Außer Kontrolle geraten: Gesundheitszentrum verschickt Impfeinladung per Whatsapp Thomas Lieske,Nina Könemann Minden-Kutenhausen. Im schlimmsten Fall droht Dr. Michael Kühne und seinem Team vom Gesundheitszentrum Kutenhausen am Freitag eine Art aus dem Ruder gelaufene Facebookparty. Nur wird es nicht ums Feiern gehen, sondern ums Impfen. Was ist passiert? Wie ein Lauffeuer verbreitet sich derzeit eine Nachricht auf Whatsapp und in anderen sozialen Nachrichtenkanälen. Schon der Anfang lässt aufhorchen: „Einladung zu einem Sonder-Impftermin im Gesundheitszentrum Kutenhausen am Freitag, 16. April." Eine Impf-Einladung einer Praxisgemeinschaft per Whatsapp? Im Gespräch mit dem MT bestätigt Kühne, dass die Einladung über die zahlreichen Mitarbeiter des Gesundheitszentrums verbreitet worden sei. Laut seiner Aussage sollten damit aber eigentlich nur Patientinnen und Patienten der Gemeinschaftspraxis erreicht werden – und „nahe Angehörige der Mitarbeiter". Er beteuert, dass ihm nicht bewusst gewesen sei, wie schnell sich diese Nachricht verselbstständigen könne. Doch genau das ist innerhalb von Stunden geschehen. Nach MT-Informationen haben sich auch mehrere Impfwillige bei Kühne angemeldet, die dort nicht als Patienten registriert sind. Sogar Whatsapp-Gruppen von Schützenvereinen in Petershagen wurden informiert. „Wir wollten eine konzentrierte Aktion am Freitag starten, um endlich Bewegung in die Impfkampagne zu bekommen", beteuert Kühne. Nach seinen Angaben stehen ihm für Freitag 300 Impfdosen von Astrazeneca zur Verfügung,. „Wir sind zwölf Ärzte, deswegen ist unser Wochen-Kontingent höher als in anderen Praxen", erklärt der Arzt. Richtig sei auch, wie in der Nachricht beschrieben, dass er bei Bedarf Nachschub aus dem Impfzentrum bekommen könne. Leiterin Anke Richter-Scheer bestätigte gegenüber dem MT, das sie Kühne rund zehn Vials, also 100 Impfdosen, zugesagt hat. „Nach Erlass dürfen wir Impfstoff an Arztpraxen abgeben, wenn wir das Kontingent selbst nicht aufbrauchen", sagt die Impfzentrums-Leiterin. Bei Astrazeneca, sei es aktuell nicht aufgebraucht, weil das entsprechende Terminportal für Vorerkrankte beim Kreis zeitweise geschlossen werde. „Aus diesem Grunde habe ich anfragenden Ärzten Impfstoff herausgegeben, um diesen an über 60-Jährige zu verimpfen." Darunter sei auch Kühne gewesen. Es seien jedoch auch Vials nach Rahden, Espelkamp und Bad Oeynhausen verteilt worden. „Bei mir kann sich jede Praxis melden und Impfstoff anfragen. Wenn etwas übrig ist, verteilen wir das", so Richter-Scheer. Aktiv anfragen würde sie nicht mehr. Kühne bestätigte gegenüber dem MT, dass es am Freitag „nicht unendlich" Nachschub geben wird. Aus der kursierenden WhatsApp geht das allerdings nicht hervor. Darin steht lediglich, dass eine Anmeldung erforderlich ist und diejenigen, die „sicher kommen wollen", bereits vorher ihre Chipkarte einreichen sollten. Warum die Praxis nicht den direkten Weg gewählt und auch den Patientenstamm abtelefoniert hat, bleibt offen. Kühne betont aber, dass er mit der ungewöhnlichen Impfaktion „kein Geld verdient". 20 Euro gebe es pro Spritze, „und das ist ein riesiger Aufwand. Den Betrag bestätigt Anke Richter-Scheer im Namen der Kassenärztlichen Vereinigung. Bei Hausbesuchen rechnen Ärzte 35 Euro pro Spritze ab, die genannten 20 Euro gäbe es für Impfungen in Praxen. Andere Impfungen wie Tetanus oder Grippeschutz würden nur mit weniger als zehn Euro abgerechnet. Dr. Michael Kühne ist die Lust auf Freitag ohnehin vergangen. So viel Öffentlichkeit habe er für sein Vorhaben nicht haben wollen. Zunächst habe er sich auf die Aktion gefreut, „jetzt habe ich Magenschmerzen". Nach dem MT-Gespräch lässt der Mediziner die Terminvergabe und die Weiterverbreitung der Einladung sofort stoppen. Das dürfte allerdings nicht so einfach sein – jetzt, da die Lawine rollt. Permanent überfordert Ein Kommentar von Nina Könemann Eine Zeit lang waren es die Facebookpartys, bei denen jemand seine Einladung aus Versehen auf „öffentlich" stellte und plötzlich Hunderte ungebetener Gäste auf den Plan rief. Mittlerweile sind es die Millionen von Falschnachrichten, die überflogen, kommentiert und weiterverbreitet werden. Frei nach dem Motto: Habe ich ja heute mehrfach gesehen, muss wohl stimmen. Und manchmal, wie in diesem Fall, sind es Einladungen via Whatsapp, die sich verselbstständigen. Alle drei Phänomene werden gern belächelt. Vor allem aber zeigen sie: Wir alle bewegen uns täglich in einem Umfeld, in dem wir uns nicht auskennen. Facebook, Instagram, Whatsapp: Die Sozialen Medien dominieren nicht nur unseren Alltag und bestimmen über das was wir tun, kaufen und glauben zu wissen, sie überfordern uns auch permanent. Dadurch entstehen Fehler wie in Kutenhausen, die Schwächen auf beiden Seiten zeigen. Schwächen einerseits beim Absender der Nachricht: Derzeit eine „Sonder-Impfaktion" per Whatsapp zu bewerben ist schlicht naiv. Andererseits sind auch die Empfänger nicht unschuldig: Denn wie wahrscheinlich ist es, dass in Kutenhausen plötzlich schier unendlich viele Impfdosen zur Verfügung stehen, während der Rest der Republik doch chronisch zu wenige hat? Wir alle brauchen Nachhilfe in Medienkunde. Und wir müssen besser prüfen, was wir senden und weiterverbreiten.

Außer Kontrolle geraten: Gesundheitszentrum verschickt Impfeinladung per Whatsapp

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer: Das Gesundheitszentrum Kutenhausen lädt per WhatsApp zur Impfung am Freitag ein. Mittlerweile haben sich auch Menschen angemeldet, die keine Patienten in der Praxis sind. MT-Foto: Thomas Lieske © Thomas Lieske

Minden-Kutenhausen. Im schlimmsten Fall droht Dr. Michael Kühne und seinem Team vom Gesundheitszentrum Kutenhausen am Freitag eine Art aus dem Ruder gelaufene Facebookparty. Nur wird es nicht ums Feiern gehen, sondern ums Impfen. Was ist passiert? Wie ein Lauffeuer verbreitet sich derzeit eine Nachricht auf Whatsapp und in anderen sozialen Nachrichtenkanälen. Schon der Anfang lässt aufhorchen: „Einladung zu einem Sonder-Impftermin im Gesundheitszentrum Kutenhausen am Freitag, 16. April." Eine Impf-Einladung einer Praxisgemeinschaft per Whatsapp?

Im Gespräch mit dem MT bestätigt Kühne, dass die Einladung über die zahlreichen Mitarbeiter des Gesundheitszentrums verbreitet worden sei. Laut seiner Aussage sollten damit aber eigentlich nur Patientinnen und Patienten der Gemeinschaftspraxis erreicht werden – und „nahe Angehörige der Mitarbeiter". Er beteuert, dass ihm nicht bewusst gewesen sei, wie schnell sich diese Nachricht verselbstständigen könne. Doch genau das ist innerhalb von Stunden geschehen. Nach MT-Informationen haben sich auch mehrere Impfwillige bei Kühne angemeldet, die dort nicht als Patienten registriert sind. Sogar Whatsapp-Gruppen von Schützenvereinen in Petershagen wurden informiert.

„Wir wollten eine konzentrierte Aktion am Freitag starten, um endlich Bewegung in die Impfkampagne zu bekommen", beteuert Kühne. Nach seinen Angaben stehen ihm für Freitag 300 Impfdosen von Astrazeneca zur Verfügung,. „Wir sind zwölf Ärzte, deswegen ist unser Wochen-Kontingent höher als in anderen Praxen", erklärt der Arzt.


Richtig sei auch, wie in der Nachricht beschrieben, dass er bei Bedarf Nachschub aus dem Impfzentrum bekommen könne. Leiterin Anke Richter-Scheer bestätigte gegenüber dem MT, das sie Kühne rund zehn Vials, also 100 Impfdosen, zugesagt hat. „Nach Erlass dürfen wir Impfstoff an Arztpraxen abgeben, wenn wir das Kontingent selbst nicht aufbrauchen", sagt die Impfzentrums-Leiterin. Bei Astrazeneca, sei es aktuell nicht aufgebraucht, weil das entsprechende Terminportal für Vorerkrankte beim Kreis zeitweise geschlossen werde. „Aus diesem Grunde habe ich anfragenden Ärzten Impfstoff herausgegeben, um diesen an über 60-Jährige zu verimpfen." Darunter sei auch Kühne gewesen. Es seien jedoch auch Vials nach Rahden, Espelkamp und Bad Oeynhausen verteilt worden. „Bei mir kann sich jede Praxis melden und Impfstoff anfragen. Wenn etwas übrig ist, verteilen wir das", so Richter-Scheer. Aktiv anfragen würde sie nicht mehr.

Kühne bestätigte gegenüber dem MT, dass es am Freitag „nicht unendlich" Nachschub geben wird. Aus der kursierenden WhatsApp geht das allerdings nicht hervor. Darin steht lediglich, dass eine Anmeldung erforderlich ist und diejenigen, die „sicher kommen wollen", bereits vorher ihre Chipkarte einreichen sollten. Warum die Praxis nicht den direkten Weg gewählt und auch den Patientenstamm abtelefoniert hat, bleibt offen.

Kühne betont aber, dass er mit der ungewöhnlichen Impfaktion „kein Geld verdient". 20 Euro gebe es pro Spritze, „und das ist ein riesiger Aufwand. Den Betrag bestätigt Anke Richter-Scheer im Namen der Kassenärztlichen Vereinigung. Bei Hausbesuchen rechnen Ärzte 35 Euro pro Spritze ab, die genannten 20 Euro gäbe es für Impfungen in Praxen. Andere Impfungen wie Tetanus oder Grippeschutz würden nur mit weniger als zehn Euro abgerechnet.

Dr. Michael Kühne ist die Lust auf Freitag ohnehin vergangen. So viel Öffentlichkeit habe er für sein Vorhaben nicht haben wollen. Zunächst habe er sich auf die Aktion gefreut, „jetzt habe ich Magenschmerzen". Nach dem MT-Gespräch lässt der Mediziner die Terminvergabe und die Weiterverbreitung der Einladung sofort stoppen. Das dürfte allerdings nicht so einfach sein – jetzt, da die Lawine rollt.

Permanent überfordert

Ein Kommentar von Nina Könemann

Eine Zeit lang waren es die Facebookpartys, bei denen jemand seine Einladung aus Versehen auf „öffentlich" stellte und plötzlich Hunderte ungebetener Gäste auf den Plan rief. Mittlerweile sind es die Millionen von Falschnachrichten, die überflogen, kommentiert und weiterverbreitet werden. Frei nach dem Motto: Habe ich ja heute mehrfach gesehen, muss wohl stimmen. Und manchmal, wie in diesem Fall, sind es Einladungen via Whatsapp, die sich verselbstständigen.

Alle drei Phänomene werden gern belächelt. Vor allem aber zeigen sie: Wir alle bewegen uns täglich in einem Umfeld, in dem wir uns nicht auskennen. Facebook, Instagram, Whatsapp: Die Sozialen Medien dominieren nicht nur unseren Alltag und bestimmen über das was wir tun, kaufen und glauben zu wissen, sie überfordern uns auch permanent. Dadurch entstehen Fehler wie in Kutenhausen, die Schwächen auf beiden Seiten zeigen.

Schwächen einerseits beim Absender der Nachricht: Derzeit eine „Sonder-Impfaktion" per Whatsapp zu bewerben ist schlicht naiv. Andererseits sind auch die Empfänger nicht unschuldig: Denn wie wahrscheinlich ist es, dass in Kutenhausen plötzlich schier unendlich viele Impfdosen zur Verfügung stehen, während der Rest der Republik doch chronisch zu wenige hat? Wir alle brauchen Nachhilfe in Medienkunde. Und wir müssen besser prüfen, was wir senden und weiterverbreiten.

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