Ausstellung in Minden: Vergessene Opfer des NSU-Terrors im Blick Wanderausstellung informiert über Ermordete und Leid der Hinterbliebenen / Kritik an Ermittlungsverfahren Jürgen Langenkämper Minden (mt). Dr. Birgit Mair schwant nichts Gutes. „Eine politische Aufarbeitung dieser Morde wird in dem Prozess nicht stattfinden“, sagt die Sozialwissenschaftlerin über das NSU-Verfahren. Deshalb hat sie sich darangemacht, an die Opfer zu erinnern. Der Verein Deutscher Sinti Minden, die Jüdische Kultusgemeinde und der SC International haben die Wanderausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“, erarbeitet vom Institut für Sozialwissenschaftliche Bildung und Beratung (ISFBB) in Nürnberg, für zwei Wochen nach Minden geholt. Die Notwendigkeit, an die Opfer zu erinnern, hob der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma bei der Eröffnung am Montagabend im Haus Königstraße 3 hervor. „Es wird wieder dezidiert gegen Minderheiten gehetzt“, sagte Dr. Silvio Peritore. Neben anderen Defiziten bei den Ermittlungsverfahren hatte es nach dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter auch eine völlig irrige Pauschalverdächtigung gegen Sinti und Roma gegeben, als es hieß, die Täter seien wohl im sogenannten „Zigeunermilieu“ zu suchen.Dr. Gregor Rosenthal, Geschäftsführer des Bündnisses für Demokratie und Toleranz in Berlin, dankte Oswald Marschall ausdrücklich dafür, dass er sich dafür eingesetzt hatte, die Wanderausstellung auch in Minden zu zeigen. Sein Projekt eines Bürgerdialogs könne Vorbild für andere Regionen sein.Kritik an der Aufarbeitung der Morde, aber auch an der Darstellung in den Medien brachte Dr. Ali Söylemezoglu vom Verein Dialog für Frieden aus Duisburg an. Besonders hob er einen Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ hervor, der ein halbes Jahr, bevor der NSU aufflog, die Mordserie noch als Tat des türkischen Geheimdienstes und rechter türkischer Kreise dargestellt habe.Wie Ermittler gegen Hinterbliebene der Opfer ermittelten und in den Untersuchungsausschüssen zum Teil immer noch versuchten, Ermordete zu diskreditieren, berichtete Birgit Mair. Sie wollte nicht den Ausgang des Prozesses gegen Beate Zschäpe und die mitangeklagten NSU-Unterstützer abwarten, sondern mit der Wanderausstellung den Blick auf die in der öffentlichen Diskussion meist vernachlässigten Opfer und deren Familien richten. „Alle Texte auf den Ausstellungsstellungstafeln sind mit den Angehörigen abgestimmt“, sagte die Sozialwissenschaftlerin, die auch einen 60-seitigen Begleitband zusammengestellt hat. „Ich schreibe nur, was ich felsenfest belegen kann.“„Rassismus und Vorurteile prägten die Ermittlung der Polizei“, lautet der Vorwurf nach der Recherche. Auch als ein Fallanalytiker zu dem Schluss kam, dass „Hass auf Türken“ ein Motiv für die Mordserie sein könne, wurde eine gegenteilige Fallanalyse mit einem aberwitzigen Ergebnis in Auftrag gegeben. Dieser Analytiker sei weiter im Dienst, ebenso ein Staatsanwalt trotz falscher Ermittlungen befördert worden.Für Mair steht fest, dass es sich beim National-Sozialistischen Untergrund nicht um eine isolierte Drei-Personen-Zelle handelte, sondern um ein Netzwerk, das zudem vermutlich zum Teil über V-Leute mit Geldern des Verfassungsschutzes finanziert wurde.Immerhin stellte Birgit Mair fest, dass das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus breiter geworden sei.Weitere Informationen unter:www.opfer-des-nsu.de

Ausstellung in Minden: Vergessene Opfer des NSU-Terrors im Blick

Würdigung für Opfer des NSU: Ali Söylemezoglu (von links), Gregor Rosenthal, Birgit Mair, Michael Buhre, Oswald Marschall, Silvio Peritore, Ümit und Yüksel Tuncel eröffneten die Ausstellung. © MT-Foto: Langenkämper

Minden (mt). Dr. Birgit Mair schwant nichts Gutes. „Eine politische Aufarbeitung dieser Morde wird in dem Prozess nicht stattfinden“, sagt die Sozialwissenschaftlerin über das NSU-Verfahren. Deshalb hat sie sich darangemacht, an die Opfer zu erinnern.

Der Verein Deutscher Sinti Minden, die Jüdische Kultusgemeinde und der SC International haben die Wanderausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“, erarbeitet vom Institut für Sozialwissenschaftliche Bildung und Beratung (ISFBB) in Nürnberg, für zwei Wochen nach Minden geholt. Die Notwendigkeit, an die Opfer zu erinnern, hob der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma bei der Eröffnung am Montagabend im Haus Königstraße 3 hervor. „Es wird wieder dezidiert gegen Minderheiten gehetzt“, sagte Dr. Silvio Peritore. Neben anderen Defiziten bei den Ermittlungsverfahren hatte es nach dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter auch eine völlig irrige Pauschalverdächtigung gegen Sinti und Roma gegeben, als es hieß, die Täter seien wohl im sogenannten „Zigeunermilieu“ zu suchen.

Dr. Gregor Rosenthal, Geschäftsführer des Bündnisses für Demokratie und Toleranz in Berlin, dankte Oswald Marschall ausdrücklich dafür, dass er sich dafür eingesetzt hatte, die Wanderausstellung auch in Minden zu zeigen. Sein Projekt eines Bürgerdialogs könne Vorbild für andere Regionen sein.

Kritik an der Aufarbeitung der Morde, aber auch an der Darstellung in den Medien brachte Dr. Ali Söylemezoglu vom Verein Dialog für Frieden aus Duisburg an. Besonders hob er einen Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ hervor, der ein halbes Jahr, bevor der NSU aufflog, die Mordserie noch als Tat des türkischen Geheimdienstes und rechter türkischer Kreise dargestellt habe.

Wie Ermittler gegen Hinterbliebene der Opfer ermittelten und in den Untersuchungsausschüssen zum Teil immer noch versuchten, Ermordete zu diskreditieren, berichtete Birgit Mair. Sie wollte nicht den Ausgang des Prozesses gegen Beate Zschäpe und die mitangeklagten NSU-Unterstützer abwarten, sondern mit der Wanderausstellung den Blick auf die in der öffentlichen Diskussion meist vernachlässigten Opfer und deren Familien richten. „Alle Texte auf den Ausstellungsstellungstafeln sind mit den Angehörigen abgestimmt“, sagte die Sozialwissenschaftlerin, die auch einen 60-seitigen Begleitband zusammengestellt hat. „Ich schreibe nur, was ich felsenfest belegen kann.“

„Rassismus und Vorurteile prägten die Ermittlung der Polizei“, lautet der Vorwurf nach der Recherche. Auch als ein Fallanalytiker zu dem Schluss kam, dass „Hass auf Türken“ ein Motiv für die Mordserie sein könne, wurde eine gegenteilige Fallanalyse mit einem aberwitzigen Ergebnis in Auftrag gegeben. Dieser Analytiker sei weiter im Dienst, ebenso ein Staatsanwalt trotz falscher Ermittlungen befördert worden.

Für Mair steht fest, dass es sich beim National-Sozialistischen Untergrund nicht um eine isolierte Drei-Personen-Zelle handelte, sondern um ein Netzwerk, das zudem vermutlich zum Teil über V-Leute mit Geldern des Verfassungsschutzes finanziert wurde.

Immerhin stellte Birgit Mair fest, dass das zivilgesellschaftliche Engagement gegen Rassismus und Rechtsextremismus breiter geworden sei.

Weitere Informationen unter:

www.opfer-des-nsu.de

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