Bomben auf Minden: „Alles war grau, voller Schutt und Staub“ Albert Nagel erinnert sich an den Bombenangriff vom 6. November 1944 / Jahrelang zum Thema recherchiert Michelle Settke Minden (mis). „Die Flieger flogen sehr tief, man konnte sie genau erkennen. Wir rannten los, wir wollten bis in den nächsten Keller.“ Albert Nagel war beim Bombenangriff auf Minden am 6. November 1944 noch ein Kind. Auch heute, fast 70 Jahre später, denkt er noch häufig daran zurück. Die Geschehnisse haben sich Albert Nagel, heute 80 Jahre alt, so tief ins Gedächtnis gebrannt, dass er sie wohl niemals vergessen wird. Der ehemalige Mindener wohnt mittlerweile mit seiner Frau in Bielefeld. Nach dem Bombenfund an der Rodenbecker Straße meldete er sich beim MT, um von seinen Erinnerungen zu berichten.„Ich war damals mit meinem Freund Friedhelm Deerberg und einem weiteren Schulkollegen auf dem Weg von der Mittelschule nach Hause“, erinnert sich Albert Nagel. „Als der Alarm losging, liefen wir zu Fuß nach Hause – wir wohnten damals in Barkhausen. Wir waren schon über den Marktplatz und am Schwanenteich vorbei und liefen durchs Glacis Richtung Portastraße, als wir die ersten Flieger aus Richtung Norden auf uns zukommen sahen.“„Es tauchten immer mehr Flieger auf“Damals vermuteten die Jungen, dass die Flieger das Kanalgebiet ansteuerten, schildert der Senior. Daher suchten sie vorerst nur Schutz im Glacis und warfen sich dort unter den Bäumen zu Boden. „Es tauchten aber immer mehr Flieger am Himmel auf und sie flogen sehr tief. Deshalb liefen wir weiter. Im Haus 42 in der Wittekindallee kamen wir im Keller unter.“Eine womöglich lebensrettende Entscheidung, wie sich zeigen sollte, denn gerade als sie die Kellertür hinter sich zuzogen, hörten sie bereits die ersten Explosionen. Im Dunkeln des Kellers hielten die drei Kinder minutenlang den Atem an, während die Stadt, unter einem der schwersten Angriffe auf sie bebte.Als Albert Nagel und seine Schulfreunde es endlich wagten, den Keller zu verlassen, konnten sie das Ausmaß der Zerstörung kaum fassen: „Alles war grau, voller Schutt und Staub. Man konnte beinahe nichts sehen.“ Nur einige Meter weiter, an der Portastraße 12, war eine Bombe eingeschlagen und hatte das Haus komplett zerstört, eine ganze Familie verlor dort ihr Leben.Geschockt bahnten sich die Jungen ihren Weg über die Portastraße weiter in Richtung Barkhausen. Immer wieder mussten sie dabei über Trümmer klettern. Auf Höhe des Hotels Bad Minden hatten sie freie Sicht über das Koppelfeld. „Dort waren mehrere Bomben eingeschlagen, wir konnten die Krater sehen. Außerdem waren dort Flugblätter abgeworfen worden. Wir waren neugierig und liefen hinunter ins Feld.“ Neben den Flugblättern fanden die Jungen auch Bombensplitter, die sie auflesen wollten. „Wir wollten sie mit nach Hause nehmen – als Andenken sozusagen. Aber sie waren noch immer glühend heiß, man konnte sie nicht anfassen.“ Und auch die Flugblätter sollten nicht lange in ihrem Besitz bleiben: „Schon auf dem Weg nach Hause mussten wir sie einem Polizisten geben“, erinnert sich Albert Nagel enttäuscht.„Scheint, als wollten sie das Kanalgebiet treffen“Noch heute bedauert der Senior, dass er die Flugblätter damals nicht behalten durfte, womöglich wären sie sonst das krönende Highlight seiner Dokumente, die er bereits seit fast zehn Jahren über die Ereignisse des 6. Novembers 1944 zusammenträgt. Albert Nagel ist leidenschaftlicher Sammler. Auf die Recherche über den Angriff auf Minden stieß ihn das Buch „Die verdunkelte Stadt Minden“, in dem zahlreiche Informationen über die Endphase des Zweiten Weltkriegs zusammengestellt sind.„Besonders interessiert hat mich natürlich der Angriff, den ich selbst so bewusst miterlebt habe. In dem Buch wurde aber gerade dieser nicht so genau beschrieben.“ So begann Albert Nagel, alle Informationen zusammenzutragen, die er finden konnte. Er recherchierte im Internet und im Kommunalarchiv, las verschiedene Bücher, verfolgte Zeitungsartikel.Im Laufe der Zeit stieß er dabei unter anderem auf eine Aufzählung aller Opfer und auf eine Liste der Besatzungsmitglieder der 31 amerikanischen Flugzeuge, die an dem Angriff beteiligt waren. Auch das Ziel des Angriffs glaubt Albert Nagel herausgefunden zu haben: „Es scheint, als wollten sie wirklich das Kanalgebiet treffen. Ich glaube aber, dass auch das Straßenbahndepot ein Ziel gewesen sein muss. Das war damals schräg gegenüber vom Haus Nummer 12 der Portastraße. Das würde die Bomben in diesem Gebiet erklären.“

Bomben auf Minden: „Alles war grau, voller Schutt und Staub“

Minden (mis). „Die Flieger flogen sehr tief, man konnte sie genau erkennen. Wir rannten los, wir wollten bis in den nächsten Keller.“ Albert Nagel war beim Bombenangriff auf Minden am 6. November 1944 noch ein Kind. Auch heute, fast 70 Jahre später, denkt er noch häufig daran zurück.

Die Geschehnisse haben sich Albert Nagel, heute 80 Jahre alt, so tief ins Gedächtnis gebrannt, dass er sie wohl niemals vergessen wird. Der ehemalige Mindener wohnt mittlerweile mit seiner Frau in Bielefeld. Nach dem Bombenfund an der Rodenbecker Straße meldete er sich beim MT, um von seinen Erinnerungen zu berichten.

„Die verdunkelte Stadt Minden“ konnte nicht alle von Albert Nagels Fragen beantworten. Daher fing er an, selbst zu recherchieren. - © Foto: Michelle Settke
„Die verdunkelte Stadt Minden“ konnte nicht alle von Albert Nagels Fragen beantworten. Daher fing er an, selbst zu recherchieren. - © Foto: Michelle Settke

„Ich war damals mit meinem Freund Friedhelm Deerberg und einem weiteren Schulkollegen auf dem Weg von der Mittelschule nach Hause“, erinnert sich Albert Nagel. „Als der Alarm losging, liefen wir zu Fuß nach Hause – wir wohnten damals in Barkhausen. Wir waren schon über den Marktplatz und am Schwanenteich vorbei und liefen durchs Glacis Richtung Portastraße, als wir die ersten Flieger aus Richtung Norden auf uns zukommen sahen.“

„Es tauchten immer mehr Flieger auf“

Damals vermuteten die Jungen, dass die Flieger das Kanalgebiet ansteuerten, schildert der Senior. Daher suchten sie vorerst nur Schutz im Glacis und warfen sich dort unter den Bäumen zu Boden. „Es tauchten aber immer mehr Flieger am Himmel auf und sie flogen sehr tief. Deshalb liefen wir weiter. Im Haus 42 in der Wittekindallee kamen wir im Keller unter.“

Eine womöglich lebensrettende Entscheidung, wie sich zeigen sollte, denn gerade als sie die Kellertür hinter sich zuzogen, hörten sie bereits die ersten Explosionen. Im Dunkeln des Kellers hielten die drei Kinder minutenlang den Atem an, während die Stadt, unter einem der schwersten Angriffe auf sie bebte.

Als Albert Nagel und seine Schulfreunde es endlich wagten, den Keller zu verlassen, konnten sie das Ausmaß der Zerstörung kaum fassen: „Alles war grau, voller Schutt und Staub. Man konnte beinahe nichts sehen.“ Nur einige Meter weiter, an der Portastraße 12, war eine Bombe eingeschlagen und hatte das Haus komplett zerstört, eine ganze Familie verlor dort ihr Leben.

Geschockt bahnten sich die Jungen ihren Weg über die Portastraße weiter in Richtung Barkhausen. Immer wieder mussten sie dabei über Trümmer klettern. Auf Höhe des Hotels Bad Minden hatten sie freie Sicht über das Koppelfeld. „Dort waren mehrere Bomben eingeschlagen, wir konnten die Krater sehen. Außerdem waren dort Flugblätter abgeworfen worden. Wir waren neugierig und liefen hinunter ins Feld.“ Neben den Flugblättern fanden die Jungen auch Bombensplitter, die sie auflesen wollten. „Wir wollten sie mit nach Hause nehmen – als Andenken sozusagen. Aber sie waren noch immer glühend heiß, man konnte sie nicht anfassen.“ Und auch die Flugblätter sollten nicht lange in ihrem Besitz bleiben: „Schon auf dem Weg nach Hause mussten wir sie einem Polizisten geben“, erinnert sich Albert Nagel enttäuscht.

„Scheint, als wollten sie das Kanalgebiet treffen“

Noch heute bedauert der Senior, dass er die Flugblätter damals nicht behalten durfte, womöglich wären sie sonst das krönende Highlight seiner Dokumente, die er bereits seit fast zehn Jahren über die Ereignisse des 6. Novembers 1944 zusammenträgt. Albert Nagel ist leidenschaftlicher Sammler. Auf die Recherche über den Angriff auf Minden stieß ihn das Buch „Die verdunkelte Stadt Minden“, in dem zahlreiche Informationen über die Endphase des Zweiten Weltkriegs zusammengestellt sind.

„Besonders interessiert hat mich natürlich der Angriff, den ich selbst so bewusst miterlebt habe. In dem Buch wurde aber gerade dieser nicht so genau beschrieben.“ So begann Albert Nagel, alle Informationen zusammenzutragen, die er finden konnte. Er recherchierte im Internet und im Kommunalarchiv, las verschiedene Bücher, verfolgte Zeitungsartikel.

Im Laufe der Zeit stieß er dabei unter anderem auf eine Aufzählung aller Opfer und auf eine Liste der Besatzungsmitglieder der 31 amerikanischen Flugzeuge, die an dem Angriff beteiligt waren. Auch das Ziel des Angriffs glaubt Albert Nagel herausgefunden zu haben: „Es scheint, als wollten sie wirklich das Kanalgebiet treffen. Ich glaube aber, dass auch das Straßenbahndepot ein Ziel gewesen sein muss. Das war damals schräg gegenüber vom Haus Nummer 12 der Portastraße. Das würde die Bomben in diesem Gebiet erklären.“

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