Auf Jugendämter kommt Mammutaufgabe bei Inklusion zu Doris Christoph Minden. Für Familien mit einem behinderten Kind ist es oft schwer, die richtigen Ansprechpartner zu finden. Je nach Beeinträchtigung kann beispielsweise das Jugendamt, das Kreissozialamt oder der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) für sie zuständig sein. Künftig soll es aber nur noch eine Anlaufstelle geben: das Jugendamt. Dahinter steckt das neue Kinder- und Jugendstärkungsgesetz, das für alle Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe eine gemeinsame Förderung vorsieht. Für die Verwaltungsmitarbeiter bedeutet das eine enorme Umstellung. Sie bereiten sich auf das große Unbekannte vor. Hilfen aus einer Hand Das reformierte Gesetz will Kindern und Jugendlichen mehr Mitsprache und Beteiligung geben. Darum sollen Informationen so aufbereitet sein, dass sie diese auch verstehen können. Und es sieht vor, dass ab 2028 die Jugendämter für alle Kinder und Jugendlichen zuständig sind. Das bedeutet auch für alle Minderjährigen, die eine Behinderung haben. „Bislang ist das städtische Jugendamt nur für Kinder mit seelischer Behinderung, oder denen eine solche droht, zuständig“, erklärt dessen Leiter Eckhard Mohrmann. Das seien 54 Kinder. Zu einer seelischen Behinderungen zählen beispielsweise Dyskalkulie, ADHS oder eine Autismus-Spektrum-Störung. Sie erhalten Leistungen der Jugendhilfe. Kinder, die eine geistige oder körperliche Behinderung haben, fallen hingegen in die Zuständigkeit des Kreissozialamts, weil sie Leistungen der Eingliederungshilfe erhalten. Für stationäre Einrichtungen, Pflegeverhältnisse und für die interdisziplinäre Frühförderung bei Minderjährigen mit geistiger oder körperlicher Behinderung ist wiederum das Landesjugendamt beim LWL zuständig, erklärt die Pressestelle des Kreises auf Anfrage. „Wenn wir nur noch mit einem Amt zu tun hätten, wäre es für uns leichter“, sagt Eckhard Rüter, Vorsitzender des Beirats für Menschen mit Behinderungen. Antragsverfahren seien für betroffene Eltern aufgrund der verschiedenen Zuständigkeiten sehr schwierig. Es sei toll, wenn die „Odyssee“ durch die Ämter so vermieden werden könne. Fehlender Überblick Jugendhilfe und Eingliederungshilfe sollen also künftig zusammengeführt werden. „Dafür müssten mehrere Bundesgesetze angepasst werden“, erklärt Eckhard Mohrmann. Für das Jugendamt bedeutet das eine große Umstellung, denn es muss dann etwa die Arbeit des Kreissozialamts übernehmen und die Leistungen der Eingliederungshilfe bearbeiten. Nach Auskunft des Kreises wurden vergangenes Jahr in seinem Sozialamt 575 Anträge auf Leistungen der Eingliederungshilfe bearbeitet, 216 kamen aus Minden. Die Zahl der Anträge entspreche dabei nicht der der Kinder, da Betroffene manchmal mehrere Hilfearten benötigten, erklärt der Kreis. Zu den Hilfen, die hier gewährt werden, zählten unter anderem familienentlastende Dienste oder Therapien. Den größten Anteil mache die Schulbegleitung durch Integrationshelfer aus, der Umfang der Mittel lag bei 3,2 Millionen Euro. Mit all dem müssen sich demnächst die städtischen Mitarbeiter befassen. Doch noch verfügen sie nicht über die dafür notwendigen Kenntnisse. Und die sind komplex: Die Eingliederungshilfe ist beispielsweise in einem anderen Sozialgesetzbuch geregelt als die Jugendhilfe. Unterschiedliche Träger sind mit im Boot, etwa die Krankenkasse oder die Unfall- oder Pflegeversicherung. „Es war immer die Rede davon, dass das kommen wird“, sagt Eckhard Mohrmann mit Blick auf die Inklusion. Aber wenn man jetzt bei der Zuständigkeit alle anderen Kinder zu denen mit seelischer Behinderung dazu nehme, sei das gewaltig. Wobei noch nicht einmal die genaue Zahl feststehe. „Es wird eine Mammutaufgabe“, meint jedenfalls Mohrmann. Vor allem für Jugendämter kleinerer Kommunen werde es schwierig. Inklusion in der Kita Die große Umstellung soll in kleinen Schritten erfolgen. Als ersten sieht das Gesetz Inklusion in der Kindertagesbetreuung und der Jugendarbeit vor. „Das ist nicht neu. Das Gesetz nimmt es nur verstärkt und explizit auf“, erklärt Jutta Riechmann, Bereichsleiterin „Sozialer Dienst Jugendhilfe“. In Mindener Kitas gibt es zurzeit etwa 120 Jungen und Mädchen mit einer anerkannten Behinderung. „In der Regel ist der Bedarf gedeckt“, sagt Eckhard Mohrmann. Dass nun die Nachfrage nach solchen Plätzen abrupt steigt, bezweifelt Riechmann. Sollte das jedoch der Fall sein, könnte das wiederum Auswirkungen auf die Kindergartenbedarfsplanung haben. Denn bei einem Betreuungsplatz für Kinder mit Behinderung muss in der Einrichtung der Betreuungsschlüssel reduziert werden, wenn keine zusätzliche Integrationskraft vorhanden ist. Es könnten also insgesamt weniger Plätze angeboten werden. Neu ist auch, dass Barrierefreiheit bei Neubauten von Kitas oder Jugendhäusern eine zentrale Rolle spielt und nun generell mitgedacht werden soll. Verfahrenslotsen Auf dem Weg zur Übernahme der kompletten Zuständigkeit sollen ab 2024 so genannte Verfahrenslotsen helfen. Diese Jugendamtsmitarbeiter sollen Familien bei den schwierigen Verfahren und Anträgen der Eingliederungshilfe begleiten. Und sie sollen die Jugendämter bei der Zusammenführung der Zuständigkeiten unterstützen. Wie der Lotsendienst aufgebaut wird, wird die erste Hürde sein, die das Jugendamt nehmen muss. „Verfahrenslotsen müssen sich sehr, sehr gut auskennen“, meint Eckhard Rüter mit Blick auf das komplexe Themenfeld. Die Vorbereitungen Geregelt werden müssen bis zur Umsetzung noch die genauen Hilfen und die Kostenbeteiligung. Auch muss die Frage beantwortet werden, wer leistungsberechtigt ist. Ein entsprechendes Gesetz soll 2027 verabschiedet werden. „Hoffentlich wird das kein Sparmodell“, ist Rüters Sorge. Da bis dahin auch noch einige Wahlen anstünden, sei noch nichts in Stein gemeißelt, meint Eckhard Mohrmann. Und auch wenn sich sieben Jahre erstmal nach einem langen Zeitraum anhören – die Ämter müssen sich vorbereiten, um es stemmen zu können. „Uns bewegt das schon jetzt“, sagt der Amtsleiter. Neben Fortbildungen und dem Austausch mit den Kollegen der bisher zuständigen Stellen gehört zu den Vorbereitungen und Herausforderungen vor allem, genügend Personal zu finden. „Der Fachkräftemangel ist ein wachsendes Thema“, sagt Jutta Riechmann. Früher habe es auf ausgeschriebene Sozialarbeiterstellen 40 bis 50 Bewerber gegeben, jetzt sechs. Ob dann Personal vielleicht vom Kreissozialamt – hier gibt es laut Pressestelle des Kreises 7,5 Stellen, die mit der Bearbeitung der Eingliederungshilfe befasst sind – zum Jugendamt wechselt, ist ebenfalls unklar. Das Leitungsteam vermutet, dass mit den neuen Aufgaben und damit Kollegen ein neuer Fachdienst beim Jugendamt entstehen wird. Ombudsstelle Zu den weiteren Neuerungen des reformierten Gesetzes gehört, dass eine unabhängige Ombudsstelle eingerichtet werden soll. An sie können sich Menschen wenden, die unzufrieden mit der Arbeit des Jugendamts sind. In Minden gibt es so eine Anlaufstelle noch nicht. Mohrmann verweist auf das Beschwerdemanagement bei der Stadt. An das können sich Betroffene wenden, wenn sie nicht direkt mit den Mitarbeitern sprechen möchten. Die Zuständigkeit für die Installierung einer solchen Stelle liegt laut Mohrmann beim Land. Wahrscheinlich würden solche Stellen überregional vom Landesjugendamt in Münster eingerichtet. Denn immerhin sollen sie unabhängig von den jeweiligen kommunalen Jugendämtern sein. Deutliche Wortwahl Manchmal sind es kleine Formulierungen, die den Unterschied machen. Das ist an einigen Stellen im reformierten Gesetz der Fall, die nun beispielsweise konkretisiert wurden. In der alten Fassung etwa waren Berufsgeheimnisträger wie etwa Kinderärzte, oder Pädagogen „befugt“, den Verdacht auf Kindesmisshandlung zu melden. Nun „sollen“ sie dies tun – nachdem sie mit den Eltern gesprochen haben. „Das hört sich mehr nach Verpflichtung an“, sagt Eckhard Mohrmann zur Wortwahl. Vieles aus dem Gesetz sei bereits gelebte Praxis. Denn auch bislang konnten etwa Kinderärzte bei einem Verdacht dem Jugendamt anonym einen Fall schildern und sich Rat holen. Ist Gefahr in Verzug, müssen Eltern über solche Meldungen nicht in Kenntnis gesetzt werden. „Viele Ärzte haben aber das Rückgrat, den Eltern von ihrem Verdacht zu berichten“, so Mohrmann. Neu ist nun, dass die Ärzte bei einer Meldung von den Behörden informiert werden müssen, wie es mit dem Fall weitergegangen ist. Auch bei den Neuerungen in diesem Bereich geht Mohrmann von höherem Personalaufwand aus. Stärkung von Pflegekindern Auch für Kinder, die bei Pflegeeltern oder in stationären Einrichtungen wohnen, gibt es einige Änderungen. Ihre nichtsorgeberechtigten Eltern sollen beispielsweise stärker bei Entscheidung einbezogen werden. Damit soll die Beziehung zwischen beiden Parteien gestärkt werden. „Das hat es ebenfalls schon vorher gegeben, sofern es das Kindeswohl zulässt“, so Mohrmann. Davon abgesehen werde, wenn ein Kind beim Kontakt wieder traumatisiert werden könnte. In Heimen soll es nun unangekündigte Kontrollen und Gespräche mit den Bewohnern geben, ohne dass Mitarbeitende der Einrichtungen dabei sind. Jugendliche, die in Pflegefamilien oder Einrichtungen leben, mussten bislang 75 Prozent ihres Gehalts – etwa aus einer Ausbildung – ans Jugendamt abgeben, um sich an den Kosten zu beteiligen. Das wurde nun auf 25 Prozent gesenkt. Die Stadt muss das nun kompensieren.

Auf Jugendämter kommt Mammutaufgabe bei Inklusion zu

Bislang ist das Jugendamt der Stadt für Kinder mit seelischen Behinderungen zuständig. Betroffene mit geistigen oder körperlichen Behinderungen mussten sich an andere Ämter wenden. Symbolfoto: Pixabay © pixabay

Minden. Für Familien mit einem behinderten Kind ist es oft schwer, die richtigen Ansprechpartner zu finden. Je nach Beeinträchtigung kann beispielsweise das Jugendamt, das Kreissozialamt oder der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) für sie zuständig sein.

Künftig soll es aber nur noch eine Anlaufstelle geben: das Jugendamt. Dahinter steckt das neue Kinder- und Jugendstärkungsgesetz, das für alle Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe eine gemeinsame Förderung vorsieht. Für die Verwaltungsmitarbeiter bedeutet das eine enorme Umstellung. Sie bereiten sich auf das große Unbekannte vor.

Hilfen aus einer Hand


Das reformierte Gesetz will Kindern und Jugendlichen mehr Mitsprache und Beteiligung geben. Darum sollen Informationen so aufbereitet sein, dass sie diese auch verstehen können.

Und es sieht vor, dass ab 2028 die Jugendämter für alle Kinder und Jugendlichen zuständig sind. Das bedeutet auch für alle Minderjährigen, die eine Behinderung haben. „Bislang ist das städtische Jugendamt nur für Kinder mit seelischer Behinderung, oder denen eine solche droht, zuständig“, erklärt dessen Leiter Eckhard Mohrmann. Das seien 54 Kinder. Zu einer seelischen Behinderungen zählen beispielsweise Dyskalkulie, ADHS oder eine Autismus-Spektrum-Störung. Sie erhalten Leistungen der Jugendhilfe.

Kinder, die eine geistige oder körperliche Behinderung haben, fallen hingegen in die Zuständigkeit des Kreissozialamts, weil sie Leistungen der Eingliederungshilfe erhalten. Für stationäre Einrichtungen, Pflegeverhältnisse und für die interdisziplinäre Frühförderung bei Minderjährigen mit geistiger oder körperlicher Behinderung ist wiederum das Landesjugendamt beim LWL zuständig, erklärt die Pressestelle des Kreises auf Anfrage.

„Wenn wir nur noch mit einem Amt zu tun hätten, wäre es für uns leichter“, sagt Eckhard Rüter, Vorsitzender des Beirats für Menschen mit Behinderungen. Antragsverfahren seien für betroffene Eltern aufgrund der verschiedenen Zuständigkeiten sehr schwierig. Es sei toll, wenn die „Odyssee“ durch die Ämter so vermieden werden könne.

Fehlender Überblick

Jugendhilfe und Eingliederungshilfe sollen also künftig zusammengeführt werden. „Dafür müssten mehrere Bundesgesetze angepasst werden“, erklärt Eckhard Mohrmann.

Für das Jugendamt bedeutet das eine große Umstellung, denn es muss dann etwa die Arbeit des Kreissozialamts übernehmen und die Leistungen der Eingliederungshilfe bearbeiten. Nach Auskunft des Kreises wurden vergangenes Jahr in seinem Sozialamt 575 Anträge auf Leistungen der Eingliederungshilfe bearbeitet, 216 kamen aus Minden. Die Zahl der Anträge entspreche dabei nicht der der Kinder, da Betroffene manchmal mehrere Hilfearten benötigten, erklärt der Kreis. Zu den Hilfen, die hier gewährt werden, zählten unter anderem familienentlastende Dienste oder Therapien. Den größten Anteil mache die Schulbegleitung durch Integrationshelfer aus, der Umfang der Mittel lag bei 3,2 Millionen Euro.

Mit all dem müssen sich demnächst die städtischen Mitarbeiter befassen. Doch noch verfügen sie nicht über die dafür notwendigen Kenntnisse. Und die sind komplex: Die Eingliederungshilfe ist beispielsweise in einem anderen Sozialgesetzbuch geregelt als die Jugendhilfe. Unterschiedliche Träger sind mit im Boot, etwa die Krankenkasse oder die Unfall- oder Pflegeversicherung.

„Es war immer die Rede davon, dass das kommen wird“, sagt Eckhard Mohrmann mit Blick auf die Inklusion. Aber wenn man jetzt bei der Zuständigkeit alle anderen Kinder zu denen mit seelischer Behinderung dazu nehme, sei das gewaltig. Wobei noch nicht einmal die genaue Zahl feststehe. „Es wird eine Mammutaufgabe“, meint jedenfalls Mohrmann. Vor allem für Jugendämter kleinerer Kommunen werde es schwierig.

Inklusion in der Kita

Die große Umstellung soll in kleinen Schritten erfolgen. Als ersten sieht das Gesetz Inklusion in der Kindertagesbetreuung und der Jugendarbeit vor. „Das ist nicht neu. Das Gesetz nimmt es nur verstärkt und explizit auf“, erklärt Jutta Riechmann, Bereichsleiterin „Sozialer Dienst Jugendhilfe“.

In Mindener Kitas gibt es zurzeit etwa 120 Jungen und Mädchen mit einer anerkannten Behinderung. „In der Regel ist der Bedarf gedeckt“, sagt Eckhard Mohrmann. Dass nun die Nachfrage nach solchen Plätzen abrupt steigt, bezweifelt Riechmann. Sollte das jedoch der Fall sein, könnte das wiederum Auswirkungen auf die Kindergartenbedarfsplanung haben.

Denn bei einem Betreuungsplatz für Kinder mit Behinderung muss in der Einrichtung der Betreuungsschlüssel reduziert werden, wenn keine zusätzliche Integrationskraft vorhanden ist. Es könnten also insgesamt weniger Plätze angeboten werden.

Neu ist auch, dass Barrierefreiheit bei Neubauten von Kitas oder Jugendhäusern eine zentrale Rolle spielt und nun generell mitgedacht werden soll.

Verfahrenslotsen

Auf dem Weg zur Übernahme der kompletten Zuständigkeit sollen ab 2024 so genannte Verfahrenslotsen helfen. Diese Jugendamtsmitarbeiter sollen Familien bei den schwierigen Verfahren und Anträgen der Eingliederungshilfe begleiten. Und sie sollen die Jugendämter bei der Zusammenführung der Zuständigkeiten unterstützen. Wie der Lotsendienst aufgebaut wird, wird die erste Hürde sein, die das Jugendamt nehmen muss.

„Verfahrenslotsen müssen sich sehr, sehr gut auskennen“, meint Eckhard Rüter mit Blick auf das komplexe Themenfeld.

Die Vorbereitungen

Geregelt werden müssen bis zur Umsetzung noch die genauen Hilfen und die Kostenbeteiligung. Auch muss die Frage beantwortet werden, wer leistungsberechtigt ist. Ein entsprechendes Gesetz soll 2027 verabschiedet werden. „Hoffentlich wird das kein Sparmodell“, ist Rüters Sorge.

Da bis dahin auch noch einige Wahlen anstünden, sei noch nichts in Stein gemeißelt, meint Eckhard Mohrmann. Und auch wenn sich sieben Jahre erstmal nach einem langen Zeitraum anhören – die Ämter müssen sich vorbereiten, um es stemmen zu können. „Uns bewegt das schon jetzt“, sagt der Amtsleiter.

Neben Fortbildungen und dem Austausch mit den Kollegen der bisher zuständigen Stellen gehört zu den Vorbereitungen und Herausforderungen vor allem, genügend Personal zu finden. „Der Fachkräftemangel ist ein wachsendes Thema“, sagt Jutta Riechmann. Früher habe es auf ausgeschriebene Sozialarbeiterstellen 40 bis 50 Bewerber gegeben, jetzt sechs. Ob dann Personal vielleicht vom Kreissozialamt – hier gibt es laut Pressestelle des Kreises 7,5 Stellen, die mit der Bearbeitung der Eingliederungshilfe befasst sind – zum Jugendamt wechselt, ist ebenfalls unklar. Das Leitungsteam vermutet, dass mit den neuen Aufgaben und damit Kollegen ein neuer Fachdienst beim Jugendamt entstehen wird.

Ombudsstelle

Zu den weiteren Neuerungen des reformierten Gesetzes gehört, dass eine unabhängige Ombudsstelle eingerichtet werden soll. An sie können sich Menschen wenden, die unzufrieden mit der Arbeit des Jugendamts sind. In Minden gibt es so eine Anlaufstelle noch nicht. Mohrmann verweist auf das Beschwerdemanagement bei der Stadt. An das können sich Betroffene wenden, wenn sie nicht direkt mit den Mitarbeitern sprechen möchten.

Die Zuständigkeit für die Installierung einer solchen Stelle liegt laut Mohrmann beim Land. Wahrscheinlich würden solche Stellen überregional vom Landesjugendamt in Münster eingerichtet. Denn immerhin sollen sie unabhängig von den jeweiligen kommunalen Jugendämtern sein.

Deutliche Wortwahl

Manchmal sind es kleine Formulierungen, die den Unterschied machen. Das ist an einigen Stellen im reformierten Gesetz der Fall, die nun beispielsweise konkretisiert wurden. In der alten Fassung etwa waren Berufsgeheimnisträger wie etwa Kinderärzte, oder Pädagogen „befugt“, den Verdacht auf Kindesmisshandlung zu melden. Nun „sollen“ sie dies tun – nachdem sie mit den Eltern gesprochen haben. „Das hört sich mehr nach Verpflichtung an“, sagt Eckhard Mohrmann zur Wortwahl. Vieles aus dem Gesetz sei bereits gelebte Praxis.

Denn auch bislang konnten etwa Kinderärzte bei einem Verdacht dem Jugendamt anonym einen Fall schildern und sich Rat holen. Ist Gefahr in Verzug, müssen Eltern über solche Meldungen nicht in Kenntnis gesetzt werden. „Viele Ärzte haben aber das Rückgrat, den Eltern von ihrem Verdacht zu berichten“, so Mohrmann.

Neu ist nun, dass die Ärzte bei einer Meldung von den Behörden informiert werden müssen, wie es mit dem Fall weitergegangen ist. Auch bei den Neuerungen in diesem Bereich geht Mohrmann von höherem Personalaufwand aus.

Stärkung von Pflegekindern

Auch für Kinder, die bei Pflegeeltern oder in stationären Einrichtungen wohnen, gibt es einige Änderungen. Ihre nichtsorgeberechtigten Eltern sollen beispielsweise stärker bei Entscheidung einbezogen werden. Damit soll die Beziehung zwischen beiden Parteien gestärkt werden. „Das hat es ebenfalls schon vorher gegeben, sofern es das Kindeswohl zulässt“, so Mohrmann. Davon abgesehen werde, wenn ein Kind beim Kontakt wieder traumatisiert werden könnte.

In Heimen soll es nun unangekündigte Kontrollen und Gespräche mit den Bewohnern geben, ohne dass Mitarbeitende der Einrichtungen dabei sind.

Jugendliche, die in Pflegefamilien oder Einrichtungen leben, mussten bislang 75 Prozent ihres Gehalts – etwa aus einer Ausbildung – ans Jugendamt abgeben, um sich an den Kosten zu beteiligen. Das wurde nun auf 25 Prozent gesenkt. Die Stadt muss das nun kompensieren.

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