Bewerbung per WhatsApp: Wie Unternehmen versuchen, junge Leute für sich zu gewinnen Sebastian Radermacher Minden. Franziska Merdian-Drees brauchte nach dem Abitur etwas länger, um herauszufinden, welchen beruflichen Weg sie einschlagen möchte. Eine Ausbildung zur Konditorin zog sie durch, obwohl sie merkte, dass dies nicht ihr Traumjob sein werde. „Ich bereue die Zeit aber auf keinen Fall“, betont die 25-Jährige aus Rahden. Denn in der Lehre habe sie eine Sache trotzdem deutlich gespürt: „Ich wollte unbedingt in der Lebensmittelindustrie bleiben.“ Und das tat sie. Mittlerweile hat sie ihr berufliches Glück bei der Berentzen-Gruppe am Standort Minden gefunden. Nach einer dreijährigen Ausbildung zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik wurde sie im vergangenen Jahr übernommen und erhielt einen Arbeitsvertrag. „Ab dem 1. September ist er unbefristet“, erzählt sie stolz. Am Sollingweg in Hahlen – den Berentzen-Standort gibt es seit 1996 – werden sämtliche Spirituosen der Gruppe hergestellt: mehr als 80 Millionen Flaschen pro Jahr. Die Arbeit dort sei abwechslungsreich, längst nicht alles werde maschinell erledigt, sagt die 25-Jährige: „Es ist eine Mischung aus beidem. Das macht viel Spaß.“ Die Berentzen-Gruppe beschäftigt aktuell 25 Auszubildende, acht davon am Standort Minden. Auf Anfrage der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld gibt das Unternehmen an diesem Tag einen Einblick in seine Nachwuchsarbeit. Im Rahmen der traditionellen „IHK-Sommerbereisung“ besucht eine Delegation verschiedene Firmen im Mühlenkreis, um das diesjährige Schwerpunktthema in den Fokus zu rücken. „Die Ausbildung ist ein so wichtiger Bestandteil im unternehmerischen Handeln“, betont Eckhard Rüter, Mitglied der IHK-Vollversammlung und Geschäftsführer der Rüter EPV-Systeme GmbH in Minden. „Ich appelliere an die Unternehmen, mehr Ausbildungsplätze bereitzustellen, und an die Schülerinnen und Schüler, sich über die betrieblichen Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren.“ In den kommenden Jahren werde der Fachkräftemangel in den Unternehmen spürbar sein. Für die jungen Leute böten sich interessante, praxisnahe Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten in den Betrieben, so Rüter. Viele Unternehmen stehen seit Beginn der Pandemie vor großen Herausforderungen im Ausbildungsbereich. Die Leistungen der Firmen und Schulen, denen in dieser Zeit viel abverlangt werde, verdiene größte Anerkennung, betont Rüter. Erfreulich: Momentan entwickelt sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt im Kreis Minden-Lübbecke laut IHK-Zahlen positiv, wie bei dem Ortstermin in Hahlen deutlich wird: 1.113 neue Verträge von Januar bis Ende Juli 2021 bedeuten einen Zuwachs von 8,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das Niveau der Zeit vor Corona habe man zwar noch nicht erreicht, aber insgesamt sei die Ausbildungsbereitschaft in den Betrieben nach wie vor hoch. Und auch jetzt sind laut IHK noch viele Stellen für 2021 verfügbar – auf der anderen Seite gibt es noch zahlreiche Jugendliche, die noch auf der Suche sind. „Für viele Abiturienten kann eine duale Ausbildung eine attraktive Alternative zum Studium sein“, meint Eckhard Rüter. Was in der Diskussionsrunde mit Vertretern von Unternehmen, IHK, Arbeitsagentur sowie aus Politik und Verwaltung deutlich wird: Die Betriebe brauchen eine Strategie, einen klaren Plan, wie sie Nachwuchskräfte in Zukunft für sich gewinnen können. Einmal im Jahr einen Tag der offnen Tür zu organisieren und im Anschluss aus einem Berg an Bewerbungen die Besten herauszupicken – das funktioniert schon lange nicht mehr. „Es müssen niederschwellige Angebote her, um die Jugendlichen zu erreichen“, fasst Rüter zusammen. Darauf setzt auch die Berentzen-Gruppe, wie Karina Ginten deutlich macht, die im Unternehmen für Ausbildung und Personalentwicklung zuständig ist. So gibt es neuerdings zum Beispiel die Möglichkeit für junge Leute, per WhatsApp mit Berentzen in Kontakt zu treten, Fragen zu stellen, sich zu informieren. Überhaupt macht es für Betriebe Sinn, in den sogenannten Sozialen Netzwerken, wo sich die jungen Leute tummeln, präsent zu sein und auf sich aufmerksam zu machen. Worauf Berentzen auch viel Wert legt, ist ein attraktives „Ausbildungspaket“. Urlaubs- und Weihnachtsgeld, betriebliche Altersvorsorge, Mitarbeiter-Rabatte, Fahrradleasing, Firmenfitness, Fahrtkosten zur Berufsschule – mit solchen Dingen sollen Nachwuchskräfte angelockt werden. Und so etwas komme auch gut an, wie Ginten berichtet. Weil viele Jugendliche auf der Suche nach einer Stelle unschlüssig sind, lohnen sich Praktika oder Schnupperarbeitstage auf jeden Fall, betont auch die Personalreferentin. Sie seien für beide Seiten sinnvoll, um herauszufinden, ob die Chemie stimmt. Insgesamt, so der Tenor der Diskussion, kommt es auf eine gute Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten – Unternehmen, Schulen, Berufskollegs, Arbeitsagentur – an, um junge Leute bei der Berufsorientierung zu unterstützen. Alleine sei das unmöglich und nicht zielführend. „Jugendliche brauchen eine Begleitung über einen längeren Zeitraum. Und sie brauchen Leute, die sie auch auf Stellen hinweisen und Tipps geben“, sagt Frauke Schwietert, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Herford. Die Berufswahl sei nicht vom Anfang bis zum Ende komplett durchgeplant, „sie ist auch spontan und emotional“. Die Berentzen-Gruppe hat gute Erfahrungen mit ihren Auszubildenden gemacht. Trotz Corona konnten 2020 außerdem alle Ausbildungen fortgeführt werden. Und die Übernahmequote von 77 Prozent sei so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr, betont Karina Ginten. Franziska Merdian-Drees will ihre Erfahrungen aus den vergangenen Jahren nun an die jetzigen Auszubildenden weitergeben. Und nebenbei will sie sich auch selbst weiterentwickeln. So hat sie zum Beispiel eine Weiterbildung zur Sicherheitsbeauftragten absolviert.

Bewerbung per WhatsApp: Wie Unternehmen versuchen, junge Leute für sich zu gewinnen

Franziska Merdian-Drees (rechts) arbeitet als Fachkraft für Lebensmitteltechnik in der Produktion bei Berentzen in Minden. Hier ist sie mit der Auszubildenden Moira Janßen zu sehen. Foto: Berentzen-Gruppe © sven h. hillert

Minden. Franziska Merdian-Drees brauchte nach dem Abitur etwas länger, um herauszufinden, welchen beruflichen Weg sie einschlagen möchte. Eine Ausbildung zur Konditorin zog sie durch, obwohl sie merkte, dass dies nicht ihr Traumjob sein werde. „Ich bereue die Zeit aber auf keinen Fall“, betont die 25-Jährige aus Rahden. Denn in der Lehre habe sie eine Sache trotzdem deutlich gespürt: „Ich wollte unbedingt in der Lebensmittelindustrie bleiben.“ Und das tat sie. Mittlerweile hat sie ihr berufliches Glück bei der Berentzen-Gruppe am Standort Minden gefunden.

Nach einer dreijährigen Ausbildung zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik wurde sie im vergangenen Jahr übernommen und erhielt einen Arbeitsvertrag. „Ab dem 1. September ist er unbefristet“, erzählt sie stolz. Am Sollingweg in Hahlen – den Berentzen-Standort gibt es seit 1996 – werden sämtliche Spirituosen der Gruppe hergestellt: mehr als 80 Millionen Flaschen pro Jahr. Die Arbeit dort sei abwechslungsreich, längst nicht alles werde maschinell erledigt, sagt die 25-Jährige: „Es ist eine Mischung aus beidem. Das macht viel Spaß.“

Die Berentzen-Gruppe beschäftigt aktuell 25 Auszubildende, acht davon am Standort Minden. Auf Anfrage der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld gibt das Unternehmen an diesem Tag einen Einblick in seine Nachwuchsarbeit. Im Rahmen der traditionellen „IHK-Sommerbereisung“ besucht eine Delegation verschiedene Firmen im Mühlenkreis, um das diesjährige Schwerpunktthema in den Fokus zu rücken.


„Die Ausbildung ist ein so wichtiger Bestandteil im unternehmerischen Handeln“, betont Eckhard Rüter, Mitglied der IHK-Vollversammlung und Geschäftsführer der Rüter EPV-Systeme GmbH in Minden. „Ich appelliere an die Unternehmen, mehr Ausbildungsplätze bereitzustellen, und an die Schülerinnen und Schüler, sich über die betrieblichen Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren.“ In den kommenden Jahren werde der Fachkräftemangel in den Unternehmen spürbar sein. Für die jungen Leute böten sich interessante, praxisnahe Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten in den Betrieben, so Rüter.

Im Rahmen der "IHK-Sommerbereisung" machte die Gruppe auch Station bei der Firma Berentzen in Minden. Die IHK rückt mit der Aktion in diesem Jahr das Thema Ausbildung in den Fokus. MT-Foto: Sebastian Radermacher - © Sebastian Radermacher
Im Rahmen der "IHK-Sommerbereisung" machte die Gruppe auch Station bei der Firma Berentzen in Minden. Die IHK rückt mit der Aktion in diesem Jahr das Thema Ausbildung in den Fokus. MT-Foto: Sebastian Radermacher - © Sebastian Radermacher

Viele Unternehmen stehen seit Beginn der Pandemie vor großen Herausforderungen im Ausbildungsbereich. Die Leistungen der Firmen und Schulen, denen in dieser Zeit viel abverlangt werde, verdiene größte Anerkennung, betont Rüter. Erfreulich: Momentan entwickelt sich die Lage auf dem Ausbildungsmarkt im Kreis Minden-Lübbecke laut IHK-Zahlen positiv, wie bei dem Ortstermin in Hahlen deutlich wird: 1.113 neue Verträge von Januar bis Ende Juli 2021 bedeuten einen Zuwachs von 8,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das Niveau der Zeit vor Corona habe man zwar noch nicht erreicht, aber insgesamt sei die Ausbildungsbereitschaft in den Betrieben nach wie vor hoch. Und auch jetzt sind laut IHK noch viele Stellen für 2021 verfügbar – auf der anderen Seite gibt es noch zahlreiche Jugendliche, die noch auf der Suche sind. „Für viele Abiturienten kann eine duale Ausbildung eine attraktive Alternative zum Studium sein“, meint Eckhard Rüter.

Was in der Diskussionsrunde mit Vertretern von Unternehmen, IHK, Arbeitsagentur sowie aus Politik und Verwaltung deutlich wird: Die Betriebe brauchen eine Strategie, einen klaren Plan, wie sie Nachwuchskräfte in Zukunft für sich gewinnen können. Einmal im Jahr einen Tag der offnen Tür zu organisieren und im Anschluss aus einem Berg an Bewerbungen die Besten herauszupicken – das funktioniert schon lange nicht mehr. „Es müssen niederschwellige Angebote her, um die Jugendlichen zu erreichen“, fasst Rüter zusammen.

Darauf setzt auch die Berentzen-Gruppe, wie Karina Ginten deutlich macht, die im Unternehmen für Ausbildung und Personalentwicklung zuständig ist. So gibt es neuerdings zum Beispiel die Möglichkeit für junge Leute, per WhatsApp mit Berentzen in Kontakt zu treten, Fragen zu stellen, sich zu informieren. Überhaupt macht es für Betriebe Sinn, in den sogenannten Sozialen Netzwerken, wo sich die jungen Leute tummeln, präsent zu sein und auf sich aufmerksam zu machen. Worauf Berentzen auch viel Wert legt, ist ein attraktives „Ausbildungspaket“. Urlaubs- und Weihnachtsgeld, betriebliche Altersvorsorge, Mitarbeiter-Rabatte, Fahrradleasing, Firmenfitness, Fahrtkosten zur Berufsschule – mit solchen Dingen sollen Nachwuchskräfte angelockt werden. Und so etwas komme auch gut an, wie Ginten berichtet.

Weil viele Jugendliche auf der Suche nach einer Stelle unschlüssig sind, lohnen sich Praktika oder Schnupperarbeitstage auf jeden Fall, betont auch die Personalreferentin. Sie seien für beide Seiten sinnvoll, um herauszufinden, ob die Chemie stimmt. Insgesamt, so der Tenor der Diskussion, kommt es auf eine gute Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten – Unternehmen, Schulen, Berufskollegs, Arbeitsagentur – an, um junge Leute bei der Berufsorientierung zu unterstützen. Alleine sei das unmöglich und nicht zielführend. „Jugendliche brauchen eine Begleitung über einen längeren Zeitraum. Und sie brauchen Leute, die sie auch auf Stellen hinweisen und Tipps geben“, sagt Frauke Schwietert, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Herford. Die Berufswahl sei nicht vom Anfang bis zum Ende komplett durchgeplant, „sie ist auch spontan und emotional“.

Die Berentzen-Gruppe hat gute Erfahrungen mit ihren Auszubildenden gemacht. Trotz Corona konnten 2020 außerdem alle Ausbildungen fortgeführt werden. Und die Übernahmequote von 77 Prozent sei so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr, betont Karina Ginten. Franziska Merdian-Drees will ihre Erfahrungen aus den vergangenen Jahren nun an die jetzigen Auszubildenden weitergeben. Und nebenbei will sie sich auch selbst weiterentwickeln. So hat sie zum Beispiel eine Weiterbildung zur Sicherheitsbeauftragten absolviert.

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