Auslaufmodell: 15 Millionen für die Kampa-Halle? Die Kreis-Politik vor einer schweren Entscheidung Henning Wandel,Monika Jäger,Marcus Riechmann Minden (mt). Klarer kann ein Signal kaum sein: Der Kreis Minden-Lübbecke als Betreiber der Kampa-Halle verlangt seinen Politikern nun kurzfristig eine Entscheidung ab, die direkte Folgen für die Mindener Pläne zum Bau der auf rund 35 bis 40 Millionen Euro taxierten Multifunktionshalle haben wird. Plan A und klarer Favorit des Landrates, Dr. Ralf Niermann (SPD): Sanierung der 1970 errichteten Kampa-Halle für bis zu 15 Millionen Euro – dann könnte vielleicht der aktuelle Betrieb dort noch bis Ende 2020 weitergehen. Plan B: Abriss und Neubau in abgespeckter Form für zehn Millionen Euro – dann wäre es mit einer Nutzung schon im November vorbei. Beides aber wäre so teuer, dass kein Geld mehr für einen Zuschuss zur Multihalle bliebe. Das allerdings sei Entscheidung der Politik, betonte Niermann gestern mehrfach. Anfang der Woche hatte er darüber unter anderem die Sprecher der Kreistagsfraktionen und die Vertreter der Stadt Minden informiert. Für die Befürworter der neuen Multihalle am rechten Weserufer ist die jüngste Entwicklung ein schwerer Schlag. „Wir sind überrascht von der Entwicklung", kommentiert Jero Bentz die Situation. Der persönlich haftende Gesellschafter der Melitta-Unternehmensgruppe ist ein erklärter Befürworter der Multihalle und schiebt das Projekt mit persönlichem Engagement und der Unterstützung weiterer heimischer Unternehmen voran. Es werde mit einer Sanierung der Kampa-Halle in vorgesehenem Umfang viel Geld in ein Auslaufmodell gesteckt, sagt Bentz und kritisiert die „Verschleppungstaktik": „Die Wirtschaft hat zusammen mit der Stadt Minden längst ein tragfähiges Konzept für Errichtung und Betrieb der Multihalle entwickelt und dies auch dem Kreis vorgestellt." Darin ist vor allem der Dauerkritikpunkt der Betriebskosten einer Multihalle geregelt. In einer von der Wirtschaft getragenen Betriebs-GmbH sollen die Kosten übernommen und damit das Risiko eines unkalkulierbaren Defizits aufgefangen werden. „Wenn sich der Kreis tatsächlich aus der Finanzierung der Multihalle verabschiedet und sich damit aus der Verantwortung zieht, wäre das ein völlig falsches Signal für unsere tolle Region", kommentiert Bentz. Der Unternehmer setzt auf die Politik, dass sie diesen Weg der Kreisverwaltung nicht mitgehen wird und fordert vom Kreis und Landrat Niermann mehr Transparenz und ein allen Sachverstand einbeziehendes Verfahren: „Es wäre unverantwortlich, eine Entscheidung zu fällen, bevor man nicht alle, und zwar wirklich alle, Alternativen ausreichend geprüft hat." Die Mindener Politiker hatten bis gestern noch keine offiziellen Informationen dazu. Am kommenden Donnerstag wird sich der Rat der Stadt Minden erneut mit der Multifunktionshalle befassen. Ulrich Stadtmann (CDU), Vorsitzender der Mindener Stadtratsfraktion, zeigte sich gegenüber dem MT allerdings wenig überrascht. Es sei klar gewesen, dass die Sanierung einer alten Halle teuer würde. Der Kreis solle das Geld jetzt besser in eine neue Halle investieren, sagt Stadtmann. Falls beispielsweise in der Handball-Bundesliga demnächst Tribünen auf vier Seiten gefordert würden, käme auch die sanierte Kampahalle dafür nicht mehr infrage. Auch im Kreis sorgt die Information über die hohe Investitionssumme für Wirbel. Der Vorsitzende der CDU-Fraktion, Detlef Beckschewe, sieht die Politik mit dem Argument unter Druck gesetzt, sollte die Sanierung nicht kurzfristig beschlossen werden, müsse die Kampa-Halle schon zum 31. Oktober geschlossen werden. Dafür komme nur noch eine Kreistagssitzung Anfang Oktober infrage, sofern der Landrat das Gremium nicht noch einmal außerplanmäßig zusammenruft. Theoretisch könne der Kreis das Geld auch in die Multifunktionshalle investieren, so Beckschewe. Dann stünde die Kampa-Halle aber schon in wenigen Wochen nicht mehr zur Verfügung – wohl auch nicht für Schulen und Vereine: „Wir müssen alles genau abwägen und auch mit der Stadt Minden sprechen", sagt der CDU-Mann. Es sei dabei auch zu hinterfragen, ob 15 Millionen Euro in eine Halle investiert werden sollen, die damit nur auf dem Status Quo gehalten werde. SPD-Kreisfraktionschefin Birgit Härtel zeigte sich von der aktuellen Entwicklung überrascht – und enttäuscht: Idealerweise bereite die Verwaltung in solchen Fragen verschiedene Varianten vor, über die dann in der Politik beraten werden könne, so Härtel. „Doch diese Varianten gibt es leider nicht." Ob sich die SPD im Kreistag für oder gegen die Sanierung entscheidet, ist noch offen. Anfang nächster Woche werde die Fraktion darüber beraten. Persönlich macht Härtel kein Hehl daraus, dass sie eine neue Halle unterstützen würde, falls ein solcher Bau möglich sei. Davon würde nicht nur Minden profitieren, sondern der ganze Kreis. Mindens Handball-Bundeligist GWD wäre noch ganz anders betroffen. „In der Kurzfristigkeit ist das für uns das schlimmste vorstellbare Szenario", sagt GWD-Geschäftsführer Markus Kalusche zu den jüngsten Entwicklungen. Der Auszug aus der gewohnten Heimspielstätte und der Umzug in eine neue sei „ein Kraftakt mit unabsehbaren Folgen." Erst im Sommer hat der Klub rund 50.000 Euro in die Kampa-Halle investiert, um neue Technik zu installieren: Eine große LED-Wand wurde angeschafft und das digitale Spielerfassungssystem Kinexon eingebaut. Nun muss sich GWD neu orientieren: „Auf den ersten Blick gibt es keine andere Alternative als die Kreissporthalle in Lübbecke", sagt Kalusche. Dort ist nicht nur die Zuschauer-Kapazität deutlich geringer, auch die Vermarktungsmöglichkeiten sind schlechter. „Das wird uns wirtschaftlich treffen", befürchtet Kalusche. Er hofft, dass Fans und Sponsoren trotz der veränderten Lage treu zu GWD stehen. Erste Kritik aus Reihen der Politik richtet sich gegen Landrat Niermann. Wie kommt der Kreis zu der rechtlichen Bewertung, dass die Halle nur dann mit temporären Maßnahmen wie Brandschutzwachen und reduzierter Kapazität weiter genutzt werden darf, wenn ein Sanierungsplan aufgestellt und terminiert werde? Der Politik wurden bisher lediglich Auszüge aus dem zentralen Gutachten bekanntgemacht. Der ZaudererKommentar von Marcus Riechmann Sagen Sie zehnmal nacheinander in schneller Folge die Worte Kampa-Halle, Brandschutzgutachten, Multifunktionsarena. Der Buchstabensalat, der dabei am Ende herauskommt, entspricht dem sich seit Jahren türmenden gewaltigen Durcheinander, das rund um die Sanierung von Kampa-Halle und Neubau einer Multifunktionsarena entstanden ist. In diesem festgefahrenen Dilemma hat Landrat Ralf Niermann einmal mehr die Rolle des Zauderers inne. Statt sich eindeutig zu positionieren und seiner politischen Aufgabe als Entwickler seiner Region nachzukommen, lässt er nach jahrelanger fruchtloser Debatte nun ein Geheimgutachten sprechen. Mit dem Wissensvorsprung der Brandschutzakte setzt der Landrat nun den Beteiligten die Pistole auf die Brust: Der Kreistag darf entweder den Masterplan „Großsanierung Kampa-Halle" beschließen oder den Neubau einer kleinen Kreissport(funktions)halle am selben oder an einem anderen Ort. Falls sich die Politik beiden Alternativen verweigert, lässt Niermann die Kampa-Halle umgehend schließen. „Bätschi" würde Niermanns Parteikollegin Nahles angesichts der fein konstruierten Zwickmühle rufen. Dabei gibt es durchaus Grund, sich zu verweigern, denn beide Varianten fressen die finanziellen Mittel des Kreises auf und schließen damit die Entwicklung einer Multihalle aus. Dabei wird immer klarer, dass dem Projekt am rechten Weserufer die Zukunft gehört und nicht der 50 Jahre alten Halle an der Hahler Straße. Millionen für die alternde Kampa-Halle sind Aufwendungen für ein Auslaufmodell. Die Pflicht der Politik ist es jedoch, in die Zukunft zu investieren. Hier gibt es weitere Artikel zum Thema Multihalle Hier finden Sie unsere Multimedia-Reportage zur Multihalle und dem Standort rechtes Weserufer

Auslaufmodell: 15 Millionen für die Kampa-Halle? Die Kreis-Politik vor einer schweren Entscheidung

Die Kampa-Halle sorgt für heftige Diskussionen. MT- © Foto: Alex Lehn

Minden (mt). Klarer kann ein Signal kaum sein: Der Kreis Minden-Lübbecke als Betreiber der Kampa-Halle verlangt seinen Politikern nun kurzfristig eine Entscheidung ab, die direkte Folgen für die Mindener Pläne zum Bau der auf rund 35 bis 40 Millionen Euro taxierten Multifunktionshalle haben wird.

Plan A und klarer Favorit des Landrates, Dr. Ralf Niermann (SPD): Sanierung der 1970 errichteten Kampa-Halle für bis zu 15 Millionen Euro – dann könnte vielleicht der aktuelle Betrieb dort noch bis Ende 2020 weitergehen. Plan B: Abriss und Neubau in abgespeckter Form für zehn Millionen Euro – dann wäre es mit einer Nutzung schon im November vorbei. Beides aber wäre so teuer, dass kein Geld mehr für einen Zuschuss zur Multihalle bliebe. Das allerdings sei Entscheidung der Politik, betonte Niermann gestern mehrfach. Anfang der Woche hatte er darüber unter anderem die Sprecher der Kreistagsfraktionen und die Vertreter der Stadt Minden informiert.

Für die Befürworter der neuen Multihalle am rechten Weserufer ist die jüngste Entwicklung ein schwerer Schlag. „Wir sind überrascht von der Entwicklung", kommentiert Jero Bentz die Situation. Der persönlich haftende Gesellschafter der Melitta-Unternehmensgruppe ist ein erklärter Befürworter der Multihalle und schiebt das Projekt mit persönlichem Engagement und der Unterstützung weiterer heimischer Unternehmen voran. Es werde mit einer Sanierung der Kampa-Halle in vorgesehenem Umfang viel Geld in ein Auslaufmodell gesteckt, sagt Bentz und kritisiert die „Verschleppungstaktik": „Die Wirtschaft hat zusammen mit der Stadt Minden längst ein tragfähiges Konzept für Errichtung und Betrieb der Multihalle entwickelt und dies auch dem Kreis vorgestellt." Darin ist vor allem der Dauerkritikpunkt der Betriebskosten einer Multihalle geregelt. In einer von der Wirtschaft getragenen Betriebs-GmbH sollen die Kosten übernommen und damit das Risiko eines unkalkulierbaren Defizits aufgefangen werden.

„Wenn sich der Kreis tatsächlich aus der Finanzierung der Multihalle verabschiedet und sich damit aus der Verantwortung zieht, wäre das ein völlig falsches Signal für unsere tolle Region", kommentiert Bentz. Der Unternehmer setzt auf die Politik, dass sie diesen Weg der Kreisverwaltung nicht mitgehen wird und fordert vom Kreis und Landrat Niermann mehr Transparenz und ein allen Sachverstand einbeziehendes Verfahren: „Es wäre unverantwortlich, eine Entscheidung zu fällen, bevor man nicht alle, und zwar wirklich alle, Alternativen ausreichend geprüft hat."

Die Mindener Politiker hatten bis gestern noch keine offiziellen Informationen dazu. Am kommenden Donnerstag wird sich der Rat der Stadt Minden erneut mit der Multifunktionshalle befassen. Ulrich Stadtmann (CDU), Vorsitzender der Mindener Stadtratsfraktion, zeigte sich gegenüber dem MT allerdings wenig überrascht. Es sei klar gewesen, dass die Sanierung einer alten Halle teuer würde. Der Kreis solle das Geld jetzt besser in eine neue Halle investieren, sagt Stadtmann. Falls beispielsweise in der Handball-Bundesliga demnächst Tribünen auf vier Seiten gefordert würden, käme auch die sanierte Kampahalle dafür nicht mehr infrage.

Auch im Kreis sorgt die Information über die hohe Investitionssumme für Wirbel. Der Vorsitzende der CDU-Fraktion, Detlef Beckschewe, sieht die Politik mit dem Argument unter Druck gesetzt, sollte die Sanierung nicht kurzfristig beschlossen werden, müsse die Kampa-Halle schon zum 31. Oktober geschlossen werden. Dafür komme nur noch eine Kreistagssitzung Anfang Oktober infrage, sofern der Landrat das Gremium nicht noch einmal außerplanmäßig zusammenruft.

Theoretisch könne der Kreis das Geld auch in die Multifunktionshalle investieren, so Beckschewe. Dann stünde die Kampa-Halle aber schon in wenigen Wochen nicht mehr zur Verfügung – wohl auch nicht für Schulen und Vereine: „Wir müssen alles genau abwägen und auch mit der Stadt Minden sprechen", sagt der CDU-Mann. Es sei dabei auch zu hinterfragen, ob 15 Millionen Euro in eine Halle investiert werden sollen, die damit nur auf dem Status Quo gehalten werde.

SPD-Kreisfraktionschefin Birgit Härtel zeigte sich von der aktuellen Entwicklung überrascht – und enttäuscht: Idealerweise bereite die Verwaltung in solchen Fragen verschiedene Varianten vor, über die dann in der Politik beraten werden könne, so Härtel. „Doch diese Varianten gibt es leider nicht." Ob sich die SPD im Kreistag für oder gegen die Sanierung entscheidet, ist noch offen. Anfang nächster Woche werde die Fraktion darüber beraten. Persönlich macht Härtel kein Hehl daraus, dass sie eine neue Halle unterstützen würde, falls ein solcher Bau möglich sei. Davon würde nicht nur Minden profitieren, sondern der ganze Kreis.

Mindens Handball-Bundeligist GWD wäre noch ganz anders betroffen. „In der Kurzfristigkeit ist das für uns das schlimmste vorstellbare Szenario", sagt GWD-Geschäftsführer Markus Kalusche zu den jüngsten Entwicklungen. Der Auszug aus der gewohnten Heimspielstätte und der Umzug in eine neue sei „ein Kraftakt mit unabsehbaren Folgen." Erst im Sommer hat der Klub rund 50.000 Euro in die Kampa-Halle investiert, um neue Technik zu installieren: Eine große LED-Wand wurde angeschafft und das digitale Spielerfassungssystem Kinexon eingebaut.

Nun muss sich GWD neu orientieren: „Auf den ersten Blick gibt es keine andere Alternative als die Kreissporthalle in Lübbecke", sagt Kalusche. Dort ist nicht nur die Zuschauer-Kapazität deutlich geringer, auch die Vermarktungsmöglichkeiten sind schlechter. „Das wird uns wirtschaftlich treffen", befürchtet Kalusche. Er hofft, dass Fans und Sponsoren trotz der veränderten Lage treu zu GWD stehen.

Erste Kritik aus Reihen der Politik richtet sich gegen Landrat Niermann. Wie kommt der Kreis zu der rechtlichen Bewertung, dass die Halle nur dann mit temporären Maßnahmen wie Brandschutzwachen und reduzierter Kapazität weiter genutzt werden darf, wenn ein Sanierungsplan aufgestellt und terminiert werde? Der Politik wurden bisher lediglich Auszüge aus dem zentralen Gutachten bekanntgemacht.

Der Zauderer

Kommentar von Marcus Riechmann

Sagen Sie zehnmal nacheinander in schneller Folge die Worte Kampa-Halle, Brandschutzgutachten, Multifunktionsarena. Der Buchstabensalat, der dabei am Ende herauskommt, entspricht dem sich seit Jahren türmenden gewaltigen Durcheinander, das rund um die Sanierung von Kampa-Halle und Neubau einer Multifunktionsarena entstanden ist. In diesem festgefahrenen Dilemma hat Landrat Ralf Niermann einmal mehr die Rolle des Zauderers inne. Statt sich eindeutig zu positionieren und seiner politischen Aufgabe als Entwickler seiner Region nachzukommen, lässt er nach jahrelanger fruchtloser Debatte nun ein Geheimgutachten sprechen.

Mit dem Wissensvorsprung der Brandschutzakte setzt der Landrat nun den Beteiligten die Pistole auf die Brust: Der Kreistag darf entweder den Masterplan „Großsanierung Kampa-Halle" beschließen oder den Neubau einer kleinen Kreissport(funktions)halle am selben oder an einem anderen Ort. Falls sich die Politik beiden Alternativen verweigert, lässt Niermann die Kampa-Halle umgehend schließen. „Bätschi" würde Niermanns Parteikollegin Nahles angesichts der fein konstruierten Zwickmühle rufen.

Dabei gibt es durchaus Grund, sich zu verweigern, denn beide Varianten fressen die finanziellen Mittel des Kreises auf und schließen damit die Entwicklung einer Multihalle aus. Dabei wird immer klarer, dass dem Projekt am rechten Weserufer die Zukunft gehört und nicht der 50 Jahre alten Halle an der Hahler Straße. Millionen für die alternde Kampa-Halle sind Aufwendungen für ein Auslaufmodell. Die Pflicht der Politik ist es jedoch, in die Zukunft zu investieren.

Hier gibt es weitere Artikel zum Thema Multihalle

Hier finden Sie unsere Multimedia-Reportage zur Multihalle und dem Standort rechtes Weserufer

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