Bildungslücken: Das von Corona ramponierte Schuljahr Anja Peper Minden. Gespannte Stille im Saal, als Philipp Knappmeyer ans Mikro tritt – vorschriftsmäßig ist es in Frischhaltefolie gewickelt. Was würde der Leiter des Mindener Schulbüros zu berichten haben zum Tagesordnungs-Punkt 3 – „Schulen in Corona-Zeiten"? Das interessiert jeden im Ständersaal des Preußen-Museums brennend. Wochenlang waren die Schüler zuhause, inzwischen ist ein Großteil schrittweise zurückgekehrt. Erstmals tagt jetzt der Bildungsausschuss seit Ausbruch der Pandemie. Corona prägt auch die Arbeit im Schulbüro maßgeblich. Ungeteilte Aufmerksamkeit ist ihm daher sicher: Wie sieht's aus? Eines macht Knappmeyer gleich zu Beginn seiner Ausführungen deutlich: Ein „Schulministeriums-Bashing" werde es zumindest von seiner Seite aus nicht geben. Der Begriff „Bashing" stammt aus dem Englischen und meint eine öffentliche Beschimpfung. Massive Kritik war in den vergangenen Wochen gleich von mehren Seiten auf die NRW-Landesregierung eingeprasselt. Aber Philipp Knappmeyer ist jemand, der lieber Lösungen als Schuldige sucht. „Dieses Schwarze-Peter-Spiel muss aufhören." Stattdessen schildert er dem Fachausschuss anschaulich, was sich während der Corona-Pause und vor allem an den Tagen rund um die Schulöffnung im Schulbüro abgespielt hat. Viele Fragen prasselten auf die Mitarbeiter ein: Wie ist das eigentlich mit schulischen Hygienekonzepten? Wie sind die Abstände einzuhalten – im Treppenhaus, in den Gängen, auf dem Schulhof, in den Toiletten? Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt des Kreises? Wie können Schüler ein Sport-Abitur ablegen? Wer nimmt den Druck raus? Wann kommt der nächste Erlass? Wer haftet? – Aus manchen Antworten ergeben sich neue Fragen, die tatsächliche Liste ist deutlich länger. Für diese Situation gab es kein Modell in der Schublade. „Viele Zweifel haben uns durch diese Phase getragen", sagt Knappmeyer. Die Stadt Minden ist Schulträger für 19 Schulen: Neun Grundschulen, eine Förderschule, eine Ganztagshauptschule, zwei Realschulen, eine Gesamtschule, die Primus-Schule (Dankersen), drei Gymnasien und ein Weiterbildungskolleg. Jedes Gebäude ist anders, daher muss das „Lernen auf Abstand" im Präsenzunterricht unterschiedlich organisiert werden. Die Corona-Grundlagenforschung zur Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumen steckt noch in den Kinderschuhen. Das Improvisieren hat den Mitarbeitern im Schulbüro den ein oder anderen Zwölf-Stunden-Tag beschert. Einige Probleme konnten pragmatisch und auf dem kurzen Dienstweg gelöst werden. Beispiel: Als dringend ein angepasstes Hygienekonzept her musste und die Deadline nahte, hat Knappmeyer es auf dem Nachhauseweg von einer Schulleiterin aus Hille persönlich abgeholt. Kurze Wege machen es möglich: „Wir haben ganz individuelle Lösungen gefunden." Auch für die Notbetreuung: Wenn beispielsweise beide Eltern in systemrelevanten Berufen – zum Beispiel im Krankenhaus – arbeiten, wurde im Notfall auch fürs Wochenende eine Betreuung möglich gemacht. Andere Themen waren weit komplexer, zogen sich durch und wurden im ramponierten Schuljahr zum Dauerbrenner: Die Finanzierung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) gehört dazu sowie die kritische Situation der Schul-Caterer, denen die Einnahmen weggebrochen sind (das MT berichtete). Ebenfalls schwierig: Die Rückerstattung von bereits finanzierten Schulfahrten. Knappmeyer: „Da geht es um hohe sechsstellige Summen." Auch hier seien gemeinsam mit den Schulsozialarbeitern „individuelle Mindener Lösungen" gefunden worden, sagt er – ohne auf Details einzugehen. Sein Eindruck ist, dass sich das Verhältnis zwischen Schulen und Schulträger in der Krise verbessert habe. Vieles musste „Knall auf Fall" entschieden werden und war entsprechend mit der heißen Nadel gestrickt. Doch jetzt geht der Blick nach vorne, Richtung Sommerferien: Die starten in Nordrhein-Westfalen am 29. Juni, also in etwa drei Wochen. Philipp Knappmeyer ist davon überzeugt: „Wir brauchen Sommer-Ferienspiele." Denn es lässt sich absehen, dass mehr Familien auf einen Urlaub verzichten müssen. Dabei fällt vielen schon längst die Decke auf den Kopf. Das Fehlen der gewohnten Lernumgebung wirkt sich einschneidend auf das soziale Zusammenleben aus. Auch das Deutsche Kinderhilfswerk befürchtet gravierende Folgen für Kinder und Jugendliche, wenn Schulen und Kitas nicht bald wieder vollständig öffnen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) möchte ein volles Schulprogramm nach den Sommerferien sicherstellen, sagte sie in einem Interview. Helfen könnten ihrer Ansicht nach Container, um den erforderlichen Abstand zwischen den Schülern zu gewährleisten. Dieser Vorschlag veranlasste Ausschuss-Mitglied Angela Gradler-Gebecke zu der Frage, ob über die Anschaffung von solchen Containern schon nachgedacht werde. Nein, in der Richtung sei noch nichts veranlasst, so die Antwort der Beigeordneten Regina-Dolores Stieler-Hinz: „Das wird nicht die Lösung sein." Es seien ohnehin nicht an allen Schulen die erforderlichen Flächen verfügbar. Auch Cordula Küppers als Vertreterin der drei Mindener Gymnasien rät eher davon ab: „Wenn Container an der Schule stehen, muss auch entsprechend Personal da sein." Während der Schulschließung zeigt sich wie unter einem Brennglas, wie die soziale Herkunft nach wie vor die Zukunftschancen beeinflusst. Von echter Bildungsgerechtigkeit ist Deutschland weit entfernt. Dem Negativ-Trend so schnell wie möglich gute Konzepte entgegenzusetzen, ist das Ziel der wöchentlichen Telefonkonferenzen mit der Landesregierung. Allerdings sind regelmäßig mehr als 40 Teilnehmer dabei, weil das Thema gerade überall unter den Nägeln brennt. Bildungsforscher weisen darauf hin, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf vermehrt abgehängt werden. Darauf bezieht sich auch die Anfrage eines Vaters, der als Gast im Ausschuss war. „Mehr noch als andere Kinder sind Schüler mit einer geistigen Behinderung auf feste Regeln, feste Zeiten, Interaktion mit anderen Kindern und ein geordnetes lebenspraktisches Umfeld angewiesen, welches nur eine Schule mit entsprechend ausgebildetem Fachpersonal bieten kann." Sein Appell daher: „Es muss zumindest teilweise Normalität einkehren." Mail vom Ministerium Ein Kommentar von Anja Peper „Oh, eine Mail vom Ministerium ..." Diese Lektüre macht selten Spaß. Oft ist in einen neuen Corona-Runderlass des Ministeriums für Schule und Weiterbildung ein älterer Runderlass eingearbeitet. Dazu noch ein paar verschwurbelte Sätze samt Paragrafen plus Ausnahmen und Widersprüche – und Schulleiter möchten in die Tastatur beißen. Es ist wie bei diesen eiförmigen russischen Puppen: Man könnte sich ewig damit beschäftigen. Dummerweise fehlt die Zeit, denn im Corona-Chaos kamen solche Mails auch mal am späten Freitagabend oder vor einem Feiertag. Also gilt es, das Mysterium zügig zu entschlüsseln, das Entscheidende herauszufiltern und an der Schule in die Praxis umzusetzen. Wohl dem, der einen Dolmetscher hat. Großes Lob im Ausschuss von Kathrin Kosiek (Hohenstaufenschule) für die praxisnahen Infos aus der Stadtverwaltung: „Viel besser als jeder Erlass, den wir lesen mussten." Gute Kommunikation ist tatsächlich ein Weg zum Ziel – gerade jetzt.

Bildungslücken: Das von Corona ramponierte Schuljahr

Lernen auf Abstand und mit ganz neuen Hygienevorschriften: Individuelle Lösungen für die Rückkehr der Schüler musste das Schulbüro für 19 Gebäude finden. MT-Archivfoto: Alex Lehn

Minden. Gespannte Stille im Saal, als Philipp Knappmeyer ans Mikro tritt – vorschriftsmäßig ist es in Frischhaltefolie gewickelt. Was würde der Leiter des Mindener Schulbüros zu berichten haben zum Tagesordnungs-Punkt 3 – „Schulen in Corona-Zeiten"? Das interessiert jeden im Ständersaal des Preußen-Museums brennend. Wochenlang waren die Schüler zuhause, inzwischen ist ein Großteil schrittweise zurückgekehrt. Erstmals tagt jetzt der Bildungsausschuss seit Ausbruch der Pandemie. Corona prägt auch die Arbeit im Schulbüro maßgeblich. Ungeteilte Aufmerksamkeit ist ihm daher sicher: Wie sieht's aus?

Eines macht Knappmeyer gleich zu Beginn seiner Ausführungen deutlich: Ein „Schulministeriums-Bashing" werde es zumindest von seiner Seite aus nicht geben. Der Begriff „Bashing" stammt aus dem Englischen und meint eine öffentliche Beschimpfung. Massive Kritik war in den vergangenen Wochen gleich von mehren Seiten auf die NRW-Landesregierung eingeprasselt. Aber Philipp Knappmeyer ist jemand, der lieber Lösungen als Schuldige sucht. „Dieses Schwarze-Peter-Spiel muss aufhören."

Erschienen: 13.05.2020; Philipp Knappmeyer wechselt vom Amt des Leiters Schulbüro Minden nach Lübbecke - © privat
Erschienen: 13.05.2020; Philipp Knappmeyer wechselt vom Amt des Leiters Schulbüro Minden nach Lübbecke - © privat

Stattdessen schildert er dem Fachausschuss anschaulich, was sich während der Corona-Pause und vor allem an den Tagen rund um die Schulöffnung im Schulbüro abgespielt hat. Viele Fragen prasselten auf die Mitarbeiter ein: Wie ist das eigentlich mit schulischen Hygienekonzepten? Wie sind die Abstände einzuhalten – im Treppenhaus, in den Gängen, auf dem Schulhof, in den Toiletten? Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt des Kreises? Wie können Schüler ein Sport-Abitur ablegen? Wer nimmt den Druck raus? Wann kommt der nächste Erlass? Wer haftet? – Aus manchen Antworten ergeben sich neue Fragen, die tatsächliche Liste ist deutlich länger. Für diese Situation gab es kein Modell in der Schublade. „Viele Zweifel haben uns durch diese Phase getragen", sagt Knappmeyer.

Die Stadt Minden ist Schulträger für 19 Schulen: Neun Grundschulen, eine Förderschule, eine Ganztagshauptschule, zwei Realschulen, eine Gesamtschule, die Primus-Schule (Dankersen), drei Gymnasien und ein Weiterbildungskolleg. Jedes Gebäude ist anders, daher muss das „Lernen auf Abstand" im Präsenzunterricht unterschiedlich organisiert werden. Die Corona-Grundlagenforschung zur Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumen steckt noch in den Kinderschuhen. Das Improvisieren hat den Mitarbeitern im Schulbüro den ein oder anderen Zwölf-Stunden-Tag beschert.

Einige Probleme konnten pragmatisch und auf dem kurzen Dienstweg gelöst werden. Beispiel: Als dringend ein angepasstes Hygienekonzept her musste und die Deadline nahte, hat Knappmeyer es auf dem Nachhauseweg von einer Schulleiterin aus Hille persönlich abgeholt. Kurze Wege machen es möglich: „Wir haben ganz individuelle Lösungen gefunden." Auch für die Notbetreuung: Wenn beispielsweise beide Eltern in systemrelevanten Berufen – zum Beispiel im Krankenhaus – arbeiten, wurde im Notfall auch fürs Wochenende eine Betreuung möglich gemacht.

Andere Themen waren weit komplexer, zogen sich durch und wurden im ramponierten Schuljahr zum Dauerbrenner: Die Finanzierung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) gehört dazu sowie die kritische Situation der Schul-Caterer, denen die Einnahmen weggebrochen sind (das MT berichtete). Ebenfalls schwierig: Die Rückerstattung von bereits finanzierten Schulfahrten. Knappmeyer: „Da geht es um hohe sechsstellige Summen." Auch hier seien gemeinsam mit den Schulsozialarbeitern „individuelle Mindener Lösungen" gefunden worden, sagt er – ohne auf Details einzugehen. Sein Eindruck ist, dass sich das Verhältnis zwischen Schulen und Schulträger in der Krise verbessert habe.

Vieles musste „Knall auf Fall" entschieden werden und war entsprechend mit der heißen Nadel gestrickt. Doch jetzt geht der Blick nach vorne, Richtung Sommerferien: Die starten in Nordrhein-Westfalen am 29. Juni, also in etwa drei Wochen. Philipp Knappmeyer ist davon überzeugt: „Wir brauchen Sommer-Ferienspiele." Denn es lässt sich absehen, dass mehr Familien auf einen Urlaub verzichten müssen. Dabei fällt vielen schon längst die Decke auf den Kopf. Das Fehlen der gewohnten Lernumgebung wirkt sich einschneidend auf das soziale Zusammenleben aus.

Auch das Deutsche Kinderhilfswerk befürchtet gravierende Folgen für Kinder und Jugendliche, wenn Schulen und Kitas nicht bald wieder vollständig öffnen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) möchte ein volles Schulprogramm nach den Sommerferien sicherstellen, sagte sie in einem Interview. Helfen könnten ihrer Ansicht nach Container, um den erforderlichen Abstand zwischen den Schülern zu gewährleisten.

Dieser Vorschlag veranlasste Ausschuss-Mitglied Angela Gradler-Gebecke zu der Frage, ob über die Anschaffung von solchen Containern schon nachgedacht werde. Nein, in der Richtung sei noch nichts veranlasst, so die Antwort der Beigeordneten Regina-Dolores Stieler-Hinz: „Das wird nicht die Lösung sein." Es seien ohnehin nicht an allen Schulen die erforderlichen Flächen verfügbar. Auch Cordula Küppers als Vertreterin der drei Mindener Gymnasien rät eher davon ab: „Wenn Container an der Schule stehen, muss auch entsprechend Personal da sein."

Während der Schulschließung zeigt sich wie unter einem Brennglas, wie die soziale Herkunft nach wie vor die Zukunftschancen beeinflusst. Von echter Bildungsgerechtigkeit ist Deutschland weit entfernt. Dem Negativ-Trend so schnell wie möglich gute Konzepte entgegenzusetzen, ist das Ziel der wöchentlichen Telefonkonferenzen mit der Landesregierung. Allerdings sind regelmäßig mehr als 40 Teilnehmer dabei, weil das Thema gerade überall unter den Nägeln brennt.

Bildungsforscher weisen darauf hin, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf vermehrt abgehängt werden. Darauf bezieht sich auch die Anfrage eines Vaters, der als Gast im Ausschuss war. „Mehr noch als andere Kinder sind Schüler mit einer geistigen Behinderung auf feste Regeln, feste Zeiten, Interaktion mit anderen Kindern und ein geordnetes lebenspraktisches Umfeld angewiesen, welches nur eine Schule mit entsprechend ausgebildetem Fachpersonal bieten kann." Sein Appell daher: „Es muss zumindest teilweise Normalität einkehren."

Mail vom Ministerium

Ein Kommentar von Anja Peper

„Oh, eine Mail vom Ministerium ..." Diese Lektüre macht selten Spaß. Oft ist in einen neuen Corona-Runderlass des Ministeriums für Schule und Weiterbildung ein älterer Runderlass eingearbeitet. Dazu noch ein paar verschwurbelte Sätze samt Paragrafen plus Ausnahmen und Widersprüche – und Schulleiter möchten in die Tastatur beißen.

Es ist wie bei diesen eiförmigen russischen Puppen: Man könnte sich ewig damit beschäftigen. Dummerweise fehlt die Zeit, denn im Corona-Chaos kamen solche Mails auch mal am späten Freitagabend oder vor einem Feiertag. Also gilt es, das Mysterium zügig zu entschlüsseln, das Entscheidende herauszufiltern und an der Schule in die Praxis umzusetzen. Wohl dem, der einen Dolmetscher hat. Großes Lob im Ausschuss von Kathrin Kosiek (Hohenstaufenschule) für die praxisnahen Infos aus der Stadtverwaltung: „Viel besser als jeder Erlass, den wir lesen mussten." Gute Kommunikation ist tatsächlich ein Weg zum Ziel – gerade jetzt.

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