Angst und Entbehrung: MT-Leser Fred Schomburg erinnert sich an die letzten Kriegstage in Minden Christa Schomburg Minden. MT-Leserinnen und Leser schreiben über ihre Erinnerungen an das Kriegsende. Hier der Bericht von Fred Schomburg. Als der Krieg zu Ende ging, war ich zwölf Jahre alt. Ich kann mich also recht gut an diese Zeit erinnern. Fast jeden Tag war Fliegeralarm, und wir wurden von der Schule nach Hause geschickt. Wir wohnten an der Lübbecker Straße, unterhalb der Bölhorst. Ich ging nach Minden zur Mittelschule. Bei Fliegeralarm gingen wir zu Fuß nach Hause. Und wie Kinder nun einmal sind, wurde unterwegs oft geklüngelt. So kam es beim letzten Angriff auf Minden, dass ich gerade im Keller war, als die ersten Bomben fielen. Meine Mutter und Oma waren beim Nachbarn im Keller, das wusste ich. Angeblich war der sicherer als unser Keller. Als der Angriff zu Ende war, konnten wir zuerst unsere Oma nicht finden, bis wir gemerkt haben, dass sie unter dem Tisch lag. Da fühlte sie sich sicherer. Oft sind wir bei Fliegeralarm in den Stollen gegangen. Entweder im Schwarzen Hucken auf der Bölhorst oder in Häverstädt im Wiehengebirge. Aber wenn ein Angriff auf Minden war, dann waren wir zu Hause. Unser Vater war vom ersten bis zum letzten Tag im Krieg. Erst zum Frankreich-Feldzug, dann auf einem Minensuchboot auf dem Schwarzen Meer. Am Schluss kam er in russische Gefangenschaft. Kurze Zeit später ist er dann zu Fuß geflüchtet in Richtung Heimat. Ich weiß nicht mehr genau, ob allein oder mit anderen. Er ist überall gut durchgekommen und war Weihnachten 1945 wieder zu Hause. Als der Krieg zu Ende ging, waren wir im Stollen im Schwarzen Hucken auf der Bölhorst. Zuerst kamen die Panzer auf der Lübbecker Straße aus Richtung Dützen. Wir wohnten genau in der Kurve, etwa 100 Meter von der Mindener Straße entfernt. Als der erste Panzer durch die Kurve kam, wurde er abgeschossen. Aus welcher Entfernung, haben wir nie erfahren. Die drei Mann Besatzung waren tot, so dass der Panzer führerlos gegen einen Kastanienbaum fuhr. Alle übrigen Panzer fuhren von der Straße ab und verschanzten sich hinter den Häusern. Von dort aus wurde jetzt die Stadt beschossen. Die Weserbrücke war von den Deutschen gesprengt worden und lag im Wasser. Man hatte geglaubt, dass man dadurch den Feind aufhalten konnte. Ein Bauernhof brannte, und bei uns gegenüber war eine Granate vorn ins Haus und hinten wieder rausgeflogen. Wir durften am anderen Tag noch nicht wieder nach Hause. Aber unsere Schweine brauchten etwas zu fressen. Damals fütterte fast jeder ein Schwein, das im Winter zu Hause geschlachtet wurde. Unsere Oma hatte am wenigsten Angst und hat sich auf den Weg nach Hause gemacht. Erst wollte man sie nicht durchlassen, aber nachdem Oma erklärt hatte, dass sie unbedingt die Schweine füttern müsste, hat man sie gehen lassen. Sie musste aber zum Stollen zurückkommen. Die Fenster in unserem Haus waren alle zerbrochen. Wir haben sie später mit Decken zugenagelt. Wir hatten auch zwei Tage nichts mehr gegessen, mein Bruder und ich weinten vor Hunger. Eine Frau, die kurz hinter dem Stollen wohnte, hat uns dann ein Stück Brot gebracht, das wir aber, nachdem es wieder Brot gab, zurückgebracht haben. Am nächsten Tag durften wir dann nach Hause. Drei Tage später hat auch der Bäcker auf der Bölhorst wieder Brot gebacken. Die Panzer waren weg – bis auf den abgeschossenen. Die Soldaten wurden auf dem Grundstück des Nachbarn beerdigt. In dem Haus wohnten zwei Frauen, die haben freiwillig die Grabpflege übernommen. Jeder Engländer, der vorbeifuhr, hielt an und ging zu den Gräbern. Ein Jahr später wurden die Leichen wieder ausgegraben und nach England überführt. Für den abgeschossenen Panzer haben wir Kinder uns jetzt interessiert. Wenn die Luft rein war, sind wir in den Panzer geklettert und haben die Munitionsgurte rausgeholt. Die Spitzen von den Patronen wurden abgemacht, das Pulver in Dosen geschüttet und dann im Freien angesteckt. Die Flamme ging fünf Meter hoch, passiert ist uns nichts. Auch der Gestank im Panzer hat uns nicht gestört. Die nächste Zeit war Schmalhans Küchenmeister. Es gab nur das Nötigste. Im Jahr gab es ein Paar Schuhe auf Bezugsschein. Nahrungsmittel wurden auf Lebensmittelmarken zugeteilt. Das ging so weiter bis 1948 die D-Mark eingeführt wurde. Jeder bekam 40 DM zugeteilt. Schon am nächsten Tag waren die Schaufenster voll mit Ware. MT-Serie "Kriegsende" Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber. Wer selbst als Zeitzeuge seine über seine Erinnerungen erzählen möchte: Kontakt (05 71) 882 73 oder lokales@mt.de

Angst und Entbehrung: MT-Leser Fred Schomburg erinnert sich an die letzten Kriegstage in Minden

Minden. MT-Leserinnen und Leser schreiben über ihre Erinnerungen an das Kriegsende. Hier der Bericht von Fred Schomburg.

Durch die alliierten Luftangriffe wurden im März 1945 auch die Häuser an der Kampstraße in der Mindener Innenstadt zerstört. - © Foto: Horst Grätz (Archiv)
Durch die alliierten Luftangriffe wurden im März 1945 auch die Häuser an der Kampstraße in der Mindener Innenstadt zerstört. - © Foto: Horst Grätz (Archiv)

Als der Krieg zu Ende ging, war ich zwölf Jahre alt. Ich kann mich also recht gut an diese Zeit erinnern. Fast jeden Tag war Fliegeralarm, und wir wurden von der Schule nach Hause geschickt. Wir wohnten an der Lübbecker Straße, unterhalb der Bölhorst. Ich ging nach Minden zur Mittelschule. Bei Fliegeralarm gingen wir zu Fuß nach Hause. Und wie Kinder nun einmal sind, wurde unterwegs oft geklüngelt. So kam es beim letzten Angriff auf Minden, dass ich gerade im Keller war, als die ersten Bomben fielen.

Meine Mutter und Oma waren beim Nachbarn im Keller, das wusste ich. Angeblich war der sicherer als unser Keller. Als der Angriff zu Ende war, konnten wir zuerst unsere Oma nicht finden, bis wir gemerkt haben, dass sie unter dem Tisch lag. Da fühlte sie sich sicherer. Oft sind wir bei Fliegeralarm in den Stollen gegangen. Entweder im Schwarzen Hucken auf der Bölhorst oder in Häverstädt im Wiehengebirge. Aber wenn ein Angriff auf Minden war, dann waren wir zu Hause.

Unser Vater war vom ersten bis zum letzten Tag im Krieg. Erst zum Frankreich-Feldzug, dann auf einem Minensuchboot auf dem Schwarzen Meer. Am Schluss kam er in russische Gefangenschaft. Kurze Zeit später ist er dann zu Fuß geflüchtet in Richtung Heimat. Ich weiß nicht mehr genau, ob allein oder mit anderen. Er ist überall gut durchgekommen und war Weihnachten 1945 wieder zu Hause. Als der Krieg zu Ende ging, waren wir im Stollen im Schwarzen Hucken auf der Bölhorst.

Zuerst kamen die Panzer auf der Lübbecker Straße aus Richtung Dützen. Wir wohnten genau in der Kurve, etwa 100 Meter von der Mindener Straße entfernt. Als der erste Panzer durch die Kurve kam, wurde er abgeschossen. Aus welcher Entfernung, haben wir nie erfahren. Die drei Mann Besatzung waren tot, so dass der Panzer führerlos gegen einen Kastanienbaum fuhr. Alle übrigen Panzer fuhren von der Straße ab und verschanzten sich hinter den Häusern. Von dort aus wurde jetzt die Stadt beschossen.

Die Weserbrücke war von den Deutschen gesprengt worden und lag im Wasser. Man hatte geglaubt, dass man dadurch den Feind aufhalten konnte. Ein Bauernhof brannte, und bei uns gegenüber war eine Granate vorn ins Haus und hinten wieder rausgeflogen. Wir durften am anderen Tag noch nicht wieder nach Hause. Aber unsere Schweine brauchten etwas zu fressen. Damals fütterte fast jeder ein Schwein, das im Winter zu Hause geschlachtet wurde. Unsere Oma hatte am wenigsten Angst und hat sich auf den Weg nach Hause gemacht. Erst wollte man sie nicht durchlassen, aber nachdem Oma erklärt hatte, dass sie unbedingt die Schweine füttern müsste, hat man sie gehen lassen. Sie musste aber zum Stollen zurückkommen.

Die Fenster in unserem Haus waren alle zerbrochen. Wir haben sie später mit Decken zugenagelt. Wir hatten auch zwei Tage nichts mehr gegessen, mein Bruder und ich weinten vor Hunger. Eine Frau, die kurz hinter dem Stollen wohnte, hat uns dann ein Stück Brot gebracht, das wir aber, nachdem es wieder Brot gab, zurückgebracht haben. Am nächsten Tag durften wir dann nach Hause. Drei Tage später hat auch der Bäcker auf der Bölhorst wieder Brot gebacken.

Die Panzer waren weg – bis auf den abgeschossenen. Die Soldaten wurden auf dem Grundstück des Nachbarn beerdigt. In dem Haus wohnten zwei Frauen, die haben freiwillig die Grabpflege übernommen. Jeder Engländer, der vorbeifuhr, hielt an und ging zu den Gräbern. Ein Jahr später wurden die Leichen wieder ausgegraben und nach England überführt. Für den abgeschossenen Panzer haben wir Kinder uns jetzt interessiert.

Wenn die Luft rein war, sind wir in den Panzer geklettert und haben die Munitionsgurte rausgeholt. Die Spitzen von den Patronen wurden abgemacht, das Pulver in Dosen geschüttet und dann im Freien angesteckt. Die Flamme ging fünf Meter hoch, passiert ist uns nichts. Auch der Gestank im Panzer hat uns nicht gestört. Die nächste Zeit war Schmalhans Küchenmeister. Es gab nur das Nötigste. Im Jahr gab es ein Paar Schuhe auf Bezugsschein. Nahrungsmittel wurden auf Lebensmittelmarken zugeteilt. Das ging so weiter bis 1948 die D-Mark eingeführt wurde. Jeder bekam 40 DM zugeteilt. Schon am nächsten Tag waren die Schaufenster voll mit Ware.

MT-Serie "Kriegsende"

Zurzeit ist das Interesse an den persönlichen Geschichten der Männer und Frauen, die das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt haben, besonders groß. Denn im Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 75. Mal. Das MT berichtet in den kommenden Monaten darüber.

Wer selbst als Zeitzeuge seine über seine Erinnerungen erzählen möchte: Kontakt (05 71) 882 73 oder lokales@mt.de

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