„Auf Wiedersehen, Geschmackssinn!“ MT-Redakteur berichtet aus der Quarantäne – Teil II Patrick Schwemling Minden. Noch immer sitzt der Schock des positiven Corona-Tests tief. Nach einem Kurzurlaub im Ausland habe ich mich mit dem Virus infiziert – und bin nun einer der wenigen aktiven Fälle im Kreisgebiet. Zu allem Überfluss werde nicht nur ich unter Quarantäne gestellt, sondern auch meine Freundin Laura. Die nächsten zehn (für mich) bzw. 13 Tage (für Laura) dürfen wir unsere Wohnung also nicht verlassen. Eine Erfahrung, die wir beide niemals machen wollten. Es ist eine Zeit mit vielen Auf und Abs. Ein Tagebuch über Lagerkoller, dem Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn und der Wiedersehensfreude mit der Freiheit. Tag 2, Mittwoch 26. August Von dem bequemen 1,80 x 2 Meter Bett inklusive Lattenrost und Matratze führt mich mein Weg für die nächsten zehn Tage auf das Sofa, Modell Ektorp von Ikea. Es ist zwar die große Version, doch jeder, der dieses Sofa kennt, weiß: mehr als ein, zwei Nächte will man darauf nicht verbringen. Die erste Nacht in der Quarantäne verläuft allerdings besser als gedacht, und als ich aufwache merke ich nichts. Gar nichts. Keine Symptome, kein Husten, kein Fieber. Zu diesem Zeitpunkt zweifle ich umso mehr an der Richtigkeit meines Tests, bringen tut mir das aber herzlich wenig – und so füge ich mich meinem Schicksal. Meine Freundin, eigentlich Langschläferin, ist auch schon längst wach. „Es fühlt sich so komisch an", sagt sie zu mir, während sie aus dem Fenster schaut. Wir sind keine 24 Stunden in unserer Wohnung gefangen, und wollen schon raus. „Das kann ja noch heiter werden", denke ich mir, und blicke schon vielen Streitereien entgegen. Ich habe ehrlich gesagt auch ziemlich große Schuldgefühle, schließlich habe ich das Virus eingeschleppt und bin für diese verzwickte Situation verantwortlich. Eigentlich wären wir in drei Tagen für die nächsten zwei Wochen nach Dänemark gefahren, doch daraus wird jetzt nichts. Der Tag geht überraschend schnell herum, als Entschädigung für diese ganze Misere bestelle ich uns am Abend eine Familienpizza: „Was Essen doch für Glücksgefühle bereiten kann." Tag 3, Donnerstag, 27. August Die zweite Nacht auf dem Ektorp-Sofa wird dann so, wie ich es mir im Vorfeld ausgemalt habe. Ich wache mehrfach auf, jedes Mal komplett nassgeschwitzt. „Jetzt geht es also los", denke ich mir und bin einerseits froh darüber, dass der Test auch wirklich richtig war, andererseits habe ich etwas Angst. Wie viele Schauergeschichten habe ich in den letzten 48 Stunden schon gegoogelt, über wie viele selbst schon berichtet. „Würde es dieses verflixte Teil doch nicht geben", sage ich zu mir selbst, als ich auf mein iPhone schaue. Als wenn ich nicht schon genug Zeit an meinem Handy verbringen würde, steigere ich meine Bildschirmzeit während der Quarantäne im Durchschnitt auf mehr als acht Stunden pro Tag. „Das Teil ist mir dir verwachsen", sagt meine Freundin immer wieder zu mir. Gut, diesen Spruch kenne ich bereits länger und höre ihn immer wieder. Doch so treffend wie aktuell ist er wohl kaum. Die große Überraschung folgt jedoch im Laufe des Tages: Nach den Vorwehen in der Nacht habe ich mit Symptomen und gesundheitlichen Problemen gerechnet. Die bleiben jedoch aus – wieder heißt es: kein Fieber, kein Husten, gar nichts. Darüber bin ich sehr dankbar, genau wie über die Tatsache, dass ich inzwischen ziemlich sicher weiß, dass ich niemanden angesteckt habe – weder meine Arbeitskollegen, noch meine Freundin. Tag 4, Freitag, 28. August An der Corona-Front hat sich nicht viel geändert. Ab und zu huste ich, mal muss ich niesen – aber das beschränkt sich auf wenige Male am Tag. Unter normalen Umständen würde ich diese Anzeichen kaum beachten, so ist es für mich immerhin ein Indiz, dass ich mich wirklich infiziert habe. Eingeschränkt bin ich dadurch aber nicht. Kommen wir heute also doch auf meine neue Lieblings-Beschäftigung zu sprechen: die Playstation 4. Oder viel mehr das Spiel „Fifa 20" mit dem Modus „Ultimate Team". Ich hätte mir wirklich niemals erträumen lassen, dass ich mit 32 Jahren wieder stundenlang vor der Konsole und dem Fernseher hänge. Ich kann mich noch nicht einmal erinnern, wann ich das zuletzt getan hätte. Während des Studiums wurde in der WG hin und wieder gezockt, eine eigene Konsole habe ich zuletzt mit der Playstation 3 besessen – und die kam 2007 auf den Markt. Doch besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Und deswegen verbringe ich von nun an täglich mehrere Stunden vor dem Fernseher, inklusive Stimmungsschwankungen par excellence. Bei Niederlagen gibt es Hasstiraden auf meine Spieler zu hören, bei Siegen lobe ich sie in den Himmel. Meine Freundin hat dafür übrigens nicht ganz so viel Verständnis und fragt mich mehrfach: „Hast du sie noch alle?" Ein großartiges „Ultimate Team", eine „Playstation-Plus-Mitgliedschaft" und eine „Fifa 21"-Vorbestellung später kann ich mit Fug und Recht behaupten: „Ja, habe ich." Vor allem, weil sie sich in der Quarantäne-Zeit einen Nintendo 3DS inklusive „Super Mario" liefern lässt. Wenn da mal nicht mit zweierlei Maß gemessen wird.  Tag 5, Samstag, 29. August Was ist denn jetzt los? Hatte sich meine Corona-Infektion bisher nur durch kleine Anzeichen bemerkbar gemacht, mache ich beim Zähneputzen eine erschreckende Feststellung. Ich schmecke gar nichts mehr, ebenso hat sich mein Geruchssinn verabschiedet. Da ist es also, das erste Symptom, das wirklich Wirkung zeigt. Bisher hatte ich mich trotz des positiven Befunds recht sicher gefühlt, die letzten Tage haben dazu auch beigetragen. Jetzt bin ich aber aufgewühlt. „Wann kann ich wieder schmecken und riechen?", frage ich mich, und bemühe sofort meine Lieblings-Suchmaschine. Der erste Treffer lautet „Coronavirus: Mainzerin (28) seit drei Monaten ohne Geruchssinn". Vielen Dank dafür, Google. Aber in der Tat tritt dieses Symptom eher selten auf, ist aber ein klarer Hinweis auf eine Infektion. Spätestens jetzt habe ich also meine Bestätigung – und eine Sorge weniger. „Was wir essen ist mir ab jetzt egal", verkünde ich meiner Freundin. Umso ärgerlicher, dass sie genau an diesem Tag mein Lieblingsessen kocht – ihre großartige Kartoffelsuppe. Zumindest spüre ich an der Konsistenz, dass es sich um meine Leibspeise handelt. Auch wenn ich keine gesundheitlichen Probleme habe, kann ich Ihnen eines sagen: Der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinnes ist wirklich unangenehm. Das braucht kein Mensch. Tag 6, Sonntag, 30. August „Herzlich Willkommen, Lagerkoller", sollte eigentlich die Überschrift des gesamten Artikels werden. Ich entscheide mich letztlich für eine andere Schlagzeile, aber diese Umschreibung passt für diesen Sonntag bestens. Gerade am Wochenende merken wir, wie stark wir in unserer Freiheit eingeschränkt sind. Der Tag, an dem wir sonst Ausflüge machen, Essen gehen – und jetzt ja eigentlich auch im Urlaub wären, will einfach nicht enden. Das schlägt auch auf die Stimmung. „Eigentlich würden wir jetzt am Strand spazieren gehen", sage ich zu meiner Freundin, die schon den ganzen Tag schlecht gelaunt ist. „Ja, eigentlich", entgegnet sie mir nur kurz und macht damit ihrer Enttäuschung über die geplatzte Reise Luft. Je länger der Sonntag wird, desto mehr Langeweile kommt auf. Der Lagerkoller ist allgegenwärtig, aber dagegen ankämpfen will auch keiner von uns. Wir vegetieren nebeneinander her, schmollen und ärgern uns über unsere Situation, und sind einfach nur froh, als wir ins Bett gehen. Schmecken und riechen tue ich weiterhin nichts. Dieser Tag ist bisher der absolute Tiefpunkt. Tag 7, Montag, 31. August Neue Woche, neues Glück! Nach dem gestrigen Tag kann es eigentlich nur besser werden. Mein Tag ist trotz Quarantäne vollgepackt. Hier ein Zoom-Meeting, also eine Videokonferenz mit meinen Arbeitskollegen, da ein Telefonat, dazu arbeite ich aus dem Homeoffice ganz normal weiter. Dabei wird mir bewusst, was für ein Glück ich habe. Einerseits, weil ich in einem Job arbeite, in dem die Arbeit von Zuhause aus problemlos möglich ist und andererseits, weil es mich gesundheitlich wirklich nicht hart getroffen hat. Wenn ich die Geschmacks- und Geruchsproblematik mal außen vorlasse, geht es mir seit dem Bekanntwerden der Infektion sehr, sehr gut. Ich weiß nämlich, dass es auch anders laufen kann. Die Videos über die Corona-Demos in Berlin, die in den sozialen Medien kursieren, hinterlassen mich fassungslos.   In meinem erweiterten Bekanntenkreis gibt es einen Todesfall, der mit dem Coronavirus zusammenhängt. Ich höre von Menschen, die noch Monate danach über gesundheitliche Probleme klagen, und als Antwort auf meinen ersten Corona-Bericht, schildert mir ein MT-Leser die Corona-Geschichte von sich und seiner Familie. Mehrere Wochen Quarantäne, Arbeitsverbot, massive gesundheitliche Probleme und etliche bürokratische Hindernisse, die im Zusammenhang mit der Infektion stehen. Wenn ich in diesem Zusammenhang dann die Berichterstattung über die sogenannten „Corona-Demos" in Berlin von dem vergangenen Wochenende sehe, werde ich regelmäßig wütend. Ich kann diese Menschen nicht verstehen. Die Videos, die ich in den sozialen Medien sehe, hinterlassen mich fassungslos. Tag 8, Dienstag, 1. September Heute ist Dienstag – und ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Ich bin unter normalen Umständen schon kein Freund dieses Tages. Gibt es nicht ein Sprichwort, das sagt, dass der Dienstag der hässliche Bruder des Montages sei? Ich unterschreibe das sofort, es ist der zweite Tag nach dem Wochenende und es sind am Morgen noch vier volle Arbeitstage bis zum nächsten Wochenende. Gepaart mit unserer Situation will keine Freude aufkommen, es gibt eigentlich nur einen Lichtblick – und diesen hier als solchen zu offenbaren, ist mir ehrlich gesagt ziemlich peinlich. Meine neue Leidenschaft heißt ja „Fifa Ultimate Team" und in diesem Modus sammelt man die Spieler als Karten. Man kann sie tauschen, man kann sich Pakete kaufen, um die Spieler zu ziehen. Es ist ein wenig wie das Panini-Album des 21. Jahrhunderts. Und an diesem Tag ziehe ich Robert Lewandowski als Spezial-Karte. Es ist einer der besten Karten, die es in dem Spiel gibt, und das animiert mich dazu einen Freudentanz durch die Wohnung zu vollziehen. Meine Freundin zweifelt in diesem Moment wahrscheinlich unsere Beziehung an, doch es hat auch etwas von Nostalgie. War es nicht toll, als man damals noch den letzten fehlenden Sticker oder seinen Lieblingsspieler aus der Panini-Tüte gezogen hat? Tag 9, Mittwoch, 2. September Ich kann wieder riechen, ich kann wieder schmecken - und das ist nicht der einzige Grund zur Freude. Am Vormittag meldet sich das Gesundheitsamt bei mir und bespricht mit mir das weitere Vorgehen. Da ich in knapp zwei Tagen die Quarantäne verlassen darf, stellt mir der Mitarbeiter einige Fragen und vergewissert sich, dass ich symptomfrei bin. Wäre ich das nicht, würde sich die Quarantäne verlängern. Ich erzähle ihm von meinem Geschmackssinn-Desaster und davon, dass es mir abgesehen davon die ganze Zeit gut ging. Da dies der Fall ist, verkündet er mir: „Herr Schwemling, sie dürfen am Freitag die häusliche Isolation verlassen." Angetrieben von den Glücksgefühlen geht der Tag unfassbar schnell herum, am Abend feiern wir das Ganze mit einer großen Portion Gyros vom Griechen. Das läuft übrigens ganz hervorragend ab. Wir bestellen das Essen per App, zahlen digital mit Paypal, und der Lieferant stellt die Gerichte vor der Haustür ab. Die Motivation richtig zu kochen ist spätestens jetzt verloren gegangen! Tag 10, Donnerstag, 3. September Die letzten 24 Stunden laufen! Und anknüpfend am vorherigen Tag beschließen wir schnell: auch heute bleibt die Küche kalt, es wird Pizza bestellt. Wirklich gesund haben wir in den letzten Tagen nicht gelebt. Dazu gehören auch die Lebensmittel-Lieferungen unserer Familien, die neben den Bestellungen jedes Mal Nervennahrung in Form von Chips, Schokolade und Süßigkeiten in jeder Art und Weise mitgebracht haben. Gepaart mit der mangelnden Bewegung ist das wirklich ein Problem, aber besondere Umstände erfordern nun einmal besondere Maßnahmen. Für mich ist jetzt schon klar: ab morgen muss wieder regelmäßig Sport getrieben werden. Das Fitnessstudio und das Glacis werden mich jetzt öfter sehen. Tag 11, Freitag, 4. September Freiheit! Der Wecker klingelt genau um 0 Uhr. Ich brauche nur wenige Sekunden, bis ich in meine Birkenstocks geschlüpft bin. In Windeseile laufe, nein ich falle viel mehr das Treppenhaus herunter, öffne die Haustür, und stehe auf dem Gehweg. Zur linken Seite die Weser, zur rechten Seite der Blick Richtung Dom – und ich darf ganz offiziell hier sein. Was habe ich das vermisst, was bin ich froh, dass meine Quarantäne vorüber ist. Die große Freude will allerdings nicht so recht aufkommen, spätestens an dem Zeitpunkt, in dem ich unsere Wohnung wieder betrete. Meine Freundin freut sich zwar für mich, ist aber zugleich traurig. Sie hat noch drei Tage vor sich. Abgesehen von Besorgungen werde ich die Zeit mit ihr zusammen in Quarantäne verbringen. Die drei Tage bekommen wir auch noch rum.

„Auf Wiedersehen, Geschmackssinn!“ MT-Redakteur berichtet aus der Quarantäne – Teil II

Darf ich vorstellen? Meine neue Lieblingsbeschäftigung. Dank der Quarantäne verbringe ich nun sehr viel Zeit vor der Playstation. Ein weiterer Vorteil: einen Dresscode gibt es in der häuslichen Isolation ebenfalls nicht. MT- © Fotos: Patrick Schwemling

Minden. Noch immer sitzt der Schock des positiven Corona-Tests tief. Nach einem Kurzurlaub im Ausland habe ich mich mit dem Virus infiziert – und bin nun einer der wenigen aktiven Fälle im Kreisgebiet. Zu allem Überfluss werde nicht nur ich unter Quarantäne gestellt, sondern auch meine Freundin Laura. Die nächsten zehn (für mich) bzw. 13 Tage (für Laura) dürfen wir unsere Wohnung also nicht verlassen. Eine Erfahrung, die wir beide niemals machen wollten. Es ist eine Zeit mit vielen Auf und Abs. Ein Tagebuch über Lagerkoller, dem Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn und der Wiedersehensfreude mit der Freiheit.

Tag 2, Mittwoch 26. August

Von dem bequemen 1,80 x 2 Meter Bett inklusive Lattenrost und Matratze führt mich mein Weg für die nächsten zehn Tage auf das Sofa, Modell Ektorp von Ikea. Es ist zwar die große Version, doch jeder, der dieses Sofa kennt, weiß: mehr als ein, zwei Nächte will man darauf nicht verbringen. Die erste Nacht in der Quarantäne verläuft allerdings besser als gedacht, und als ich aufwache merke ich nichts. Gar nichts. Keine Symptome, kein Husten, kein Fieber. Zu diesem Zeitpunkt zweifle ich umso mehr an der Richtigkeit meines Tests, bringen tut mir das aber herzlich wenig – und so füge ich mich meinem Schicksal. Meine Freundin, eigentlich Langschläferin, ist auch schon längst wach. „Es fühlt sich so komisch an", sagt sie zu mir, während sie aus dem Fenster schaut.

Wir sind keine 24 Stunden in unserer Wohnung gefangen, und wollen schon raus. „Das kann ja noch heiter werden", denke ich mir, und blicke schon vielen Streitereien entgegen. Ich habe ehrlich gesagt auch ziemlich große Schuldgefühle, schließlich habe ich das Virus eingeschleppt und bin für diese verzwickte Situation verantwortlich. Eigentlich wären wir in drei Tagen für die nächsten zwei Wochen nach Dänemark gefahren, doch daraus wird jetzt nichts. Der Tag geht überraschend schnell herum, als Entschädigung für diese ganze Misere bestelle ich uns am Abend eine Familienpizza: „Was Essen doch für Glücksgefühle bereiten kann."

Die nächste Impression unseres Lieblings-Orts: Jede Minute an der frischen Luft genießen wir ab sofort mehr als noch vor der Quarantäne.
Die nächste Impression unseres Lieblings-Orts: Jede Minute an der frischen Luft genießen wir ab sofort mehr als noch vor der Quarantäne.

Tag 3, Donnerstag, 27. August

Die zweite Nacht auf dem Ektorp-Sofa wird dann so, wie ich es mir im Vorfeld ausgemalt habe. Ich wache mehrfach auf, jedes Mal komplett nassgeschwitzt. „Jetzt geht es also los", denke ich mir und bin einerseits froh darüber, dass der Test auch wirklich richtig war, andererseits habe ich etwas Angst. Wie viele Schauergeschichten habe ich in den letzten 48 Stunden schon gegoogelt, über wie viele selbst schon berichtet. „Würde es dieses verflixte Teil doch nicht geben", sage ich zu mir selbst, als ich auf mein iPhone schaue. Als wenn ich nicht schon genug Zeit an meinem Handy verbringen würde, steigere ich meine Bildschirmzeit während der Quarantäne im Durchschnitt auf mehr als acht Stunden pro Tag. „Das Teil ist mir dir verwachsen", sagt meine Freundin immer wieder zu mir. Gut, diesen Spruch kenne ich bereits länger und höre ihn immer wieder. Doch so treffend wie aktuell ist er wohl kaum.

Scrabble, Phase 10 und Co.: Eigentlich hatten wir uns auf einige Spielrunden eingestellt und waren bestens vorbereitet. Die Lust darauf ist in der Quarantäne allerdings nicht wirklich gekommen, und so blieb es bei zaghaften Spielversuchen, die schnell abgebrochen wurden.
Scrabble, Phase 10 und Co.: Eigentlich hatten wir uns auf einige Spielrunden eingestellt und waren bestens vorbereitet. Die Lust darauf ist in der Quarantäne allerdings nicht wirklich gekommen, und so blieb es bei zaghaften Spielversuchen, die schnell abgebrochen wurden.

Die große Überraschung folgt jedoch im Laufe des Tages: Nach den Vorwehen in der Nacht habe ich mit Symptomen und gesundheitlichen Problemen gerechnet. Die bleiben jedoch aus – wieder heißt es: kein Fieber, kein Husten, gar nichts. Darüber bin ich sehr dankbar, genau wie über die Tatsache, dass ich inzwischen ziemlich sicher weiß, dass ich niemanden angesteckt habe – weder meine Arbeitskollegen, noch meine Freundin.

Tag 4, Freitag, 28. August

An der Corona-Front hat sich nicht viel geändert. Ab und zu huste ich, mal muss ich niesen – aber das beschränkt sich auf wenige Male am Tag. Unter normalen Umständen würde ich diese Anzeichen kaum beachten, so ist es für mich immerhin ein Indiz, dass ich mich wirklich infiziert habe. Eingeschränkt bin ich dadurch aber nicht. Kommen wir heute also doch auf meine neue Lieblings-Beschäftigung zu sprechen: die Playstation 4. Oder viel mehr das Spiel „Fifa 20" mit dem Modus „Ultimate Team". Ich hätte mir wirklich niemals erträumen lassen, dass ich mit 32 Jahren wieder stundenlang vor der Konsole und dem Fernseher hänge. Ich kann mich noch nicht einmal erinnern, wann ich das zuletzt getan hätte. Während des Studiums wurde in der WG hin und wieder gezockt, eine eigene Konsole habe ich zuletzt mit der Playstation 3 besessen – und die kam 2007 auf den Markt. Doch besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Und deswegen verbringe ich von nun an täglich mehrere Stunden vor dem Fernseher, inklusive Stimmungsschwankungen par excellence.

Bei Niederlagen gibt es Hasstiraden auf meine Spieler zu hören, bei Siegen lobe ich sie in den Himmel. Meine Freundin hat dafür übrigens nicht ganz so viel Verständnis und fragt mich mehrfach: „Hast du sie noch alle?" Ein großartiges „Ultimate Team", eine „Playstation-Plus-Mitgliedschaft" und eine „Fifa 21"-Vorbestellung später kann ich mit Fug und Recht behaupten: „Ja, habe ich." Vor allem, weil sie sich in der Quarantäne-Zeit einen Nintendo 3DS inklusive „Super Mario" liefern lässt. Wenn da mal nicht mit zweierlei Maß gemessen wird.

Schokolade, Kekse, Chips und noch viel mehr: Diese Dinge haben wir zwar nie bestellt, aber unsere Familien haben stets dafür gesorgt, dass der Süßigkeiten-Haushalt vollständig gefüllt war.
Schokolade, Kekse, Chips und noch viel mehr: Diese Dinge haben wir zwar nie bestellt, aber unsere Familien haben stets dafür gesorgt, dass der Süßigkeiten-Haushalt vollständig gefüllt war.

 Tag 5, Samstag, 29. August

Was ist denn jetzt los? Hatte sich meine Corona-Infektion bisher nur durch kleine Anzeichen bemerkbar gemacht, mache ich beim Zähneputzen eine erschreckende Feststellung. Ich schmecke gar nichts mehr, ebenso hat sich mein Geruchssinn verabschiedet. Da ist es also, das erste Symptom, das wirklich Wirkung zeigt. Bisher hatte ich mich trotz des positiven Befunds recht sicher gefühlt, die letzten Tage haben dazu auch beigetragen. Jetzt bin ich aber aufgewühlt. „Wann kann ich wieder schmecken und riechen?", frage ich mich, und bemühe sofort meine Lieblings-Suchmaschine. Der erste Treffer lautet „Coronavirus: Mainzerin (28) seit drei Monaten ohne Geruchssinn". Vielen Dank dafür, Google. Aber in der Tat tritt dieses Symptom eher selten auf, ist aber ein klarer Hinweis auf eine Infektion. Spätestens jetzt habe ich also meine Bestätigung – und eine Sorge weniger.

„Was wir essen ist mir ab jetzt egal", verkünde ich meiner Freundin. Umso ärgerlicher, dass sie genau an diesem Tag mein Lieblingsessen kocht – ihre großartige Kartoffelsuppe. Zumindest spüre ich an der Konsistenz, dass es sich um meine Leibspeise handelt. Auch wenn ich keine gesundheitlichen Probleme habe, kann ich Ihnen eines sagen: Der Verlust des Geschmacks- und Geruchssinnes ist wirklich unangenehm. Das braucht kein Mensch.

Ein kleines Stück Freiheit: Auf unserem Balkon können wir zumindest frische Luft genießen und kurzzeitig der Quarantäne entfliehen. Mit der Zeit lernen wir diesen Ort sehr zu schätzen.
Ein kleines Stück Freiheit: Auf unserem Balkon können wir zumindest frische Luft genießen und kurzzeitig der Quarantäne entfliehen. Mit der Zeit lernen wir diesen Ort sehr zu schätzen.

Tag 6, Sonntag, 30. August

„Herzlich Willkommen, Lagerkoller", sollte eigentlich die Überschrift des gesamten Artikels werden. Ich entscheide mich letztlich für eine andere Schlagzeile, aber diese Umschreibung passt für diesen Sonntag bestens. Gerade am Wochenende merken wir, wie stark wir in unserer Freiheit eingeschränkt sind. Der Tag, an dem wir sonst Ausflüge machen, Essen gehen – und jetzt ja eigentlich auch im Urlaub wären, will einfach nicht enden. Das schlägt auch auf die Stimmung. „Eigentlich würden wir jetzt am Strand spazieren gehen", sage ich zu meiner Freundin, die schon den ganzen Tag schlecht gelaunt ist. „Ja, eigentlich", entgegnet sie mir nur kurz und macht damit ihrer Enttäuschung über die geplatzte Reise Luft. Je länger der Sonntag wird, desto mehr Langeweile kommt auf. Der Lagerkoller ist allgegenwärtig, aber dagegen ankämpfen will auch keiner von uns. Wir vegetieren nebeneinander her, schmollen und ärgern uns über unsere Situation, und sind einfach nur froh, als wir ins Bett gehen. Schmecken und riechen tue ich weiterhin nichts. Dieser Tag ist bisher der absolute Tiefpunkt.

Tag 7, Montag, 31. August

Neue Woche, neues Glück! Nach dem gestrigen Tag kann es eigentlich nur besser werden. Mein Tag ist trotz Quarantäne vollgepackt. Hier ein Zoom-Meeting, also eine Videokonferenz mit meinen Arbeitskollegen, da ein Telefonat, dazu arbeite ich aus dem Homeoffice ganz normal weiter. Dabei wird mir bewusst, was für ein Glück ich habe. Einerseits, weil ich in einem Job arbeite, in dem die Arbeit von Zuhause aus problemlos möglich ist und andererseits, weil es mich gesundheitlich wirklich nicht hart getroffen hat. Wenn ich die Geschmacks- und Geruchsproblematik mal außen vorlasse, geht es mir seit dem Bekanntwerden der Infektion sehr, sehr gut. Ich weiß nämlich, dass es auch anders laufen kann.

Die Videos über die Corona-Demos in Berlin, die in den sozialen Medien kursieren, hinterlassen mich fassungslos.  

In meinem erweiterten Bekanntenkreis gibt es einen Todesfall, der mit dem Coronavirus zusammenhängt. Ich höre von Menschen, die noch Monate danach über gesundheitliche Probleme klagen, und als Antwort auf meinen ersten Corona-Bericht, schildert mir ein MT-Leser die Corona-Geschichte von sich und seiner Familie. Mehrere Wochen Quarantäne, Arbeitsverbot, massive gesundheitliche Probleme und etliche bürokratische Hindernisse, die im Zusammenhang mit der Infektion stehen. Wenn ich in diesem Zusammenhang dann die Berichterstattung über die sogenannten „Corona-Demos" in Berlin von dem vergangenen Wochenende sehe, werde ich regelmäßig wütend. Ich kann diese Menschen nicht verstehen. Die Videos, die ich in den sozialen Medien sehe, hinterlassen mich fassungslos.

Tag 8, Dienstag, 1. September

Heute ist Dienstag – und ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Ich bin unter normalen Umständen schon kein Freund dieses Tages. Gibt es nicht ein Sprichwort, das sagt, dass der Dienstag der hässliche Bruder des Montages sei? Ich unterschreibe das sofort, es ist der zweite Tag nach dem Wochenende und es sind am Morgen noch vier volle Arbeitstage bis zum nächsten Wochenende. Gepaart mit unserer Situation will keine Freude aufkommen, es gibt eigentlich nur einen Lichtblick – und diesen hier als solchen zu offenbaren, ist mir ehrlich gesagt ziemlich peinlich.

Herzlich Willkommen, Robert Lewandowski: Beim Playstation-Spiel "Fifa 20" habe ich eine der besten Karten gezogen, die es gibt. Die Freude war riesengroß.
Herzlich Willkommen, Robert Lewandowski: Beim Playstation-Spiel "Fifa 20" habe ich eine der besten Karten gezogen, die es gibt. Die Freude war riesengroß.

Meine neue Leidenschaft heißt ja „Fifa Ultimate Team" und in diesem Modus sammelt man die Spieler als Karten. Man kann sie tauschen, man kann sich Pakete kaufen, um die Spieler zu ziehen. Es ist ein wenig wie das Panini-Album des 21. Jahrhunderts. Und an diesem Tag ziehe ich Robert Lewandowski als Spezial-Karte. Es ist einer der besten Karten, die es in dem Spiel gibt, und das animiert mich dazu einen Freudentanz durch die Wohnung zu vollziehen. Meine Freundin zweifelt in diesem Moment wahrscheinlich unsere Beziehung an, doch es hat auch etwas von Nostalgie. War es nicht toll, als man damals noch den letzten fehlenden Sticker oder seinen Lieblingsspieler aus der Panini-Tüte gezogen hat?

Tag 9, Mittwoch, 2. September

Ich kann wieder riechen, ich kann wieder schmecken - und das ist nicht der einzige Grund zur Freude. Am Vormittag meldet sich das Gesundheitsamt bei mir und bespricht mit mir das weitere Vorgehen. Da ich in knapp zwei Tagen die Quarantäne verlassen darf, stellt mir der Mitarbeiter einige Fragen und vergewissert sich, dass ich symptomfrei bin. Wäre ich das nicht, würde sich die Quarantäne verlängern. Ich erzähle ihm von meinem Geschmackssinn-Desaster und davon, dass es mir abgesehen davon die ganze Zeit gut ging. Da dies der Fall ist, verkündet er mir: „Herr Schwemling, sie dürfen am Freitag die häusliche Isolation verlassen." Angetrieben von den Glücksgefühlen geht der Tag unfassbar schnell herum, am Abend feiern wir das Ganze mit einer großen Portion Gyros vom Griechen. Das läuft übrigens ganz hervorragend ab. Wir bestellen das Essen per App, zahlen digital mit Paypal, und der Lieferant stellt die Gerichte vor der Haustür ab. Die Motivation richtig zu kochen ist spätestens jetzt verloren gegangen!

Pizza, Gyros und so weiter: Die Mindener Lieferdienste hatten ihren Spaß an unserer Quarantäne-Zeit. Die Motivation selbst zu kochen sank von Tag zu Tag.
Pizza, Gyros und so weiter: Die Mindener Lieferdienste hatten ihren Spaß an unserer Quarantäne-Zeit. Die Motivation selbst zu kochen sank von Tag zu Tag.

Tag 10, Donnerstag, 3. September

Die letzten 24 Stunden laufen! Und anknüpfend am vorherigen Tag beschließen wir schnell: auch heute bleibt die Küche kalt, es wird Pizza bestellt. Wirklich gesund haben wir in den letzten Tagen nicht gelebt. Dazu gehören auch die Lebensmittel-Lieferungen unserer Familien, die neben den Bestellungen jedes Mal Nervennahrung in Form von Chips, Schokolade und Süßigkeiten in jeder Art und Weise mitgebracht haben. Gepaart mit der mangelnden Bewegung ist das wirklich ein Problem, aber besondere Umstände erfordern nun einmal besondere Maßnahmen. Für mich ist jetzt schon klar: ab morgen muss wieder regelmäßig Sport getrieben werden. Das Fitnessstudio und das Glacis werden mich jetzt öfter sehen.

Zurück in der Freiheit: Am Freitagmittag schlendere ich durch die Innenstadt und bin überglücklich endlich wieder unsere Wohnung verlassen zu dürfen.
Zurück in der Freiheit: Am Freitagmittag schlendere ich durch die Innenstadt und bin überglücklich endlich wieder unsere Wohnung verlassen zu dürfen.

Tag 11, Freitag, 4. September

Freiheit! Der Wecker klingelt genau um 0 Uhr. Ich brauche nur wenige Sekunden, bis ich in meine Birkenstocks geschlüpft bin. In Windeseile laufe, nein ich falle viel mehr das Treppenhaus herunter, öffne die Haustür, und stehe auf dem Gehweg. Zur linken Seite die Weser, zur rechten Seite der Blick Richtung Dom – und ich darf ganz offiziell hier sein. Was habe ich das vermisst, was bin ich froh, dass meine Quarantäne vorüber ist. Die große Freude will allerdings nicht so recht aufkommen, spätestens an dem Zeitpunkt, in dem ich unsere Wohnung wieder betrete. Meine Freundin freut sich zwar für mich, ist aber zugleich traurig. Sie hat noch drei Tage vor sich. Abgesehen von Besorgungen werde ich die Zeit mit ihr zusammen in Quarantäne verbringen. Die drei Tage bekommen wir auch noch rum.

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