Auf verirrter Mission: Soldat hat im Einsatz versucht, Menschen von einer Impfung abzuhalten Stefanie Dullweber Hille/Minden. Ein Soldat weist der Autofahrerin einen Parkplatz zu, fragt sie, ob sie „Probandin" sei. Die Frau geht nicht weiter auf den Spruch ein. „Ich habe mir nichts dabei gedacht", sagt die Angesprochene rückblickend. Sie habe geglaubt, der Mann in Unform sei auf einen Flirt aus gewesen. Dann habe sie das Auto auf dem Parkplatz abgestellt und sei zu ihrem vereinbarten Impftermin in die Sporthalle gegangen. Erst im Gespräch mit anderen Betroffenen sei ihr klar geworden, dass der Soldat versucht habe, sie zu beeinflussen. Sie macht den Vorfall gegenüber dem Mindener Tageblatt öffentlich. Eine andere Frau wird ebenfalls von dem Soldaten angesprochen. Er bezeichnet sie als „Impfopfer", bedrängt sie. Er fragt, ob sie überhaupt wisse, was ihr dort für ein Stoff verabreicht werde. Der Uniformierte geht dem Wagen hinterher und lässt nicht locker, auf sie einzureden. Schließlich überzeugt der Mann sie, ihren Impftermin verstreichen zu lassen. Die Frau fährt nach Hause, ohne die Injektion bekommen zu haben. Ob und wann sie ihren für den Tag vereinbarten Impftermin nachholen kann, ist derzeit unklar. Die beiden Frauen sind nicht die einzigen, die die Vorfälle bestätigen. Beim MT haben sich inzwischen mehrere Menschen gemeldet, die Ähnliches erlebt haben. Die geschilderten Vorfälle ereigneten sich laut MT-Informationen am vorletzten Februar-Wochenende am Impfzentrum in Unterlübbe. Dort leisten seit dem 8. Februar zehn Soldaten des Panzerpionierbataillons 130 der Mindener Herzog-von-Braunschweig-Kaserne Amtshilfe. Sie zeigen den Leuten, wo sie parken können, bringen ältere Menschen mit Rollator bis zur Tür, geben Hilfestellung. Menschen von einer Impfung abzuhalten, gehört nicht zum Aufgabenspektrum. Die Bundeswehr bestätigt die Vorfälle und drückt ihr Bedauern aus. „Dieser Soldat vertritt nicht die Sichtweise der Bundeswehr", betont Major André Burdich, Pressestabsoffizier des Panzerpionierbataillons 130. Intern nehme man das Geschehene „sehr ernst" und bedauere, dass es zu den Vorfällen gekommen sei. Sofort nach Bekanntwerden habe die Bundeswehr Ermittlungen aufgenommen. Der Fall habe Konsequenzen. Wie genau die aussehen, kann der Presseoffizier nicht sage. Er verweist auf das laufende Verfahren. Nur so viel teilt Burdich mit: Der betreffende Soldat sei vom Impfzentrum in Unterlübbe abberufen worden. Er werde dort auch in Zukunft nicht mehr eingesetzt. Es dürfe nicht sein, dass ein Einzelner ein schlechtes Bild auf die Arbeit der Bundeswehr werfe, hebt Burdich hervor. Ihm ist besonders eine Botschaft wichtig: „Das steht nicht im Zusammenhang mit den vielen Soldaten, die seit Beginn der Pandemie in der Amtshilfe eingesetzt sind." Die Bundeswehr nehme ihre Aufgabe in diesem Bereich sehr ernst. Der Major verspricht: „Wir tun alles dafür, diesen Sachverhalt verzugslos und umfassend aufzuklären." Der Presseoffizier betont, dass es sich bei dem Vorfall in Unterlübbe um einen Einzelfall handele. Insgesamt sind laut André Burdich 180 Soldaten aus dem Panzerpionierbataillon 130 aus Minden in der Amtshilfe tätig. Eingesetzt sind sie unter anderem in Alten- und Pflegeheimen, in der Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern und eben auch in Impfzentren. 30 von ihnen erledigen diese Aufgaben im Kreis Minden-Lübbecke, weitere Soldaten sind beispielsweise in Kassel, Diepholz, Rehburg-Loccum oder Mönchengladbach aktiv. „Sie leisteten dort ihren wichtigen Beitrag zur Eindämmung und Bekämpfung der Pandemie", so Burdich weiter. Laut Angaben der Bundeswehr unterstützen bundesweit etwa 15.000 Soldatinnen und Soldaten in den Landkreisen, deren eigene personelle Möglichkeiten erschöpft sind. Dabei übernehmen sie verschiedene Aufgaben wie das Bereitstellen von Feldbetten oder Laborkapazitäten bis hin zum Betrieb von Testzentren in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) und den Maltesern. Koordiniert werden die Einsätze von vier regionalen Führungsstäben, die im April vergangenen Jahres aufgestellt wurden. Jeder Führungsstab ist für mehrere Bundesländer verantwortlich – für Nordrhein-Westfalen ist es die Panzerdivision mit Sitz in Oldenburg. Das Leitbild ist kein Freibrief Kommentar von Henning Wandel Mit ihrem Leitbild des Staatsbürgers in Uniform reduziert die Bundeswehr ihre Soldaten nicht auf die Rolle von Befehlsempfängern. Im Gegenteil: Sie billigt ihnen nicht nur eine eigene Meinung zu, sondern fordert ein aktives Eintreten für die Werte des Grundgesetzes. Das gilt grundsätzlich immer, vor allem aber beim Tragen der Uniform und ohne Zweifel ganz besonders im Dienst. Mit ihrem Einsatz in der Pandemie beweisen allein 180 Mindener Pioniere jeden Tag, dass sie ein wichtiger Teil der Gesellschaft sind und sein wollen. Dafür gab es zuletzt auch immer wieder Lob. Umso unerträglicher ist es, wenn aus diesen Reihen heraus Menschen mit verschwörungstheoretischen Parolen angegangen, eingeschüchtert und zum Teil sogar von der Impfung abgehalten werden. Das hehre Leitbild und die Meinungsfreiheit des einzelnen Soldaten geraten dort an eine Grenze, wo nicht nur vorsätzlich der Auftrag sabotiert wird, sondern gleichzeitig wieder einmal eine ganze Berufsgruppe in kollektive Haftung genommen zu werden droht. Die Bundeswehr tut gut daran, diesen Fall disziplinarisch aufzuarbeiten. Nicht nur für die eigene Reputation, sondern für die Soldaten, die auch heute und morgen wieder am Impfzentrum stehen und helfen. Das Verfahren läuft bereits. Richtig so.

Auf verirrter Mission: Soldat hat im Einsatz versucht, Menschen von einer Impfung abzuhalten

Zehn Soldaten der Mindener Pioniere sind seit Anfang Februar am Impfentrum im Dienst. MT-Foto: Alex Lehn © Alex Lehn

Hille/Minden. Ein Soldat weist der Autofahrerin einen Parkplatz zu, fragt sie, ob sie „Probandin" sei. Die Frau geht nicht weiter auf den Spruch ein. „Ich habe mir nichts dabei gedacht", sagt die Angesprochene rückblickend. Sie habe geglaubt, der Mann in Unform sei auf einen Flirt aus gewesen. Dann habe sie das Auto auf dem Parkplatz abgestellt und sei zu ihrem vereinbarten Impftermin in die Sporthalle gegangen. Erst im Gespräch mit anderen Betroffenen sei ihr klar geworden, dass der Soldat versucht habe, sie zu beeinflussen. Sie macht den Vorfall gegenüber dem Mindener Tageblatt öffentlich.

Eine andere Frau wird ebenfalls von dem Soldaten angesprochen. Er bezeichnet sie als „Impfopfer", bedrängt sie. Er fragt, ob sie überhaupt wisse, was ihr dort für ein Stoff verabreicht werde. Der Uniformierte geht dem Wagen hinterher und lässt nicht locker, auf sie einzureden. Schließlich überzeugt der Mann sie, ihren Impftermin verstreichen zu lassen. Die Frau fährt nach Hause, ohne die Injektion bekommen zu haben. Ob und wann sie ihren für den Tag vereinbarten Impftermin nachholen kann, ist derzeit unklar.

Die beiden Frauen sind nicht die einzigen, die die Vorfälle bestätigen. Beim MT haben sich inzwischen mehrere Menschen gemeldet, die Ähnliches erlebt haben. Die geschilderten Vorfälle ereigneten sich laut MT-Informationen am vorletzten Februar-Wochenende am Impfzentrum in Unterlübbe. Dort leisten seit dem 8. Februar zehn Soldaten des Panzerpionierbataillons 130 der Mindener Herzog-von-Braunschweig-Kaserne Amtshilfe. Sie zeigen den Leuten, wo sie parken können, bringen ältere Menschen mit Rollator bis zur Tür, geben Hilfestellung. Menschen von einer Impfung abzuhalten, gehört nicht zum Aufgabenspektrum.

Die Bundeswehr bestätigt die Vorfälle und drückt ihr Bedauern aus. „Dieser Soldat vertritt nicht die Sichtweise der Bundeswehr", betont Major André Burdich, Pressestabsoffizier des Panzerpionierbataillons 130. Intern nehme man das Geschehene „sehr ernst" und bedauere, dass es zu den Vorfällen gekommen sei.

Sofort nach Bekanntwerden habe die Bundeswehr Ermittlungen aufgenommen. Der Fall habe Konsequenzen. Wie genau die aussehen, kann der Presseoffizier nicht sage. Er verweist auf das laufende Verfahren. Nur so viel teilt Burdich mit: Der betreffende Soldat sei vom Impfzentrum in Unterlübbe abberufen worden. Er werde dort auch in Zukunft nicht mehr eingesetzt.

Es dürfe nicht sein, dass ein Einzelner ein schlechtes Bild auf die Arbeit der Bundeswehr werfe, hebt Burdich hervor. Ihm ist besonders eine Botschaft wichtig: „Das steht nicht im Zusammenhang mit den vielen Soldaten, die seit Beginn der Pandemie in der Amtshilfe eingesetzt sind." Die Bundeswehr nehme ihre Aufgabe in diesem Bereich sehr ernst. Der Major verspricht: „Wir tun alles dafür, diesen Sachverhalt verzugslos und umfassend aufzuklären." Der Presseoffizier betont, dass es sich bei dem Vorfall in Unterlübbe um einen Einzelfall handele.

Insgesamt sind laut André Burdich 180 Soldaten aus dem Panzerpionierbataillon 130 aus Minden in der Amtshilfe tätig. Eingesetzt sind sie unter anderem in Alten- und Pflegeheimen, in der Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern und eben auch in Impfzentren. 30 von ihnen erledigen diese Aufgaben im Kreis Minden-Lübbecke, weitere Soldaten sind beispielsweise in Kassel, Diepholz, Rehburg-Loccum oder Mönchengladbach aktiv. „Sie leisteten dort ihren wichtigen Beitrag zur Eindämmung und Bekämpfung der Pandemie", so Burdich weiter.

Laut Angaben der Bundeswehr unterstützen bundesweit etwa 15.000 Soldatinnen und Soldaten in den Landkreisen, deren eigene personelle Möglichkeiten erschöpft sind. Dabei übernehmen sie verschiedene Aufgaben wie das Bereitstellen von Feldbetten oder Laborkapazitäten bis hin zum Betrieb von Testzentren in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) und den Maltesern. Koordiniert werden die Einsätze von vier regionalen Führungsstäben, die im April vergangenen Jahres aufgestellt wurden. Jeder Führungsstab ist für mehrere Bundesländer verantwortlich – für Nordrhein-Westfalen ist es die Panzerdivision mit Sitz in Oldenburg.

Das Leitbild ist kein Freibrief

Kommentar von Henning Wandel

Mit ihrem Leitbild des Staatsbürgers in Uniform reduziert die Bundeswehr ihre Soldaten nicht auf die Rolle von Befehlsempfängern. Im Gegenteil: Sie billigt ihnen nicht nur eine eigene Meinung zu, sondern fordert ein aktives Eintreten für die Werte des Grundgesetzes. Das gilt grundsätzlich immer, vor allem aber beim Tragen der Uniform und ohne Zweifel ganz besonders im Dienst. Mit ihrem Einsatz in der Pandemie beweisen allein 180 Mindener Pioniere jeden Tag, dass sie ein wichtiger Teil der Gesellschaft sind und sein wollen. Dafür gab es zuletzt auch immer wieder Lob.

Umso unerträglicher ist es, wenn aus diesen Reihen heraus Menschen mit verschwörungstheoretischen Parolen angegangen, eingeschüchtert und zum Teil sogar von der Impfung abgehalten werden. Das hehre Leitbild und die Meinungsfreiheit des einzelnen Soldaten geraten dort an eine Grenze, wo nicht nur vorsätzlich der Auftrag sabotiert wird, sondern gleichzeitig wieder einmal eine ganze Berufsgruppe in kollektive Haftung genommen zu werden droht.

Die Bundeswehr tut gut daran, diesen Fall disziplinarisch aufzuarbeiten. Nicht nur für die eigene Reputation, sondern für die Soldaten, die auch heute und morgen wieder am Impfzentrum stehen und helfen. Das Verfahren läuft bereits. Richtig so.

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