Bei Nonnen im Heim aufgewachsen - Francesco Bruzzese sucht andere Heimkinder Doris Christoph Minden. Heimkind und dann noch in einer katholischen Einrichtung? Francesco Bruzzese weiß, woran die meisten Menschen jetzt denken: An die Schlagzeilen über sexuellen Missbrauch oder Züchtigungen durch Geistliche. Zu seinen Erfahrungen passen sie so gar nicht. Auf „sein“ Heim lasse er nichts kommen, sagt der 54-Jährige. Im Gegenteil, er wolle eine Lanze brechen, vor allem für die Nonnen, die dort arbeiteten und seine zweite Familie waren. Darum, und weil er auf der Suche ist, hat er sich ans MT gewandt. Bruzzese ist im Kinderheim der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus in Minden aufgewachsen. Der Konvent betrieb es mit ein paar Unterbrechungen fast 100 Jahre im Bereich des Doms. Auch eine Säuglings- und Krankenstation gab es hier. Übrig geblieben aus dieser Zeit ist das Alten- und Pflegeheim St. Michaelshaus – unter dem Namen wurde früher der Gesamtkomplex auf dem ehemaligen Klosterareal gefasst. 1980 wurde die Einrichtung für Kinder aufgelöst. 2014 haben die letzten drei Franziskanerinnen Minden verlassen und sind nach Frankfurt gegangen. Und mit ihnen ein Stück Kindheitsgeschichte. „Mir war nicht bewusst, dass sie alt werden“, sagt Bruzzese nachdenklich. So sei es ja oft: Man vergesse zum richtigen Zeitpunkt, Fragen zu stellen, sich auszutauschen. Bruzzese hofft, dass sich andere Heimkinder bei ihm melden werden. Marita oder Ute vielleicht, die Brüder Walter und Helmut oder Michael, den alle Micky nannten. „Der war der größte Lausbub. Aber eigentlich war das ein ganz lieber“, erinnert sich der Portaner und lacht. Rund 20 Kinder seien sie gewesen. Der kleine Francesco lebt von 1968 bis 1977 in dem Heim, unter der Woche isst, schläft und spielt er dort, besucht den von den Schwestern betriebenen Kindergarten, später die Domschule. Die Wochenenden verbringt er bei seinen Eltern. Die beiden Gastarbeiter arbeiten werktags und haben ihn und seinen jüngeren Bruder Rocco in die Hände der Nonnen gegeben. Bruzzeses Vater kommt Anfang der 1960er-Jahre aus Italien nach Bad Oeynhausen und arbeitet im Schichtdienst in verschiedenen Kunststofffirmen. Seine Mutter zieht 1964 vom spanischen Galicien nach Deutschland. Zunächst lebt sie in Aachen, ehe sie nach Bad Oeynhausen geht. Die Spanierin arbeitet vor Francescos Geburt als Putzkraft in Pensionen, später in Metallfirmen. Einen Teil des Verdienstes schicken sie den Familien in der Heimat.Die beiden werden ein Paar, Bruzzeses Mutter schwanger. „Es hat ja nie jemand gedacht, dass Gastarbeiter sich hier verlieben und heiraten“, sagt Francesco Bruzzese. Die Umstände für die Familiengründung sind denn auch denkbar schlecht. „Meine Mutter wurde aus der Pension geschmissen und kam bei einer Bekannten unter“, berichtet der Sohn über die Folgen der Schwangerschaft. Verheiratet sind die Eltern da noch nicht, später hätten sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung gelebt. Schwierige Bedingungen, um Kinder großzuziehen.Wie die Eltern vom Kinderheim in Minden erfahren haben, weiß der Sohn nicht. Er vermutet, dass sie die Information über eine andere Spanierin bekamen oder vielleicht von einem der Gastarbeiter-Betreuer. Jedenfalls kommt der Junge ein paar Monate nach der Geburt zunächst auf die Säuglingsstation, auf der Kinder ab 14 Tagen aufgenommen und von den Franziskanerinnen versorgt werden, wie es in einer Festschrift zum 150-jährigen Bestehen des Konvents in Minden heißt. Später wechselt Bruzzese in das Kinderheim für ältere Jungen und Mädchen. Auch sein 1969 geborener Bruder sei mit etwa zwei Monaten in die Obhut der Nonnen gekommen. Seine Eltern bezahlen sie für die Betreuung und Unterbringung ihrer Kinder. In dieser Zeit besteht das Kinderheim aus einer Mädchen- und Jungenabteilung sowie dem Säuglingsheim. 1973 soll es nur noch zwei „familienartige“ Wohngruppen gegeben haben, wie der ehemalige Leiter der Domschatzkammer, Dr. Frank Pauli, in der Festschrift weiter berichtet. Der Entscheidung seiner Eltern, die Söhne in fremde Hände zu geben, zollt Francesco Bruzzese Respekt. Auch wenn das für ihn, selber Vater von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern, nicht in Frage käme. Seine 80-jährige Mutter und den vor ein paar Jahren verstorbenen Vater hätten die Söhne nie nach dem Warum gefragt. „Wir wollten ihnen nicht weh tun oder sie in Gewissenskonflikte bringen. Uns war bewusst, dass es Gründe für ihr Handeln gab.“ Und letztlich sei er auch dankbar für diese Zeit: „Unsere Eltern hätten uns zum Beispiel nie Deutsch beibringen können.“ Und sie hätten schlicht nicht die Möglichkeit gehabt, die Kinder zu versorgen und unterzubringen.Die Zeit im Heim gefällt dem Jungen, trotz der Strenge und Disziplin, mit der die Schwestern die Kinder erziehen. Er habe in einem Drei- oder Vierbettzimmer geschlafen, es habe einen großen Essenssaal und gemeinsame Mahlzeiten gegeben, nach der Schule machten alle zusammen Hausaufgaben, erinnert sich Bruzzese. „Dabei hat jeder eine Spezialbetreuung bekommen. Und die Hausaufgaben wurden so lange gemacht, bis sie fertig waren.“ Natürlich wird auch gebetet, täglich in die Kirche geht es aber nicht.Neben den Pflichtaufgaben habe es auch viele Aktivitäten gegeben: Gemeinsam mit den Schwestern bauen die Kinder Blockhütten, basteln oder singen. „Sie haben uns viel Liebe gegeben, uns auch mal in den Arm genommen“, sagt Francesco Bruzzese. Die dort gelernte Ordnung habe er bis heute beibehalten. Auch die Weltoffenheit und Disziplin begleiten ihn weiter.An den Wochenenden zu den Eltern zu fahren, sei den Brüdern schwer gefallen. „Im Kloster gab es ja viel mehr Kinder.“ Länger ist die Familie in den Ferien zusammen. Sein Vater arbeitet vor, damit er sechs Wochen am Stück frei bekommt und dann geht es nach Spanien, wo die Eltern ein Haus gebaut haben. Francesco Bruzzese lernt die Sprache seiner Mutter, ab der vierten Klasse hat er Spanischunterricht. Was Bruzzese später Schlechtes über katholische Kinderheime oder den Missbrauch von Kindern durch katholische Geistliche hört, erschüttert ihn. In Minden sei das nicht so gewesen. „Der Rektor der Schule war der einzige, der mich je geschlagen hat.“ Auch die hohen Rücklagen der katholischen Kirche ärgern ihn. All das hat ihn mit der Institution Kirche hadern lassen. Er ist mittlerweile ausgetreten. Das öffentlich zu machen, fällt ihm schwer, er möchte nicht, dass die Schwestern sauer auf ihn sind. Die gesparte Kirchensteuer spende er nun einem Orden, dessen Mitglieder sich aufopferungsvoll um andere kümmerten, zu den Menschen gingen und selber entbehrungsreich lebten – sowie die Franziskanerinnen einst in Minden. „Das ist für mich Glauben“, sagt er. Im Sommer 1977 feiert Francesco Bruzzese Kommunion im Dom. Ein schwarz-weiß Foto zeigt den dunkelhaarigen Jungen mit ernstem Blick und Fliege um den Hals, in der Hand hält er eine weiße, brennende Kerze. Das Foto ist eines der wenigen Erinnerungsstücke aus der Heimzeit, die bald endet.Denn nach der Geburt der Schwester zieht die Familie 1977 in eine größere Wohnung um, die Eltern holen die beiden Söhne zu sich. Endlich sind alle zusammen, aber für die ehemaligen Heimkinder sei der Wechsel nicht einfach gewesen. „Wir haben geheult wie Schlosshunde. Unsere Eltern haben das nicht verstanden“, erinnert sich Francesco Bruzzese an den Abschiedsschmerz. Während der Arbeitszeit der Eltern seien die Kinder beispielsweise auf sich gestellt gewesen. Die feste Struktur aus dem Heim ist weggebrochen.„Wir sind ein bis zwei Jahre zu früh rausgekommen. Es wäre interessant gewesen, welchen schulischen Verlauf wir ansonsten genommen hätten“, meint der 54-Jährige über das Ende der Heimzeit. Er besucht die Realschule. Vielleicht hätte es aber auch fürs Gymnasium gereicht, wenn die Nonnen ihn weiter gefördert hätten, hat er überlegt. Die Unterstützung der Schwestern können die Eltern nicht auffangen. Trotzdem: „Sie haben uns alles ermöglicht“, sagt der heimgekehrte Sohn.Kontakt ins Heim, zu den anderen Kindern oder den Schwestern hat der gelernte Holzmechaniker mit der Fachrichtung Möbelindustrie und CNC-Frästechnik nach seinem Weggang nicht mehr. 1994 lädt er Schwester Raphaele Maria, die ehemalige Leiterin des Kinderheims, zu seiner Hochzeit ein. Als sie erfährt, dass die Braut nicht katholisch ist, sagt sie ab. Danach gibt es lange keinen Kontakt mehr, jetzt aber treibt ihn die Suche nach seinen Wurzeln um. Er ist im November nach Frankfurt gefahren und hat Schwester Imelda besucht, die erst die Säuglingsstation und dann den Kindergarten geleitet hat. Das Wiedersehen war schön. „Sie hat die ganze Zeit gelächelt“, sagt Bruzzese. Aber ob die Frau, sie müsse um die 90 Jahre alt sein, sich an ihn erinnern konnte, bezweifelt er.Francesco Bruzzese hofft, dass sich einige der ehemaligen Heimkinder an ihn erinnern. Vielleicht auch ein paar der Mitarbeiter. „Dann könnte man ein Treffen organisieren oder eine gemeinsame Fahrt nach Frankfurt.“ Er ist erreichbar per E-Mail an f.bruzzese@t-online.de. Der Konvent der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus entstand 1864 in Minden. Die Ordensgemeinschaft war 1845 von Franziska Schervier in Aachen gegründet worden, die 1974 seliggesprochen wurde. Anfangs gab es drei Schwestern in Minden, später bis zu 24. Sie waren im ehemaligen Domkloster, dem St. Michaelshaus, untergebracht. Der Konvent betrieb später ein Alten- sowie Kinderheim, einen Kindergarten, eine ambulante Krankenpflege sowie eine Nähstube. Die Nonnen kümmerten sich zudem um die Seelsorge von Kindern und Erwachsenen. Außerdem bildeten sie seit 1952 hauswirtschaftliche Lehrlinge aus. Das Kinderheim hat seine Wurzeln in einer 1867 von den Nonnen übernommenen Waisenanstalt mit 24 Kindern zwischen vier und 14 Jahren. Sie war im Südflügel des ehem. Klosters untergebracht. 1913 kam eine Säuglingsstation für Kinder ab 14 Tagen dazu, die auch zum Waisenhaus gehörte. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die 27 Kinder des Waisenhauses evakuiert. Dom, Kloster und umliegende Häuser wurden beim Bombenangriff im März 1945 zerstört. 1947 kehrten Altenheim und Säuglingsstation in den wiederaufgebauten Südflügel zurück. Das Waisenhaus wurde im Gebäude Großer Domhof 11 eingerichtet. 1972 wurde die Säuglingsstation aufgelöst, die Bewohner des Kinderheims wurden 1973 auf zwei Wohngruppen aufgeteilt. 1980 wurde auch das Kinderheim mangels Nachfrage aufgelöst. Geblieben ist von den Franziskanerinnen das Altenheim St. Michaelshaus. In den 1990er Jahren hatten die Schwestern die Führungsaufgaben hier abgegeben und sich fortan um seelsorgerische Aufgaben gekümmert. 2014 verließen die letzten drei Schwestern Minden Quelle: „150 Jahre Konvent der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus in Minden 1864-2014“ von Frank Pauli (ehemaliger Leiter der Domschatzkammer).

Bei Nonnen im Heim aufgewachsen - Francesco Bruzzese sucht andere Heimkinder

Francesco Bruzzese neben der Pforte zum Eingang des jetzigen Altenheims. Hier war früher die Unterkunft der Franziskanerinnen, die ihn im Kinderheim versorgten. MT-Foto: Alex Lehn

Minden. Heimkind und dann noch in einer katholischen Einrichtung? Francesco Bruzzese weiß, woran die meisten Menschen jetzt denken: An die Schlagzeilen über sexuellen Missbrauch oder Züchtigungen durch Geistliche. Zu seinen Erfahrungen passen sie so gar nicht. Auf „sein“ Heim lasse er nichts kommen, sagt der 54-Jährige. Im Gegenteil, er wolle eine Lanze brechen, vor allem für die Nonnen, die dort arbeiteten und seine zweite Familie waren. Darum, und weil er auf der Suche ist, hat er sich ans MT gewandt.

Bruzzese ist im Kinderheim der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus in Minden aufgewachsen. Der Konvent betrieb es mit ein paar Unterbrechungen fast 100 Jahre im Bereich des Doms. Auch eine Säuglings- und Krankenstation gab es hier. Übrig geblieben aus dieser Zeit ist das Alten- und Pflegeheim St. Michaelshaus – unter dem Namen wurde früher der Gesamtkomplex auf dem ehemaligen Klosterareal gefasst. 1980 wurde die Einrichtung für Kinder aufgelöst. 2014 haben die letzten drei Franziskanerinnen Minden verlassen und sind nach Frankfurt gegangen.

Und mit ihnen ein Stück Kindheitsgeschichte. „Mir war nicht bewusst, dass sie alt werden“, sagt Bruzzese nachdenklich. So sei es ja oft: Man vergesse zum richtigen Zeitpunkt, Fragen zu stellen, sich auszutauschen. Bruzzese hofft, dass sich andere Heimkinder bei ihm melden werden. Marita oder Ute vielleicht, die Brüder Walter und Helmut oder Michael, den alle Micky nannten. „Der war der größte Lausbub. Aber eigentlich war das ein ganz lieber“, erinnert sich der Portaner und lacht. Rund 20 Kinder seien sie gewesen.

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Patrick Schwemmling

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Der kleine Francesco lebt von 1968 bis 1977 in dem Heim, unter der Woche isst, schläft und spielt er dort, besucht den von den Schwestern betriebenen Kindergarten, später die Domschule. Die Wochenenden verbringt er bei seinen Eltern. Die beiden Gastarbeiter arbeiten werktags und haben ihn und seinen jüngeren Bruder Rocco in die Hände der Nonnen gegeben.

Francesco Bruzzese bei seiner Kommunion im Dom. 

Foto: privat - © privat
Francesco Bruzzese bei seiner Kommunion im Dom.
Foto: privat - © privat

Bruzzeses Vater kommt Anfang der 1960er-Jahre aus Italien nach Bad Oeynhausen und arbeitet im Schichtdienst in verschiedenen Kunststofffirmen. Seine Mutter zieht 1964 vom spanischen Galicien nach Deutschland. Zunächst lebt sie in Aachen, ehe sie nach Bad Oeynhausen geht. Die Spanierin arbeitet vor Francescos Geburt als Putzkraft in Pensionen, später in Metallfirmen. Einen Teil des Verdienstes schicken sie den Familien in der Heimat.

Die beiden werden ein Paar, Bruzzeses Mutter schwanger. „Es hat ja nie jemand gedacht, dass Gastarbeiter sich hier verlieben und heiraten“, sagt Francesco Bruzzese. Die Umstände für die Familiengründung sind denn auch denkbar schlecht. „Meine Mutter wurde aus der Pension geschmissen und kam bei einer Bekannten unter“, berichtet der Sohn über die Folgen der Schwangerschaft. Verheiratet sind die Eltern da noch nicht, später hätten sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung gelebt. Schwierige Bedingungen, um Kinder großzuziehen.

Wie die Eltern vom Kinderheim in Minden erfahren haben, weiß der Sohn nicht. Er vermutet, dass sie die Information über eine andere Spanierin bekamen oder vielleicht von einem der Gastarbeiter-Betreuer.

Jedenfalls kommt der Junge ein paar Monate nach der Geburt zunächst auf die Säuglingsstation, auf der Kinder ab 14 Tagen aufgenommen und von den Franziskanerinnen versorgt werden, wie es in einer Festschrift zum 150-jährigen Bestehen des Konvents in Minden heißt. Später wechselt Bruzzese in das Kinderheim für ältere Jungen und Mädchen. Auch sein 1969 geborener Bruder sei mit etwa zwei Monaten in die Obhut der Nonnen gekommen. Seine Eltern bezahlen sie für die Betreuung und Unterbringung ihrer Kinder.

In dieser Zeit besteht das Kinderheim aus einer Mädchen- und Jungenabteilung sowie dem Säuglingsheim. 1973 soll es nur noch zwei „familienartige“ Wohngruppen gegeben haben, wie der ehemalige Leiter der Domschatzkammer, Dr. Frank Pauli, in der Festschrift weiter berichtet.

Der Entscheidung seiner Eltern, die Söhne in fremde Hände zu geben, zollt Francesco Bruzzese Respekt. Auch wenn das für ihn, selber Vater von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern, nicht in Frage käme. Seine 80-jährige Mutter und den vor ein paar Jahren verstorbenen Vater hätten die Söhne nie nach dem Warum gefragt. „Wir wollten ihnen nicht weh tun oder sie in Gewissenskonflikte bringen. Uns war bewusst, dass es Gründe für ihr Handeln gab.“ Und letztlich sei er auch dankbar für diese Zeit: „Unsere Eltern hätten uns zum Beispiel nie Deutsch beibringen können.“ Und sie hätten schlicht nicht die Möglichkeit gehabt, die Kinder zu versorgen und unterzubringen.

Die Zeit im Heim gefällt dem Jungen, trotz der Strenge und Disziplin, mit der die Schwestern die Kinder erziehen. Er habe in einem Drei- oder Vierbettzimmer geschlafen, es habe einen großen Essenssaal und gemeinsame Mahlzeiten gegeben, nach der Schule machten alle zusammen Hausaufgaben, erinnert sich Bruzzese. „Dabei hat jeder eine Spezialbetreuung bekommen. Und die Hausaufgaben wurden so lange gemacht, bis sie fertig waren.“ Natürlich wird auch gebetet, täglich in die Kirche geht es aber nicht.

Neben den Pflichtaufgaben habe es auch viele Aktivitäten gegeben: Gemeinsam mit den Schwestern bauen die Kinder Blockhütten, basteln oder singen. „Sie haben uns viel Liebe gegeben, uns auch mal in den Arm genommen“, sagt Francesco Bruzzese. Die dort gelernte Ordnung habe er bis heute beibehalten. Auch die Weltoffenheit und Disziplin begleiten ihn weiter.

An den Wochenenden zu den Eltern zu fahren, sei den Brüdern schwer gefallen. „Im Kloster gab es ja viel mehr Kinder.“ Länger ist die Familie in den Ferien zusammen. Sein Vater arbeitet vor, damit er sechs Wochen am Stück frei bekommt und dann geht es nach Spanien, wo die Eltern ein Haus gebaut haben. Francesco Bruzzese lernt die Sprache seiner Mutter, ab der vierten Klasse hat er Spanischunterricht.

Was Bruzzese später Schlechtes über katholische Kinderheime oder den Missbrauch von Kindern durch katholische Geistliche hört, erschüttert ihn. In Minden sei das nicht so gewesen. „Der Rektor der Schule war der einzige, der mich je geschlagen hat.“ Auch die hohen Rücklagen der katholischen Kirche ärgern ihn. All das hat ihn mit der Institution Kirche hadern lassen. Er ist mittlerweile ausgetreten. Das öffentlich zu machen, fällt ihm schwer, er möchte nicht, dass die Schwestern sauer auf ihn sind. Die gesparte Kirchensteuer spende er nun einem Orden, dessen Mitglieder sich aufopferungsvoll um andere kümmerten, zu den Menschen gingen und selber entbehrungsreich lebten – sowie die Franziskanerinnen einst in Minden. „Das ist für mich Glauben“, sagt er.

Im Sommer 1977 feiert Francesco Bruzzese Kommunion im Dom. Ein schwarz-weiß Foto zeigt den dunkelhaarigen Jungen mit ernstem Blick und Fliege um den Hals, in der Hand hält er eine weiße, brennende Kerze. Das Foto ist eines der wenigen Erinnerungsstücke aus der Heimzeit, die bald endet.

Denn nach der Geburt der Schwester zieht die Familie 1977 in eine größere Wohnung um, die Eltern holen die beiden Söhne zu sich. Endlich sind alle zusammen, aber für die ehemaligen Heimkinder sei der Wechsel nicht einfach gewesen. „Wir haben geheult wie Schlosshunde. Unsere Eltern haben das nicht verstanden“, erinnert sich Francesco Bruzzese an den Abschiedsschmerz. Während der Arbeitszeit der Eltern seien die Kinder beispielsweise auf sich gestellt gewesen. Die feste Struktur aus dem Heim ist weggebrochen.

„Wir sind ein bis zwei Jahre zu früh rausgekommen. Es wäre interessant gewesen, welchen schulischen Verlauf wir ansonsten genommen hätten“, meint der 54-Jährige über das Ende der Heimzeit. Er besucht die Realschule. Vielleicht hätte es aber auch fürs Gymnasium gereicht, wenn die Nonnen ihn weiter gefördert hätten, hat er überlegt. Die Unterstützung der Schwestern können die Eltern nicht auffangen. Trotzdem: „Sie haben uns alles ermöglicht“, sagt der heimgekehrte Sohn.

Kontakt ins Heim, zu den anderen Kindern oder den Schwestern hat der gelernte Holzmechaniker mit der Fachrichtung Möbelindustrie und CNC-Frästechnik nach seinem Weggang nicht mehr. 1994 lädt er Schwester Raphaele Maria, die ehemalige Leiterin des Kinderheims, zu seiner Hochzeit ein. Als sie erfährt, dass die Braut nicht katholisch ist, sagt sie ab. Danach gibt es lange keinen Kontakt mehr, jetzt aber treibt ihn die Suche nach seinen Wurzeln um. Er ist im November nach Frankfurt gefahren und hat Schwester Imelda besucht, die erst die Säuglingsstation und dann den Kindergarten geleitet hat. Das Wiedersehen war schön. „Sie hat die ganze Zeit gelächelt“, sagt Bruzzese. Aber ob die Frau, sie müsse um die 90 Jahre alt sein, sich an ihn erinnern konnte, bezweifelt er.

Francesco Bruzzese hofft, dass sich einige der ehemaligen Heimkinder an ihn erinnern. Vielleicht auch ein paar der Mitarbeiter. „Dann könnte man ein Treffen organisieren oder eine gemeinsame Fahrt nach Frankfurt.“ Er ist erreichbar per E-Mail an f.bruzzese@t-online.de.

  • Der Konvent der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus entstand 1864 in Minden. Die Ordensgemeinschaft war 1845 von Franziska Schervier in Aachen gegründet worden, die 1974 seliggesprochen wurde.
  • Anfangs gab es drei Schwestern in Minden, später bis zu 24. Sie waren im ehemaligen Domkloster, dem St. Michaelshaus, untergebracht. Der Konvent betrieb später ein Alten- sowie Kinderheim, einen Kindergarten, eine ambulante Krankenpflege sowie eine Nähstube. Die Nonnen kümmerten sich zudem um die Seelsorge von Kindern und Erwachsenen. Außerdem bildeten sie seit 1952 hauswirtschaftliche Lehrlinge aus.
  • Das Kinderheim hat seine Wurzeln in einer 1867 von den Nonnen übernommenen Waisenanstalt mit 24 Kindern zwischen vier und 14 Jahren. Sie war im Südflügel des ehem. Klosters untergebracht. 1913 kam eine Säuglingsstation für Kinder ab 14 Tagen dazu, die auch zum Waisenhaus gehörte.
  • Während des Zweiten Weltkriegs wurden die 27 Kinder des Waisenhauses evakuiert. Dom, Kloster und umliegende Häuser wurden beim Bombenangriff im März 1945 zerstört.
  • 1947 kehrten Altenheim und Säuglingsstation in den wiederaufgebauten Südflügel zurück. Das Waisenhaus wurde im Gebäude Großer Domhof 11 eingerichtet.
  • 1972 wurde die Säuglingsstation aufgelöst, die Bewohner des Kinderheims wurden 1973 auf zwei Wohngruppen aufgeteilt. 1980 wurde auch das Kinderheim mangels Nachfrage aufgelöst.
  • Geblieben ist von den Franziskanerinnen das Altenheim St. Michaelshaus. In den 1990er Jahren hatten die Schwestern die Führungsaufgaben hier abgegeben und sich fortan um seelsorgerische Aufgaben gekümmert.
  • 2014 verließen die letzten drei Schwestern Minden

Quelle: „150 Jahre Konvent der Armen-Schwestern vom heiligen Franziskus in Minden 1864-2014“ von Frank Pauli (ehemaliger Leiter der Domschatzkammer).

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