Augenärzte mit Weitblick: Vor 50 Jahren eröffneten die Augenärzte Schmack und Stiller eine Gemeinschaftspraxis Claudia Hyna Minden. Die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen, Freiräume für Fortbildung schaffen und ein breites Spektrum an konservativen und operativen Behandlungen in der Praxis und im Klinikum bieten: Das sind die Vorteile einer medizinischen Gemeinschafts- gegenüber einer Einzelpraxis. Augenarzt Dr. Werner H. Schmack hat das vor 50 Jahren erkannt – und gründete am 1. Dezember 1971 vermutlich die erste Gemeinschaftspraxis in Westfalen und mit Dr. Gerhard Stiller die erste augenärztliche Gemeinschaftspraxis. Was heute üblich ist, war damals Pionierarbeit. „Ich hatte so viel zu operieren, dass ich die Praxis zeitweise schließen musste“, nennt Schmack rückblickend einen der Gründe, die ihn 1971 zu dem Schritt bewogen. 1965 hatte er nach dem Tod seines Vaters Dr. Franz Schmack dessen Praxis übernommen. Dieser hatte 1928 in Schlesien eine Praxis aufgebaut und nach seiner Vertreibung in Minden (zunächst in der Bäckerstraße, später am Scharn) weitergeführt.Das waren andere Zeiten: Berufliche Unfallverhütungsvorschriften steckten in den Kinderschuhen und eine Anschnallpflicht gab es nicht, erinnert sich der heute 89-Jährige. So kam es, dass er im Notdienst oft in der Nacht ein Gesicht nach einem Frontscheiben-Unfall zusammenflicken musste und beim 24-stündigen Bereitschaftsdienst tätig wurde. Die oft mehrstündigen Einsätze hätten seine Behandlungen am kommenden Tag beeinträchtigt. Darüber hinaus habe er sich im Falle einer Fortbildung, bei Krankheit oder Urlaub einen Vertreter suchen müssen. Und so begann der damals jüngste Mindener Augenarzt, nach einer Lösung zu suchen.Nach einer berufsständigen Genehmigung konnte er ab 1971 zusammen mit dem Kollegen Gerhard Stiller eine ärztliche Praxis führen. Mit zwei Anwälten haben die beiden die Verträge ausgearbeitet, da es keine Vorbilder für eine solche Form der gemeinsamen Berufsausübung gab. Schmack: „Ein Novum im niedergelassenen Bereich.“ Auf der Tagung des Berufsverbandes der Augenärzte in Wiesbaden wurden die Verträge vorgetragen und anschließend publiziert. 1983 wurde Dr. Kristian Gerstmeyer als dritter Partner aufgenommen und 1996 PD Dr. Hans-Joachim Hettlich. Schmack ging 1998 und Stiller 2000 in den Ruhestand. Kristian Gerstmeyer führte Belegabteilung und Praxis bis zu seinem Ruhestand 2018 weiter, anschließend Hans-Joachim Hettlich mit zwei weiteren Partnern. Heute ist sie an der Königstraße eines der großen operativen Augenzentren in Westfalen.Die Kooperation von Gemeinschaftspraxis und Belegabteilung habe die medizinische Versorgung verändert und erweitert, so Schmack. 1986 wurde der Neubau der Augenklinik am Klinikum Minden in Betrieb genommen. Berufspolitisch bedeutsam war die Operation des grauen Stars mit Ultraschall, (sogenannte Phakoemulsifikation) 1983 – als erste moderne Staroperation in Ostwestfalen. Sie leistete dem ambulanten Operieren erheblichen Vorschub. War früher ein zweiwöchiger stationärer Klinikaufenthalt für eine beidseitige Operation des grauen Stars üblich, konnten nunmehr die Patienten nach dem Eingriff nach Hause gehen. Die neue mikrochirurgische Technik ermöglichte eine operative Schnittgröße von nur 2,5 Millimetern am Auge.Zuvor mussten in „nicht immer einfachen Verhandlungen zur Abrechnung“ die Krankenkassen von den Vorteilen des ambulanten Operierens überzeugt werden. Dieses Konstrukt wurde als sogenanntes „Mindener Modell“ bekannt. Heute werden operative Eingriffe in der Augenheilkunde überwiegend ambulant ausgeführt, „denn im eigenen Bett schläft es sich besser“, wie Kristian Gerstmeyer anmerkt. Diese Behandlungs- und Vergütungsform hat Allgemeingültigkeit erlangt. Anfangs gab es allerdings nicht nur Applaus, sondern auch Widerstand erinnert sich Gerstmeyer (71). Stiller und Schmack verband fortan eine langjährige „berufliche Ehe“, wie der Kompagnon in einer Rede zum 25-jährigen Praxisjubiläum vortrug. Ziel sei die Arbeitsteilung und die berufliche Erleichterung gewesen, in Wahrheit sei jedoch das „Volumen eher verdoppelt“ worden, führte Stiller aus. Moderne Behandlungsgeräte und neue OP-Techniken hätten eine Erweiterung erforderlich gemacht und führten zum Umzug in die Strothmannsche Villa in der Stiftstraße, später in die Pöttcherstraße.Grauer oder grüner Star, Tumore, Lider- und Schiel-Operationen, Netzhaut-Ablösungen, Verletzungschirurgie und Laserbehandlung gehörten zum Leistungsspektrum. Darüber hinaus führten die drei die augenärztliche Belegabteilung am Klinikum Minden und den Consiliardienst weiter. Viele Kollegen hätten bei ihnen hospitiert, um das neue Modell kennenzulernen. Ganzjährige Praxisöffnung ohne Urlaubsunterbrechung, effiziente Verwaltung und Dokumentation sowie die Möglichkeit, neue Behandlungsmethoden aufzunehmen, seien die entscheidenden Vorteile der gemeinsamen Praxisausübung, beschreibt Dr. Schmack. Dazu kamen Kongresse und Tagungen, Publikationen und Vorträge und die Weiterbildung von Assistenten in der ambulanten Praxis. „War in einer Einzelpraxis der Zwölf-Stunden-Tag bestenfalls vom Hörensagen bekannt, konnten wir gemeinsam in der Gemeinschaftspraxis unsere Aufgaben effizienter und ruhiger angehen.“

Augenärzte mit Weitblick: Vor 50 Jahren eröffneten die Augenärzte Schmack und Stiller eine Gemeinschaftspraxis

Dr. Werner Schmack (links) erhielt 1996 die Jung-Stilling-Medaille vom Verein der Rheinisch-Westfälischen Augenärzte. Dr. Gerstmeyer ist heute Schriftführer dieses Vereins. MT-Foto: Claudia Hyna © hy

Minden. Die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen, Freiräume für Fortbildung schaffen und ein breites Spektrum an konservativen und operativen Behandlungen in der Praxis und im Klinikum bieten: Das sind die Vorteile einer medizinischen Gemeinschafts- gegenüber einer Einzelpraxis. Augenarzt Dr. Werner H. Schmack hat das vor 50 Jahren erkannt – und gründete am 1. Dezember 1971 vermutlich die erste Gemeinschaftspraxis in Westfalen und mit Dr. Gerhard Stiller die erste augenärztliche Gemeinschaftspraxis. Was heute üblich ist, war damals Pionierarbeit.

„Ich hatte so viel zu operieren, dass ich die Praxis zeitweise schließen musste“, nennt Schmack rückblickend einen der Gründe, die ihn 1971 zu dem Schritt bewogen. 1965 hatte er nach dem Tod seines Vaters Dr. Franz Schmack dessen Praxis übernommen. Dieser hatte 1928 in Schlesien eine Praxis aufgebaut und nach seiner Vertreibung in Minden (zunächst in der Bäckerstraße, später am Scharn) weitergeführt.

Das waren andere Zeiten: Berufliche Unfallverhütungsvorschriften steckten in den Kinderschuhen und eine Anschnallpflicht gab es nicht, erinnert sich der heute 89-Jährige. So kam es, dass er im Notdienst oft in der Nacht ein Gesicht nach einem Frontscheiben-Unfall zusammenflicken musste und beim 24-stündigen Bereitschaftsdienst tätig wurde. Die oft mehrstündigen Einsätze hätten seine Behandlungen am kommenden Tag beeinträchtigt. Darüber hinaus habe er sich im Falle einer Fortbildung, bei Krankheit oder Urlaub einen Vertreter suchen müssen. Und so begann der damals jüngste Mindener Augenarzt, nach einer Lösung zu suchen.

Nach einer berufsständigen Genehmigung konnte er ab 1971 zusammen mit dem Kollegen Gerhard Stiller eine ärztliche Praxis führen. Mit zwei Anwälten haben die beiden die Verträge ausgearbeitet, da es keine Vorbilder für eine solche Form der gemeinsamen Berufsausübung gab. Schmack: „Ein Novum im niedergelassenen Bereich.“

Auf der Tagung des Berufsverbandes der Augenärzte in Wiesbaden wurden die Verträge vorgetragen und anschließend publiziert. 1983 wurde Dr. Kristian Gerstmeyer als dritter Partner aufgenommen und 1996 PD Dr. Hans-Joachim Hettlich. Schmack ging 1998 und Stiller 2000 in den Ruhestand. Kristian Gerstmeyer führte Belegabteilung und Praxis bis zu seinem Ruhestand 2018 weiter, anschließend Hans-Joachim Hettlich mit zwei weiteren Partnern. Heute ist sie an der Königstraße eines der großen operativen Augenzentren in Westfalen.

Die Kooperation von Gemeinschaftspraxis und Belegabteilung habe die medizinische Versorgung verändert und erweitert, so Schmack. 1986 wurde der Neubau der Augenklinik am Klinikum Minden in Betrieb genommen. Berufspolitisch bedeutsam war die Operation des grauen Stars mit Ultraschall, (sogenannte Phakoemulsifikation) 1983 – als erste moderne Staroperation in Ostwestfalen. Sie leistete dem ambulanten Operieren erheblichen Vorschub. War früher ein zweiwöchiger stationärer Klinikaufenthalt für eine beidseitige Operation des grauen Stars üblich, konnten nunmehr die Patienten nach dem Eingriff nach Hause gehen. Die neue mikrochirurgische Technik ermöglichte eine operative Schnittgröße von nur 2,5 Millimetern am Auge.

Zuvor mussten in „nicht immer einfachen Verhandlungen zur Abrechnung“ die Krankenkassen von den Vorteilen des ambulanten Operierens überzeugt werden. Dieses Konstrukt wurde als sogenanntes „Mindener Modell“ bekannt. Heute werden operative Eingriffe in der Augenheilkunde überwiegend ambulant ausgeführt, „denn im eigenen Bett schläft es sich besser“, wie Kristian Gerstmeyer anmerkt. Diese Behandlungs- und Vergütungsform hat Allgemeingültigkeit erlangt. Anfangs gab es allerdings nicht nur Applaus, sondern auch Widerstand erinnert sich Gerstmeyer (71).

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Patrick Schwemmling

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Stiller und Schmack verband fortan eine langjährige „berufliche Ehe“, wie der Kompagnon in einer Rede zum 25-jährigen Praxisjubiläum vortrug. Ziel sei die Arbeitsteilung und die berufliche Erleichterung gewesen, in Wahrheit sei jedoch das „Volumen eher verdoppelt“ worden, führte Stiller aus. Moderne Behandlungsgeräte und neue OP-Techniken hätten eine Erweiterung erforderlich gemacht und führten zum Umzug in die Strothmannsche Villa in der Stiftstraße, später in die Pöttcherstraße.

Grauer oder grüner Star, Tumore, Lider- und Schiel-Operationen, Netzhaut-Ablösungen, Verletzungschirurgie und Laserbehandlung gehörten zum Leistungsspektrum. Darüber hinaus führten die drei die augenärztliche Belegabteilung am Klinikum Minden und den Consiliardienst weiter. Viele Kollegen hätten bei ihnen hospitiert, um das neue Modell kennenzulernen.

Dieses Foto einer Star-Operation (links Schwester Eva) entstand im letzten Berufsjahr von Werner Schmack 1998. Foto: privat - © pr
Dieses Foto einer Star-Operation (links Schwester Eva) entstand im letzten Berufsjahr von Werner Schmack 1998. Foto: privat - © pr

Ganzjährige Praxisöffnung ohne Urlaubsunterbrechung, effiziente Verwaltung und Dokumentation sowie die Möglichkeit, neue Behandlungsmethoden aufzunehmen, seien die entscheidenden Vorteile der gemeinsamen Praxisausübung, beschreibt Dr. Schmack. Dazu kamen Kongresse und Tagungen, Publikationen und Vorträge und die Weiterbildung von Assistenten in der ambulanten Praxis. „War in einer Einzelpraxis der Zwölf-Stunden-Tag bestenfalls vom Hörensagen bekannt, konnten wir gemeinsam in der Gemeinschaftspraxis unsere Aufgaben effizienter und ruhiger angehen.“

Dr. Schmack und Dr. Stiller am Tag der Eröffnung der Gemeinschaftspraxis 1971. - © Foto: privat
Dr. Schmack und Dr. Stiller am Tag der Eröffnung der Gemeinschaftspraxis 1971. - © Foto: privat
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