Beim „Plauder-Tandem“ werden Bewohner der Oberen Altstadt freundschaftlich „verkuppelt“ Doris Christoph Minden. Wer weiß, wie oft sie sich schon über den Weg gelaufen sind. Immerhin wohnen Wiebke Brade und Julia Groth keine fünf Minuten voneinander entfernt. Richtig begegnet sind sich die Ärztin und die Bildungsdozentin aber erst im Februar durch die Aktion „Plauder-Tandem“. Franziska Richardson, Quartiersmanagerin in der Oberen Altstadt, hat die beiden sozusagen freundschaftlich verkuppelt. Im Dezember hatte Richardson Infoflyer zum Plauder-Tandem in die Briefkästen der Quartiersbewohner geworfen. „Ich habe eine Alternative zum Nachbarschaftstreff gesucht“, erklärt sie. Der findet eigentlich zwischen Altenheimbewohnern und Grundschülern im Robert-Nussbaum-Haus statt. Im Moment geht das aber nicht. „Es sollte etwas sein, was nicht gleich wieder gecancelt wird“, berichtet Richardson weiter. Aber wie können sich Fremde in einer Zeit kennenlernen, in der Abstand das oberste Gebot ist? Zum Beispiel über Briefe, Telefonate oder bei einem Spaziergang. Interessierte konnten eine der Aktivitäten auf einem beigefügten Fragebogen auswählen und dazu ein Gesprächsthema wie Lesen oder Kochen ankreuzen, sozusagen als Eisbrecher beim Kennenlernen. Aus den Rückmeldungen bildete Franziska Richardson sieben Tandems – vier Frauen- sowie drei Männer-Paare zwischen 32 und 85 Jahren. Dabei hat sie auf gleiche Interessen und einen geringen Altersunterschied geachtet. So fanden auch Julia Groth (40) und Wiebke Brade (32) zusammen. „Ich fand das ein cooles Angebot. Wie soll man sonst Leute kennenlernen?“, sagt Groth. Zumal als Neue in der Stadt. Denn die Bildungswissenschaftlerin ist erst im Oktober von Schaumburg nach Minden gezogen, wie sie beim gemeinsamen Plaudergang durch den Botanischen Garten erzählt. Auch Brade ist keine gebürtige Mindenerin. Die Medizinern kam 2015 von Lübeck her. Das Plauder-Tandem findet seine neue Heimat super: nicht so anonym wie eine Großstadt und nicht so persönlich wie ein Dorf. Sie kennen beides. Als Erwachsene neue Kontakte zu knüpfen, sei nicht einfach, so Brade. „Klar lernt man auf der Arbeit jemanden kennen, aber es ergibt sich nicht mehr so zwangsläufig.“ Das sieht Julia Groth anders: „Das ist in jedem Alter möglich, zum Beispiel über die Kinder.“ Aber einfach jemanden auf der Straße ansprechen, ob man gemeinsam einen Kaffee trinken wolle – das würde sie auch nicht machen. Da das „Blind-Date“ unter den Plauder-Tandems organisiert war, habe sie aber ein gutes Gefühl und Vertrauen in die Sache gehabt – und ihren ausgefüllten Zettel abgegeben. Die meisten Teilnehmer hätten sich vor allem aus Neugier gemeldet, nicht aus Einsamkeit, berichtet Franziska Richardson. „Das ist eher ein Thema in der Nachbarschaftshilfe.“ Im normalen Alltag gäbe es eine Hemmschwelle, Leute anzusprechen. „Ich habe ihnen sozusagen die Tür geöffnet.“ An einem Sonntag im Februar haben sich die Plauder-Tandems das erste Mal getroffen. Auch gemeinsam Radfahren oder Joggen war möglich. Brade und Groth hatten aber jeweils Spazierengehen angekreuzt. Probleme mit der Fremden ins Gespräch zu kommen, hatten sie nicht. „Durch unseren Stadtteil ergeben sich zum Beispiel Themen“, findet Wiebke Brade. Die Mutter einer acht Monate alten Tochter ist momentan in Elternzeit, Kurse finden auch nicht statt, über die Eltern sich sonst kennenlernen können. Also meldete sie sich zum Plaudern an. „Ohne Corona wäre die Aktion vielleicht untergegangen. Der Alltag wäre sonst voller“, meint sie. Da beide Kinder haben – Groths Tochter ist mittlerweile 14 Jahre alt –, plaudern sie auch darüber. Eineinhalb Stunden liefen sie beim ersten Spaziergang gemeinsam durch Minden und lernten sich kennen – und seitdem auch einiges Neues in der Stadt. Wiebke Brade zeigte der Neu-Mindenerin unbekannte Wege und Julia Groth ihr, wo sie guten Kaffee entdeckt hat. Mit Fremden ins Gespräch zu kommen, ist ja nicht Jedermanns Sache. Ist das Plauder-Tandem also nichts für Schüchterne? Doch, auf jeden Fall, finden beide. „In Gruppen gehen Schüchterne eher unter. Das ist ein Eins-zu-Eins-Ding“, meint Wiebke Brade. Zudem gebe es keine Verpflichtungen, sich weiter miteinander zu treffen, wenn die Chemie nicht stimme. „Man kann es einfach ausprobieren.“ Bei Brade und Groth hat sie gestimmt. Die beiden haben sich schon dreimal getroffen, oft ist Baby Rahel dabei. Weitere Spaziergänge sind geplant. „Ich finde es schön, dass in der Nachbarschaft potenzielle Freunde und Bekannte leben statt Fremde“, sagt Wiebke Brade. Dann spazieren beide plaudernd weiter. Interessierte aus der Oberen Altstadt können sich weiter für das „Plauder-Tandem“ anmelden. Koordinatorin Franziska Richardson ist erreichbar per Telefon unter (05 71) 8 29 22 37, per Handy unter (01 76) 61 73 71 25 oder per E-Mail an quartier@oberealtstadt.de

Beim „Plauder-Tandem“ werden Bewohner der Oberen Altstadt freundschaftlich „verkuppelt“

Wiebke Brade (links) und Julia Groth haben sich über die Teilnahme am Plauder-Tandem kennengelernt. Jetzt spazieren sie regelmäßig gemeinsam zum Beispiel durch den Botanischen Garten. MT-Foto: Doris Christoph © Doris Christoph

Minden. Wer weiß, wie oft sie sich schon über den Weg gelaufen sind. Immerhin wohnen Wiebke Brade und Julia Groth keine fünf Minuten voneinander entfernt. Richtig begegnet sind sich die Ärztin und die Bildungsdozentin aber erst im Februar durch die Aktion „Plauder-Tandem“. Franziska Richardson, Quartiersmanagerin in der Oberen Altstadt, hat die beiden sozusagen freundschaftlich verkuppelt.

Im Dezember hatte Richardson Infoflyer zum Plauder-Tandem in die Briefkästen der Quartiersbewohner geworfen. „Ich habe eine Alternative zum Nachbarschaftstreff gesucht“, erklärt sie. Der findet eigentlich zwischen Altenheimbewohnern und Grundschülern im Robert-Nussbaum-Haus statt. Im Moment geht das aber nicht.

„Es sollte etwas sein, was nicht gleich wieder gecancelt wird“, berichtet Richardson weiter. Aber wie können sich Fremde in einer Zeit kennenlernen, in der Abstand das oberste Gebot ist? Zum Beispiel über Briefe, Telefonate oder bei einem Spaziergang. Interessierte konnten eine der Aktivitäten auf einem beigefügten Fragebogen auswählen und dazu ein Gesprächsthema wie Lesen oder Kochen ankreuzen, sozusagen als Eisbrecher beim Kennenlernen. Aus den Rückmeldungen bildete Franziska Richardson sieben Tandems – vier Frauen- sowie drei Männer-Paare zwischen 32 und 85 Jahren. Dabei hat sie auf gleiche Interessen und einen geringen Altersunterschied geachtet.

So fanden auch Julia Groth (40) und Wiebke Brade (32) zusammen. „Ich fand das ein cooles Angebot. Wie soll man sonst Leute kennenlernen?“, sagt Groth. Zumal als Neue in der Stadt. Denn die Bildungswissenschaftlerin ist erst im Oktober von Schaumburg nach Minden gezogen, wie sie beim gemeinsamen Plaudergang durch den Botanischen Garten erzählt. Auch Brade ist keine gebürtige Mindenerin. Die Medizinern kam 2015 von Lübeck her. Das Plauder-Tandem findet seine neue Heimat super: nicht so anonym wie eine Großstadt und nicht so persönlich wie ein Dorf. Sie kennen beides.

Als Erwachsene neue Kontakte zu knüpfen, sei nicht einfach, so Brade. „Klar lernt man auf der Arbeit jemanden kennen, aber es ergibt sich nicht mehr so zwangsläufig.“ Das sieht Julia Groth anders: „Das ist in jedem Alter möglich, zum Beispiel über die Kinder.“ Aber einfach jemanden auf der Straße ansprechen, ob man gemeinsam einen Kaffee trinken wolle – das würde sie auch nicht machen. Da das „Blind-Date“ unter den Plauder-Tandems organisiert war, habe sie aber ein gutes Gefühl und Vertrauen in die Sache gehabt – und ihren ausgefüllten Zettel abgegeben.

Die meisten Teilnehmer hätten sich vor allem aus Neugier gemeldet, nicht aus Einsamkeit, berichtet Franziska Richardson. „Das ist eher ein Thema in der Nachbarschaftshilfe.“ Im normalen Alltag gäbe es eine Hemmschwelle, Leute anzusprechen. „Ich habe ihnen sozusagen die Tür geöffnet.“

An einem Sonntag im Februar haben sich die Plauder-Tandems das erste Mal getroffen. Auch gemeinsam Radfahren oder Joggen war möglich. Brade und Groth hatten aber jeweils Spazierengehen angekreuzt. Probleme mit der Fremden ins Gespräch zu kommen, hatten sie nicht. „Durch unseren Stadtteil ergeben sich zum Beispiel Themen“, findet Wiebke Brade. Die Mutter einer acht Monate alten Tochter ist momentan in Elternzeit, Kurse finden auch nicht statt, über die Eltern sich sonst kennenlernen können. Also meldete sie sich zum Plaudern an. „Ohne Corona wäre die Aktion vielleicht untergegangen. Der Alltag wäre sonst voller“, meint sie.

Da beide Kinder haben – Groths Tochter ist mittlerweile 14 Jahre alt –, plaudern sie auch darüber. Eineinhalb Stunden liefen sie beim ersten Spaziergang gemeinsam durch Minden und lernten sich kennen – und seitdem auch einiges Neues in der Stadt. Wiebke Brade zeigte der Neu-Mindenerin unbekannte Wege und Julia Groth ihr, wo sie guten Kaffee entdeckt hat.

Mit Fremden ins Gespräch zu kommen, ist ja nicht Jedermanns Sache. Ist das Plauder-Tandem also nichts für Schüchterne? Doch, auf jeden Fall, finden beide. „In Gruppen gehen Schüchterne eher unter. Das ist ein Eins-zu-Eins-Ding“, meint Wiebke Brade. Zudem gebe es keine Verpflichtungen, sich weiter miteinander zu treffen, wenn die Chemie nicht stimme. „Man kann es einfach ausprobieren.“

Bei Brade und Groth hat sie gestimmt. Die beiden haben sich schon dreimal getroffen, oft ist Baby Rahel dabei. Weitere Spaziergänge sind geplant. „Ich finde es schön, dass in der Nachbarschaft potenzielle Freunde und Bekannte leben statt Fremde“, sagt Wiebke Brade. Dann spazieren beide plaudernd weiter.

Interessierte aus der Oberen Altstadt können sich weiter für das „Plauder-Tandem“ anmelden. Koordinatorin Franziska Richardson ist erreichbar per Telefon unter (05 71) 8 29 22 37, per Handy unter (01 76) 61 73 71 25 oder per E-Mail an quartier@oberealtstadt.de

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