Aufs Huhn gekommen: Pandemie sorgt im Mühlenkreis für gestiegenes Interesse an Hühnerhaltung Leandra Finke Minden. Gackerndes Federvieh gehört zum Mindener Stadtbild. Seit dem ersten Lockdown vor knapp zwei Jahren flitzen aber nicht nur die bekannten Stadthühner durch Minden, auch weitere Menschen im Stadtgebiet haben Hühner als Pandemie-Hobby für sich entdeckt. Genau genommen geht der Trend zu den eigenen Legehennen. In den sozialen Netzwerken teilen deutschlandweit Hühnerhalter Fotos und ihren Alltag mit ihren geflügelten Lieblingen. Unter dem Hashtag „Hühner" sind bei Instagram rund 274.000 Bild-Beiträge zu finden. Auf Facebook tauschen sich tausende Geflügelfreunde in Gruppen wie „Hühner halten im eigenen Garten" über ihr Hobby aus und geben dort auch Anfängern Tipps. Schon seit einigen Jahren besteht der Hühner-Trend, aber die Nachfrage nach jungen Legehennen ist durch die Corona-Pandemie nochmals gestiegen. Das der Trend auch in Minden-Lübbecke angekommen ist, bestätigt Carsten Rohlfing, Vorsitzender des Rassegeflügelzuchtvereins Hahlen (RGZV). Auch der RGZV verzeichnet seit Pandemiebeginn einen Mitgliederzuwachs und nimmt das gesteigerte Interesse wahr. „Besonders häufig werden aktuell Seidenhühner gekauft. Diese Rasse ist beliebt, wegen dem hellen flauschigen Gefieder," sagt Rohlfing. Pickende Schnäbel, aufgeregtes Flügelschlagen und scharrende Krallen gehören seit dem ersten Lockdown auch zum Alltag von dem Jura-Studenten Moritz Wollert. Der 22-Jährige hat sich im April 2020 gemeinsam mit seiner Familie dazu entschieden, fünf Legehennen anzuschaffen. „Im ersten Lockdown schien die Versorgungsleistung mit den Beschränkungen unsicher und eine Legehenne kann zwischen drei bis fünf Eier pro Woche liefern. Damit ist man gut versorgt," findet der Jura-Student aus Bad Oeynhausen. Dadurch, dass er durch den Lockdown nicht vor Ort in Münster studieren konnte und viel Zeit in seinem Elternhaus verbrachte, hatte Wollert die Kapazitäten sich mit der Hühnerhaltung auseinanderzusetzen und zu informieren. Den Hühnerstall hat er mit seinem Vater im eigenen Garten gebaut und auch einen Teil des Grundstücks abgesteckt, damit die gefiederten Tiere genügend Auslauf und Platz zum Picken und Scharren haben. Im Herbst 2020 hat er diesen Teil ebenfalls überdacht. Damit sind die Tiere nicht nur vor Wildvögeln und der Tierseuche Vogelgrippe geschützt, sondern auch vor der Witterung. Kühlere Temperaturen im Winter machen den Hühnern übrigens nichts aus," betont Wollert. „Nur auf Zugluft reagieren sie empfindlich. Und man muss darauf achten, dass das Trinkwasser nicht einfriert." Neben der Pandemie sind auch weitere Faktoren für den Trend zum eigenen Huhn verantwortlich: Beispielsweise Lebensmittelskandale, die Vogelgrippe und die steigende Nachfrage an regionalen und Bio-Lebensmitteln. Auch Moritz Wollert legt Wert auf Nachhaltigkeit und Qualität: „Das Ei von den eigenen Hühnern hat einen ganz eigenen Geschmack und Qualität. Man merkt den Unterschied zum Supermarkt-Ei auch in der Farbe des Eigelbs." Mittlerweile stehe der Selbstversorgeraspekt für seine Familie aber nicht mehr im Vordergrund. Für den 22-Jährigen sind die Hennen zu mehr als Nutztieren geworden: „Für mich sind sie Haustiere, zu denen ich eine enge Verbindung aufgebaut habe. Sie haben auch alle einen Namen, eine individuelle Persönlichkeit und wir könnten es nicht übers Herz bringen, sie jemals zu schlachten und zu essen." Blausperber, Sussex, New Hampshire – Die Auswahl ist für Hühnerhalter groß. Der Corona-Trend zur Hühnerhaltung hat sich auch bei der Auetaler Geflügelfarm bemerkbar gemacht. „Besonders im Jahr 2020 ist die Nachfrage angestiegen. Im vergangenen Jahr hat es sich wieder auf Normalniveau eingependelt," erklärt Heike Lüdeking von dem niedersächsischen Familienbetrieb. Die hohe Nachfrage habe jedoch nicht zu einem Preisanstieg geführt. Im Sortiment hat die Geflügelfarm, die häufig auch im Kreis Minden-Lübbecke Tiere an Privatpersonen ausliefert, verschiedenstes Geflügel: Zum Beispiel Rassehühner, Enten, Gänse oder Puten. Dass Hühnerhaltung nicht nur auf dem Land möglich ist, zeigen die bekannten Mindener Stadthühner. Im sogenannten Schnurrviertel in der Altstadt sind einige von ihnen hin und wieder in freier Wildbahn anzutreffen . Aktuell ist dort die dritte Generation der lokalen Tierprominenz unterwegs. „Meist sind nur zwei Hennen in unserem Viertel auf freiem Fuß. Allerdings kommen beide nach ihren täglichen zweistündigen Ausflügen immer wieder zurück. Die anderen Hühner fühlen sich bei uns im Hinterhof wohler. Besonders Hahn Julio bleibt wegen seines fortgeschrittenen Alters lieber im Hof," erzählt Besitzerin Karina Fischer de Carrera. Gemeinsam mit ihrer Tochter kümmert sie sich dort um die vier Hennen Piepsi, Henrietta, Schecki und Maxima sowie Senior-Hahn Julio. Schon seit rund zwölf Jahren halten sie Hühner. Auch das sogenannte Hinterhof-Huhn liegt derzeit voll im Trend: „Urban Livestock Farming" nennt sich das Phänomen, das übersetzt städtische Landwirtschaft bedeutet. Dabei steigen immer mehr Städter in die Nutztierhaltung ein. Der Trend kommt aus den USA und verbreitet sich auch immer mehr in deutschen Städten. Für die beiden Vegetarierinnen Karina Fischer de Carrera und ihre Tochter sind ihre zahmen Stadthühner mehr als bloße Nutztiere. Beide betrachten ihre Lieblinge als Haustiere und auch die Aspekte Nachhaltigkeit und Tierwohl liegen ihnen am Herzen. Trotzdem möchte Karina Fischer de Carrera vorerst keinen Hühner-Nachwuchs mehr großziehen. Bei der letzten Brut im vergangenen Jahr sind sieben Küken geschlüpft – darunter drei Hennen und vier Hähne. „Für so viele Tiere haben wir im Hof nicht genug Platz gehabt. Leider sind viele Hähne in der Hühnerhaltung ein Problem, denn oftmals verstehen sie sich untereinander nicht und kämpfen oder belästigen die wenigen Hennen. Das ist eine schwierige Sache, denn Hähne sind deshalb auch nur schwer weiterzuvermitteln," bedauert die Besitzerin im MT-Gespräch. Im Mindener Tierheim sind übrigens bislang noch keine ungeliebten Hühner abgegeben worden, berichtet Tierheimleiterin Sabrina Driftmann. Auch sei das Tierheim eigentlich nicht auf die Aufnahme von Hühnern ausgelegt. Trotzdem kümmern sich ihre Mitarbeiter um aufgefundenes Federvieh und arbeiten für die Weitervermittlung mit „Rettet das Huhn e.V." zusammen. Der aus Spenden finanzierte Verein nimmt hauptsächlich Hennen aus Legebetrieben und Massentierhaltung auf, deren Legeleistung nachgelassen hat und die aufgrund dessen geschlachtet werden sollen. Aber auch Hühnern von privaten Haltern nimmt sich der Verein an. Jährlich vermittelt „Rettet das Huhn" über 10.000 Hennen an Tierliebhaber, die den Hennen ein artgerechtes Altern und einen natürlichen Tod ermöglichen wollen. Zu diesen tierlieben Menschen gehören auch Sabine Kober, Christel Erfmeyer und Anke Erfmeyer. Die drei Frauen aus Minden haben schon einige solcher Hennen aufgenommen und halten diese in ihrem weitläufigen Garten an der Lübbecker Straße. „Wir peppeln die Hennen aus Legebatterien oder schlechter privater Haltung wieder auf und pflegen sie. Hier können sie ein glückliches Hühnerleben führen. Leider kommen sie oftmals in einem zerrupftem Zustand zu uns. Da hilft dann Silberspray, dass auf die federfreien Stellen aufgetragen wird," erklärt Christel Erfmeyer. Acht zahme Hühner und zwei Hähne flitzen dort in den warmen Monaten des Jahres über das Grundstück und verstehen sich auch mit den Hunden Rocky und Klara sehr gut, die darauf aufpassen, dass kein Huhn ausbüxt. „Uns macht die Hühnerhaltung einfach Spaß," betont Sabine Kober. Wer mit dem Gedanken spielt, sich selbst Hühner anzuschaffen, kann zunächst mit Miet-Hühnern Erfahrungen sammeln. Ein Huhn auf Probe gibt es seit 2020 bei dem Hof Munzel-Piepenbrink in Coppenbrügge. Cathrin Piepenbrink leitet mit ihrem Mann den Hof im Landkreis Hameln-Pyrmont in Niedersachsen. Seit 2018 halten sie dort auch selbst Hennen in mobilen Ställen. Ihre Hühner liefern sie in der Miet-Saison zwischen April bis Ende Oktober auch bis nach Minden oder Porta Westfalica aus. „In Minden hatten wir bereits einen Kunden. Eine längere Anfahrt wäre aber nicht zumutbar. Das ist zu viel Stress für die Tiere," findet Cathrin Piepenbrink. Viele ihrer Kunden hätten noch keine Erfahrung mit der Hühnerhaltung und probieren so aus, wie der Tagesablauf mit den Tieren funktioniert und wie viel Arbeit anfällt. „Grundsätzlich braucht ein glückliches Huhn nicht viel. Die Tiere brauchen Platz, um zu buddeln und im Sand baden zu können, einen sicheren Zufluchtsort vor Witterung, Futter und natürlich auch Impfungen, um vor Krankheiten geschützt zu sein," sagt die 39-Jährige. Bestimmte Vorkenntnisse werden für die neuen Hühnerhalter nicht vorausgesetzt: Zu den Starterpaketen bestehend aus drei bis sechs Hühnern, einem Stall, Zaun und Futter gibt es auch eine mündliche und schriftliche Unterweisung für die Hühner-Neulinge. Zu ihren Kunden zählen laut Piepenbrink hauptsächlich Familien mit Kindern oder Senioren. Aber auch Seniorenzentren, Kindergärten und Schulen würden das Angebot annehmen – bisher sei die Resonanz positiv ausgefallen.

Aufs Huhn gekommen: Pandemie sorgt im Mühlenkreis für gestiegenes Interesse an Hühnerhaltung

Die Hühner von Karina Fischer de Carrera fühlen sich schon seit Jahren in der Mindener Altstadt pudelwohl. Mittlerweile ist schon die dritte Generation der Stadthühner im Schnurrviertel anzutreffen. Foto: © Leandra Finke

Minden. Gackerndes Federvieh gehört zum Mindener Stadtbild. Seit dem ersten Lockdown vor knapp zwei Jahren flitzen aber nicht nur die bekannten Stadthühner durch Minden, auch weitere Menschen im Stadtgebiet haben Hühner als Pandemie-Hobby für sich entdeckt. Genau genommen geht der Trend zu den eigenen Legehennen. In den sozialen Netzwerken teilen deutschlandweit Hühnerhalter Fotos und ihren Alltag mit ihren geflügelten Lieblingen. Unter dem Hashtag „Hühner" sind bei Instagram rund 274.000 Bild-Beiträge zu finden. Auf Facebook tauschen sich tausende Geflügelfreunde in Gruppen wie „Hühner halten im eigenen Garten" über ihr Hobby aus und geben dort auch Anfängern Tipps.

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Schon seit einigen Jahren besteht der Hühner-Trend, aber die Nachfrage nach jungen Legehennen ist durch die Corona-Pandemie nochmals gestiegen. Das der Trend auch in Minden-Lübbecke angekommen ist, bestätigt Carsten Rohlfing, Vorsitzender des Rassegeflügelzuchtvereins Hahlen (RGZV). Auch der RGZV verzeichnet seit Pandemiebeginn einen Mitgliederzuwachs und nimmt das gesteigerte Interesse wahr. „Besonders häufig werden aktuell Seidenhühner gekauft. Diese Rasse ist beliebt, wegen dem hellen flauschigen Gefieder," sagt Rohlfing.

Pickende Schnäbel, aufgeregtes Flügelschlagen und scharrende Krallen gehören seit dem ersten Lockdown auch zum Alltag von dem Jura-Studenten Moritz Wollert. Der 22-Jährige hat sich im April 2020 gemeinsam mit seiner Familie dazu entschieden, fünf Legehennen anzuschaffen. „Im ersten Lockdown schien die Versorgungsleistung mit den Beschränkungen unsicher und eine Legehenne kann zwischen drei bis fünf Eier pro Woche liefern. Damit ist man gut versorgt," findet der Jura-Student aus Bad Oeynhausen. Dadurch, dass er durch den Lockdown nicht vor Ort in Münster studieren konnte und viel Zeit in seinem Elternhaus verbrachte, hatte Wollert die Kapazitäten sich mit der Hühnerhaltung auseinanderzusetzen und zu informieren. Den Hühnerstall hat er mit seinem Vater im eigenen Garten gebaut und auch einen Teil des Grundstücks abgesteckt, damit die gefiederten Tiere genügend Auslauf und Platz zum Picken und Scharren haben. Im Herbst 2020 hat er diesen Teil ebenfalls überdacht. Damit sind die Tiere nicht nur vor Wildvögeln und der Tierseuche Vogelgrippe geschützt, sondern auch vor der Witterung. Kühlere Temperaturen im Winter machen den Hühnern übrigens nichts aus," betont Wollert. „Nur auf Zugluft reagieren sie empfindlich. Und man muss darauf achten, dass das Trinkwasser nicht einfriert."


Viele private Hühnerhalter können nicht nur sich selbst, sondern auch Nachbarn, Freunde und Familie mit frischen Eiern versorgen. Foto: - © Leandra Finke
Viele private Hühnerhalter können nicht nur sich selbst, sondern auch Nachbarn, Freunde und Familie mit frischen Eiern versorgen. Foto: - © Leandra Finke

Neben der Pandemie sind auch weitere Faktoren für den Trend zum eigenen Huhn verantwortlich: Beispielsweise Lebensmittelskandale, die Vogelgrippe und die steigende Nachfrage an regionalen und Bio-Lebensmitteln. Auch Moritz Wollert legt Wert auf Nachhaltigkeit und Qualität: „Das Ei von den eigenen Hühnern hat einen ganz eigenen Geschmack und Qualität. Man merkt den Unterschied zum Supermarkt-Ei auch in der Farbe des Eigelbs." Mittlerweile stehe der Selbstversorgeraspekt für seine Familie aber nicht mehr im Vordergrund. Für den 22-Jährigen sind die Hennen zu mehr als Nutztieren geworden: „Für mich sind sie Haustiere, zu denen ich eine enge Verbindung aufgebaut habe. Sie haben auch alle einen Namen, eine individuelle Persönlichkeit und wir könnten es nicht übers Herz bringen, sie jemals zu schlachten und zu essen."

Besonders gerne baden Hühner in Sand, um ihr Gefieder zu reinigen. MT-Foto: - © Leandra Finke
Besonders gerne baden Hühner in Sand, um ihr Gefieder zu reinigen. MT-Foto: - © Leandra Finke

Blausperber, Sussex, New Hampshire – Die Auswahl ist für Hühnerhalter groß. Der Corona-Trend zur Hühnerhaltung hat sich auch bei der Auetaler Geflügelfarm bemerkbar gemacht. „Besonders im Jahr 2020 ist die Nachfrage angestiegen. Im vergangenen Jahr hat es sich wieder auf Normalniveau eingependelt," erklärt Heike Lüdeking von dem niedersächsischen Familienbetrieb. Die hohe Nachfrage habe jedoch nicht zu einem Preisanstieg geführt. Im Sortiment hat die Geflügelfarm, die häufig auch im Kreis Minden-Lübbecke Tiere an Privatpersonen ausliefert, verschiedenstes Geflügel: Zum Beispiel Rassehühner, Enten, Gänse oder Puten.

Dass Hühnerhaltung nicht nur auf dem Land möglich ist, zeigen die bekannten Mindener Stadthühner. Im sogenannten Schnurrviertel in der Altstadt sind einige von ihnen hin und wieder in freier Wildbahn anzutreffen . Aktuell ist dort die dritte Generation der lokalen Tierprominenz unterwegs. „Meist sind nur zwei Hennen in unserem Viertel auf freiem Fuß. Allerdings kommen beide nach ihren täglichen zweistündigen Ausflügen immer wieder zurück. Die anderen Hühner fühlen sich bei uns im Hinterhof wohler. Besonders Hahn Julio bleibt wegen seines fortgeschrittenen Alters lieber im Hof," erzählt Besitzerin Karina Fischer de Carrera. Gemeinsam mit ihrer Tochter kümmert sie sich dort um die vier Hennen Piepsi, Henrietta, Schecki und Maxima sowie Senior-Hahn Julio. Schon seit rund zwölf Jahren halten sie Hühner.

Auch das sogenannte Hinterhof-Huhn liegt derzeit voll im Trend: „Urban Livestock Farming" nennt sich das Phänomen, das übersetzt städtische Landwirtschaft bedeutet. Dabei steigen immer mehr Städter in die Nutztierhaltung ein. Der Trend kommt aus den USA und verbreitet sich auch immer mehr in deutschen Städten. Für die beiden Vegetarierinnen Karina Fischer de Carrera und ihre Tochter sind ihre zahmen Stadthühner mehr als bloße Nutztiere. Beide betrachten ihre Lieblinge als Haustiere und auch die Aspekte Nachhaltigkeit und Tierwohl liegen ihnen am Herzen.

Trotzdem möchte Karina Fischer de Carrera vorerst keinen Hühner-Nachwuchs mehr großziehen. Bei der letzten Brut im vergangenen Jahr sind sieben Küken geschlüpft – darunter drei Hennen und vier Hähne. „Für so viele Tiere haben wir im Hof nicht genug Platz gehabt. Leider sind viele Hähne in der Hühnerhaltung ein Problem, denn oftmals verstehen sie sich untereinander nicht und kämpfen oder belästigen die wenigen Hennen. Das ist eine schwierige Sache, denn Hähne sind deshalb auch nur schwer weiterzuvermitteln," bedauert die Besitzerin im MT-Gespräch.

Im Mindener Tierheim sind übrigens bislang noch keine ungeliebten Hühner abgegeben worden, berichtet Tierheimleiterin Sabrina Driftmann. Auch sei das Tierheim eigentlich nicht auf die Aufnahme von Hühnern ausgelegt. Trotzdem kümmern sich ihre Mitarbeiter um aufgefundenes Federvieh und arbeiten für die Weitervermittlung mit „Rettet das Huhn e.V." zusammen. Der aus Spenden finanzierte Verein nimmt hauptsächlich Hennen aus Legebetrieben und Massentierhaltung auf, deren Legeleistung nachgelassen hat und die aufgrund dessen geschlachtet werden sollen. Aber auch Hühnern von privaten Haltern nimmt sich der Verein an. Jährlich vermittelt „Rettet das Huhn" über 10.000 Hennen an Tierliebhaber, die den Hennen ein artgerechtes Altern und einen natürlichen Tod ermöglichen wollen.

Zu diesen tierlieben Menschen gehören auch Sabine Kober, Christel Erfmeyer und Anke Erfmeyer. Die drei Frauen aus Minden haben schon einige solcher Hennen aufgenommen und halten diese in ihrem weitläufigen Garten an der Lübbecker Straße. „Wir peppeln die Hennen aus Legebatterien oder schlechter privater Haltung wieder auf und pflegen sie. Hier können sie ein glückliches Hühnerleben führen. Leider kommen sie oftmals in einem zerrupftem Zustand zu uns. Da hilft dann Silberspray, dass auf die federfreien Stellen aufgetragen wird," erklärt Christel Erfmeyer. Acht zahme Hühner und zwei Hähne flitzen dort in den warmen Monaten des Jahres über das Grundstück und verstehen sich auch mit den Hunden Rocky und Klara sehr gut, die darauf aufpassen, dass kein Huhn ausbüxt. „Uns macht die Hühnerhaltung einfach Spaß," betont Sabine Kober.

Christel Erfmeyer, Anke Erfmeyer und Sabine Kober haben Hennen aus Legebatterien ein neues Zuhause geschenkt. Foto: Leandra Finke - © Leandra Finke
Christel Erfmeyer, Anke Erfmeyer und Sabine Kober haben Hennen aus Legebatterien ein neues Zuhause geschenkt. Foto: Leandra Finke - © Leandra Finke

Wer mit dem Gedanken spielt, sich selbst Hühner anzuschaffen, kann zunächst mit Miet-Hühnern Erfahrungen sammeln. Ein Huhn auf Probe gibt es seit 2020 bei dem Hof Munzel-Piepenbrink in Coppenbrügge. Cathrin Piepenbrink leitet mit ihrem Mann den Hof im Landkreis Hameln-Pyrmont in Niedersachsen. Seit 2018 halten sie dort auch selbst Hennen in mobilen Ställen. Ihre Hühner liefern sie in der Miet-Saison zwischen April bis Ende Oktober auch bis nach Minden oder Porta Westfalica aus. „In Minden hatten wir bereits einen Kunden. Eine längere Anfahrt wäre aber nicht zumutbar. Das ist zu viel Stress für die Tiere," findet Cathrin Piepenbrink. Viele ihrer Kunden hätten noch keine Erfahrung mit der Hühnerhaltung und probieren so aus, wie der Tagesablauf mit den Tieren funktioniert und wie viel Arbeit anfällt. „Grundsätzlich braucht ein glückliches Huhn nicht viel. Die Tiere brauchen Platz, um zu buddeln und im Sand baden zu können, einen sicheren Zufluchtsort vor Witterung, Futter und natürlich auch Impfungen, um vor Krankheiten geschützt zu sein," sagt die 39-Jährige. Bestimmte Vorkenntnisse werden für die neuen Hühnerhalter nicht vorausgesetzt: Zu den Starterpaketen bestehend aus drei bis sechs Hühnern, einem Stall, Zaun und Futter gibt es auch eine mündliche und schriftliche Unterweisung für die Hühner-Neulinge. Zu ihren Kunden zählen laut Piepenbrink hauptsächlich Familien mit Kindern oder Senioren. Aber auch Seniorenzentren, Kindergärten und Schulen würden das Angebot annehmen – bisher sei die Resonanz positiv ausgefallen.

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