Bänke leeren sich: Kirchenkreis hat immer weniger Mitglieder Doris Christoph Minden. Der Abwärtstrend setzt sich fort: Wie in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Gemeindemitglieder im Kirchenkreis Minden weiter abgenommen. Um 2,1 Prozent ist sie im Coronajahr 2020 auf 70.118 gesunken. Das geht aus Zahlen hervor, die die Evangelische Landeskirche von Westfalen zu ihren 27 Kirchenkreisen vorgestellt hat. Es ist ein durchschnittlicher Wert, denn auch die Landeskirche muss insgesamt einen Mitgliederschwund um 2,1 Prozent auf rund 2,1 Millionen Gläubige verkraften. Doch bei genauerer Betrachtung sticht der heimische Kirchenkreis im Vergleich zu anderen durchaus hervor – und nicht für alles gibt es eine Erklärung, wie sich im Gespräch mit dem stellvertretenden Superintendenten Christoph Ruffer und der Sprecherin des Kirchenkreises, Carola Mackenbrock, zeigt. Kirchensteuer und andere Austrittsgründe „1.501 Mitglieder hat der Kirchenkreis verloren – die meisten von ihnen sind verstorben“, sagt Carola Mackenbrock. „Gegen den demografischen Wandel sind wir machtlos.“ Zu den 1.111 gestorbenen Mitgliedern kommen 503 Austritte (2019: 671). Mit den Gründen für Kirchenaustritte hat sich eine Studie der westfälischen und der württembergische Landeskirche beschäftigt, die gerade veröffentlicht wurde. Das Handeln der Kirche, Glaubensverlust oder Kosten-Nutzen-Abwägungen (Kirchensteuer) nannten 464 ehemalige Mitglieder, mit denen im vergangenen Oktober Telefoninterviews geführt wurden. Demnach spielte das Handeln der Kirche vor allem für Menschen ab 40 Jahren eine Rolle. Für Jüngere waren es vor allem der Glaubensverlust und die Nutzen-Abwägung, so die Studie weiter. Die Studie überrascht Christoph Ruffer nicht. Die Menschen trennen stärker zwischen individuellem Glaubensleben und der Mitgliedschaft in der Kirchen, so sein Eindruck. Das heißt umgekehrt: Nicht alle, die austreten, fallen auch vom Glauben ab. So kennt der Pfarrer der St. Martinigemeinde Eltern, die ihre Kinder nicht taufen lassen, aber christlich erziehen. „Da ist eine innere Nähe.“ Oder es gibt die, die zwar aus der Kirche ausgetreten sind, ihr Kind aber trotzdem taufen lassen. Die Kosten-Nutzen-Abwägung, die ebenfalls in der Studie angeführt wird, ziehe sich mittlerweile durch alle Gehaltsgruppen. Manchmal widerstrebt Mitgliedern auch das soziale Engagement der Kirche, etwa in der Flüchtlingshilfe. Andere bleiben genau deshalb Mitglied, auch wenn sie mit Gottesdiensten nichts am Hut haben, betont Mackenbrock. Was Mitglieder außerdem halte: direkter Kontakt mit Kirche zum Beispiel über den Pfarrer oder Angebote wie Krankenhausseelsorge. Ist das vorhanden, bleibt die Verbundenheit. Weniger Taufen, weniger Hochzeiten Negativzahlen durch verstorbene und ausgetretene Mitglieder werden normalerweise durch Taufen aufgefangen. „Wegen Corona gab es davon aber weniger“, sagt Ruffer. Unter anderem gab es lange keine Gottesdienste oder es konnten keine großen Feiern stattfinden. Wurden 2019 noch 482 Kinder unter 14 Jahren getauft, waren es vergangenes Jahr nur 262 – ein Minus von 45,6 Prozent. Viele Eltern schoben das Ereignis auf, mit dem der Nachwuchs zum Kirchenmitglied wird. Die Pfarrer versuchten, den Kontakt zu den Familien zu halten und fragen nun nach, ob sie ihr Kind jetzt taufen lassen wollen, so Ruffer. Ob alle die Taufe nachholen, bezweifelt er aber. „Einige hatten sicherlich einen ersten Impuls, ihr Kind taufen zu lassen. Das geht über die Zeit verloren.“ Man müsse abwarten, ob es nun einen kurzzeitigen Anstieg gebe. Übrigens litt noch eine andere Form der Mitgliederbindung wegen Corona. Es wurden deutlich weniger Paare getraut als 2019: und zwar lediglich 35. Ein Jahr zuvor waren es noch 104. Ein besonderer Trend Nicht nur Kinder lassen sich taufen, auch Erwachsene – und dabei liegt Minden im Vergleich zu den anderen 26 Kirchenkreisen der Evangelischen Landeskirche vorne. Hier gingen die Zahlen „nur“ um 23,1 Prozent zurück, in vielen anderen Regionen fiel das Minus deutlich größer aus. 40 Erwachsene ab dem 14. Lebensjahr traten 2020 in Minden dem christlichen Glauben bei. Das sorgt auch bei Ruffer und Mackenbrock für Erstaunen. An den beliebten Wesertaufen könne es nicht liegen – die fanden wegen Corona nicht statt. Ruffers Vermutung: „Es lassen sich mehr junge Menschen nach dem 14. Lebensjahr erst bei ihrer Konfirmation taufen.“ Zurück zur Kirche Auch Aufnahmen federn Verluste ab: Dabei handelt es sich um christlich Getaufte, die zum Beispiel aus der katholischen Kirche aus und in die evangelische eintreten. Oder um ehemalige Mitglieder, die eine Wiederaufnahme beantragen. 43 Menschen kehrten jedenfalls im vergangenen Jahr zur evangelischen Gemeinschaft zurück. Zwar 18,9 Prozent weniger als im Jahr zuvor – aber der Schwund fällt im Vergleich zu anderen Kirchenkreisen niedriger aus. „Erfreulich“ findet Christoph Ruffer das. Ob zu den Aufgenommenen beispielsweise Mitglieder der katholischen Reformbewegung Maria 2.0 gehören, weiß er nicht. „Dazu würden Sie aber auch keine Verlautbarung von mir bekommen.“ Viele Tote, weniger Bestattungen Für Erstaunen sorgen diese Werte beim stellvertretenden Superintendenten: In keinem anderen Kirchenkreis hat die Zahl der evangelischen Bestattungen so stark abgenommen wie in Minden – obwohl hierzu auch Beerdigungen von Nichtmitgliedern zählen, die von einem evangelischen Pfarrer beigesetzt wurden. Um elf Prozent auf 859 im Jahr 2020 fiel der Wert. „Dafür sind keine Gründe bekannt“, sagt Ruffer. Gefolgt wird Minden vom Kirchenkreis Schwelm mit 537 Bestattungen und einem Minus von 10,9 Prozent. Zwar starben 1.111 heimische Gemeindemitglieder, aber nur 838 von ihnen wurden nach dem Ritus der evangelischen Kirche bestattet. Das waren 11,3 Prozent weniger als 2019. Nur in zwei anderen Kirchenkreisen ist die Zahl noch stärker gesunken: in Steinfurt-Coesfeld-Borken (-13%) und in Schwelm (-11,9%). Christoph Ruffer vermutet, dass seine Kollegen schlicht nicht über die Sterbefälle informiert worden seien. Eigentlich teilen dies die Angehörigen mit. „Vielleicht haben sie unter Corona bewusst eine kleinere Bestattungsform gewählt“, überlegt er. Und auf Begleitung verzichtet – oder sie griffen auf Trauerredner zurück. Auch der Trend zu Urnenbestattungen könnte sich in den Zahlen spiegeln: Es mache einen Unterschied, ob ein Angehöriger in einer Urne oder einem Sarg beigesetzt werde. „Zu einer Urne gibt es eine innere Distanz.“ Da fällt der Verzicht auf eine Beerdigung mit Zeremonie vielleicht leichter. Blick in die Zukunft Wie gehen die Gemeinden mit den Zahlen um? Was muss sich ändern? „Seit 20 Jahren ist der Kirche bewusst, dass die Komm-Struktur in eine Geh-Struktur umgewandelt werden muss“, sagt Ruffer. Was er meint: Die Leute sind nicht mehr von der Taufe kurz nach der Geburt bis zu ihrem Tod in der Kirche. Mitglied zu bleiben, sei eine bewusstere Entscheidung geworden. „Das können wir nicht aufhalten.“ Trotzdem müsse Kirche auf die Menschen zugehen. Ein allgemeingültiges Rezept sieht der stellvertretende Superintendent dafür aber nicht: zu unterschiedlich seien die einzelnen Gemeinden, ihre Strukturen und ihre Klientel. Auswertungen, in welchen Kirchengemeinden es besonders viele Austritte oder Aufnahmen gibt, gebe es nicht, antwortet er auf Nachfrage. „Aber das liegt den Presbyterien vor. Die haben die Möglichkeit nachzusteuern.“ In jeder Gemeinde gebe es Konzeptionsberatungen, wie Traditionen erhalten und doch neue Wege gegangen werden könnten.

Bänke leeren sich: Kirchenkreis hat immer weniger Mitglieder

Verwaiste Kirchenbänke gab es nicht nur wegen der während Corona ausgefallenen Gottesdienste. Die Mitgliederzahl der evangelischen Gemeinden sinkt weiter. Symbolfoto: imago-images.de © imago images/Norbert Neetz

Minden. Der Abwärtstrend setzt sich fort: Wie in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Gemeindemitglieder im Kirchenkreis Minden weiter abgenommen. Um 2,1 Prozent ist sie im Coronajahr 2020 auf 70.118 gesunken. Das geht aus Zahlen hervor, die die Evangelische Landeskirche von Westfalen zu ihren 27 Kirchenkreisen vorgestellt hat. Es ist ein durchschnittlicher Wert, denn auch die Landeskirche muss insgesamt einen Mitgliederschwund um 2,1 Prozent auf rund 2,1 Millionen Gläubige verkraften. Doch bei genauerer Betrachtung sticht der heimische Kirchenkreis im Vergleich zu anderen durchaus hervor – und nicht für alles gibt es eine Erklärung, wie sich im Gespräch mit dem stellvertretenden Superintendenten Christoph Ruffer und der Sprecherin des Kirchenkreises, Carola Mackenbrock, zeigt.

Kirchensteuer und andere Austrittsgründe

„1.501 Mitglieder hat der Kirchenkreis verloren – die meisten von ihnen sind verstorben“, sagt Carola Mackenbrock. „Gegen den demografischen Wandel sind wir machtlos.“ Zu den 1.111 gestorbenen Mitgliedern kommen 503 Austritte (2019: 671).


Mit den Gründen für Kirchenaustritte hat sich eine Studie der westfälischen und der württembergische Landeskirche beschäftigt, die gerade veröffentlicht wurde. Das Handeln der Kirche, Glaubensverlust oder Kosten-Nutzen-Abwägungen (Kirchensteuer) nannten 464 ehemalige Mitglieder, mit denen im vergangenen Oktober Telefoninterviews geführt wurden. Demnach spielte das Handeln der Kirche vor allem für Menschen ab 40 Jahren eine Rolle. Für Jüngere waren es vor allem der Glaubensverlust und die Nutzen-Abwägung, so die Studie weiter.

Die Studie überrascht Christoph Ruffer nicht. Die Menschen trennen stärker zwischen individuellem Glaubensleben und der Mitgliedschaft in der Kirchen, so sein Eindruck. Das heißt umgekehrt: Nicht alle, die austreten, fallen auch vom Glauben ab. So kennt der Pfarrer der St. Martinigemeinde Eltern, die ihre Kinder nicht taufen lassen, aber christlich erziehen. „Da ist eine innere Nähe.“ Oder es gibt die, die zwar aus der Kirche ausgetreten sind, ihr Kind aber trotzdem taufen lassen.

Die Kosten-Nutzen-Abwägung, die ebenfalls in der Studie angeführt wird, ziehe sich mittlerweile durch alle Gehaltsgruppen. Manchmal widerstrebt Mitgliedern auch das soziale Engagement der Kirche, etwa in der Flüchtlingshilfe.

Andere bleiben genau deshalb Mitglied, auch wenn sie mit Gottesdiensten nichts am Hut haben, betont Mackenbrock. Was Mitglieder außerdem halte: direkter Kontakt mit Kirche zum Beispiel über den Pfarrer oder Angebote wie Krankenhausseelsorge. Ist das vorhanden, bleibt die Verbundenheit.

Weniger Taufen, weniger Hochzeiten

Negativzahlen durch verstorbene und ausgetretene Mitglieder werden normalerweise durch Taufen aufgefangen. „Wegen Corona gab es davon aber weniger“, sagt Ruffer. Unter anderem gab es lange keine Gottesdienste oder es konnten keine großen Feiern stattfinden. Wurden 2019 noch 482 Kinder unter 14 Jahren getauft, waren es vergangenes Jahr nur 262 – ein Minus von 45,6 Prozent.

Viele Eltern schoben das Ereignis auf, mit dem der Nachwuchs zum Kirchenmitglied wird. Die Pfarrer versuchten, den Kontakt zu den Familien zu halten und fragen nun nach, ob sie ihr Kind jetzt taufen lassen wollen, so Ruffer. Ob alle die Taufe nachholen, bezweifelt er aber. „Einige hatten sicherlich einen ersten Impuls, ihr Kind taufen zu lassen. Das geht über die Zeit verloren.“ Man müsse abwarten, ob es nun einen kurzzeitigen Anstieg gebe.

Übrigens litt noch eine andere Form der Mitgliederbindung wegen Corona. Es wurden deutlich weniger Paare getraut als 2019: und zwar lediglich 35. Ein Jahr zuvor waren es noch 104.

Ein besonderer Trend

Nicht nur Kinder lassen sich taufen, auch Erwachsene – und dabei liegt Minden im Vergleich zu den anderen 26 Kirchenkreisen der Evangelischen Landeskirche vorne. Hier gingen die Zahlen „nur“ um 23,1 Prozent zurück, in vielen anderen Regionen fiel das Minus deutlich größer aus. 40 Erwachsene ab dem 14. Lebensjahr traten 2020 in Minden dem christlichen Glauben bei. Das sorgt auch bei Ruffer und Mackenbrock für Erstaunen. An den beliebten Wesertaufen könne es nicht liegen – die fanden wegen Corona nicht statt.

Ruffers Vermutung: „Es lassen sich mehr junge Menschen nach dem 14. Lebensjahr erst bei ihrer Konfirmation taufen.“

Zurück zur Kirche

Auch Aufnahmen federn Verluste ab: Dabei handelt es sich um christlich Getaufte, die zum Beispiel aus der katholischen Kirche aus und in die evangelische eintreten. Oder um ehemalige Mitglieder, die eine Wiederaufnahme beantragen. 43 Menschen kehrten jedenfalls im vergangenen Jahr zur evangelischen Gemeinschaft zurück. Zwar 18,9 Prozent weniger als im Jahr zuvor – aber der Schwund fällt im Vergleich zu anderen Kirchenkreisen niedriger aus. „Erfreulich“ findet Christoph Ruffer das. Ob zu den Aufgenommenen beispielsweise Mitglieder der katholischen Reformbewegung Maria 2.0 gehören, weiß er nicht. „Dazu würden Sie aber auch keine Verlautbarung von mir bekommen.“

Viele Tote, weniger Bestattungen

Für Erstaunen sorgen diese Werte beim stellvertretenden Superintendenten: In keinem anderen Kirchenkreis hat die Zahl der evangelischen Bestattungen so stark abgenommen wie in Minden – obwohl hierzu auch Beerdigungen von Nichtmitgliedern zählen, die von einem evangelischen Pfarrer beigesetzt wurden. Um elf Prozent auf 859 im Jahr 2020 fiel der Wert. „Dafür sind keine Gründe bekannt“, sagt Ruffer. Gefolgt wird Minden vom Kirchenkreis Schwelm mit 537 Bestattungen und einem Minus von 10,9 Prozent.

Zwar starben 1.111 heimische Gemeindemitglieder, aber nur 838 von ihnen wurden nach dem Ritus der evangelischen Kirche bestattet. Das waren 11,3 Prozent weniger als 2019. Nur in zwei anderen Kirchenkreisen ist die Zahl noch stärker gesunken: in Steinfurt-Coesfeld-Borken (-13%) und in Schwelm (-11,9%).

Christoph Ruffer vermutet, dass seine Kollegen schlicht nicht über die Sterbefälle informiert worden seien. Eigentlich teilen dies die Angehörigen mit. „Vielleicht haben sie unter Corona bewusst eine kleinere Bestattungsform gewählt“, überlegt er. Und auf Begleitung verzichtet – oder sie griffen auf Trauerredner zurück.

Auch der Trend zu Urnenbestattungen könnte sich in den Zahlen spiegeln: Es mache einen Unterschied, ob ein Angehöriger in einer Urne oder einem Sarg beigesetzt werde. „Zu einer Urne gibt es eine innere Distanz.“ Da fällt der Verzicht auf eine Beerdigung mit Zeremonie vielleicht leichter.

Blick in die Zukunft

Wie gehen die Gemeinden mit den Zahlen um? Was muss sich ändern? „Seit 20 Jahren ist der Kirche bewusst, dass die Komm-Struktur in eine Geh-Struktur umgewandelt werden muss“, sagt Ruffer. Was er meint: Die Leute sind nicht mehr von der Taufe kurz nach der Geburt bis zu ihrem Tod in der Kirche. Mitglied zu bleiben, sei eine bewusstere Entscheidung geworden. „Das können wir nicht aufhalten.“

Trotzdem müsse Kirche auf die Menschen zugehen. Ein allgemeingültiges Rezept sieht der stellvertretende Superintendent dafür aber nicht: zu unterschiedlich seien die einzelnen Gemeinden, ihre Strukturen und ihre Klientel. Auswertungen, in welchen Kirchengemeinden es besonders viele Austritte oder Aufnahmen gibt, gebe es nicht, antwortet er auf Nachfrage. „Aber das liegt den Presbyterien vor. Die haben die Möglichkeit nachzusteuern.“ In jeder Gemeinde gebe es Konzeptionsberatungen, wie Traditionen erhalten und doch neue Wege gegangen werden könnten.

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