Ausfälle im Rettungsdienst: Alle Hintergründe zu den Auswirkungen der umstrittenen Impfaktion Sebastian Radermacher,Thomas Lieske Hille/Minden. Fieber, Schüttelfrost, Schmerzen: Gleich eine ganze Reihe von Mitarbeitern des Rettungsdienstes im Kreis Minden-Lübbecke hat am Freitag mit teils starken Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung zu kämpfen, die sie am Donnerstag erhalten hatten. Alle waren mit AstraZeneca geimpft worden. Nach MT-Informationen sind mindestens 30 Beschäftigte aus Rettungsdienst, Feuerwehr und Leitstelle am Freitag krankheitsbedingt ausgefallen. Das hat auch Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft – die Stimmung in den Rettungswachen ist explosiv. Personalausfall Gleich mehrere Mitarbeiter verschiedener Rettungswachen im Kreisgebiet haben sich ans MT gewandt. Demnach musste die Portaner Rettungswache in der Nacht zu Freitag einen Rettungswagen abmelden. Die Stadt Porta bestätigte dies am Freitagmittag. Wie Pressesprecherin Babette Lissner auf MT-Anfrage mitteilte, sei zunächst ein Mitarbeiter ausgefallen. Als sich auch ein zweiter Mitarbeiter gegen 23.45 Uhr aus dem Dienst zurückziehen musste, „konnte der zweite Rettungswagen nicht mehr besetzt werden". Die Besatzung hatte offenbar mit Fieber zu kämpfen. Zwei weitere Ausfälle hat es laut Lissner am Freitagmorgen gegeben. Dafür konnte die Stadt aber Vertretungen organisieren. Für die Stadt steht fest: Solch eine Situation soll sich in zwei Wochen beim zweiten Impftermin nicht wiederholen: „Es wird darauf hingewirkt, dass weitere Impfungen für die Mitarbeiter entsprechend so terminiert werden, dass eine solche Situation möglichst nicht mehr eintritt." Dramatischer stellte sich die Lage nach ersten Erkenntnissen in der Wache Rahden dar: Dort sollen neun Mitarbeiter ausgefallen sein, weil sie über heftige Nebenwirkungen der Impfung klagten. Zwischenzeitlich sei kein Rettungswagen mehr verfügbar gewesen, das Notarztfahrzeug konnte nach MT-Informationen nur notdürftig besetzt werden. Im Laufe des Freitags wurde ein Rettungswagen der Wache Lübbecke zur Aushilfe geschickt. Dadurch fehlte dort zeitweise ein reguläres Rettungsmittel. Auch in der Rettungswache Minden fiel am Freitag wegen der Impfungen Personal aus. Das bestätigte Feuerwehrchef Heino Nordmeyer. Wie viele Kollegen das gewesen seien, konnte er zunächst nicht sagen. Nach MT-Informationen gehen erste Schilderungen von acht bis zehn Mitarbeitern aus. Offenbar sind Feuerwehrleute, die eigentlich auf dem Löschzug eingesetzt gewesen wären, im Rettungsdienst eingesprungen. Heino Nordmeyer erklärte, dass die Impfung der Einsatzkräfte zunächst verteilt auf mehrere Termine hätte stattfinden sollen. Doch dann seien kurzfristig alle Impfungen auf den Donnerstag gelegt worden. Er hätte sich gewünscht, dass alles entzerrt worden wäre, sagte der Feuerwehrchef. Auf der anderen Seite sei es ihm aber auch wichtig, dass alle Mitarbeiter den Corona-Impfschutz erhielten. Kritik Innerhalb der Feuerwehr wurde die Maßnahme des Kreises von vielen Seiten deutlich kritisiert. In einer internen Rundmail vom vergangenen Dienstag, die dem MT vorliegt, ist von „großen logistischen Problemen" die Rede. Die Entscheidung, dass es nur noch einen Impftermin gibt, sei getroffen worden, „ohne mit den Dienststellen zu sprechen". Dennoch wolle man allen Impfwilligen ermöglichen, diesen Termin wahrzunehmen. Nach dem Impfchaos mit den vielen personellen Ausfällen sei die Stimmung „im Eimer", war aus den Reihen der Feuerwehr zu vernehmen. Andere Mitarbeiter sprachen gegenüber dem MT von einer „Frechheit, alle Mitarbeiter gleichzeitig zu impfen. Die Ausfälle waren vorherzusehen." Einige Kollegen seien aus dem Dienst heraus samt Rettungswagen nach Unterlübbe beordert worden – „das ist rechtswidrig", kommentierte ein Mitarbeiter. So hätten Ruhezeiten nach der Impfung bei anfallenden Einsätzen nicht eingehalten werden können. Bis zur eigentlichen Impfung sei der Großteil nicht informiert gewesen, welcher Impfstoff verwendet werde. „Das ist alles der reinste Wahnsinn. Am Freitag waren überdurchschnittlich viele Kollegen von Nebenwirkungen betroffen." Betroffene stellten immer wieder die Frage, warum der Impfstoff von AstraZeneca in der Weise verimpft werden musste. Der Impfstoff gilt als deutlich länger haltbar und besser händelbar als andere Impfstoffe. Vorgeschichte Die Impfaktion am Donnerstag hatte der Krisenstab des Kreises angeordnet. Wie Gesundheitsdezernent Hans-Joerg Deichholz auf MT-Anfrage mitteilte, habe der Kreis Ende vergangener Woche die Info erhalten, dass in den folgenden Tagen AstraZeneca-Impfstoff geliefert werde. Dieser darf bekanntlich nicht bei Menschen über 65 Jahre verwendet werden. Das Gesundheitsministerium habe darauf gedrängt, diesen ab Mitte der Woche zu verimpfen, um diese Berufsgruppe mit Blick auf die gefährlichen Mutationen so schnell wie möglich zu schützen. Der Krisenstab entschied daraufhin, den gesamten Rettungsdienst sowie Berufsfeuerwehrleute und Pflegedienstmitarbeiter kurzfristig am Donnerstag impfen zu lassen. Der Rettungsdienst sei ein wesentlicher Bereich des Gesundheitssystems, den man so schnell wie möglich durchimpfen wollte, begründete Deichholz. Im Übrigen stehe Minden-Lübbecke mit dieser Entscheidung nicht alleine da, betonte er. Viele andere Landkreise hätten in diesen Tagen ihre Rettungsdienstkräfte mit AstraZeneca geimpft – auch dort seien Nebenwirkungen aufgetreten. Trotz der krankheitsbedingten Ausfälle stellte er klar: „Wir werden den Rettungsdienst sicherstellen." Auch wenn am Freitag die Teams nicht in „optimaler Stärke" unterwegs gewesen seien. Das bekräftigte auch Cornelia Schöder, die Vorsitzende des Krisenstabs, am Nachmittag. Zu dem Zeitpunkt sei der Rettungsdienst, den der Kreis stellt, wieder voll einsatzfähig gewesen. Allerdings nicht nur durch eigene Kräfte, sondern durch Aushilfe des Roten Kreuzes. „Dieses Vorgehen, auf Kräfte des DRK zurückzugreifen, ist auch sonst bei krankheitsbedingten Ausfällen oder zu Spitzenzeiten üblich", betonte Schöder. Genaue Ausfallzahlen seien dem Kreis nicht bekannt. Nebenwirkungen Laut Deichholz wurden am Donnerstag insgesamt 320 AstraZeneca-Impfungen an Feuerwehrleute, Rettungsdienstkräfte und Pflegedienstmitarbeiter verabreicht. Und er bestätigte, dass mehrere Personen im Nachhinein über Nebenwirkungen klagten. Eine genaue Zahl konnte er nicht nennen. Nach Rücksprache mit der ärztlichen Leiterin des Impfzentrums handele es sich um normale Impfreaktionen. „Es gibt Chargen, in denen es mal mehr, mal weniger Nebenwirkungen gibt. Es kann zu einer Häufung von Reaktionen kommen. Dass diese gerade jetzt auftritt, damit haben wir nicht gerechnet." Und weiter: „Wir gehen davon aus, dass die Nebenwirkungen relativ schnell wieder abklingen." Ansturm aufs Impfzentrum Im und vor dem Impfzentrum herrschten am Donnerstag teils „chaotische Zustände", wie das MT von verschiedenen Quellen erfuhr. Das hatte mehrere Gründe. Zum einen wurden die genannten 320 Personen mit AstraZeneca geimpft, zum anderen strömten am Nachmittag zahlreiche Senioren nach Unterlübbe, die ebenfalls geimpft werden sollten. Denn wie Deichholz erläuterte, hatte der Kreis kurzfristig eine zusätzliche Charge des BioNtech-Impfstoffes erhalten, der im Impfzentrum verwendet werden sollte. Der Kreis kontaktierte daraufhin verschiedene Hausärzte und bat sie, bei ihren über 80-jährigen Patienten zu fragen, wer sich kurzfristig impfen lassen möchte. Eigentlich hätten am Donnerstag keine Senioren in Unterlübbe geimpft werden sollen – letztendlich waren es 174. Das Problem: „Die Senioren kamen pulkweise am Impfzentrum an. Es bildeten sich lange Warteschlangen", so Deichholz. Obendrein habe es noch technische Probleme mit dem System gegeben, was zu weiteren Wartezeiten geführt habe. Und dass der vierte Anmeldeschalter erst in ein paar Tagen freigegeben werden könne, sei noch hinzugekommen. Ein Senior aus Minden meldete sich beim MT: „Ich habe kurzfristig über meinen Hausarzt für mich und meine 83-jährige Frau einen Termin bekommen", erzählte der 85-Jährige. „Wir haben dort eine Stunde in der Kälte gestanden – es tat sich nichts. Das war sehr schlecht organisiert. Wir sind dann wieder nach Hause gefahren." Technische Probleme An der Anmeldung mischten sich am Donnerstag BioNtech- und AstraZeneca-Impfwillige. Letzteres sei mit ein Grund dafür gewesen, weshalb die Mitarbeiter zu Beginn der Impfaktion falsche Aufklärungsbögen zur AstraZeneca-Impfung verteilt hätten, gab Deichholz zu. Ein Impfwilliger berichtete, dass er kein Aufklärungsblatt zu AstraZeneca erhalten habe. Und er sei zwar nach seiner Krankenversicherungskarte gefragt worden, die er als Privatversicherter aber nicht habe. Anschließend habe dann jedoch niemand mehr nach seiner Identität gefragt: „Von vorne bis hinten wurde nichts kontrolliert – ich hätte auch meine Frau mitbringen können, das wäre mit absoluter Sicherheit nicht aufgefallen." Eine Impfung ohne Legitimation der persönlichen Daten hätte nicht passieren dürfen, sagte Deichholz. Dass am Donnerstag in einem solchen Fall jemand trotzdem geimpft worden ist, könne er nicht ausschließen. Seinen Angaben zufolge sei an diesem Tag am Ende alles zusammengekommen, er sprach von einer „logistischen Überforderung". In Zukunft werde der Kreis bei der Planung weiterer Impfungen, etwa von Ärzten oder Pflegediensten, darauf achten, dass nicht die gesamten Teams auf einmal geimpft werden, sondern aufgeteilt ins Zentrum kommen, kündigte er an. Hausgemacht Ein Kommentar von Benjamin Piel Es gibt unberechenbare Probleme – plötzlich sind sie da und keiner konnte sie kommen sehen. Das Impfchaos am Donnerstag gehört nicht in diese Kategorie. Denn es ist bestens bekannt, dass die Impfstoffe Nebenwirkungen haben können – bis hin zu deutlich ausgeprägten Grippe-Symptomen. Angesichts dessen alle Mitarbeiter aus Feuerwehr und Rettungsdienst aus dem Kreisgebiet gleichzeitig zur Impfung auflaufen zu lassen, war fahrlässig. Es bedeutete, sehenden Auges in ein Risiko erheblichen Ausmaßes zu laufen. Dabei hatte die Stadt Minden noch vor diesem Vorgehen gewarnt. Aber der Kreis zeigte sich uneinsichtig – und das bei so einem sensiblen Thema. Nebenbei hat der Kreis damit den Start seines Impfzentrums in den Sand gesetzt und nach der schiefgelaufenen Terminvergabe ein weiteres Mal vermittelt, dass es nicht läuft beim Thema impfen. Eine verheerende Signalwirkung.

Ausfälle im Rettungsdienst: Alle Hintergründe zu den Auswirkungen der umstrittenen Impfaktion

Nachdem Mitarbeiter von Rettungsdienst, Feuerwehr und Pflegediensten eine Impfung von AstraZeneca erhalten hatten, klagten am Freitag zahlreiche Mitarbeiter über Nebenwirkungen. Foto: Christian Ohde/imago images © imago images/Christian Ohde

Hille/Minden. Fieber, Schüttelfrost, Schmerzen: Gleich eine ganze Reihe von Mitarbeitern des Rettungsdienstes im Kreis Minden-Lübbecke hat am Freitag mit teils starken Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung zu kämpfen, die sie am Donnerstag erhalten hatten. Alle waren mit AstraZeneca geimpft worden. Nach MT-Informationen sind mindestens 30 Beschäftigte aus Rettungsdienst, Feuerwehr und Leitstelle am Freitag krankheitsbedingt ausgefallen. Das hat auch Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft – die Stimmung in den Rettungswachen ist explosiv.

Personalausfall

Gleich mehrere Mitarbeiter verschiedener Rettungswachen im Kreisgebiet haben sich ans MT gewandt. Demnach musste die Portaner Rettungswache in der Nacht zu Freitag einen Rettungswagen abmelden. Die Stadt Porta bestätigte dies am Freitagmittag. Wie Pressesprecherin Babette Lissner auf MT-Anfrage mitteilte, sei zunächst ein Mitarbeiter ausgefallen. Als sich auch ein zweiter Mitarbeiter gegen 23.45 Uhr aus dem Dienst zurückziehen musste, „konnte der zweite Rettungswagen nicht mehr besetzt werden". Die Besatzung hatte offenbar mit Fieber zu kämpfen. Zwei weitere Ausfälle hat es laut Lissner am Freitagmorgen gegeben. Dafür konnte die Stadt aber Vertretungen organisieren. Für die Stadt steht fest: Solch eine Situation soll sich in zwei Wochen beim zweiten Impftermin nicht wiederholen: „Es wird darauf hingewirkt, dass weitere Impfungen für die Mitarbeiter entsprechend so terminiert werden, dass eine solche Situation möglichst nicht mehr eintritt."

Dramatischer stellte sich die Lage nach ersten Erkenntnissen in der Wache Rahden dar: Dort sollen neun Mitarbeiter ausgefallen sein, weil sie über heftige Nebenwirkungen der Impfung klagten. Zwischenzeitlich sei kein Rettungswagen mehr verfügbar gewesen, das Notarztfahrzeug konnte nach MT-Informationen nur notdürftig besetzt werden. Im Laufe des Freitags wurde ein Rettungswagen der Wache Lübbecke zur Aushilfe geschickt. Dadurch fehlte dort zeitweise ein reguläres Rettungsmittel.

Auch in der Rettungswache Minden fiel am Freitag wegen der Impfungen Personal aus. Das bestätigte Feuerwehrchef Heino Nordmeyer. Wie viele Kollegen das gewesen seien, konnte er zunächst nicht sagen. Nach MT-Informationen gehen erste Schilderungen von acht bis zehn Mitarbeitern aus. Offenbar sind Feuerwehrleute, die eigentlich auf dem Löschzug eingesetzt gewesen wären, im Rettungsdienst eingesprungen.

Heino Nordmeyer erklärte, dass die Impfung der Einsatzkräfte zunächst verteilt auf mehrere Termine hätte stattfinden sollen. Doch dann seien kurzfristig alle Impfungen auf den Donnerstag gelegt worden. Er hätte sich gewünscht, dass alles entzerrt worden wäre, sagte der Feuerwehrchef. Auf der anderen Seite sei es ihm aber auch wichtig, dass alle Mitarbeiter den Corona-Impfschutz erhielten.

Kritik

Innerhalb der Feuerwehr wurde die Maßnahme des Kreises von vielen Seiten deutlich kritisiert. In einer internen Rundmail vom vergangenen Dienstag, die dem MT vorliegt, ist von „großen logistischen Problemen" die Rede. Die Entscheidung, dass es nur noch einen Impftermin gibt, sei getroffen worden, „ohne mit den Dienststellen zu sprechen". Dennoch wolle man allen Impfwilligen ermöglichen, diesen Termin wahrzunehmen. Nach dem Impfchaos mit den vielen personellen Ausfällen sei die Stimmung „im Eimer", war aus den Reihen der Feuerwehr zu vernehmen. Andere Mitarbeiter sprachen gegenüber dem MT von einer „Frechheit, alle Mitarbeiter gleichzeitig zu impfen. Die Ausfälle waren vorherzusehen." Einige Kollegen seien aus dem Dienst heraus samt Rettungswagen nach Unterlübbe beordert worden – „das ist rechtswidrig", kommentierte ein Mitarbeiter. So hätten Ruhezeiten nach der Impfung bei anfallenden Einsätzen nicht eingehalten werden können. Bis zur eigentlichen Impfung sei der Großteil nicht informiert gewesen, welcher Impfstoff verwendet werde. „Das ist alles der reinste Wahnsinn. Am Freitag waren überdurchschnittlich viele Kollegen von Nebenwirkungen betroffen." Betroffene stellten immer wieder die Frage, warum der Impfstoff von AstraZeneca in der Weise verimpft werden musste. Der Impfstoff gilt als deutlich länger haltbar und besser händelbar als andere Impfstoffe.

Vorgeschichte

Die Impfaktion am Donnerstag hatte der Krisenstab des Kreises angeordnet. Wie Gesundheitsdezernent Hans-Joerg Deichholz auf MT-Anfrage mitteilte, habe der Kreis Ende vergangener Woche die Info erhalten, dass in den folgenden Tagen AstraZeneca-Impfstoff geliefert werde. Dieser darf bekanntlich nicht bei Menschen über 65 Jahre verwendet werden. Das Gesundheitsministerium habe darauf gedrängt, diesen ab Mitte der Woche zu verimpfen, um diese Berufsgruppe mit Blick auf die gefährlichen Mutationen so schnell wie möglich zu schützen. Der Krisenstab entschied daraufhin, den gesamten Rettungsdienst sowie Berufsfeuerwehrleute und Pflegedienstmitarbeiter kurzfristig am Donnerstag impfen zu lassen. Der Rettungsdienst sei ein wesentlicher Bereich des Gesundheitssystems, den man so schnell wie möglich durchimpfen wollte, begründete Deichholz. Im Übrigen stehe Minden-Lübbecke mit dieser Entscheidung nicht alleine da, betonte er. Viele andere Landkreise hätten in diesen Tagen ihre Rettungsdienstkräfte mit AstraZeneca geimpft – auch dort seien Nebenwirkungen aufgetreten.

Trotz der krankheitsbedingten Ausfälle stellte er klar: „Wir werden den Rettungsdienst sicherstellen." Auch wenn am Freitag die Teams nicht in „optimaler Stärke" unterwegs gewesen seien. Das bekräftigte auch Cornelia Schöder, die Vorsitzende des Krisenstabs, am Nachmittag. Zu dem Zeitpunkt sei der Rettungsdienst, den der Kreis stellt, wieder voll einsatzfähig gewesen. Allerdings nicht nur durch eigene Kräfte, sondern durch Aushilfe des Roten Kreuzes. „Dieses Vorgehen, auf Kräfte des DRK zurückzugreifen, ist auch sonst bei krankheitsbedingten Ausfällen oder zu Spitzenzeiten üblich", betonte Schöder. Genaue Ausfallzahlen seien dem Kreis nicht bekannt.

Nebenwirkungen

Laut Deichholz wurden am Donnerstag insgesamt 320 AstraZeneca-Impfungen an Feuerwehrleute, Rettungsdienstkräfte und Pflegedienstmitarbeiter verabreicht. Und er bestätigte, dass mehrere Personen im Nachhinein über Nebenwirkungen klagten. Eine genaue Zahl konnte er nicht nennen. Nach Rücksprache mit der ärztlichen Leiterin des Impfzentrums handele es sich um normale Impfreaktionen.

„Es gibt Chargen, in denen es mal mehr, mal weniger Nebenwirkungen gibt. Es kann zu einer Häufung von Reaktionen kommen. Dass diese gerade jetzt auftritt, damit haben wir nicht gerechnet." Und weiter: „Wir gehen davon aus, dass die Nebenwirkungen relativ schnell wieder abklingen."

Ansturm aufs Impfzentrum

Im und vor dem Impfzentrum herrschten am Donnerstag teils „chaotische Zustände", wie das MT von verschiedenen Quellen erfuhr. Das hatte mehrere Gründe. Zum einen wurden die genannten 320 Personen mit AstraZeneca geimpft, zum anderen strömten am Nachmittag zahlreiche Senioren nach Unterlübbe, die ebenfalls geimpft werden sollten. Denn wie Deichholz erläuterte, hatte der Kreis kurzfristig eine zusätzliche Charge des BioNtech-Impfstoffes erhalten, der im Impfzentrum verwendet werden sollte. Der Kreis kontaktierte daraufhin verschiedene Hausärzte und bat sie, bei ihren über 80-jährigen Patienten zu fragen, wer sich kurzfristig impfen lassen möchte. Eigentlich hätten am Donnerstag keine Senioren in Unterlübbe geimpft werden sollen – letztendlich waren es 174.

Das Problem: „Die Senioren kamen pulkweise am Impfzentrum an. Es bildeten sich lange Warteschlangen", so Deichholz. Obendrein habe es noch technische Probleme mit dem System gegeben, was zu weiteren Wartezeiten geführt habe. Und dass der vierte Anmeldeschalter erst in ein paar Tagen freigegeben werden könne, sei noch hinzugekommen. Ein Senior aus Minden meldete sich beim MT: „Ich habe kurzfristig über meinen Hausarzt für mich und meine 83-jährige Frau einen Termin bekommen", erzählte der 85-Jährige. „Wir haben dort eine Stunde in der Kälte gestanden – es tat sich nichts. Das war sehr schlecht organisiert. Wir sind dann wieder nach Hause gefahren."

Technische Probleme

An der Anmeldung mischten sich am Donnerstag BioNtech- und AstraZeneca-Impfwillige. Letzteres sei mit ein Grund dafür gewesen, weshalb die Mitarbeiter zu Beginn der Impfaktion falsche Aufklärungsbögen zur AstraZeneca-Impfung verteilt hätten, gab Deichholz zu. Ein Impfwilliger berichtete, dass er kein Aufklärungsblatt zu AstraZeneca erhalten habe. Und er sei zwar nach seiner Krankenversicherungskarte gefragt worden, die er als Privatversicherter aber nicht habe. Anschließend habe dann jedoch niemand mehr nach seiner Identität gefragt: „Von vorne bis hinten wurde nichts kontrolliert – ich hätte auch meine Frau mitbringen können, das wäre mit absoluter Sicherheit nicht aufgefallen." Eine Impfung ohne Legitimation der persönlichen Daten hätte nicht passieren dürfen, sagte Deichholz. Dass am Donnerstag in einem solchen Fall jemand trotzdem geimpft worden ist, könne er nicht ausschließen.

Seinen Angaben zufolge sei an diesem Tag am Ende alles zusammengekommen, er sprach von einer „logistischen Überforderung". In Zukunft werde der Kreis bei der Planung weiterer Impfungen, etwa von Ärzten oder Pflegediensten, darauf achten, dass nicht die gesamten Teams auf einmal geimpft werden, sondern aufgeteilt ins Zentrum kommen, kündigte er an.

Hausgemacht

Ein Kommentar von Benjamin Piel

Es gibt unberechenbare Probleme – plötzlich sind sie da und keiner konnte sie kommen sehen. Das Impfchaos am Donnerstag gehört nicht in diese Kategorie.

Denn es ist bestens bekannt, dass die Impfstoffe Nebenwirkungen haben können – bis hin zu deutlich ausgeprägten Grippe-Symptomen. Angesichts dessen alle Mitarbeiter aus Feuerwehr und Rettungsdienst aus dem Kreisgebiet gleichzeitig zur Impfung auflaufen zu lassen, war fahrlässig. Es bedeutete, sehenden Auges in ein Risiko erheblichen Ausmaßes zu laufen. Dabei hatte die Stadt Minden noch vor diesem Vorgehen gewarnt. Aber der Kreis zeigte sich uneinsichtig – und das bei so einem sensiblen Thema.

Nebenbei hat der Kreis damit den Start seines Impfzentrums in den Sand gesetzt und nach der schiefgelaufenen Terminvergabe ein weiteres Mal vermittelt, dass es nicht läuft beim Thema impfen. Eine verheerende Signalwirkung.

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