerfen, keine Verbindung zu Minden zu haben, kann sie verstehen. Allerdings ist Schahina Gambir davon überzeugt, dass politische Arbeit über Gespräche und Kontakte funktioniere. Die knüpfe sie durch Besuche bei wirtschaftlichen Unternehmen, in Vereinen oder anderen Gruppen. Man müsse den Menschen zuhören und ihnen offen begegnen. Nahbarkeit ist eines ihrer großen Themen. Und obwohl sie heute in einer großen Stadt lebt, kenne sie die Probleme der kleinen Ortschaften aus ihrer Heimatstadt. „Ich weiß, wie es ist, wenn nur zweimal am Tag ein Bus fährt.“ Die Kandidatin Schahina Gambir ist 1991 in Kabul geboren und in Lindhorst im Landkreis Schaumburg aufgewachsen. Nach dem Abitur und einer Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau arbeitete sie einige Monate in Ägypten und Griechenland in der Hotel- und Tourismusbranche. 2016 hat sie einen Kombi-Bachelor in Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bielefeld abgeschlossen. Seitdem leitet sie das Wahlkreisbüro des Bielefelder Landtagsabgeordneten Matthi Bolte-Richter und macht einen Master in Gender Studies.

Bundestagswahl 21: Schahina Gambir tritt für die Grünen an

Die Kandidatin Schahina Gambir wuchs im Nachbarkreis Schaumburg auf. Die Stadt Minden kennt sie von zahlreichen Besuchen. MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Minden. Nein, ein politisches Statement sei das nicht, sagt Schahina Gambir, lacht herzlich und blickt auf ihre grün lackierten Fußnägel. „Ich mag Nagellack einfach so gerne und finde die Farbe schön“. Im Urlaub seien auch die Fingernägel noch grün gewesen. Der ist lange her, mittlerweile befindet sich die 30-Jährige mitten im Wahlkampf. Schahina Gambir wird die Grünen als Direktkandidatin für den Mühlenkreis bei der Bundestagswahl vertreten – vielleicht mit grün lackierten Nägeln.

Schahina Gambir sitzt in einem Café am Tisch und plaudert drauf los – ganz offen und frei und immer mit einem Strahlen im Gesicht. Sie versucht, nicht zu schnell zu reden, das gelingt der zierlichen kleinen Frau mit den dunklen halblangen Haaren und den braunen Augen allerdings nur für einen kurzen Moment. Sie erzählt nicht nur vom Urlaub und davon, dass sie die Sonne liebt. Sie erzählt auch von Afghanistan, dem Land in dem sie geboren wurde und das sie mit zwei Jahren gemeinsam mit ihren beiden älteren Geschwistern und ihren Eltern verlassen musste. An das Land hat sie keine Erinnerungen. Und trotzdem begleitet es sie noch heute. Die Erfahrungen, die sie auf Grund ihrer Herkunft machen musste, seien auch ein Antrieb gewesen, sich politisch zu engagieren.

Den ersten Impuls habe ihr jedoch ein Treffen mit Belit Onay gegeben. Der heutige Oberbürgermeister von Hannover war damals noch Abgeordneter im niedersächsischen Landtag. Schahina war als Schülerin in ihrer Schaumburger Heimat ganz locker und unverbindlich in der Grünen Jugend aktiv. „Da bin ich so reingeschlittert.“ Als sie Onay traf, habe sie gedacht: Wie cool kann denn ein Politiker sein? Seine menschliche, lockere und bürgernahe Art habe sie sehr beeindruckt und geprägt. Außerdem habe sie ein Praktikum bei den Grünen der Politik näher gebracht. Dort war sie von der Arbeitsstruktur begeistert und davon, wie die Menschen miteinander umgegangen sind. „Es ging nicht nur um Effizienz, sondern um die Menschen. Das hat mich sehr berührt.“


Und immer war es die Geschichte ihrer Familie und ihrer Herkunft, die sie begleitet hat. „Schon als Kind habe ich die Migrations- und Flüchtlingspolitik verfolgt, denn meine Familie hatte zuerst nur eine Duldung.“ So sei jeder behördliche Brief mit einer großen Unsicherheit verbunden gewesen. „Da schwebte immer die Frage im Raum, wie lange dürfen wir bleiben?“ Wie die Grünen mit diesem Thema umgegangen sind, habe sie schon immer bewundert.

Was es bedeutet, auf Grund der Herkunft diskriminiert zu werden, hat Schahina Gambir am eigenen Leib erfahren müssen. Sie erzählt von Rassismuserfahrungen in der Schule und davon, auf der Straße beschimpft worden zu sein. Oft würden Menschen mit ihr laut und deutlich sprechen, da sie davon ausgingen, dass sie kein Deutsch könne. All das dürfe nicht sein und auch deshalb trete sie als Kandidatin für den Bundestag an. „Ich kann nicht darauf warten, dass Menschen kommen, die meine Politik machen, ich muss sie selbst machen“, ist sie überzeugt.

Dabei war es nicht ihr größter Kindheitstraum, einmal in die Politik zu gehen. „Das hat sich eher so entwickelt“, beschreibt sie ihren Weg. Trotzdem sei sie überzeugt, dass sie mit ihrer Vita die Politik beleben könne, denn der aktuelle Bundestag repräsentiere nicht die Gesellschaft. „Die ist nicht Mitte 50, überwiegend männlich und mit akademischer Bildung.“

Unterstützung erfährt Schahina Gambir von ihrer Familie und ihrem Freund. Allerdings hätten ihre Eltern auch Ängste geäußert. „Sie machen sich Sorgen, dass es für mich gefährlich sein könnte, dass ich Anfeindungen erlebe und Drohbriefe bekomme. „Aber kann es eine Alternative sein, es deswegen nicht zu tun?“ Für die 30-Jährige nicht.

Minden kennt die Bundestagskandidatin, die ihre Kindheit und Jugend im ländlichen Lindhorst im Landkreis Schaumburg verbracht hat, von Shoppingtouren und Besuchen bei Freunden. „Das war die größte Stadt in der Umgebung, da ist man halt hingefahren, das war um die Ecke.“

Kritiker, die ihr vorwerfen, keine Verbindung zu Minden zu haben, kann sie verstehen. Allerdings ist Schahina Gambir davon überzeugt, dass politische Arbeit über Gespräche und Kontakte funktioniere. Die knüpfe sie durch Besuche bei wirtschaftlichen Unternehmen, in Vereinen oder anderen Gruppen. Man müsse den Menschen zuhören und ihnen offen begegnen. Nahbarkeit ist eines ihrer großen Themen. Und obwohl sie heute in einer großen Stadt lebt, kenne sie die Probleme der kleinen Ortschaften aus ihrer Heimatstadt. „Ich weiß, wie es ist, wenn nur zweimal am Tag ein Bus fährt.“

Die Kandidatin

Schahina Gambir ist 1991 in Kabul geboren und in Lindhorst im Landkreis Schaumburg aufgewachsen. Nach dem Abitur und einer Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau arbeitete sie einige Monate in Ägypten und Griechenland in der Hotel- und Tourismusbranche. 2016 hat sie einen Kombi-Bachelor in Politik- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bielefeld abgeschlossen. Seitdem leitet sie das Wahlkreisbüro des Bielefelder Landtagsabgeordneten Matthi Bolte-Richter und macht einen Master in Gender Studies.

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