Beleidigt, beschimpft, bedroht, geschlagen: Rettungsdienst testet neues Meldesystem für Gewalt gegen Einsatzkräfte Anja Peper Minden/Lübbecke. Beleidigt, beschimpft, bedroht, geschlagen: Übergriffe gegen Einsatz- und Rettungskräfte gehören in Deutschland zum traurigen Alltag. Manchmal brauchen die Helfer danach selber Hilfe. Das Land Nordrhein-Westfalen hat jetzt ein neues Meldesystem für Gewalt gegen Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdiensten an den Start gebracht. Das „Innovative Melde- und Erfassungssystem Gewaltübergriffe“ (IMEG) wird zunächst in zwölf Kreisen und kreisfreien Städten getestet, darunter ist auch der Kreis Minden-Lübbecke. Übergriffe jeglicher Art sowie Sachbeschädigungen können die Helfer künftig unkompliziert online melden. Das System funktioniert so: In den Fahrzeugen der Feuerwehr und auch in der Hauptwache an der Marienstraße sind an gut sichtbaren Stellen Aufkleber mit QR-Codes angebracht. Einsatzkräfte, die einen Übergriff erlebt haben, können ihn schon auf dem Rückweg von einem Einsatz scannen. Moderne Smartphones verfügen über einen in die Gerätekamera integrierten QR-Code-Reader. Darüber werden die Nutzer zur entsprechenden Webseite weitergeleitet. Dort füllen sie diverse Pflichtfelder aus: Was ist passiert? Welche Dienststelle ist betroffen? War der Täter eventuell selber verletzt? Stand er unter Drogen- oder Alkoholeinfluss? Alle diese Fragen können besser beantwortet werden, solange die Eindrücke noch frisch sind. Der stellvertretende Feuerwehrchef Martin Ruhe erhofft sich von dem neuen Meldesystem mehrere Effekte. Erstens: Es sollen nicht mehr so viele Vorfälle unter den Tisch fallen wie bisher. „Es gibt eine hohe Dunkelziffer.“ Darum spiegeln die Statistiken zu dem Thema „Gewalt gegen Helfer“ vermutlich nur die halbe Wahrheit wider.Das neue System soll also helfen, ein klareres Bild zu bekommen. Darum sollen auch die „Beinahe-Vorfälle“ registriert werden, bei denen beispielsweise eine dritte Person Schlimmeres verhindert hat, meint Martin Ruhe. Die meisten Vorfälle passieren am Wochenende, oft sind Alkohol oder Drogen im Spiel. „Die meisten Täter sind männlich und zwischen 25 und 35 Jahre alt.“ In mehr als 90 Prozent der Fälle sei der Rettungsdienst betroffen, sagt Martin Ruhe. Der Projektkoordinator ist selbst Mitglied im Fachausschuss Rettungsdienst NRW, wo das Land das Pilotprojekt vorgestellt hat. „Da habe ich gleich die Hand gehoben.“Das neue IT-System vereinfacht den Meldeweg und beschleunigt die Bearbeitung der Fälle. Je nach Schwere des Vorfalls folgt zum Beispiel eine psychosoziale Nachbereitung, Unfallanzeige oder Strafantrag. Es geht aber nicht nur um Nachsorge, sondern auch um Vorsorge. Genauere Statistiken können zum Beispiel Aufschluss darüber gehen, welche Kompetenzen in der Ausbildung vermittelt werden müssen. Die Polizei Minden-Lübbecke kennt das Thema auch. „Wir erfassen die Gewaltdelikte seit Jahren“, sagt Pressesprecher Ralf Steinmeyer. Bei der Statistik geht es nicht nur um Angriffe auf Polizisten, sondern auch um betroffene Gerichtsvollzieher oder Zollbeamte. Aktenkundig wurden knapp 100 Übergriffe im Jahr 2019 und etwa 80 im Jahr 2020. „Auch hier geht es nicht nur um körperliche Gewalt, sondern auch um Beleidigungen, Pöbeleien, Respektlosigkeit und Bedrohungen“, so Steinmeyer. „Das Thema ist ein Dauerbrenner.“ Die Polizei in NRW hat angesichts der Probleme in den vergangenen Jahren ihre Standardausstattung im Wachdienst erweitert. Schutzwesten, Helme und Bodycams gehören heute dazu. Die Bodycam macht nicht nur Videoaufnahmen in guter Qualität, sondern ist auch mit einem Mikrofon ausgestattet. Das Aufnahmegerät soll potenzielle Angreifer und Gewalttäter abschrecken. Die landesweite Anschaffung der Bodycams war ebenfalls Ergebnis eines Pilotprojektes. Von 2017 bis 2019 hatten zunächst fünf der 47 Kreispolizeibehörden die Bodycams getestet.

Beleidigt, beschimpft, bedroht, geschlagen: Rettungsdienst testet neues Meldesystem für Gewalt gegen Einsatzkräfte

QR-Code scannen und online den Vorfall schildern: Das neue IT-System vereinfacht den Meldeweg für die Einsatzkräfte und beschleunigt die Bearbeitung der Fälle. MT-Foto: Alex Lehn

Minden/Lübbecke. Beleidigt, beschimpft, bedroht, geschlagen: Übergriffe gegen Einsatz- und Rettungskräfte gehören in Deutschland zum traurigen Alltag. Manchmal brauchen die Helfer danach selber Hilfe. Das Land Nordrhein-Westfalen hat jetzt ein neues Meldesystem für Gewalt gegen Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdiensten an den Start gebracht. Das „Innovative Melde- und Erfassungssystem Gewaltübergriffe“ (IMEG) wird zunächst in zwölf Kreisen und kreisfreien Städten getestet, darunter ist auch der Kreis Minden-Lübbecke. Übergriffe jeglicher Art sowie Sachbeschädigungen können die Helfer künftig unkompliziert online melden.

Das System funktioniert so: In den Fahrzeugen der Feuerwehr und auch in der Hauptwache an der Marienstraße sind an gut sichtbaren Stellen Aufkleber mit QR-Codes angebracht. Einsatzkräfte, die einen Übergriff erlebt haben, können ihn schon auf dem Rückweg von einem Einsatz scannen. Moderne Smartphones verfügen über einen in die Gerätekamera integrierten QR-Code-Reader. Darüber werden die Nutzer zur entsprechenden Webseite weitergeleitet. Dort füllen sie diverse Pflichtfelder aus: Was ist passiert? Welche Dienststelle ist betroffen? War der Täter eventuell selber verletzt? Stand er unter Drogen- oder Alkoholeinfluss? Alle diese Fragen können besser beantwortet werden, solange die Eindrücke noch frisch sind.

Der stellvertretende Feuerwehrchef Martin Ruhe erhofft sich von dem neuen Meldesystem mehrere Effekte. Erstens: Es sollen nicht mehr so viele Vorfälle unter den Tisch fallen wie bisher. „Es gibt eine hohe Dunkelziffer.“ Darum spiegeln die Statistiken zu dem Thema „Gewalt gegen Helfer“ vermutlich nur die halbe Wahrheit wider.

Das neue System soll also helfen, ein klareres Bild zu bekommen. Darum sollen auch die „Beinahe-Vorfälle“ registriert werden, bei denen beispielsweise eine dritte Person Schlimmeres verhindert hat, meint Martin Ruhe. Die meisten Vorfälle passieren am Wochenende, oft sind Alkohol oder Drogen im Spiel. „Die meisten Täter sind männlich und zwischen 25 und 35 Jahre alt.“

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Patrick Schwemmling

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In mehr als 90 Prozent der Fälle sei der Rettungsdienst betroffen, sagt Martin Ruhe. Der Projektkoordinator ist selbst Mitglied im Fachausschuss Rettungsdienst NRW, wo das Land das Pilotprojekt vorgestellt hat. „Da habe ich gleich die Hand gehoben.“

Das neue IT-System vereinfacht den Meldeweg und beschleunigt die Bearbeitung der Fälle. Je nach Schwere des Vorfalls folgt zum Beispiel eine psychosoziale Nachbereitung, Unfallanzeige oder Strafantrag. Es geht aber nicht nur um Nachsorge, sondern auch um Vorsorge. Genauere Statistiken können zum Beispiel Aufschluss darüber gehen, welche Kompetenzen in der Ausbildung vermittelt werden müssen.

Die Polizei Minden-Lübbecke kennt das Thema auch. „Wir erfassen die Gewaltdelikte seit Jahren“, sagt Pressesprecher Ralf Steinmeyer. Bei der Statistik geht es nicht nur um Angriffe auf Polizisten, sondern auch um betroffene Gerichtsvollzieher oder Zollbeamte. Aktenkundig wurden knapp 100 Übergriffe im Jahr 2019 und etwa 80 im Jahr 2020. „Auch hier geht es nicht nur um körperliche Gewalt, sondern auch um Beleidigungen, Pöbeleien, Respektlosigkeit und Bedrohungen“, so Steinmeyer. „Das Thema ist ein Dauerbrenner.“

Die Polizei in NRW hat angesichts der Probleme in den vergangenen Jahren ihre Standardausstattung im Wachdienst erweitert. Schutzwesten, Helme und Bodycams gehören heute dazu. Die Bodycam macht nicht nur Videoaufnahmen in guter Qualität, sondern ist auch mit einem Mikrofon ausgestattet. Das Aufnahmegerät soll potenzielle Angreifer und Gewalttäter abschrecken. Die landesweite Anschaffung der Bodycams war ebenfalls Ergebnis eines Pilotprojektes. Von 2017 bis 2019 hatten zunächst fünf der 47 Kreispolizeibehörden die Bodycams getestet.

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